Mut zum Profil

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Mut zum Profil

Von Carl Bossard, 14.03.2016

Wer nicht führen kann oder will, sollte auch nicht erziehen und lehren. Kinder suchen Persönlichkeiten, nicht bloss Moderatoren.

Verfügungswissen braucht Orientierungswissen. Das geht nur über Bildung und Erziehung. ‘Mut zur Erziehung‘ forderte jüngst der Kindergartenverband Zürich. Denn im Schulalltag steigt die Zahl verhaltensauffälliger Kinder.

Bedarf an "charmanter Autorität"

Sollen Lehrer ihre Klasse führen und gleichsam wie „Häuptlinge“ wirken? Sollen Lehrerinnen ihre Kinder lediglich begleiten und als "Lerncoach" auftreten? Das ist nicht mehr klar. Eine moderne Didaktik propagiert das eigenverantwortliche Arbeiten (EVA) und Lernen ohne Lehrer (LoL). Auch der Lehrplan 21 sieht die Lehrerin als Lernbegleiterin und Coach, verpflichtet den Lehrer zum Arrangeur von Lernumgebungen und zum Lern-Faciliator.

Und was sagen Primarschüler, wenn man sie fragt, wie ein guter Lehrer sein soll? Kinder wünschen sich einen „Häuptling“, dem sie vertrauen und sich darum anvertrauen können. Eines wird immer deutlich: Vor sich wollen Jugendliche einen Dirigenten oder eine Regisseurin erleben, eine menschliche Persönlichkeit, die mit ihnen zusammen den Unterricht gestaltet und sie weiterbringt – ganz im Sinne des Hirnforschers Gerhard Roth und seiner wegweisenden Publikation „Bildung braucht Persönlichkeit“ (1). Die Lehrerin als humanes und fachliches Vorbild, der Lehrer als charmante pädagogische Autorität.

Eltern als Leitwölfe – nicht die Kinder

Genau das fordert der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul auch für die gesellschaftliche Kernzelle Familie: Eltern als personale Autorität. (2) Dass sich Mütter als beste Freundin ihrer Töchter sehen und Väter als coole Kumpel ihrer Kinder zeigen, das irritiere Jugendliche. Eltern müssten Führung übernehmen und Mut zum Asymmetrischen zeigen. Das bringe keinen Rückfall in vergangene Zeiten und stelle auch keinen Freipass für autoritäres Verhalten dar, weder für hierarchisches Machtgehabe noch für blinden Gehorsam. Im Gegenteil. Es geht um eine „liebevolle Führung“, es geht um Empathie, Dialog, Verantwortung. Ein solches Verhalten verabschiedet sich auch vom antiautoritären Stil.

„Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden“, schreibt Jesper Juul. Und er fügt bei: "Wir sehen heute viele Familien, in denen die Eltern so grosse Angst haben, ihren Kindern zu schaden oder sie zu verletzen, dass die Kinder zu Leitwölfen werden. Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald."

Wirkung des Vorbilds

Vorbild und persönliche Autorität auch hier – ähnlich wie in der Schule. Nur wer vorlebt, was er verlangt, wirkt – und erreicht so Respekt und Vertrauen. Die Erlebnisse sind es, die den Kindern Eindruck machen: Wie die Eltern miteinander umgehen, mit dem Kind, aber auch mit den Nachbarn, mit ihren eigenen Eltern, wie sie essen, wie sie zusammen reden und diskutieren, wie sie sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind. Das ist entscheidend. Und dafür gibt es nicht die eine und einzige Regel – und dann funktioniert alles wie bei „Super Nanny“. Modische Erziehungsratgeber tragen wenig bei, sie sind eher aufs Geld bedacht statt auf wegweisende Hilfe.

Das gegenüber zum „Ich“ des Kindes

Eltern müssen Gesprächspartner sein, auch Widerstand leisten und so Orientierung geben. Dazu gehört der Mut zum Diskurs – aus humanem Interesse am Kind und echter Anteilnahme am Du. Erziehende sollen etwas von Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik verkörpern: Kinder müssen Abstand gewinnen von sich und damit vom eigenen Ich, weil ein „Du“ die Aufgabe übernimmt, dem „Ich“ ihres Kindes ein Gegenüber zu sein. Und zwar in aristotelischer Art: freundlich, aufrichtig, heiter, doch konsequent in der Grundhaltung und konsistent zwischen Wertvorstellungen und Verhalten – nicht am Morgen dies und am Abend jenes, einmal streng und das andere Mal nonchalant, kein willkürliches Switchen zwischen Härte und Laissez-faire.

