Kein Lachen am Karfreitag

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Kein Lachen am Karfreitag

Von Journal21, 24.03.2016

Vor dem Lebensfest steht die Höllenfahrt. Im Osterzyklus spiegeln sich Grunderfahrungen. – Ein Gespräch mit der Pfarrerin und Radio-/TV-Beauftragten Pascale Huber.

Pascale Huber

Journal21.ch: An den Osterfeiertagen geht es im christlichen Sinn um Verurteilung, Folter, Tod und Auferweckung des Jesus von Nazareth. Ist dieser Inhalt des Festes eigentlich über einen Kreis von Eingeweihten hinaus noch verständlich?

Pascale Huber: Die Erzählungen des Osterfestkreises – Jesu Abendmahl mit den Jüngern und Gefangennahme am Gründonnerstag, Prozess vor Pontius Pilatus, Kreuzigung und Tod am Karfreitag und schliesslich Auffindung des leeren Grabes an Ostern – sind nicht präsent. Aber das darunter Liegende, nämlich das Durchstehen von Einsamkeit, Ausgesetztsein und Schmerz – und dann irgendwann wieder der Durchbruch zum Leben: das kennen viele Leute. Deshalb glaube ich, dass man über diese Erfahrungen auch Zugang zu den Inhalten von Ostern bekommen kann.

Ostern feiern, das leuchtet ja noch ein. Aber kann man Karfreitag feiern?

Den Karfreitag für sich genommen als Fest zu feiern, das geht tatsächlich nicht. Er bekommt seinen Sinn vom Ausblick auf Ostern. Aber es gibt umgekehrt eben kein Ostern ohne Karfreitag. Beim Karfreitag geht es deshalb nicht um ein Fest, sondern darum, das Leiden und Sterben Jesu zu betrachten.

Im traditionellen protestantischen Milieu war immer Karfreitag der höchste Feiertag.

Genau, Kinder durften nicht draussen spielen. Auch bei meinen Eltern galt, dass am Karfreitag nicht gelacht wird. Man hörte höchstens etwas klassische Musik. Für mich als Kind war das immer etwas Befremdliches.

Was sagt das über diese Art der Religiosität?

Was da zur Norm erhoben wurde, ist eigentlich nur eine Form ohne klaren Inhalt. Man hat nicht getanzt, die Kinos waren geschlossen. Aber weshalb? Weshalb freitags Fisch und kein Fleisch? Das alles war eher Volksbrauchtum als Religiosität.

Auf Weihnachten freuen sich viele Menschen. Man hört selten, dass sich jemand auf Ostern freut.

Nun ja, die Weihnachtsfreude würde ich schon auch befragen. Für die Kleinen ist es zwar toll, es gibt Geschenke und das Kind in der Krippe ist was Schönes. Aber vielen Menschen graut es vor den verordneten Familienzusammenkünften. Bei Ostern besteht die Schwierigkeit darin, dass man dem Schmerz nicht ausweichen kann. Es gibt kein Ostern ohne den Tod Jesu. Deshalb: wer das Osterfest begeht, weiss um den tiefen Abgrund, der davor liegt. Bevor Jesus auferstehen kann, geht er durch die Hölle. Vor der Osterfreude steht die Erfahrung des Todes und des Schmerzes. Man muss sie sich vergegenwärtigen, um Zugang zu bekommen zur Freudenbotschaft, dass das Leben stärker ist als der Tod.

Sie sind als reformierte Radio- und Fernsehverantwortliche zuständig für Gottesdienste auf den Kanälen von Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Auch an Karfreitag und Ostern gibt es immer Direktübertragungen aus Kirchen. Aus deren Sicht ist es einleuchtend, dass solche Sendungen gewünscht werden. Was ist eigentlich für SRF der Grund, diese aufwendigen Übertragungen zu veranstalten?

Bei SRF ist man sich bewusst, dass diese Festkreise im Leben der Menschen nach wie vor eine Rolle spielen. So ist es auch ein Element des Service public, die Ostertage in den Programmen zu markieren. Der Anspruch an die Inhalte der Sendungen hat sich jedoch verändert. Es werden keine Feiern für Insider abgehalten, sondern Karfreitag und Ostern sollen im Programm so gezeigt werden, dass sie auch für kirchenferne Menschen verständlich sind.

Dieses Jahr haben wir eine Perle im Feiertagsprogramm, nämlich eine schlichte liturgische Feier aus dem Chor der Kirche in Ligerz im Kanton Bern, die am Radio übertragen wird. Da sollen die Hörerinnen und Hörer Karfreitag anders als gewohnt erleben. Man hört die Totenglocke, es melden sich drei Stimmen zu Wort – die der Bratsche, des Pfarrers, der Lektorin – und diese Elemente gestalten den akustischen Raum.

Wie sieht der Karfreitag für Sie aus?

