Leben wir heute wirklich besser?

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Leben wir heute wirklich besser?

Von Reinhard Meier, 30.08.2018

Materiell geht es den meisten Menschen besser als den Grosseltern. Aber die Zufriedenheit und Zuversicht scheinen eher abzunehmen.

An Büchern und prominenten Autoren, die argumentieren und statistisch beweisen, dass die Menschheit trotz den täglichen Katastrophenmeldungen in den Medien insgesamt immer besser lebt, fehlt es nicht. Einer dieser Autoren ist der Harvard-Professor Steven Pinker mit seinem neuen Buch «Aufklärung jetzt! Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt». Pinkers Hauptthese: Seit dem Beginn des Aufklärungszeitalters vor rund 250 Jahren wird die Welt auf fast allen Gebieten durch atemraubende Fortschritte verbessert. Aber «keiner von uns ist so glücklich, wie er sein sollte, angesichts der staunenswerten Veränderungen unserer Welt».

Die Medien und «Prophets of doom»

Die statistischen Daten sind kaum zu widerlegen und die meisten Menschen sehen das auch so: Zumindest in unseren Breitengraden leben wir besser und luxuriöser versorgt als unsere Grosseltern. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in zwei Generationen um 14 Jahre gestiegen. Unsere Gewässer sind sauberer als in den 1960er Jahren, als das Baden in einzelnen Seen verboten wurde. Die Ferien sind in Europa länger geworden, die Kindersterblichkeit nimmt ab. Die Zahl der Hungernden in der Welt ist immer noch viel zu hoch, doch laut Angaben der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno) seit 1990 von über einer Milliarde deutlich unter 800 Millionen zurückgegangen.

Pinker stellt solchen Fortschrittstrends statistische Stimmungsbilder in 14 relativ wohlhabenden Ländern (etwa in Australien, Dänemark, Finnland, Schweden, Deutschland, USA, Singapur) gegenüber. Sie sollen belegen, dass in diesen Ländern eine Mehrheit glaubt, die Welt werde eher schlechter als besser. Für solche pessimistischen oder zumindest skeptischen Zeitgenossen hat der optimistische Aufklärungs- und Fortschrittsverkünder Pinker wenig Verständnis. Er schiebt die Verantwortung für düstere Stimmungen unter anderem den Medien zu, die nur an aufregenden Katastrophen- und Konfliktschilderungen interessiert seien. Aber auch angebliche «Prophets of doom» wie Friedrich Nietzsche oder Adorno und Horkheimer, die das Aufklärungsideal kritisch hinterfragt hatten, seien mitschuldig am mangelnden Zukunftsoptimismus.

Neben prominentem Lob in angelsächsischen Medien erntet Pinker für sein fulminantes Hohelied des Fortschritts auch substanzielle Kritik. Der Rezensent der «New York Times» nennt «Enlightenment Now!» ein «tief ärgerliches Buch», weil der Autor mit seinem «munteren Triumphalismus» wenig Verständnis dafür zeige, dass statistische globale Fortschritte das Leid lokalen Elends und individueller Tragödien keineswegs beseitigten.

Es ist beides

Tiefer und differenzierter urteilt der im vergangenen Jahr verstorbene schwedische Professor für internationale Gesundheit und Afrika-Kenner Hans Rosling über den Zustand der Welt. In seinem jüngst erschienen Buch «Factfulness: Ten Reasons We’re Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think» dokumentiert der Autor zwar auch, dass die Welt in vieler Hinsicht besser geworden sei. Aber er hütet sich, eine messianische Fortschrittseuphorie zu predigen oder gar den Menschen pauschal vorzuhalten, sie seien angesichts der erreichten Verbesserungen nicht glücklich genug. In Roslings Buch liest man:

«Wenn wir sagen, ‘die Dinge werden besser’ – soll das heissen, dass alles prima ist und dass wir uns alle entspannen und nicht weiter Sorgen machen sollten? Nein, überhaupt nicht. Ist es hilfreich, wenn wir nur zwischen schlecht und besser unterscheiden? Definitiv nicht. Es ist beides. Besser und schlecht gleichzeitig … So müssen wir über den jetzigen Zustand der Welt urteilen.»

Jeder vergleicht sich mit jedem

Einen andern, psychologischen Erklärungsansatz für die Diskrepanz zwischen materiellen und sozialen Fortschritten und der verbreiteten Unzufriedenheit gerade in vergleichsweise wohlhabenden Gesellschaften hat der Philosoph Peter Sloterdijk vor einigen Monaten in einem NZZ-Gespräch formuliert. Je grösser der relative Wohlstand aller sei, «desto schlechter fühlt sich der Einzelne, solange er nicht ganz oben ist», sagt er. Sloterdijk fährt fort: «In einer scheinbar befriedeten Gesellschaft vergleicht sich jeder mit jedem ganz ungeschützt, ohne sich der selbstschädigenden Konsequenzen des Vergleichens bewusst zu sein.»

