Indien ist anders

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Indien ist anders

Von Bernard Imhasly, 16.11.2020

Einmal mehr schert Indien aus. Dies betrifft nicht nur den Verlauf des Corona-Virus. Noch mehr gilt es für dessen politische Auswirkungen.

An diesem Wochenende feierte Indien Diwali. Wie Weihnachten ist es ein Lichtfest, zur Zeit des dunkelsten Neumonds des Jahrs. Es ist aber auch ein Konsumfest, wobei es Letzteres noch religiös verbrämt: Die Kerzen in den Fenstern sollen Lakshmi willkommen heissen, die Göttin des Reichtums.

Dazu passt, dass am Tag vor Diwali die Geldmaschine mit einer Puja-Zeremonie verehrt wird: Münzen und Banknoten, Kontobücher, Rechengeräte, Tresore, Computer und Börsenpapiere bekommen alle einen roten Punkt aufgesetzt und eine Girlande umgehängt. Wenn es Geschenke gibt, dann nur aus einem Material – solidem Gold.

Die zweieinhalb Monate Festzeit, die mit Diwali ihren Höhe- und Schlusspunkt findet, generiert im Detailhandel rund vierzig Prozent des jährlichen Umsatzes. Dieses Jahr lautete die bange Frage von Millionen Ladenbesitzern, ob die Pandemie den negativen Schlusspunkt unter ein miserables Jahr setzen und vielen endgültig den Garaus machen würde.

Bis 30 Prozent mehr

Doch Lakshmi meint es gut mit ihren Verehrern. Seit Tagen schon finde ich in meinem elektronischen Postfach Bilder von Menschenmassen, die sich durch die abendlichen Basaar-Strassen von Delhi oder Kolkata drängen – und nur eine Minderheit trägt Masken.

Erste Umsatzzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Wirtschaftszeitung Mint zitierte am Samstag Statistiken der Branchenverbände, die nicht nur eine Erholung anzeigen, sondern ein Netto-Wachstum. Die Verkäufe gegenüber dem Vorjahr steigen, manchmal um über dreissig Prozent. Diese Zahl wurde bei den  Haushaltgeräten und der Heim-Elektronik festgestellt. Aber auch die Auto- und Motorrad-Industrie scheint den Ausfall der Vormonate mehr als wettzumachen.

Lediglich Textilien und Schmuck schreiben weiterhin rote Zahlen. Es ist vermutlich das Resultat des Verbots grosser Hochzeitseinladungen, die gerade an Diwali Konjunktur haben. Allein in Delhi können an einem astrologisch besonders günstigen Tag bis zu 16’000 Hochzeiten stattfinden. Mit Gästezahlen in dreistelliger Höhe und den typischen Geschenken von Saris und Goldschmuck tragen sie zum alljährlichen Diwali-Konsumrausch bei.

„The curve ist flattening“

Und die 44’000 täglichen Covid-Neuansteckungen, die über 500 Toten, und die Kurve von Infektionen landesweit, die sich rasch der Zehn-Millionen-Marke nähern? Für immer mehr Inder – und die Regierung mit ihnen – ist das Glas aber nicht halbvoll, sondern halbleer: Vor zwei Monaten noch waren jeden Tag beinahe 100’000 Neu-Infizierte gezählt worden, mit über 1200 Toten. „The curve ist flattening“, jubelt die Covid-Behörde ICMR.

Zu diesem Optimismus gesellt sich – wie überall auf der Welt – die Übermüdung durch die Einschränkungen, von Gesichtsmasken bis zu Personenkontrollen, namentlich im öffentlichen Verkehr. Dazu kommt die alltägliche Erfahrung eines armen Landes, dass Armut vor allem Eines bedeutet: enge Wohnverhältnisse, ein marodes Gesundheitssystem und ungenügende staatliche Dienstleistungen: bei jedem Zapfhahn für Wasser drängen sich in den Slums tagein-tagaus Menschentrauben.

Inzwischen argwöhnen immer mehr Epidemiologen, dass sowohl Staat wie Volk sich damit abfinden, dass bald einmal die ganze Gesellschaft verseucht sein wird. Die New York Times zitierte am Donnerstag erste Studien, die vermuten lassen, dass die Durchseuchung bereits weit fortgeschritten ist. Im Bundesstaat Karnataka soll ein Viertel der sechzig Millionen Einwohner bereits infiziert worden sein: eine landesweite Studie geht noch weiter und spricht von einem Drittel der indischen Bevölkerung: 450 Millionen Infekte.

Die Mehrheit hält zu Modi

Die relativ tiefe Sterblichkeitsrate – 129’000 Tote auf 8.5 Millionen Positiv-Tests – gibt der Regierung den Vorwand, ihre Anstrengungen verstärkt auf die wirtschaftliche Erholung statt den gesundheitlichen Bevölkerungsschutz zu setzen. Damit kann sie auch die Kritik aus der Wissenschaft abwimmeln, die den offiziellen Testzahlen skeptisch gegenübersteht. So werden bei den rund 1,1 Millionen täglichen Tests über 40 Prozent über das Vorhandensein von Antigenen im Blut festgestellt.

