Ist Putin wirklich so mächtig?

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Ist Putin wirklich so mächtig?

Von Roman Berger, 03.01.2018

Jetzt wird es auch demokratisch gesinnten Stimmen in Russland zu viel: Die USA und Europa sind zu stark auf Russland fixiert und schaden damit der russischen Opposition.

Seit Monaten machen Politiker und führende Medien in Europa und in den USA den russischen Präsidenten für alle erdenklichen Krisen verantwortlich: Putin und nicht die amerikanischen Wähler haben Donald Trump an die Macht gebracht. Auch beim Brexit hat der Kreml die Finger im Spiel, denn er will die Europäische Union schwächen. Ja sogar die Separatisten von Katalonien werden von Russland unterstützt. Egal, welche Krise den Westen trifft, Putin mischt sich immer ein. „Putin führt Krieg gegen den Westen“, hiess es in der  NZZ (13. Mai 2017).

Putins härteste Kritiker gegen Russophobie

Jetzt ist die Russophobie des Westens sogar für Putins härteste Kritiker in Russland zu viel geworden. Liberal denkende russische Stimmen, die sonst demokratische Werte des Westens hochhalten, sind überzeugt, diese Art von westlicher Kritik mache Putin stärker als er ist und schwäche die russische Opposition. Klartext spricht Gleb Pawlowsky. Als Berater Putins spielte Pawlowsky im Kreml bis zu seinem Rücktritt 2011 eine wichtige Rolle. Heute meint er sarkastisch: „Wir machten offenbar einen Super-Job während den ersten Putin-Jahren. Wir erweckten den Eindruck, dass Putin in Russland alles kontrolliert. Und heute glauben viele Amerikaner tatsächlich, Putin ist für alles verantwortlich.“ (Dekoder.org)

„Können wir das wirklich?“

In einem Gastkommentar der FAZ schrieb der bekannte russische Publizist Fijodor Lukyanow: „Die Behauptungen im Westen, Putin manipuliert die Wahlen auf der gesamten Welt und versucht, die westliche Demokratie zu untergraben, ruft in Russland Kopfschütteln hervor. Können wir das wirklich? Denn, wenn es bei uns tatsächlich so hochqualifizierte Spezialisten gibt, warum sind dann keine Spuren ihres Talents innerhalb Russlands zu erkennen? Wo nichts so funktioniert, wie es soll, und die Bürokratie Rekorde beim Papierkrieg und der Ineffizienz aufstellt?“

Plötzlicher Rollenwechsel

Es ist, als hätte plötzlich ein Rollenwechsel stattgefunden. Nach dem Untergang der Sowjetunion war Russland schwach, fühlte sich umzingelt vom mächtigen Westen, der die Nato und die EU nach Osten ausdehnte. In Russland selber sorgten die Amerikaner dafür, dass der russische Präsident Boris Jelzin 1996 dank Wahlfälschungen wieder gewählt wurde. Mit Recht beklagte sich die damalige russische Opposition, der Westen mische sich in Russlands interne Angelegenheiten ein und verhindere einen Machtwechsel. Nun wird Russland Ähnliches vorgeworfen. Moskau destabilisiere den Westen und zwinge ihm seinen Willen auf.
 
„Trump ist nicht Russlands sondern Amerikas Problem“

Ivan I. Kurilla, ein Amerikaexperte an der Europäischen Universität in St. Petersburg, einer Hochburg liberalen Denkens in Russland, sieht die gegenwärtige Krise im historischen Kontext: „Regelmässig beschuldigen Amerikaner Russland, wenn sich ihre eigene Identität in einer Krise befindet ... Heute ärgern sich liberale Amerikaner über Trumps Sieg. Sie verstehen nicht, dass Trump ein Produkt Amerikas ist. Stattdessen versuchen sie, Trump als etwas darzustellen, das von Russland inszeniert worden ist. Trump ist aber nicht Russlands sondern Amerikas Problem.“ (Why  Putin's Foes deplore U.S. Fixation on Election Meddling. Andrew Higgins, New York Times. November 24. 2017.)

Den Kreml freut es

Leonid Volkov, ein führender Mitarbeiter des russischen Oppositionspolitikers Alexei Navalny, ist überzeugt, die Anschuldigungen, Moskau habe Trump zum Wahlsieg verholfen, würden in Wirklichkeit dem Kreml gefallen. „Putin und seine Leute fühlen sich als Helden, als eine Art James Bond. Dieses Bild vom grossen Strategen Putin, der Russland in der Welt von Triumph zu Triumph führt, wird von den staatliche kontrollierten Medien verbreitet.“
 
Die andauernde Jagd nach einer unsichtbaren Hand hinter Präsident Trumps Wahlsieg beunruhigt vor allem liberal denkende russische Journalisten. Oleg Kashin, ein Kreml-kritischer Journalist, schreibt in der russischen Internetzeitung Republic.ru: „Das im Westen, vor allem in den amerikanischen Medien konstruierte Image von Putins Russland schockiert den kritischen Leser in Russland.“ Die amerikanischen Medien verstünden nicht, wie Russland funktioniere. „Marginale Opportunisten und Geschäftsleute mit eigenen Interessen werden in den Vordergrund gedrängt, als ob sie von Putin kontrolliert werden.“

Ähnlich sieht es Michael Idov, ein russisch-amerikanischer Drehbuchautor: „Die Amerikaner sehen Russland als eine von oben nach unten kontrollierte, fein geölte Machtmaschine. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Russland gleicht einem baufälligen Haus, in dem heftige Machtkämpfe um Ressourcen und um die Gunst des Präsidenten stattfinden.“
 
„Eine improvisierte Aktion mit kleinem Budget“

Anders argumentiert der bekannte russische Journalist Andrei Soldatow, der über gute Kontakte zu Russlands Geheimdiensten verfügt. Soldatow ist überzeugt, dass russische Hacker im amerikanischen Wahlkampf im Einsatz waren, er macht aber auf die bescheidenen Mittel der Aktion und die ungewöhnliche Zusammensetzung der Hacker aufmerksam.

