Liebe, knapp im Abseits

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Liebe, knapp im Abseits

Von Michael Lang, 28.01.2018

Der renommierte Schweizer Filmemacher Marcel Gisler erzählt im Spielfilm „Mario“ von einer Männerliebe im Fussballmilieu.

Das Schweizer Spielfilmschaffen ist eher nicht dafür bekannt, tabubehaftete Themen aufzugreifen und provokant abzuhandeln. Marcel Gisler („F. est un salaud“, „Rosie“, „Electroboy“) hat diesbezüglich weniger Berührungsängste. Wie schon in seinem Regie-Debüt „Tagediebe“, das ihm 1985 am Filmfestival Locarno den Silbernen Leoparden einbrachte, erzählt er in „Mario“ von einer Männerliebe. Gislers aktuelles Drama handelt von zwei Fussballern, die an der Schwelle zu einer Berufskarriere eine intime Beziehung eingehen.

Schwule im Fussball? Ein Thema, das immer wieder zu reden gibt, und mit dem sich Marcel Gisler und sein Ko-Autor Thomas Hess als Ideengeber seit 2010 befassen. In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich einiges getan: Schiedsrichter und einige Fussballer – darunter ein ehemaliger deutscher Nationalspieler – haben sich als homosexuell geoutet; letzterer nach dem Ende seiner aktiven Karriere. In den Medien wird das Problem diskutiert, es sind Dokumentarfilme entstanden. Im Spielfilmbereich ist einem Sherry Hormanns Komödie „Männer wie wir“ (2004) im Gedächtnis; sie handelt von einem Torwart, der sich outet, vom Klub gefeuert wird, ein Schwulen-Team formiert und seinen Ex-Club zum Match herausfordert.

Support von BSC Young Boys und FC St. Pauli

Marcel Gisler (Regie)
Marcel Gisler (Regie)

Marcel Gisler, der bereits zweimal mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet wurde, ist die Sache einiges mehr wert, nämlich ein Beziehungsdrama in prominentem Rahmen: „Mario“ spielt grösstenteils im Umfeld des international bekannten Berner Traditionsklubs BSC Young Boys, einem Spitzenteam der obersten Schweizer Spielklasse. Und partiell beim Hamburger Kultverein FC St. Pauli, der aktuell in der 2. deutschen Bundesliga aufspielt. Beide Vereine haben Marcel Gisler seit der Drehbuchentwicklung grosszügig unterstützt; bei Recherchen, im infrastrukturellen Bereich, bei der Materialbeschaffung und hinsichtlich der Erlaubnis, die Klubnamen zu verwenden.

Das ist in einem Sport, dem homophobe Tendenzen nachgesagt werden, keine Selbstverständlichkeit. Zumal Gisler nicht fussballnostalgische Glanztaten abfeiert, sondern die Liaison zweier ambitionierter Jungstars ins Zentrum stellt. Einer der Protagonisten ist Mario Lüthi, der Sohn eines fussballaffinen, ehrgeizigen Malermeisters aus Thun. Mario hat reelle Chancen, sich mit guten Leistungen im U21-Team der Young Boys für die erste Mannschaft zu empfehlen. Was kein Zuckerlecken ist, weil die Konkurrenz- und Verdrängungskämpfe auf diesem Niveau enorm sind. Wer fussballromantischen Illusionen nachhängt, merkt spätestens jetzt: Der Stammtisch-Slogan „Elf Freunde sollt ihr sein“ ist nichts als eine Plattitüde.

Kampf um einen Stammplatz

Mario hat Talent, ist willig, in einem fürsorglichen sozialen Umfeld verankert. Er ist auch bereit, die Herausforderung anzunehmen, mit Leon Saldo – ebenfalls Offensivspieler – vom deutschen Bundesligaverein Hannover 96 um einen Stammplatz zu kämpfen. Vereinsführung, Trainer und die persönlichen Berater der Fussballer (ohne sie geht in diesem harten Geschäft nichts mehr) sind optimistisch. Sie sind sich einig, dass die Wettbewerbssituation die Athleten beflügeln und ihren Marktwert steigern wird.

