„Moutier – ville jurassienne“

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„Moutier – ville jurassienne“

Von Heiner Hug, 28.03.2021

Das bernjurassische Städtchen spricht sich für einen Kantonswechsel aus. Ist die Jura-Frage damit endgültig gelöst?

Schon am frühen Nachmittag versammelten sich auf dem Bahnplatz in Moutier Hunderte Pro-Jurassier und schwenkten jurassische Fahnen. Sie waren überzeugt, dass sie gewinnen würden. Viele trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Moutier – ville jurassienne“. Berner Flaggen waren keine zu sehen. Als ob die Pro-Berner ihre Niederlage geahnt hätten. Das Ergebnis wurde für 17.00 Uhr angekündigt. Schliesslich wurde es 18.00 Uhr.

Die Verzögerung erklärt sich dadurch, dass man auf „Nummer todsicher“ gehen wollte. Jeder Stimmzettel wurde – unter Aufsicht – mehrere Male überprüft. Die ganze Auszählung dauerte fast sechs Stunden – sechs Stunden für knapp 4’000 Stimmen.

374 Stimmen

Wenn der Unterschied zwischen den Ja- und den Nein-Stimmen mehr als 300 beträgt, „dann ist das Thema Moutier wohl endgültig vom Tisch“. Dies sagt uns ein eingefleischter Berntreuer. Ist der Unterschied jedoch kleiner als 300 Stimmen, „dann geht das Gerangel weiter“.

Der Unterschied beträgt diesmal 374 Stimmen. 2’114 Stimmberechtigte stimmten für den Beitritt des bernischen Jura-Städtchens Moutier zum Kanton Jura. 1’740 stimmten dagegen.

Ist das Thema jetzt vom Tisch? Ganz so sicher ist das nicht. Es zirkulieren auch jetzt Meldungen, wonach Leute an der Abstimmung teilgenommen haben, die eigentlich nicht hätten teilnehmen dürfen, weil sie ihren Lebensmittelpunkt nicht oder nicht mehr in Moutier haben.

Es ging um viel

Dass dies der Fall sein könnte, erstaunt. Denn wohl noch nie in der Schweiz wurde eine Abstimmung derart minutiös vorbereitet, bewacht und überwacht. Die Stimmzettel wurden mit einem Wasserzeichen versehen. Das Stimmrechtsregister wurde seit Monaten immer wieder überprüft, und zwar auch von Vertretern des Kantons Bern und vom Bundesamt für Justiz. Polizisten bewachten die Abstimmungsurnen und brachten sie ins Zählzentrum. Überall Wahlbeobachter. Es fehlte nur, spotteten einige, dass Uno-Wahlbeobachter nach Moutier bestellt wurden – und Blauhelme, um Ausschreitungen zu vermeiden. Und alles wegen etwa 4’000 Stimmberechtigten.

Doch es ging um viel an diesem Sonntag. Es ging darum, ob das bernjurassische Städtchen Moutier mit seinen rund 7’400 Einwohnern nun doch zum Kanton Jura gehören soll. Und vor allem ging es darum, ob die hochexplosive und hochemotionale Jura-Frage nun endgültig geregelt ist.

Die heutige Abstimmung war nötig, weil der Urnengang vom 18. Juni 2017 annulliert worden war. Damals stimmten 2067 Bewohner und Bewohnerinnen für den Beitritt Moutiers zum Kanton Jura, 1930 stimmten dagegen. 137 Stimmen gaben also den Ausschlag.

Kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses war auf dem Bahnhofplatz von Moutiers Jubel ausgebrochen.

(Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott)
(Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Doch die Pro-Jurassier freuten sich zu früh. Am 5. November 2018 erklärte die bernische Regierungsstatthalterin Stéphanie Niederhauser die Abstimmung für ungültig. Grund: Unregelmässigkeiten und Betrug. Einerseits hatte sich der Stadtpräsident etwas allzu sehr für einen Kantonswechsel ausgesprochen. Wichtiger jedoch: Das Stimmregister erhielt plötzlich viele Zuzüger, deren Lebensmittelpunkt nicht in Moutier war. Natürlich sprachen die Pro-Jurassier sofort von einem politischen Urteil der Pro-Berner.

Die heutige Abstimmung war die Wiederholung des annullierten Urnengangs vom 18. Juni 2017.

Gaben die Jungen den Auschlag?

