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Tag der Entscheidung

Blaue Welle?

3. November 2026
Heiner Hug
Ypsilanti
Hoffnungsvolle Demokraten an der Eastern Michigan University in Ypsilanti, Michigan (Keystone/AP/Julia Demaree Nikhinson)

Die letzten von der New York Times veröffentlichten Umfragen geben den Demokraten Hoffnung. In fast allen der sieben umkämpften Bundesstaaten liegen sie vorn. Gelingt es ihnen, nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern auch den Senat zu erobern? Die Erfahrung zeigt, dass die Demokraten oft schlechter abschnitten, als ihnen die Umfragen voraussagten. Ist das diesmal anders?

Die Erhebungen der New York Times und der Siena University zeigen, dass die Demokraten in den letzten Tagen weiter zugelegt haben. Bei den Senatswahlen liegen die demokratischen Kandidaten in fünf der sieben Bundesstaaten, die bisher von den Republikanern gehalten wurden, vorn. Die Demokraten führen in Kansas, Maine, Ohio und Texas und haben einen knappen Vorsprung in Alaska. In Iowa liegen sie praktisch gleichauf mit den Republikanern.

Seit 1988 wurde in Texas kein Demokrat mehr in den Senat gewählt, in Kansas zuletzt im Jahr 1932. Der rechtsradikale Steve Bannon sagte: «Wenn Texas verloren geht, geht alles verloren.»

Doch die Demokraten müssen nicht nur mindestens vier bisher von den Republikanern gehaltene Sitze dazugewinnen: Sie müssen auch ihre eigenen bisherigen Sitze verteidigen.

«85-prozentige Chance»

Besonders umstritten ist der Sitz in Michigan. Doch gemäss der «New York Times» liegt dort der sehr linke Kandidat Abdul El-Sayed, ein Mediziner, mit einem zweistelligen Prozentvorsprung vorn. Ob ihm der Querschuss der rachsüchtigen demokratischen Kongressabgeordneten Haley Stevens schadet, ist eher unwahrscheinlich. Sie, die Demokratin, hatte am Wochenende den Republikaner Mike Rogers zur Wahl empfohlen. Der renommierte Statistiker und Analytiker Nate Silver schreibt am Montag in seinem «Silver Bulletin», El-Sayed habe eine 85-prozentige Chance zu gewinnen. Es sei «unwahrscheinlich», dass das «Debakel von Haley Stevens» daran etwas ändern werde.

Einen Tag nach Haley Stevens' überraschendem Querschuss verzeichnete das Wahlkampfteam von El-Sayed seinen bisher erfolgreichsten Tag bei der Spendensammlung. In einem CNN-Interview hatte Haley Stevens Mühe bekundet, ihren Affront zu verteidigen. Stevens hatte die Vorwahl gegen El-Sayed verloren. Trump nannte El-Sayed einen «Jihadisten» und einen Mann, der Amerika in «eine kommunistische Hölle» verwandeln wolle.

Überschätzte Demokraten?

Ist den Meinungsumfragen zu trauen? Schon mehrmals hatten sie Trump abgeschrieben, und schon mehrmals gewann er dann. Überschätzen auch diesmal die Umfragen die Demokraten?

Die Meinungsforscher der Siena University betonen, dass sie ihre Methoden angepasst und verfeinert hätten. Zudem weisen andere Faktoren auf eine Krise bei den Republikanern hin. Trump weist miserable Beliebtheitswerte auf. Immer mehr Republikaner distanzieren sich von ihm. Auch gewählte republikanische Politiker wollen nicht mit ihm auftreten, weil sie fürchten, dass ihnen das schaden könnte. 

Höchster Benzinpreis an einem Wahltag

Der Iran-Krieg ist extrem unpopulär. Trumps Aussenpolitik wird als erratisch bezeichnet. Die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und die hohen Benzinpreise belasten die ganze Nation. Noch nie waren an einem Wahltag Benzin und Diesel so teuer wie jetzt: 4,17 Dollar pro Gallone. Dazu kommt die Korruption. Während sich der Trump-Clan mit Milliarden bereichert, kämpfen Millionen Bürgerinnen und Bürger ums tägliche Überleben.

Dass Trump mehr und mehr die Nerven verliert und Leute vor laufenden Kameras aufs Übelste anschnauzt, trägt ebenfalls nicht zu einem präsidialen Image bei. Und dass er am Tag vor den Wahlen in einem Interview mit der New York Post eine Niederlage in Betracht zieht, spricht auch nicht für seine Siegeszuversicht.

Meinungsforscher weisen darauf hin, dass in den letzten Monaten etwas in Bewegung geraten ist. Auch in traditionell konservativen Bundesstaaten wie Kansas, Texas, Iowa, Alaska, Ohio und sogar South Carolina haben die Republikaner Federn gelassen. Hat Trump den Bogen überspannt? Vor zwei Jahren hatte er in diesen Staaten noch einen Vorsprung von teils zehn Prozentpunkten und mehr.
 

Siehe auch: Journal 21: Endspurt


«Meinungsumfragen sind grundsätzlich ungenau»

Noch haben die Demokraten nicht gewonnen. Noch ist es möglich, dass die Befragungsinstitute wie so oft ein falsches Bild gezeichnet haben. Selbst die Meinungsforscher der New York Times und der Siena University sind vorsichtig: «Meinungsumfragen sind grundsätzlich ungenau und unterliegen zahlreichen Fehlerquellen», sagt Nate Cohn, der leitende politische Analyst der New York Times.

Also: Wer die Wahlen heute gewinnt, ist noch längst nicht sicher. Sicher aber ist, dass Trump eine Niederlage nicht akzeptieren wird. Er wird poltern, Einspruch erheben, Klage einreichen, die Wahlbehörden unter Druck setzen, Neuauszählungen verlangen und einschüchtern. Er wird erklären, die Wahlen seien gestohlen und gefälscht. Wird er auch – wie gehabt – Anhängerinnen und Anhänger mobilisieren und zum Aufstand aufwiegeln? Sollte er verlieren, könnten die nächsten zwei Jahre turbulent werden. 

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