Der Klub quartiert das Duo in einer kleinen Wohnung ein. Für Mario ist es das erste Mal, dass er auswärts wohnt. Mit dem abgeklärt wirkenden Leon kommt er problemlos zurecht, zumal der coole Typ auch in Marios Bekanntenkreis und nicht zuletzt bei den weiblichen Fans bella figura macht. Doch Gott Amor hat andere Pläne. Er bringt die jungen Herren zusammen, löst einen leidenschaftlichen Gefühlswirbel aus. Leon macht seinem WG-Partner ganz unverblümt den Hof und aus der Zweckgemeinschaft wird eine zünftige Liebes- und Bettgeschichte. Marcel Gisler hat ein gutes Gespür dafür, wie man die entsprechenden Szenen völlig unverkrampft und ohne Scham-Mäntelchen träf ins Bild setzt.

Auch wenn die Hormone jetzt verrücktspielen, macht sich der von der Lust übermannte, allerdings auch überrumpelte Mario sofort ernsthafte Gedanken. Er ahnt, dass es nicht die beste Idee sein kann, mit einem Teamkollegen zu vögeln, mit dem man tagtäglich trainiert, in derselben Equipe um Punkte und mehr noch um einen existenzsichernden Vertrag kämpft. Et voilà, der Konflikt ist angerichtet!

Im Wechselbad der Gefühle

Marcel Gisler ist ein gewiefter Erzähler. Er weiss, wie man emotionale Handlungen dramaturgisch vorantreibt. Und er hat ein Sensorium dafür, einen Spannungsbogen aufzubauen, der das Ganze im Innersten zusammenhält. Diese Qualitäten durchwirken sein Schaffen, man denke etwa an seinen Liebesfilm „F. est un salaud“ (1998) nach Martin Franks Roman „Ter Fögi isch e Souhung“. Und so schaut man erwartungsvoll zu, wie Gisler seine flotten Jungs in ein testosteronhaltiges Wechselbad der Gefühle lotst.

Das Techtelmechtel der beiden bleibt ihren Sportskameraden nicht verborgen. Bald weisen untrügliche Signale von Futterneidern auf Mobbing hin. So wird es für Klubfunktionäre, Trainer und Berater höchste Zeit, eine Strategie zu finden, die Erosionserscheinungen im Mannschaft-Gefüge ausbremst und verhindert, dass die Liebelei zum Spielball der Medien wird; solche „Lämpen“ braucht man nicht.

Nicht nur für Fussball-Aficionados

Die Autoren Gisler und Hess haben sich offenkundig breit und intensiv über die Praktiken im Profifussball-Business schlau gemacht, was nicht ganz einfach gewesen sein dürfte: In der Branche geht es global und über alle Kulturmentalitäten hinweg um irrwitzige Summen und Absprachen. Dass sich die Szene bis in die machtvollen internationalen Verbände wie die UEFA oder die FIFA hinein bei Reizthemen wie Homosexualität oder Doping extrem bedeckt hält, ist Fakt.

Immerhin, in „Mario“ erfährt man einiges über den Umgang mit dem Allzu-Zwischenmenschlichen im bezahlten Fussball. Dass der Film dabei nicht nur auf Sport-Aficionados zugeschnitten ist, ist seine grosse Stärke. Und wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Simulationen von Spielszenen auf der Stufe des dynamischen U21-Fussballs rein produktionstechnisch bedingt den Rahmen eines schweizerischen Filmbudgets sprengen würden.

Und weil das Halbbatzige Gislers Stil nicht ist, macht er aus der Not eine Tugend. Zu sehen sind vor allem Impressionen aus der Alltagsarbeit der Spieler im Training, das Einüben einfacher Standardsituationen mit kurzen Ansprachen des Coachs in der Kabine oder als Dirigent an der Seitenlinie. Passt, denn es kann ja nicht darum gehen, Fussballkunst vorzuführen, sondern atmosphärisch plausibel klar zu machen, dass es in diesem Männer-Biotop zünftig menschelt.

Ausgewogenes Ensemble

Mario (Max Hubacher) und Jenny (Jessy Moravec)
Mario (Max Hubacher) und Jenny (Jessy Moravec)

Das kommt gut über die Leinwand, weil Marcel Gisler ein bis in kleinste Rollen hinein verblüffend ausgeglichenes Ensemble präsentiert. Aaron Altaras versieht Leon mit herbem Jungmänner-Charme und Max Hubacher („Der Verdingbub“) gelingt es vortrefflich, Marios charakterliche Entwicklung unprätentiös kenntlich zu machen. Für stimmungsvolle Akzente sorgt der Aargauer Ex-Fussballprofi Joris Gratwohl (Star in der ARD-Serie „Die Lindenstrasse“). Und haften bleibt auch Andreas Matti („Wilder“). Als Marios Berater verstrahlt er zwar etwas schweizerisch Holzschnittartiges, spielt aber in der Krisenlage seine ganze Bauernschlauheit aus: Wenn er seiner zerzausten Turteltaube Mario, die sich zum Geld-Esel mausern könnte, einbläut, dass „Drogen, Sex mit Minderjährigen und Schwulenzeugs“ im Fussball nichts verloren hätten, zuckt man zusammen.

