Kleider machen Leute

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Kleider machen Leute

Von Klara Obermüller, 24.10.2016

Das Spiel mit Verwandlung und Verkleidung ist so alt wie das Theater selbst. In seinem am vergangenen Samstag im Schauspielhaus Zürich uraufgeführten Stück „Frau Schmitz“ interpretiert der Autor Lukas Bärfuss das Thema neu.

Sie sitzen am vorderen Rand der Bühne in einer langen Reihe: neun Schauspieler, vier Männer und fünf Frauen. Oder ist es umgekehrt: fünf Männer und vier Frauen? Und warum sind im Programmheft für die neun Rollen zehn Namen aufgeführt: fünf Männer und fünf Frauen?

Die Verwirrung ist programmiert. Denn Frau Schmitz ist nicht Frau Schmitz, sondern in Wirklichkeit Herr Schmitz, der sich als Frau Schmitz ausgibt und, weil er von einer Frau gespielt wird, auch wie Frau Schmitz aussieht. Am Ende aber stimmt auch das nicht mehr. Denn Herr Schmitz hat sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und ist jetzt eine Frau, die allerdings wie ein Mann aussieht, weil sie von einem männlichen Darsteller verkörpert wird. Die Rolle der Frau Schmitz gibt es infolgedessen zwei Mal: einmal als Frau (Friederike Wagner), die einen Mann spielt, und das andere Mal als Mann (Lambert Hamel), der eine Frau darstellt. Daher die neun Rollen und die zehn Namen im Programmheft.

Nebulös

Viel trägt diese Klarstellung zum Verständnis des neuen Stücks von Lukas Bärfuss allerdings nicht bei. Was um Himmels willen wollte der Dichter uns nur sagen?, fragt man sich während der träge sich hinziehenden 90 Minuten mit wachsendem Unmut. Dass Kleider Leute machen? Dass Geschlechterrollen arbiträr und Identitäten auswechselbar sind? Dass wir nicht sind, was wir sind, sondern das, was andere in uns sehen? Das ist alles nicht neu und auch nicht sonderlich originell umgesetzt. Schon den jungen Max Frisch haben solche Fragen umgetrieben und ihn zu seinem berühmten Bildnisverbot inspiriert. Später hat er die Problematik zu einem Stück, „Andorra“, verarbeitet, in dem einer zum Juden wird, weil die andern einen Juden in ihm sehen wollen. Frischs Botschaft damals war politisch, Lukas Bärfuss’ Interpretation ist es nicht. Sie ist allenfalls gesellschaftskritisch, aber auch das nur sehr nebulös.

Frau Schmitz ist Angestellte einer Firma, die ihre Produktion aus Rentabilitätsgründen nach Indien ausgelagert hat. Dort gibt es ein Problem, eine Firma in Pakistan könnte aushelfen, doch ein Abgesandter muss hin. Frau Schmitz? Wäre geeignet, geht aber nicht, weil Frauen in der pakistanischen Geschäftswelt nicht respektiert werden. Und geht dann eben doch, weil Frau Schmitz in Tat und Wahrheit ja gar keine Frau ist, sondern ein Mann, der lediglich als Frau auftritt.

Was will uns der Autor sagen?

Frau Schmitz ist verheiratet mit Leni (Susanne-Marie Wrage) und hat eine Tochter, Valerie (Lisa-Katrina Mayer), die ihrerseits wieder einen Freund hat, Carl (Dominik Maringer). Der Familie Schmitz gegenüber stehen die Vertreter der Firma: Rolf, der Chef (Markus Scheumann), Sven, ein Projektleiter (Gottfried Breitfuss), Julius, ein Angestellter (Milian Zerzawy) sowie Mara, die Personalerin (Carolin Conrad). Und schliesslich ist da, wegen der Geschlechtsumwandlung, auch noch die Ärztin Dr. Julie Gerber (Henrike Johanna Jörissen).

