„Kriminelles Vergehen“

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„Kriminelles Vergehen“

Von Heiner Hug, Rom - 26.05.2021

Im Zusammenhang mit der Seilbahnkatastrophe am Monte Mottarone sind drei Personen verhaftet worden.

Eine bewusste Manipulation am Bremssystem einer Seilbahn-Kabine hat am Pfingstsonntag 14 Menschen in den Tod gerissen. Die Staatsanwaltschaft spricht am Mittwoch von einer „kriminellen Tat“, die vertuscht wurde. Dies komme einem Attentat gleich, sagt die Präsidentin der italienischen Seilbahngesellschaften.

Nach zwölfstündigem Verhör wurden drei Personen am Mittwoch früh um 03.57 Uhr verhaftet. Es handelt sich um Luigi Nerini, den Inhaber, Verwalter der Betreiberfirma „Ferrovie del Mottarone“, sowie um den Betriebsleiter Enrico Perocchio aus Sterzing und den Chief Operating Officer Gabriele Tadini.

„Aus wirtschaftlichen Gründen“

Sie sind geständig und wurden ins Gefängnis von Verbania gebracht. Ihnen drohen bis zu zehn Jahren Haft. Angeklagt werden sie des mehrfachen Totschlags, der fahrlässigen Herbeiführung einer Katastrophe und der Entfernung von Vorrichtungen zur Unfallverhütung.

Angeordnet wurde die Verhaftung von Olimpia Bossi, der Oberstaatsanwältin von Verbania, und ihrer Stellvertreterin Laura Carrera. „Es war eine bewusste Entscheidung, die aus wirtschaftlichen Gründen gefällt wurde, um den Betrieb der Seilbahn aufrechterhalten zu können“, sagte Bossi. „Die drei wussten, dass die Kabine ungebremst unterwegs war.“ Für Geld wurde das Leben der Passagiere riskiert.

(Foto: Vigili del Fuoco)
(Foto: Vigili del Fuoco)

„Strage di Stresa“, (Massaker von Stresa) nennen die Medien das Drama, das sich am Pfingstsonntag kurz vor 13.00 Uhr am Monte Mottarone abgespielt hatte. Der Absturz einer Kabine der Seilbahn, die von Stresa am Lago Maggiore auf den 1’491 Meter hohen Ausflugsberg führt, hat zum Tod von fünf Israeli und neun Italienern geführt. Eitan, ein israelischer fünfjähriger Knabe, überlebte das Unglück als einziger in den Armen seines sterbenden Vaters. Er hat seine ganze Familie verloren. Am Mittwoch erlangte er das Bewusstsein wieder und öffnete die Augen. An seinem Spitalbett in Turin sitzt seine Tante und eine Psychologin.

Während des Corona-Lockdowns war der Betrieb der Montarrone-Seilbahn eingestellt worden. Am 26. April wurde er wieder aufgenommen. Bei der Wiedereröffnung der Anlage wurden Unregelmässigkeiten am Bremssystem an einer der beiden Kabinen festgestellt. Einen entsprechenden Bericht hat die Betreibergesellschaft „zur Kenntnis genommen“. Zwar wurden Wartungsarbeiten angeordnet, allerdings konnte das Problem nicht schnell gelöst werden. Es wären lange, einschneidende Reparaturarbeiten nötig gewesen. Sie hätten dazu geführt, dass der Betrieb der Seilbahn für einige Tage oder gar Wochen hätte eingestellt werden müssen. Das wollten die Betreiber in der jetzt begonnenen Sommersaison vermeiden.

Die Notbremse deaktiviert

Andererseits hatte das Bremsproblem immer wieder zu Unterbrüchen und langen Wartezeiten geführt. Die Kabine blieb ab und zu stehen und musste mühsam zur Station heraufgezogen werden. Ein solcher Unterbruch ereignete sich auch am Samstag, am Tag vor der Katastrophe. Ein Tourist aus der Toskana meldete, er hätte sehr, sehr lange warten müssen, bis er ins Tal hinunter gefahren wurde.

Techniker machten sich daran, das Problem nicht zu lösen, sonders es zu umgehen, indem die Notbremse deaktiviert wurde. Dazu wurde eine sogenannte „Gabel“ (Forchettone) eingebaut. Diese hält den „Schraubstock“ offen, so dass die Bremsen nicht greifen können. Solche Gabeln dürfen nur bei Wartungsarbeiten oder bei Fahrten ohne Passagiere eingesetzt werden.

Die Bremsen einer Seilbahn blockieren – „das ist wie ein Attentat“, sagt Valeria Ghezzi, die Präsidentein der italienischen Seilbahngesellschaften (ANEF, l’Associazione Nazionale Esercenti impianti a Fune).

Mit 100 km/h ins Tal gerast

„Seit fast einem Monat war die Seilbahn ein russisches Roulette für alle, die sie benutzten“, schreibt am Mittwoch der Corriere della sera.

Am Pfingstsonntag um 12.34 Uhr war die Kabine dabei, in die Bergstation auf dem Monte Mottarone einzufahren. Bereits waren die Vorbereitungen zum Ausstieg getroffen worden. Dann, als sich die Kabine fünf Meter vor der Bergstation befand, riss aus noch unbekannten Gründen nicht das Tragseil, sondern das Zugseil. Da die illegal eingebaute Gabel die Notbremse blockierte, raste die Kabine dann zurück Richtung Tal. Die letzten 300 Meter legte sie mit einer Geschwindigkeit von über 100 km/h zurück. Beim ersten Stützpfosten wurde sie aus dem Tragseil herauskatapultiert, stürzte in die Tiefe, überschlug sich mehrmals und blieb vor einem Baum hängen.

(Foto: Soccorso alpino piemontese)
(Foto: Soccorso alpino piemontese)

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Es ist zwar eine andere Situation, trotzdem erinnert das Ganze an Genua. Auch dort hat man ja massiv an Unterhalt gespart. Eine Riesensauerei auch hier wieder.

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