Kunstspektakel im Herzen des Gotthards

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Kunstspektakel im Herzen des Gotthards

Von Jürg Dedial, 17.07.2018

Tullio Zanovello inszeniert sein monumentales Bilddrama im Festungsmuseum Sasso San Gottardo. Eine atemberaubende Hommage an eine oft verwirrende Schweiz.

Der Zürcher Künstler Tullio Zanovello hat tief im Gotthardgranit ein Kunstwerk aufgestellt, das seinesgleichen sucht. In einer Kaverne des Festungsmuseums auf der Passhöhe hat er seine tonnenschwere Bildmaschine „Réduit“ installiert.

Widerlager der schweizerischen Seele

Der Gotthard, dieses Widerlager der schweizerischen Seele, mag in den letzten Jahrzehnten von seiner kraftvollen Mehrdeutigkeit vieles eingebüsst haben. Spätestens mit der Inbetriebnahme des Basistunnels hat der Gebirgsriegel seinen Schrecken verloren, und damit droht auch der riesige Schatz an Mythen in Vergessenheit zu geraten. Wer muss noch träumen, wenn er in bloss 25 Minuten vom Urnersee ins Tessin reisen kann? Fernweh gibt es kaum mehr, und unser Sicherheitsgefühl braucht sich nicht mehr an die eisigen Granithöhen des San Gottardo zu klammern. Was noch Mitte des letzten Jahrhunderts als Gotthard-Réduit in den Händen der Militärs war, ist heute höchstens noch eine Spielwiese für Touristiker und Werbefritzen.

Jahrhundertelang aber ging es am Gotthard ums Überleben. Eine Überquerung war Mühsal und Verlockung zugleich, der Berg zog an und stiess ab, er forderte viel und belohnte kaum. Und doch war er das wichtigste Scharnier für jene, die kommen wollten, wie auch für jene, die ihn zu sichern hatten. Und immer wieder stellte er die Menschen am Berg vor die Frage, was sie zu geben bereit waren, um ihr Ziel, die Überwindung oder Sicherung des Passes, zu erreichen.

Dies galt für die alten Urner beim Bau der Teufelsbrücke ebenso wie für die späteren Postkutscher, die Mineure oder die Kanoniere, die später das Réduit bemannten. Auch für die Arbeitsmigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Süden kamen, stellte sich diese Frage, denn sie stiessen in eine fremde Welt vor, von der sie nicht viel wussten. Für sie war der Gotthard oft ein Punkt ohne Wiederkehr, denn wer ihn erst einmal überschritten hatte, würde sich schwertun, später wieder in die alte Heimat zurückzukehren.

Tor und Bollwerk zugleich

Dies ist der Hintergrund für ein monumentales Kunstwerk, das seit Anfang Juli in einer der Kavernen der ehemaligen Gotthardfestung, des heutigen Museums Sasso San Gottardo, steht und das in dreijähriger Arbeit vom Zürcher Künstler Tullio Zanovello angefertigt wurde. Zanovello, der in Kunstkreisen als Schöpfer von „Bildmaschinen“ bekannt ist, hatte den Auftrag von der Stiftung des Museums erhalten. Als Vorbedingung wurde ihm nur eine einzige gestellt: Die Maschine musste den Gotthard zum Thema haben.

Zanovello während des Entstehung seiner Réduit-Bildmaschine in seinem Zürcher Atelier
Zanovello während des Entstehung seiner Réduit-Bildmaschine in seinem Zürcher Atelier

Für Zanovello bedeutete dies, nicht nur seinen enormen Erfahrungsschatz als Kunstschaffender ins Spiel zu bringen, sondern jahrhundertealte Mythen, Leidenszeugnisse und Erfolgsgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg zu verknüpfen und daraus ein Werk zu schaffen, das mit den verschiedensten Bezugsebenen dem Phänomen Gotthard gerecht wird. Zanovellos Herkunft als Secondo aus Italien zieht sich als unauffälliger und doch unübersehbarer Faden durch das Drama des bewegten Gebirgsbildes, das den Namen „Gotthard – das Réduit“ trägt.

Von Niklaus von der Flühe bis Emil Bührle

Im Grunde sind Zanovellos Bildmaschinen mechanisch bewegte Flügelbilder, die an mittelalterliche Triptychen erinnern. Nur dass das „Réduit“ statt zweier Flügel deren zehn besitzt, die mit speziellen Elektromotoren aus- und übereinander geschwenkt werden. Dies ist dank einer raffinierten elektronischen Steuerung möglich. Die meisten dieser Flügel sind beidseitig bemalt und bestehen aus hauchdünn laminierten Granitflächen, die zusammen mit den ebenfalls granitenen Hintergrundplatten die gewaltige Dimension von sieben auf viereinhalb Meter aufweisen. Kein Wunder, beträgt das Gewicht der Maschine mit ihrem stählernen Traggerüst anderthalb Tonnen.