Die Frau Schmitz, die eigentlich Herr Schmitz ist, löst das Problem in Pakistan zur vollsten Zufriedenheit ihrer Firma, weigert sich jedoch anschliessend, zu ihrer ursprünglichen Rolle zurückzukehren: für alle, die einst Frau Schmitz begehrten und Herrn Schmitz als Konkurrenz fürchteten, ein Grund zur Verwirrung, die nur noch grösser wird, als Frau Schmitz sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht und dank Hormonbehandlung und operativen Eingriffen endgültig zur Frau wird, zu einer allerdings, der man ihr ursprünglich männliches Geschlecht schon von weitem ansieht. In Ländern wie Pakistan kann sie nun definitiv nicht mehr eingesetzt werden. Oder doch? Der Schluss des Stücks bleibt diffus. Die kurze Inhaltsangabe im Programmheft hilft auch nicht weiter. Und die Frage, was der Autor uns mit seinem Stück denn nun eigentlich sagen wollte, bleibt weiterhin offen. Nimmt er die globalisierte Wirtschaft aufs Korn, die Individualität missachtet und Arbeitskräfte zu menschenunwürdiger Anpassung zwingt? Oder will er uns zeigen, dass Begriffe wie Individualität und Identität ausgedient haben, weil wir sie längst an die Anonymität des Internets verloren haben? Vermutlich alles zusammen, und das ist einiges zu viel.

Verärgert, gelangweilt

Was ihm wirklich am Herzen liegt – ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Und noch weniger weiss ich, warum Schauspielhausdirektorin Barbara Frey meinte, das Stück auf diese Weise inszenieren zu müssen. Die Schauspieler sitzen die ganzen 90 Minuten lang auf ihren Stühlen, dürfen nur selten miteinander interagieren und wären kaum voneinander zu unterscheiden, wenn sie nicht im Moment, da sie an der Reihe sind, von Scheinwerfern angestrahlt würden.

Foto: Schauspielhaus Zürich
Foto: Schauspielhaus Zürich

Mir ist das Ganze mehr wie eine Sprechprobe denn wie eine fertige Inszenierung vorgekommen. Die an sich schon reichlich blassen Figuren bekommen dadurch überhaupt kein Profil. Sie haben keine Psychologie und bieten den an sich exzellenten Darstellern kaum Gestaltungsmöglichkeiten. Man weiss nichts von ihnen, erfährt nichts von ihnen, kann ihre Beweggründe nicht nachvollziehen. Sie sind Pappkameraden, die beim Zuschauer weder Interesse noch Mitgefühl erwecken. Für Schauspieler muss dies eine Qual sein, den Zuschauer lässt es verärgert und gelangweilt zurück. Durch die einfallslose Regie wurde der Eindruck noch verstärkt, dass auch dem Autor im Grunde weder am Stoff noch an seinen Figuren viel gelegen war. Warum aber dann dieses Stück? Der eher verhaltene Schlussapplaus liess auf Ratlosigkeit in weiten Teilen des Publikums schliessen.

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Wer es einfach haben muss, eine klare Aussage des Autors verlangt ("Was will uns der Autor sagen?") und es nicht erträgt, dass ein Theaterstück zum Denken anregt, statt es mit ebensolcher Aussage ruhig zu stellen, der mag 'Andorra' lesen, ist als Kritikerin von Stücken, die Fragen stellen statt das seit je Gewusste zu bestätigen, aber eher wenig geignet. Theater kann auf Identifikation mit den agierenden Figuren abzielen, oder auf die denkspieartige Exposition von Fragen und Problemen. Das eine ist so legitim wie das andere. Von der Kritik dürfte erwartet werden, das zu erkennen und ein Stück nicht daran zu messen, was es nicht ist und nicht will.

Ja, und diese Leistung (undeutsch: performance) ist nur möglich, weil Nettosteuerzahler dieses Theater und diesen Autor zwangsfinanzieren müssen.

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