Messbare materielle Verbesserungen der allgemeinen Lebensbedingungen und gesellschaftliche Gefühlslagen sind zwar nicht das Gleiche. Aber die beiden Ebenen sind doch eng miteinander verknüpft. Und es lohnt sich, darüber nachzudenken, weshalb der Fortschritt im materiellen Bereich sich nicht unbedingt in mehr kollektiver Zufriedenheit und Zukunftsoptimismus niederschlägt.

Kommentare

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In der Wirtschaftswissenschaft lernten wir, wie zentral Erwartungen sind, für Inflation, Investition, Konsum, etc. Für die Einschätzung der eigenen Lage zählt das, was man hat, wenig, ausschlaggebender sind die Erwartungen. Auch wenn es noch nie so vielen Leuten auf der Welt materiell so gut gegangen ist, prägen doch zunehmend Verlustängste die Einschätzung.

Im Grunde ist es das Schönreden eines Fortschritts, der zunehmende Robustheit einer Spezies in den Vordergrund drängt und zugleich die zunehmende Fragilisierung selbiger Spezies verdrängt, ohne auch nur ansatzweise klarzulegen, dass der Fortschritt auf globalem Energieraub fußt und damit auf dem Rücken anderer Völker und anderer Lebewesen ausgetragen wird. Unsere Form des Fortschritts ist und bleibt vorerst die Beschleunigung der Verlangsamung der Bewusstwerdung von Folgen – für das Leben an sich und für uns Menschen. Fortschritt erscheint gut, solange die Auswirkungen im Kontext allen Lebens langsam genug geschehen.

Die irreführende Lebenserwartung des Menschen ergibt sich schlichtweg aus der Vereinfachung, die Möglichkeiten des technologischen Fortschritts mit dem biologischen Vermögen des Körpers gleichzusetzen. Mehr und mehr ist steigende Lebenserwartung eher Todesvermeidung durch nicht biologische Anhängsel.

Es ist unbestritten, dass der real existierende Kapitalismus einige globale Verbesserungen gebracht hat; so ist die Kindersterblichkeit und die Zahl der Hunger leidenden Menschen zurückgegangen. Ebenso hat die Abgabe von lebensverlängernden Medikamenten in gewissen Ländern Afrikas zugenommen. Die wirtschaftliche Entwicklung ist in vielen Schwellenländern und so genannten Drittweltländern nicht stehen geblieben. Dies heisst aber nicht, dass der reichere Westen sich der übrigen Welt erbarmt hätte und die Hausaufgaben gemacht hätte oder so machen würde, dass der ärmere Süden in gleichberechtigtem Masse davon profitieren könnte. Die Landwirtschaftspolitik der reichen Länder ist protektionistisch, was heisst, dass der Marktzugang für die ärmeren Ländern nach wie vor nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Der reiche Westen entsorgt z.B. den Elektroschrott in Afrika; nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn. Der Westen (Tourismus) ist mitverantwortlich für die Verschmutzung (Plastik) der Weltmeere. Der reiche Westen ist mit seiner wohlstandsgenährten Lebensweise mitverantwortlich für den Klimawandel, der in näherer und vor allem fernerer Zukunft die grösste Herausforderung für das Überlebern der Menschheit sein wird. Und hier tritt das grösste Dilemma zutage: Wenn die Menschheit weiterhin derart rücksichtslos mit der Welt verfährt und sie in einem Ausmass ausbeutet, dass in ein paar Jahrzehnten lebenswichtige Ressourcen ein für allemal verschwunden sind, wird das nichts mit dem Fortbestehen des Homo sapiens. Damit das nicht passieren würde, bräuchte es einen Kapitalismus, der sich dadurch auszeichnet, der Profitmaximierung durch die Multinationalen Konzerne oder sonstige Superreichen abzuschwören. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man daran denkt, wie abhängig wir alle von den Tech-Giganten (Amazon, Facebook, Twitter, Apple, Microsoft etc.) geworden sind. Der Konsumkapitalismus hat das Szepter übernommen und wir stehen ihm mehr oder minder hilflos gegenüber; auch diejenigen, die sich dieser Art der totalen Überwachung und Vereinnahmung eigentlich bewusst sind. Dass dem so ist, fördert die Zuversicht und den Optimismus eines mündigen Bürgers wohl kaum. Sloterdijk spricht den Wettbewerb unter den Wohlstandsgenährten an, von denen jeder ganz nach oben möchte. Wer noch etwas Verstand hat, weiss, dass fast alle es nicht schaffen, ganz nach oben zu gelangen - auch wenn die Leistung überdurchschnittlich sein sollte. Dieser Weg steht nur ganz wenigen offen, die oftmals nicht durch Leistung, sondern vielmehr durch Präsenz in der richtigen Seilschaft auffallen. Es müsste eine Art neue Weltlehre gelehrt werden, die danach fragt, wie wir ohne Wirtschaftswachstum um jeden Preis materiell überleben können. Dabei dürfte die Verteilung eine entscheidende Rolle spielen. Eine solche Lehre bedürfte einer ganz anderen Denkweise, eine die nicht den Einzelnen und sein Wohlergehen ins Zentrum stellt, sondern das Kollektiv, die Gemeinschaft. Denn eines scheint mir klar zu sein, das heutige Wirtschaftssystem ist kommende Generationen alles andere als ein Versprechen für die Zukunft.