Zanovellos Gotthard-Epos, ein Gemälde von pastoser Wucht, widerspiegelt das ewige Ringen zwischen Gut und Böse, Offenheit und Rückzug, Verbundenheit und Abschottung. Der berühmte Teufel der Schöllenen-Sage greift immer wieder ein, während die schlaue Kraft des einstigen Ziegenbocks in Form kleiner Geissen schützend in den Dramen des heutigen Gotthards spürbar wird. Zanovello setzt die Handlung beim Réduit des Zweiten Weltkriegs an und führt sie dann durch die Immigration der fünfziger Jahre weiter, während Ingenieure und Sappeure den Berg formen und aushöhlen.

Es ist ein monumentales Ringen der Elemente über, auf und unter dem Berg. Insgesamt 24 Schweizer Persönlichkeiten, von Niklaus von Flüe bis Emil Bührle und General Guisan, von Henry Dunant über James Schwarzenbach bis zu Friedrich Dürrenmatt wirken im Kräftefeld dieser Schweiz mit. Und immer wieder sieht man Zanovellos eingewanderte Eltern, wie sie dem zähen Streben nach materiellem Fortkommen ihren Sohn gleichsam opfern. Dieser wächst bei einer Pflegefamilie auf und wird dadurch heimisch. So verdichtet sich das Leitmotiv der Bilder – „was bist Du bereit zu tun, um Dein Ziel zu erreichen“ – auch zu einer autobiografischen Tragödie.

Helvetia im Panzerschrank

Mit jedem neuen Bild werden die Facetten dieser Schweiz reicher, aber auch verwirrender. Und als sich die Bildmaschine auf ihrer vollen Breite öffnet, gibt sie den Blick auf eine riesige Tresortür frei, auf das Innerste unserer Identität. Die Anspielung auf einen Safe ist nicht zufällig, denn wie sich der Tresor langsam öffnet, wird eine blinde Helvetia im gleissenden Licht sichtbar, eingekerkert und erstarrt.

Diese Allegorie genügt Zanovello freilich noch nicht, denn er lässt sie nun langsam zu ihrer Rückseite hindrehen, wo sie plötzlich als Sennentuntschi aus Stroh erkennbar wird. Der Effekt ist drastisch, illustriert mit seiner Derbheit aber treffend den ewigen Widerstreit zwischen Gut und Böse, übertragen auf die Unwirtlichkeit des Gotthard. Auf dem vorletzten Bild erscheint der Maler nur noch als freier Geist, der seinen Berg, und damit auch seine Eltern, endgültig überwunden hat.

Der Künstler schreibt auch die Musik und das Libretto

Tullio Zanovellos Werk fordert alle Sinne. Drei Jahre hat der Künstler intensiv daran gearbeitet. Er hat die Werkstoffe gesucht, erprobt und einsatzfähig gemacht, mit Schweissgerät und Winkelschleifer ein Traggerüst für anderthalb Tonnen geschaffen, auf Leitern und Podesten Bildfläche um Bildfläche auf den Granit gemalt – allein dies schon eine gigantische Arbeit – und schliesslich die komplexen Bewegungen der Türen so programmiert, dass sie die ganze Geschichte des Gotthard in 24 Minuten darstellen.

Ja, und zu alledem hat er noch die Musik mit einem eigenen Libretto geschrieben, auch sie ein imposantes Werk, das er mit dem Chor der Sing-Akademie Zürich, den Bläsern des Berner Kammerorchesters und Perkussionisten der Zürcher Hochschule für Künste einstudierte. Am liebsten würde man die Augen schliessen, um nur schon dieses Kunstwerk zu geniessen – wären da nicht die Bilder, die einen immer wieder aufrütteln und zwingen, in diese einzigartige Seele des Gotthard einzudringen und sich in dieser selbst wiederzufinden. Es gibt nur eine Lösung: Man sieht sich das „Réduit“ zwei- oder dreimal an, am besten gleich hintereinander. Damit wird man seiner Botschaft wenigstens ansatzweise gerecht.

Tullio Zanovello

Geboren 1962 in Zürich. Studierte Literaturwissenschaften an der Universität Zürich, daneben intensive Beschäftigung mit Musik, Malerei und Schriftstellerei. Ab 2002 Gemäldeausstellungen. 2007 erste Bildmaschine mit Seitentüren, danach Entwicklung immer komplizierterer und grösserer Konstruktionen unter Verwendung eigener Musik. Tritt auch immer wieder als Komponist auf. Das „Réduit“ ist die bisher aufwendigste Synthese der mannigfaltigen Talente Tullio Zanovellos. Zanovellos spricht heute bezeichnenderweise auch von „Bildopern“.  www.zanovello.ch    

Sasso San Gottardo

Der Eingang zum Festungsmuseum Sasso San Gottardo liegt 500 Meter nördlich der Posthaltestelle auf der Passhöhe. Der Besuch des „Réduit“ sowie der Kristall-Kaverne kostet Fr. 18.-, kombiniert mit dem Besuch der Festung (sehr empfehlenswert) Fr. 25.-. Tickets sind am Eingang zum Stollen erhältlich. Die Bildmaschine „Réduit“ läuft alle 30 Minuten, Spieldauer 24 Minuten. Vorgesehene Öffnung ist bis Mitte Oktober. Es gibt eine Cafeteria und Toiletten. Warme Kleider und gute Schuhe werden sehr empfohlen. www.sasso-sangottardo.ch

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