Er fängt für mich früh an. Ich brauche einen Vorlauf, um mich innerlich auf den Gottesdienst einzustellen. Die Hauptarbeit ist aber schon vorher getan: Drehbuch erstellen, Timing berechnen, Texte redigieren, Mitwirkende coachen. Eine Viertelstunde vor Beginn begrüsse ich die Gemeinde in der Kirche und stimme sie ein. Die Kirchenbesucher sollen nicht abgelenkt werden vom technischen Drum und Dran, und sie sollen sich bewusst sein, dass die Gemeinde grösser sein wird als die Zahl der in der Kirche Anwesenden.

Wie gross wird sie denn sein, diese Radiogemeinde?

Es sind jeweils etwa 140'000 Hörerinnen und Hörer. Vielleicht kann man nicht sagen, dass alle von ihnen mitfeiern in dem Sinn, dass sie das Hören der Sendung für sich zum Gottesdienst machen. Aber die meisten werden sich doch ansprechen lassen von dieser ungewöhnlichen Vergegenwärtigung des Karfreitags.

 

Pfarrerin Pascale Huber (Bild: zvg) ist Geschäftsleitungsmitglied bei den Reformierten Medien. Zu ihrem Bereich gehören die kirchlich mitverantworteten Sendungen bei SRF. Das Gespräch mit Pascale Huber führte Urs Meier.

Kommentare

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Pfarrerin und Radio-/TV-Beauftragte Pascale Huber versucht sachlich zu sein. Mit Erfolg, jedoch viel zu spät. Offenbar ist der Christliche Glaube mit seinen unglaubwürdigen Kirchenführern und Seelenfängern am Ende seines letzten Zyklus angelangt. Der aufgeklärte, westliche Mitmensch lässt sich nichts mehr vormachen. In der Dritten Welt lassen sich noch frische Members akquirieren. Aber die haben leider kein Geld, um die Tempel und ihr wohlgesättigtes Personal zu unterhalten.
Was früher für ein friedliches Zusammenleben grosser Bevölkerungsgruppen wichtig war, wird heute zunehmend als Heuchelei entlarvt. Der Glaube an Gott, den Allmächtigen schwindet mit jedem Skandal.
Aber nicht nur deswegen geht niemand mehr zur Kirche. Wenn ein Papst den Flüchtlingen "in Demut" lieber die Füsse wäscht anstatt die Ursachen der Krisen zu beseitigen, spricht das Bände.
Ein Paradebeispiel für Professionalität ist dieses perfekt inszenierte Gespräch mit der Frau Pfarrerin. Als "Community Managerin bei den Social Media der Reformierten Medien" steht sie als gutbezahlte Funktionärin im Sold der Kirche. Wenn man sich bemüht und zwischen den Zeilen liest, wähnt man sich in einem Interview mit einem CEO; "Drehbuch erstellen, Timing berechnen, Texte redigieren, Mitwirkende coachen", hört man sie erzählen. Es ist also ganz offensichtlich ein Business.
Deshalb ist sie ja auch "Geschäftsleitungsmitglied bei den Reformierten Medien". Nicht dass mich das wundert; aber immerhin werden die Kirchen von uns Steuerzahlern subventioniert. Übrigens auch von denen, die ausgetreten sind; ja, auch von Ihnen.
Ich denke, dass man auch an Gott glauben darf, ohne diesen unsäglichen Zirkus der Kirchenfürsten zu bezahlen. Immerhin haben die Apostel gelehrt, dass für ihre Arbeit kein Geld anzunehmen ist. Bei einem durchschnittlichen Pfarrers-Gehalt von weit über Fr. 120`000.-- im Kanton Zürich mutet es schon fast kühn an, die Schäfchen auch noch zum Spenden aufzurufen.
Die Widersprüche sind auch am Karfreitagsfest so gross wie an Weihnachten. Aber die Konkurrenz der Kirche ist ja schliesslich auch nicht besser; oder haben Sie schon von Moslems gehört, die auf Weihnachtsgeld verzichten oder an Feiertagen arbeiten möchten? Was ich von Kirchenpolitikern hören möchte ist schlicht und einfach "Wahrhaftigkeit". Es wird nie geschehen. Ihre Reform-Resistenz wird dann wohl auch sehr bald ihr eigener Karfreitag werden; ohne Aussicht auf ein Osterfest.

Es spricht wohl nichts dagegen Jesus an Karfreitag als Menschen in die Mitte zu stellen und dem Unrecht zu gedenken. Dabei ging Jesus nicht durch die Hölle sondern wurde in einem öffentlichen Verfahren zum Tode verurteilt. Deswegen kann es Ostern nicht ohne Pfingsten geben. Der sich an Karfreitag konzentrierende Opfergedanke steht in langer Tradition. Eine Tradition die sich immer wieder fragt, was wichtiger ist. Der Mensch oder der Buchstabe.

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