Trotz der minutiösen Vorbereitung des Urnengang und trotz der vielen Sicherheitsmassnahmen kamen am Vortag der heutigen Abstimmung Zweifel auf. Meldungen zirkulierten, wonach es bei etwa hundert Personen, die sich in Moutier angemeldet hatten, um „Abstimmungstouristen“ handeln könnte. Wohnen diese Neuankömmlinge wirklich im Städtchen, oder haben sie sich nur registriert, um ihre Stimme abgeben zu können? „Abstimmungstourismus“ hat im Jura Tradition, vor allem auch deshalb, weil oft nur wenige Stimmen den Ausschlag geben können.

Sicher scheint: Die Jungen tendieren eher zu einem Wechsel vom Kanton Bern zum Jura, während die Älteren eher berntreu sind. 200 Junge konnten an diesem Sonntag zum ersten Mal stimmen. Vielleicht haben sie die Entscheidung gebracht.

Abstimmungen werden im Jura traditionell sehr emotional geführt. Beide Seiten, die vorwiegend Französisch sprechenden, katholischen Pro-Jurassier und die vorwiegend Deutsch sprechenden, protestantischen Pro-Berner kämpften mit viel Einsatz und teilweise auch mit Gewalt und Sprengstoff.

Zu wichtig für einen Welschen

Alles begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Jurassier, vor allem jene im nördlichen Teil des Juras, fühlten sich von Bern „vergessen“. Immer wieder zirkulierten Karikaturen, die einen bösen Bären zeigten, in dessen Pranken sich der Jura befand. Tatsächlich hatte Bern lange Zeit die Entwicklung der jurassischen Gebiete vernachlässigt. Für viele Berner waren die Jurassier katholische „Hinterwäldler“.

1947 entzündete sich zum ersten Mal der Konflikt. Die deutschsprachige Mehrheit im Berner Kantonsparlament verweigerte dem frankophonen Jurassier Georges Moeckli die Führung des kantonalen Bau- und Eisenbahndepartements. Ein so wichtiges Departement gehöre nicht in die Hände eines Welschen. Das liessen die Pro-Jurassier nicht auf sich sitzen. In Delsberg protestierten 2000 Personen. Erstmals wurde lautstark die Bildung eines Kantons Jura gefordert.

Wildschweine gegen Schafsböcke

Vor allem in den Siebzigerjahren wurde der Jura-Konflikt immer gewalttätiger. Ein tiefer Riss ging durch die jurassische Bevölkerung. Die probernische Jugendorganisation „Sangliers“ (Wildschweine) kämpfte gegen die pro-jurassischen „Béliers“ (Schafsböcke). So lustig diese Namen auch waren, die Auseinandersetzungen waren brutal. Als die Béliers wegen Anschlägen vor Bundesgericht erscheinen mussten, wurden sie nach dem Prozess auf der Treppe des Lausanner Bundesgerichts von Sangliers brutal zusammengeschlagen.

1972 gossen Mitglieder der Béliers in Bern und Basel Tramschienen mit Beton zu.

82 Prozent für den 26. Kanton

Am 23. Juni 1974 stimmten die drei nordjurassischen Amtsbezirke Delémont (Delsberg), Ajoie und Franches-Montagnes (Freiberge) für die Schaffung eines Kantons Jura. Doch die südjurassischen Bezirke Courtelary, Moutier und La Neuveville votierten für den Verbleib beim Kanton Bern. Auch der deutschsprachige Bezirk Laufen wollte bei Bern bleiben. Dieses Resultat wurde in zwei weiteren Abstimmungen im Frühjahr und Herbst 1975 bestätigt.

Am 24. September 1978 stimmten 82,3% der Schweizer Stimmbürger und Stimmbürgerinnen für die Gründung des Kantons Jura. Er besteht aus den drei nordjurassischen Amtsbezirken Delsberg, Ajoie und Freiberge. Am 1. Januar 1979 wurde der Kanton Jura gegründet.

Revolutionäre Stimmung

Abstimmungssonntage im Jura waren immer wieder auch Volksfeste. Legendär waren die Restaurants rund um den Bahnhof von Delémont. Beide Parteien hatten «ihre» Kneipen. Die Separatisten und die Pro-Berner «besuchten» sich immer wieder – und schlugen sich die Köpfe ein. In den separatistischen Restaurants herrschte eine eigentliche revolutionäre, euphorische Stimmung.

