Neo-Ludditen

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Neo-Ludditen

Von Eduard Kaeser, 19.01.2020

Die Maschinenstürmer, die einst gegen die Industrialisierung anrannten, waren auf verlorenem Posten. Ihre heutigen Nachfahren hingegen sind eine Avantgarde.

Schon vor einiger Zeit bekundete der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman in einer Kolumne der „New Nork Times“ (13.06.2013) „Sympathie für die Ludditen“. Das ist insofern ungewöhnlich, als man heutzutage unter einem Ludditen einen eher dümmlichen, rückwärtsgewandten Technophoben versteht, wenn nicht gar einen abgedrehten Nerd wie den Unabomber Ted Kaczynski.

Zur Zeit der ersten Industrialisierung, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, setzten sich englische Textil- und Landarbeiter gegen die Einführung von Strick- und Dreschmaschinen zur Wehr, indem sie versuchten, die industriellen Geräte und Anlagen kurz und klein zu schlagen. „Ludditen“ nannten sie sich, nach einem legendären Arbeiter Ned Ludd. Ihr sabotierendes Bemühen, das Rad der industriellen Revolution zurückzudrehen, war ein Kampf auf verlorenem Feld. 

Seitdem sind Technisierung und Automatisierung unaufhaltsam vorangeschritten. Dissidenz meldet sich heute eher aus dem Kreis der Experten. Gleich zu Beginn des neuen Jahrtausends publizierte Bill Joy, Mitbegründer von Sun Microsystems, im amerikanischen Technomagazin „Wired“ einen Artikel mit dem Titel „Why the Future doesn’t need us“. „Die Pandorabüchsen der Genetik, Nanotechnologie und Robotik sind geöffnet, aber wir scheinen es kaum bemerkt zu haben“, schreibt Joy: „Nicht mehr in den Kernenergien der Materie lauert die Gefahr. Was – ausgerechnet im ‚Zeitalter des Wissens’ – zum schlimmsten Feind zu werden droht, ist das Wissen selbst.“

„Disruptive Technologien“

Das trifft ins Mark. Die Parade neuer Technologien bricht nicht ab. Fast jeder Schritt wird uns heute als Durchbruch angedreht, und die Liste der „next big things“ wächst, nicht zuletzt, um potenziellen Investoren den Mund wässrig zu machen. Das McKinsey Global Institute führte 2013 ein Dutzend sogenannt „disruptiver“ Technologien auf, die existierende Märkte und soziale Ordnungen völlig aufmischen können. 

An zweiter Stelle – gleich nach dem mobilen Internet – figuriert die Automation der Wissensarbeit. Das bedeutet, dass sich unter den Opfern der „Disruption“ zunehmend auch Werktätige befinden, deren Arbeit man bisher als höher qualifiziert eingestuft hat. So wie die neuen Maschinen den Weberinnen und Webern die Arbeit aus den Händen nahmen, nehmen heute Wissensroboter den Wissensarbeitern Tätigkeiten aus dem Kopf, für die man traditionell einen Hochschulabschluss benötigte. 

In Leeds fragten Textilarbeiter 1786 in einer Petition: „Wie sollen jene, die ihre Arbeit verloren haben, nun für ihre Familien sorgen. Und wo sollen sie ihre Kinder in die Lehre schicken? Wer wird unsere Familien unterhalten, während wir uns der beschwerlichen Aufgabe stellen, ein neues Handwerk zu lernen?“ Müssen sich heute nicht viele Akademiker dasselbe fragen, nur dass sie jetzt „Handwerk“ durch „Kopfwerk“ ersetzen? 

Laborisierung

Unsere Gesellschaft ist von einem tiefen Paradox befallen. „Die Arbeit wird immer weniger – einerseits. Andererseits wächst das Volumen der Arbeit unaufhaltsam. Wie ist das zu vereinbaren, zu erklären?“, fragte der Soziologe Ulrich Beck. Seine Antwort: „Ganz einfach: Alles, was wir tun, drängt ins alleinseligmachende, Anerkennung spendende Wertzentrum der bezahlten Arbeit – oder gilt als Nichts. Wer für seine Tätigkeit Geld erhält, auch wenn das, was er tut, höchst zweifelhaft ist, ‚arbeitet’ selbstverständlich.“ 

Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann hat einen schlagenden Begriff dafür geprägt: „Laborisierung“. Eine Aktivität, die etwas gelten will, muss den Index der Arbeit tragen, sie muss verarbeitlicht, laborisiert werden. Nichts ist gegen dieses Prinzip gefeit. Es wird auf Körper, Intellekt, Kommunikation, Emotion angewendet. „Wer zu Hause kocht und putzt, leistet selbstverständlich Hausarbeit; wer mit seinem Partner die Frage erörtert, ob als sexuelles Stimulans die erotische Literatur der Jahrhundertwende oder ein Video vorzuziehen sei, leistet Beziehungsarbeit; wer seine Kinder im Zeitalter der Digitalisierung trotz allem noch zum Lesen animieren will, leistet Erziehungsarbeit; wer seine Grossmutter, anstatt sie ins Altersheim abzuschieben, bei sich behält, leistet Betreuungsarbeit; wer, wie zahllose Manager, vom Stress der Tätigkeit in alpine Regionen flüchtet, um sich dort für den nächsten Stress fit zu machen, leistet für das Unternehmen natürlich wertvolle Regenerationsarbeit.“

„Software frisst die Welt auf“

Gegen solche Laborisierung wendet sich der Neo-Luddismus, weil Laborisierung insgeheim eine Entwertung menschlicher Arbeit bedeutet. Hat man nämlich eine Tätigkeit erst einmal „im Prinzip“ laborisiert, folgt darauf meist der nächste Schritt, diese Tätigkeit in möglichst kleine Teilvorgänge zu zerlegen. Auf diese Weise lösen sich Engagement, physische Geschicklichkeit und Erfahrung, die Grundmomente lebendiger Arbeit, auf. Arbeit verwandelt sich in einen Prozess, der vom Management geplant und günstigstenfalls von der Maschine durchgeführt wird. Dem Arbeiter bleibt nichts anderes übrig, als selber maschinenhaft zu werden. Und damit austauschbar. Das ist die Logik des Fliessbandes, neuerdings das Evangelium der Automatisierung. 