Die Hacker stammten aus zwei verschiedenen Organisationen (Militärgeheimdienst und Auslandsgeheimdienst), die nichts voneinander gewusst hätten. Soldatow glaubt, das in Washington herrschende Chaos habe den russischen Hackern geholfen: „Sie warfen Spaghetti an eine Wand und beobachteten, was davon kleben bleibt.“ (Soldatow). Der Versuch, die amerikanischen Wahlen zu manipulieren, sei ein Produkt von Improvisation mit einem kleinen Budget gewesen. (agentura.ru)

Putin hat keinen Masterplan

Die Russophobie im Westen macht Wladimir Putin zu einem Superman. Die realen Kräfteverhältnisse sprechen aber eine andere Sprache: Russland hat weder die wirtschaftlichen noch die technologischen Möglichkeiten, den Westen herauszufordern. Das Land befindet sich in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Putin hat keinen „Masterplan zur Uebernahme der Weltherrschaft“, wie im Westen oft behauptet wird. Dazu fehlt es Russland an Ressourcen und auch am politischen Willen.

Kommentare

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Dass im Westen eine Russland Phobie grassiert ist seit langem offenkundig. Unabhängige Geister wie J21, die ich achte und schätze, beleuchten nun das Thema. Ich hoffe, dass das Ausdruck einer neuen, ernsthafteren Auseinandersetzung mit Russland ist als das billige Putin Bashing.

Ums Himmels Willen, Putin ist kein Heiliger! Und die Ukraine hat ein grosses Land im Nacken.

Korrekterweise müsste man aber auch die folgenden Tatsachen auf die Waagschale legen:
Kohl versprach Gorbatschov 1989 die Nato werde nicht erweitert...
Die von Russen bewohnte Krim, Zentrum der sowjetischen Militärmacht Richtung Süden, wurde von Chruschtschov aus unerfindlichen Gründen von der russischen Administration an die ukrainische überschrieben....

Und vergessen wir nicht
Trump wurde von den Amerikanern gewählt...
Für den Brexit stimmten die Engländer...
Es ist der spanische Nationalstaat, der die Katalonen nicht ernst nimmt...

Es scheint mir, Putin wird von den westlichen Regierungen auf Vorrat als Sündenbock aufgebaut, um Ablenkung in der Hand zu haben, wenn die konfuse, unreflektierte aber tiefe Verunsicherung ihrer eigenen Bevölkerung Feuer fangen sollte.

Diese sogenannten demokratisch gesinnten Stimmen aus Russland scheinen ihre Kritik an den westlichen Medienkampagnen sehr vorsichtig zu wählen.
Meiner Meinung ist die Berichterstattung über Russland längst mit Kriegspropaganda zu bezeichnen. Man muss sich nur einmal mit den Studien vom 1. Baron Ponsonby of Shulbrede oder von Anne Morelli zum Thema Kriegspropaganda befassen um dies zu erkennen.

Schade, dass dem Schreckensbild "Zar Putin" nun eine durchgehende Verharmlosung entgegengesetzt wird vom hochgeschätzten Korrespondenten B. Bereits gibt es drei Staaten, denen ein Stück amputiert wurde mit bleibender Besatzung. Die Ukraine ist nur der krasseste Fall (bis hin zum FlugzeugAbschuss mit russ. Raketen). Die Krim annektiert. Die Lügenpropaganda, die selbst im Westen Gläubige findet. Das Ausgreifen nach Syrien mit den massivsten Bombardierungen von Wohngebieten, Spitälern ...
Wo in der Welt gibt es eine Steigerung zu dieser raffiniert kaschierten Despotie auf der Bühne internat. Politik, vor der sich mehrere Länder ganz konkret fürchten müssen.....?
Und wie sieht ein fairer Umgang mit dem Präsidenten eines grossen Landes aus, bei dem der Verdacht der Lüge omnipräsent sein muss?
Er ist auch in seiner möglicherweise durchaus realen Schwäche noch gefährlich!
A.Imhasly

Putin hat weder die wirtschaftlichen noch militärischen Mittel für einen "Masterplan zur Uebernahme der Weltherrschaft“, noch auch den politischen Willen dazu. Trotzdem wird solcherlei Zeugs selbst in den seriösesten Medien beharrlich gepredigt. Damit hält man die Rüstungsindustrie am Laufen und provoziert im schlimmsten Fall einen grossen Krieg.

Der geschätzte Kommentarleser bilde sich sein Urteil. Eine Vernunftstimme und zwei Putin–Apologeten.

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