Krisen und Predigten des Ali Chamenei

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Krisen und Predigten des Ali Chamenei

Von Ali Sadrzadeh, 18.01.2020

Vier Tage lang propagierten die staatlichen Medien, Revolutionsführer Ali Chamenei persönlich werde die Teheraner Freitagspredigt halten. Eine historische Ansprache wurde versprochen, Doch das Versprechen wurde nicht eingelöst.

Drei nationale Krisen und drei Freitagspredigten: Das sind die Meilensteine von Ali Chameneis Herrschaft. Seit dreissig Jahren ist er der Revolutionsführer und damit auch der höchste Geistliche des Iran, und in dieser Zeit sah sich Chamenei dreimal genötigt, selbst als Freitagsprediger in Teheran aufzutreten. In normalen Zeiten sind es andere, die dort stellvertretend für ihn predigen.

Bisher drei Freitagspredigten des Revolutionsführers

Erzählt man Geschichte und Gründe, warum Chamenei jeweils selbst als Freitagsprediger Teherans auftreten musste und was er dann predigte, hat man praktisch das Wesentliche, ja fast alles über die Geschichte seiner Herrschaft erzählt. Seine Predigten sind zudem auch eine Art Charakterstudie.

Die erste hielt der Revolutionsführer Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach den so genannten Kettenmorden – eine systematische Mordserie an 80 Schriftstellern und Schriftstellerinnen, Übersetzern und Übersetzerinnen sowie bekannten Intellektuellen, die sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Lage spitzte sich Ende 1998 zu, als innerhalb von drei Monaten drei landesweit bekannte Schriftsteller sowie der ehemalige Arbeitsminister Dariush Forouhar und dessen Ehefrau Parvaneh Eskandari ermordet wurden.

Die Morde an Schriftstellern und Intellektuellen

Es war die Zeit des Reformpräsidenten Mohammad Khatami und einer relativen Meinungsfreiheit im Iran. Die spektakulären Morde konnten nicht verschwiegen werden. Fast jeder ahnte, dass für die Verbrechen jene Geheim- und Sicherheitsdienste verantwortlich waren, die Ali Chamenei befehligt. Khatami forderte Aufklärung. Schliesslich erklärte das Geheimdienstministerium, einige „irregeleitete“ Agenten hätten diese Morde begangen. Der Vizeminister wurde verhaftet und starb unter ungeklärten Umständen im Gefängnis. Die Morde und das Geständnis erschütterten das Land wie ein politisches Erdbeben. Eine nationale Krise war geboren.

Zum ersten Mal seit seiner Wahl zum Revolutionsführer sah sich Chamenei gezwungen, als Teheraner Freitagsprediger aufzutreten. In seiner Predigt bezichtigte er dann „Zionisten“, die Morde organisiert zu haben, und nannte jene Zeitungen im Land, die mehr über die Mordserie aufdecken wollten, die „fünfte Kolonne“ der Feinde. Tags darauf wurden 60 Zeitungen verboten, die kurze relative Pressefreiheit war beendet. Für Journalisten und Journalistinnen begann eine Eiszeit, die immer noch andauert.

„Die-Grünen Bewegung“

Die zweite nationale Krise, die Chamenei zwang, als Freitagsprediger aufzutreten, entstand 2009 während der sogenannten „Grünen- Bewegung“. Wochenlang protestierten damals Millionen Menschen in iranischen Grossstädten gegen die umstrittene Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Auf dem Höhepunkt dieser Proteste trat Chamenei wieder als Freitagsprediger auf und drohte den Demonstranten, sie müssten einen hohen Preis zahlen, falls sie ihre Proteste nicht beendeten. Unmittelbar danach folgten eine Verhaftungswelle unter allen bekannten Oppositionellen und die brutale und blutige Niederschlagung der Proteste.

Präsident Rouhani (1. v. rechts) verliess den Gebetsraum frühzeitig.
Präsident Rouhani (1. v. rechts) verliess den Gebetsraum frühzeitig.

Nun die dritte Freitagspredigt. Auch diesmal befindet sich die Islamische Republik in einer schwerwiegenden internationalen Krise, die Chameneis Macht ernsthaft gefährdet. Er musste am Ende einer Woche sprechen, in der weltweit über einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran debattiert wird, nach den dramatischen Tagen nach der Ermordung Kassem Soleimanis, nach dem Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs durch die iranische Revolutionsgarde und darauf folgenden landesweiten Unruhen. Tagelang hatten die Medien propagiert, eine historische Predigt des Revolutionsführers stehe bevor.

Gefühllos, eiskalt und zynisch

Doch auch diesmal zeigte sich Chamenei unerbittlich. Im seiner fast fünfzigminütigen Ansprache standen der Mord an Kassem Soleimani und die Trauerfeierlichkeiten für den General im Mittelpunkt.

Gefühllos, eiskalt und zynisch erwähnte Chamenei den Abschuss des ukrainischen Flugzeuges nur beiläufig. Kein Wort darüber, dass die Passagiermaschine von den Revolutionsgarden abgeschossen wurde, kein Wort davon, dass er selbst Oberbefehlshaber der Garden ist. Chamenei sprach zudem von einem „Absturz“, nicht von einem Abschuss. Und natürlich auch nichts darüber, dass die gesamte Staatsspitze nach diesem Abschuss drei Tage lang gelogen hat. Als diese Zeit der Vertuschung endete, hatten in den iranischen Grossstädten Hunderttausende gegen die staatliche Lüge protestiert.

Der Freitagsprediger Chamenei bezeichnet diese Menschen als „Feinde des Iran“: Der „Feind“ wolle die Opfer des „Flugzeugabsturzes“ in den Mittelpunkt stellen, um von der Grösse der Trauerfeierlichkeiten für Soleimani abzulenken. Mehr hatte Ali Chamenei über die Flugzeugkatastrophe nicht zu sagen.

Doch jenseits dieser Redeakrobatik war unüberhörbar, dass auch er eine sehr schwere Zeit kommen sieht. „Geduld“ und „Widerstand“ waren die Begriffe, die er an verschiedenen Stellen seiner Predigt wiederholte. Und immer, wenn Chamenei betonte, dass der Iran weder den USA noch Europa trauen könne und deshalb Verhandlungen mit dem Westen nutzlos seien, zoomte die Kamera des staatlichen Fernsehens auf Präsident Hassan Rouhani.

Chameneis Gebet war noch nicht zu Ende, seine Stirn berührte den Boden noch, als Rouhani die Gebetszeremonie verliess – eine vielsagende Geste, für den Vorbeter und für den Betenden.

Diesen Text publizieren wir mit  freundlicher Genehmigung des Iran Journal.

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Die Herrscher aus dem Iran, wie andere auch in der Region, akzeptieren und respektieren nur militärische Macht. Die hat Europa kaum mehr. Eine Aussenpolitik der Europäer würde mehr erreichen, wenn sie dann etwas hinter sich hätte. So bleibt Europa eigentlich nur der enge Schulterschluss mit den USA und Israel. Und eine "EU-Armee" wird es vermutlich nie geben, weil beispielsweise kein einziger französischer Soldat unter fremden Kommando agieren würde.

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