Orientierung ist gefragt, nicht Wirrnis. Der Leuchtturm zeigt die Richtung. Er wirkt als Leitstern. Auf der Landkarte des Lebens brauchen Kinder und Jugendliche einen zuverlässigen Kompass – in Elternhaus und Schule.

Orientierung im Labyrinth

Es ist paradox: Je reicher unsere Gesellschaft an Information und Wissen wird, desto ärmer scheint sie an Orientierungsvermögen zu werden. Für diese Fähigkeit aber steht der Begriff der Bildung – und für die ethisch-moralische Dimension der Begriff der Humanität. Sie umfasst damit Werte wie Rücksichtnahme, Mitmenschlichkeit und Empathie und bewahrt vielleicht vor Hybris, Hochmut und Habgier. Daher schliessen die Begriffe Erziehung und Bildung auch den Begriff der Orientierung ein – im klassischen wie im modernen Sinne. So ist Bildung nichts Theoretisches, kein blosses Sich-Auskennen in Bildungs- oder Wissensbeständen, sondern eine Lebensform.

Noch immer gilt: Erziehung, Bildung und Orientierung gehören strukturell zusammen. Bildung als Ausdruck einer Kultur, in der sich die vernünftige Natur des Menschen entfaltet; sie gibt Horizont und Orientierung in einer labyrinthisch gewordenen Welt. Orientierungswissen ist unverzichtbar für die Herstellung von Sinn und individueller wie kultureller Identität. Gelingendes menschliches Tun und alltägliches Handeln verwirklichen sich vor einem Werte-Horizont, einer Orientierung, die dem Leben ethische und moralische Form verleiht. Kluges Verfügungswissen entwickelt sich erst aus dem Orientierungswissen heraus. Darum wirkt der Ausdruck ethisch-kulturelles Orientierungswissen so passend. Das Elternhaus legt die Grundlage. Die Volksschule müsste mittragen. Doch sie ist in Atemnot geraten. Zu viele Aufgaben und Aufträge drängen in den Unterrichtsalltag.

Verfügungswissen und Orientierungswissen sind ein Junktim

Ethisch-kulturelles Orientierungswissen ist unabdingbar – in einer Welt, die zunehmend komplexer und anonymer wird. Allerdings verschwindet das Fach Ethik im Lehrplan 21 als eigenständiges Fach. Es mäandriert als nebulöser Schwarm im Dunstkreis von „Mensch und Umwelt“. Das ist zu bedauern.

Der Lehrplan 21 zielt auf anwendbare und überprüfbare Kompetenzen – insgesamt 363, unterteilt in über 2300 Kompetenzstufen. Sie gehorchen dem Diktat der aktuellen Verwertbarkeit und erfolgen nach den Parametern von Effizienz und Nützlichkeit. Entscheidend scheint das Konzept lückenloser Output-Kontrolle zu sein. Checks und Tests allüberall – und die Lehrerpersonen als Verwalter von Kompetenzen und damit des ökonomisch determinierten Sach- und Verfügungswissens ihrer Schülerinnen und Schüler.

Bildung folgt keinem „um zu“

Doch das Alltags-Gebrauchswissen braucht übergeordnetes ethisch-kulturelles Orientierungswissen. Nur so werden wir eigenständig und damit Gestalter und Autoren unseres Lebens.

Wer Bildung dagegen einseitig vom konkreten Bedarf und vom technisch-methodischen Verfügungswissen her betrachtet, der verfehlt, was mit Bildung gemeint ist – und damit die eigen Grundlage der Verfügungskompetenz. Bildung führt zur Selbstwerdung des Menschen; darum folgt sie in letzter Instanz keinem „um zu“. Sie ist vorerst kein Mittel zu einem Zweck, sondern vertritt ein Ziel: die Autonomie des Menschen, die Mündigkeit des Einzelnen, die Souveränität des Individuums.

Dieses (Bildungs-)Ziel erreicht das Individuum über eine gute Erziehung. „Liebende Führung“ gehört dazu – durch einen „Leitwolf“. Er vermittelt Orientierung in einer komplexen Welt. Orientierung als Leuchtturm in den Fährnissen des Alltags. Die Renaissance des Wortes „Mut zur Erziehung“ stimmt zuversichtlich.

(1) Gerhard Roth (2011), Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta.

(2) Jesper Juul (2016), Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Weinheim: Beltz Verlag.

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