Zufriedenheit durch abwesenden Druck?
Demut bedeutet auch anerkennen, dass es etwas unerreichbar Höheres gibt. Die Alp war für uns erreichbar, der Gipfel auch, darüber das Universum. Wir lebten eher wie Menschen heute im Tibet und zwischendurch sogar so glücklich, so zufrieden wie es jene auch heute noch sind. Melodien aus den Bergen? Analoger Sehnsuchtsort, all dem heutigen entgegengesetzt! Frühmorgens so um halb sechs knarrte die Decke, Grossvater war aufgestanden. Von unten her zartes bimmeln einzelner Glocken aus dem Ziegenstall. Durch etliche Ritzen der kleinen schmalen Fenster heulte böen-artig ein Sommerwind, einer der von den Gipfeln herabfuhr, direkt in die Nebelreste und in die Dörfer und Felder hinein. Es war Zeit geworden, Zeit um mit den Ziegen auf die Alp zu ziehen. Seitlich des Hauses plätscherte der Dorfbrunnen, unsere Tränke vor dem Aufstieg! Mein Hirtenhund umrundete bereits hastig und im vollen Verantwortungsbewusstsein die zögerlich austretende Herde. Der Stall war nicht gross, er war so gebaut, dass er Schutz und Wärme gewährleisten konnte. Zuvorderst klar Nonno, in Hierarchien ist das so, pfeifend ging er voran, um all die Vipern die wärmesuchend auf Steinen eingerollt waren zu vertreiben, da gab er sich grosse Mühe. Hinter ihm unsere Ziegen. Mein Hund, Petit so nannten wir ihn, er der wie ein Elektron den Kern umkreisend für Ordnung sorgte. Zuhinterst ich mit einem Stecken in der Hand, einem langen Stab so wie ihn früher die Apostel benutzten. Embrüf hinauf, an rauschenden Bergbächen vorbei, einzelne Dohlen im Ohr und begleitet vom lauten Schellen-Orchester unserer Ziegen-Bande. Vergleichbar einer Prozession, irgendwie eine Ode an Gott, mit grossem Dank für reales Leben und Laudatio an den Erdkreis. Vielschichtiges eng verhaftet im Teamgeist, gemeinsam und einem einzigen Ziel im Auge, gut oben anzukommen. Bedenkt, auch die leuchtenden Augen der Kinder in den Favelas lassen grüssen. Sinfonie einer damals unberührten Bergwelt. … cathari

Nur wer alt ist kann langfristige, schleichende Entwicklungen aus erster Hand beurteilen. Ich stelle fest: Mehr Beton, weniger Natur, Verdichtungszwang, übervolle Verkehrsinfrastruktur, hohe Sozialkosten, unsichere Bahnhofareale, Fremdsein im eigenen Land. Zwar mehr Geld, aber weniger Lebensqualität.

Schleichende Entwicklung? Lebensqualität?

Wer alt ist, sollte sich überlegen, wie es ihm persönlich heute ginge, ohne die Errungenschaften der modernen Medizin. Dabei geht es nicht um schleichende Entwicklung, sondern um rasanten Fortschritt.

Wenn ich diesbezüglich die Wahl hätte, zehn Jahr früher oder später geboren worden zu sein, dann zehn Jahr später. Hätte meine Lebensqualität drastisch erhöht.

Ihr Lebensmotto: Augen zu und durch!

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