Frauenfiguren bleiben in dieser Männer-Welt eher die Ausnahme – aber es gibt sie. Marcel Gisler hat auch im Umgang mit ihnen ein sicheres Regie-Händchen. So überzeugt Doro Müggler („Flitzer“) als Marios Mutter, die herznah Position bezieht, als der Sohn nach dem nicht ganz freiwilligen Coming-out vom Vater gepiesackt wird. Und die stärkste Nebenrolle füllt Jessy Moravec („Lasst die Alten sterben“) mit Verve aus: Sie spielt Marios Jugendfreundin Jenny Odermatt, die der Klub und der Berater als Alibi-Spielerfrau installieren möchten, um von den schwulen Gerüchten rund um den blonden Fussballengel abzulenken. Doch die kesse Jenny hat wenig Bock darauf, sich als „Tschütteler-Huscheli“ vorführen zu lassen.

Pamphlet für ein Fussballer-Coming-out?

Ist „Mario“ nun ein flammendes Pamphlet gegen Homophobie im Fussball-Zirkus geworden? Ein filmfiktionaler Appell – nicht nur an schwule Fussballer –, sich zu outen, so wie es in der Politik, im Showbusiness fast schon Usus ist? Nein, so weit geht Marcel Gisler, dem man vor Jahren beschieden hatte, er sei als Autor in der Schweizer Filmszene schlicht zu radikal, nicht.

Den Schreibenden, Fussball-Begeisterter bis ins Mark, stört Gislers diesbezügliche Zurückhaltung nicht. Und er hält die Auffassung von Corny Littman – Theatermacher, bekennender Homosexueller und Ex-Präsident von FC St. Pauli – aus dem Jahr 2004 (Gisler zitiert ihn im Pressedossier zum Film auch) immer noch für realitätsnah: „Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten. In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkt der Aussenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien.“

Ein Spielfilm, der einen Beziehungsplot mit einem scharfen, kritischen Blick hinter die Kulissen des gigantischen Schausport-Apparats verbindet, liesse sich aus Schweizer Perspektive kaum überzeugend gestalten. Sportlich, medial und ökonomisch spielt die Fussball-Musik uneinholbar in den englischen, spanischen und deutschen Ligen. Dort ist alles professioneller und der permanente Hype um Spielertransfers, Qualifikations-Kampagnen und Titel-Fights mutet bisweilen an, als wäre Fussball ein Teil des kollektiven gesellschaftlichen Bewusstseins.

Grosses Fussballkino zum Finale

Darum ist es stimmig, dass Marcel Gisler die spannungsvolle Beziehung zwischen den unterschiedlichen Männerfiguren Mario und Leon im Fokus hat und an ihr gewissermassen das Allgemeingültige, die Sehnsucht nach selbstbestimmter Lebensform spiegelt.

Das gelingt, weil der letzte Akt des Dramas dann doch noch in einer grösseren Fussball-Arena angepfiffen wird: Beim erwähnten FC St. Pauli im legendären Millerntor-Stadion, mit enthusiastischen Fans, wie es sie so mit ihrem Klub verschweisst anderswo kaum gibt. Wenn wir auf das  fundamental andere „Fussball-Betriebsklima“ hingewiesen haben, so zeigt sich in der Nachspielzeit, beim Epilog, was gemeint ist: Marcel Gisler richtet die Fussball-Show im Dunstkreis der 2. Bundesliga mit der grossen Kelle an. Und choreografiert zudem kammerspielartig das Gefühls-Finale mit Mario und Leon.

Fast wähnt man sich in einem anderen, urban-pulsierenden, elektrisierenden Film. Und stellt nicht zum ersten Mal fest: Marcel Gisler ist ein Virtuose auf verschiedenen Film-Klaviaturen und versteht es ungekünstelt, unsentimental, empathisch von der Liebe zu erzählen. Gerade dort, wo sie knapp im Abseits steht.

Im Programm der Solothurner Filmtage 2018

Kinostart: 22. Februar

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