Das Delegieren sowohl manueller wie intellektueller Tätigkeiten an Automaten erweist sich als der zentrale Motor heutiger technischer Innovationen. Das Zahlenverhältnis von Mensch und Maschine in der Arbeit ist ein wichtiger kompetitiver Weltmarktfaktor. Die Wirtschaftsjournalistin Annie Lowrey verstieg sich vor einiger Zeit in der New York Times gar zur Vision des „virtuosen Zirkels“: Automatisierung schrau­be uns unaufhaltsam auf Ebenen hinauf, wo wir zu höherwertigen Arbeiten und Aufgaben befreit würden. Das ist ein halbgares Argument. Denn auch sogenannt höherwertige Tätigkeiten bleiben nicht von der Automatisierung verschont. Wie es der Netzunternehmer Marc Andreessen auf den Punkt brachte: „Software frisst die Welt auf.“ 

„Deskilling“

Arbeitsmarktspezialisten sprechen von einem beunruhigenden Phänomen, dem „deskilling“, also der Erosion von Fertigkeiten und qualifizierten Tätigkeiten. Die Ökonomen Paul Beaudry, David Green und Ben Sand stellten in einer Studie fest, dass es Hochschulabgänger in den USA zunehmend schwieriger haben, eine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung zu finden. Ein anderer Ökonom, David Autor vom MIT, spricht gar von einer „Abwärtsrampe“ der Fertigkeiten. 

Das Austrocknen des Marktes für anspruchsvolle, kognitiv fordernde Beschäftigungen erzeuge einen Kaskadeneffekt: Hochschulabgänger sähen sich zur Annahme von Arbeiten gezwungen, die unter ihrem Ausbildungsniveau und ihren Fertigkeiten lägen. Dadurch würden sie die weniger Qualifizierten die Rampe hinunterstossen. Ohne hier nun einen direkten Zusammenhang mit der Automatisierung zu unterstellen, kann man sich trotzdem fragen, wohin eine solche Entwicklung führt, wenn man immer mehr automatische Systeme in den Arbeitsprozess integriert. 

Arbeit neu denken

Das Hauptargument gegen die alten Ludditen lautete, dass technische Innovationen Job-Motoren seien. Aufs Ganze gesehen würde mehr Arbeit geschaffen als vernichtet. Aber dieses triumphierende Mantra des wachsenden Arbeitskuchens ist nicht unerschütterlich. Gerade kapitalintensive Technologien stellen es in Frage. Bis zum Jahr 2000, schreibt Krugman, „war die Verteilung zwischen (…) Löhnen und Profit während Jahrzehnten stabil. Seither aber ist der Anteil der Arbeit am Kuchen stark geschwunden. Und das ist nicht bloss ein amerikanisches Phänomen.“

In der Tat. Woran das liegt – darüber kann und soll man debattieren. Neo-Luddismus misstraut den Flötentönen der Zukunftsvermarkter, die uns einreden, technische Innovationen führten zwangsläufig in eine Gesellschaft mit Arbeit für alle. Tatsache ist: Die Zukunft konzentriert sich zusehends in den Händen einiger weniger Technologiegiganten. Ob ihr oberstes Ziel Arbeit für alle ist, darf bezweifelt werden. 

Es geht dem Neo-Luddismus also nicht um die Rückkehr zu einem vorindustriellen Leben. Es geht ihm um die Einsicht, dass Arbeit für die Menschwerdung des Menschen zu wichtig ist, als dass sie Maschinen überlassen werden könnte und sollte. Arbeitsplätze kann man auch schaffen, indem man die Arbeit neu denkt. Nicht bloss als Aktivität, die über Märkte vermittelt und verteilt wird, sondern als ein Gut, das unserem Leben Sinn gibt. 

Man braucht dieses Gut ja nicht unbedingt „Arbeit“ zu nennen. Es sollte nur mehr ins Zentrum unseres gesellschaftlichen Lebens gerückt werden. Jedenfalls hat Neo-Luddismus nichts mehr mit dem Zertrümmern von Maschinen zu tun. Er zertrümmert die Ideologie in den Maschinen. Man muss ihn als Bewegung einer Avantgarde begreifen.

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"Im knallharten ökonomischen Wettbewerb sind wir alle gleich, und aus diesem Grund handelt es sich um symmetrische Beziehungen", so etwa könnte man die veräusserlichte selbsttäuschende Innenperspektive dieser Ideologie beschreiben. Abgesehen vom Faktor der Selbsttäuschung und dem realen Zynismus spricht daraus auch ein tiefer Nihilismus.

Was gibt es Schöneres als das bezahlte Nichtstun. Aber man muss es aushalten. Die Roboter arbeiten und wir bekommen den Lohn. Alle gleich viel. Und mit viel meine ich wirklich viel. Jetzt bekommen wenige viel und viele wenig. Das Klima wirds danken.

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