Die Pro-Berner waren die Bewahrenden. Im Gegensatz zu ihnen probten die separatistischen Pro-Jurassier den Aufbruch, den Aufstand, das Neue. Das faszinierte vor allem die Jungen. Diese Stimmung des Aufbruchs verflog dann zwar mit den Jahren etwas, doch ein Hauch davon war auch diesmal im Abstimmungskampf in Moutier zu spüren.

  • 1984 hatten Béliers den Unspunnenstein gestohlen.
  • 1985 verübten sie einen Sprengstoffanschlag auf das Gerichtsgebäude von Moutier.
  • 1986 rissen sie die 400-jährige Statue der Justitia vom Sockel des Gerechtigkeitsbrunnens in der Altstadt von Bern
  • 1989 zündeten sie die alte Holzbrücke von Büren an der Aare an.
  • Im Januar 1993 wollte ein 21-jähriger Separatist im Berner Rathaus eine Bombe legen. Sie ging zu früh los, der junge Mann starb.

Der Süden will nicht

Dann endlich wurde die Politik aktiv. Bundesrat Kurt Furgler setzte sich vehement für die Schaffung eines Kantons Jura ein. Als Folge davon traten der Kanton Jura, Bern und der Bund in einen Dialog, um den Jurakonflikt beizulegen.

2013 scheiterte der Vorschlag der Interjurassischen Versammlung, den Nord- und den bernischen Südjura zu vereinen. Im Kanton Jura stimmten 76,6 Prozent für die Vereinigung. In den südjurassischen bernischen Bezirken wurde sie mit 71,9 Prozent abgelehnt.

Langwieriges Procedere

Moutier stimmte als einzige Berner Gemeinde für den Anschluss an den Kanton Jura, allerdings knapp, mit 51,72 Prozent.

Das schon 1967 festgelegte Procedere sah vor, dass Gemeinden, die an der Grenze zwischen befürwortenden und ablehnenden Bezirken lagen, nochmals abstimmen konnten, ob sie zum Kanton Bern oder zum Kanton Jura gehören wollten. Da diese Abstimmung in Moutier vor knapp vier Jahren annulliert wurde, sollte nun heute der definitive Entscheid fallen.

„Sollen sie doch gehen“

Ein kämpferischer Pro-Berner macht gegenüber Journal21 aus der Niederlage eine Tugend. „Sollen sie doch gehen, diese Quälgeister“, erklärt er uns. „Der Kanton Bern ist gross und stolz genug. Wir können auch ohne sie leben.“

Dagegen sagt Mylène Jolidon, eine Anführerin der Pro-Jurassier: „Jura ist geil, der Berner Bär ist erschöpft. Unser Herz liegt im Jura.“

Trostpflaster

Begonnen hatte alles schon vor über 200 Jahren. Der Wiener Kongress ordnete 1814/15 Europa neu. Die Schweiz verlor das Veltlin, Chiavenna, Bormio und Mülhausen, erhielt dafür das Gebiet der heutigen Kantone Neuenburg sowie das Fricktal, Rhäzüns, Tarasp und einige Gemeinden um Genf.

Der Kanton Bern verlor die Waadt und Teile des Aargaus. Sozusagen als Trostpflaster erhielten die Berner den fürstbischöflichen Jura als Geschenk. Es war ein vergiftetes Geschenk.

Kommentare

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Es spricht für die Schweiz, dass dijenigen Teile des Juras, die sich bei Bern nicht wohl fühlten einen eigenen Kanton gründen konnten, inkl. Münster/Moutier und Vellerat.
Leider hat der Kanton Jura der Gemeinde Ederswiler, die mit dem Laufentaler Dorf Roggenburg fast eine geographische Einheit bildet, dasselbe Recht vorenthalten.
Zumindest für Geograhen interessant mag die Tatsache sein, dass Münster bloss auf Fusswegen über die Jurahöhen mit dem Kanton Jura verbunden ist. Dasselbe gilt künftig für die bernischen Gemeinden Roches, Granfelden, Eschert, Crémines, Corcelles, Seehof und Schelten für ihre Verbindung zum Rest des Kantons Bern.
Es wird also viele Konkordate und eine weiterhin funktionierende Zusammenarbeit über die neue Kantonsgrenze geben.

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