Sie erhalten aber auch in der Öffentlichkeit immer weniger Gehör. Dies könnte sich allerdings ändern, wenn die fallenden Zahlen, kombiniert mit dem wachsenden Überdruss, in Kürze genau jene zweite Welle ins Rollen bringen, wie dies nun in Europa und den USA geschehen ist.

Aber selbst wenn dies ein Massensterben von historischem Ausmass bewirken sollte, muss die Regierung weder Aufruhr noch politische Umwälzungen befürchten. Premierminister Modi, der sich inzwischen einen langen – glücklicherweise weissen – Asketenbart zugelegt hat, geniesst weiterhin die Unterstützung einer grossen Mehrheit der Bevölkerung.

Lockdown: zu harsch

Eine kürzliche nationale Umfrage des (linksliberalen) Centre for the Study of Developing Societies (CSDS) unter 23’500 Personen förderte Erstaunliches zutage: 90 Prozent der Befragten hatten zum Teil grosse Schwierigkeiten gehabt, ihre Nahrungsversorgung sicherzustellen; 44 Prozent von ihnen beschrieben den Würgegriff des Lockdown denn auch als „zu harsch“.

Aber 50 Prozent meinten, die Massnahmen seien richtig gewesen, mehr noch: Sie hätten härter ausfallen sollen. Auch das tägliche TV-Trauerspiel von Millionen Migranten auf der Flucht, und das Fehlen – zumindest in den ersten drei Wochen – staatlicher Hilfe hatten die Meisten bereits weggesteckt: 73 Prozent gaben der Regierung ein „gut“ bis „sehr gut“.

Man könnte (besonders nach der Erfahrung der kürzlichen US-Wahlen) meinen, dass Umfragen eben unzuverlässig sind. Doch die Skeptiker erhielten in den letzten Tagen den ultimativen demokratischen „Wahrheitsbeweis“ serviert: Wahlresultate, mit einem Sieger: Narendra Modi.

Auch wenn er alles falsch macht

Bihar, der Gliedstaat mit der grössten Zahl von Arbeitsmigranten, wählte sein Landesparlament. Allgemein war erwartet worden, dass die Koalitionsregierung mit der BJP als Minderheitspartnerin einen Rüffel bekommen würde. Das Gegenteil traf ein: Die Parteienallianz wurde mit einer soliden Mehrheit bestätigt. Die Sitzmehrheit war zwar etwas gesunken, aber nicht wegen der BJP: Diese errang mehr Sitze und sah sich plötzlich als dominierende Allianzpartnerin.

Wer die landesweite Relevanz einer Provinzwahl immer noch in Frage stellte, konnte sich das Resultat der gleichzeitigen Nachwahlen in dreizehn  Bundesstaaten ansehen: Von den insgesamt 58 Sitzen, um die gekämpft wurde, sicherte sich die Partei Modis 36.

Nicht nur die Opposition, auch zahlreiche Experten und Journalisten, müssen endgültig zur Kenntnis nehmen, dass Premierminister Narendra Modi einmal mehr gezeigt hat, dass er alles falsch machen kann – und die Inder schauen trotz zu ihm auf.

Charismatischer Populismus

Bereits die verhängnisvolle Demonetisierung von 2016, die gerade die Ärmsten schwer traf, führte im grössten und ärmsten Bundesstaat des Landes zu einem überwältigenden BJP-Sieg. Und vor anderthalb Jahren errang Modi einen ebenso eindrücklichen Sieg in der nationalen Volkswahl, obwohl das Wirtschaftswachstum nach fünf BJP-Regierungsjahren einen Tiefstand erreicht hatte.

Man könnte Vergleiche ziehen mit den US-Wahlen. Auch dort vermochte der abtretende Präsident nach einer chaotischen Amtszeit mit sehr wenigen politischen Erfolgen beinahe die Hälfte der Stimmenden hinter sich scharen. Und man könnte aus beiden Fällen folgern, dass es der charismatische Populismus der beiden Amtsträger ist, der wichtiger scheint als der magere Leistungsausweis.

Der Politologe Neelanjan Sircar hat in einem kürzlichen Papier argumentiert, dass autokratischer Populismus – die Projektion eines starken Volkstribuns – tatsächlich ein wesentliches Element dieser Politik ist. Ebenso wichtig ist aber auch die Kontrolle und systematische Beeinflussung der Information, die den Bürger täglich erreicht. Ziel dieser Manipulation ist es, den Eindruck von Konfusion und Unsicherheit in der heutigen Welt zu verstärken und sich im Gegenzug als ruhender Pol der Stabilität zu präsentieren.

Dem amerikanischen Ex-Präsidenten ist dies nicht gelungen. Mit seinen Twitter-Gewittern und der  angeschlossenen „Fakery“-Fabrik konnte er zwar die Unsicherheit des Stimmbürgers erfolgreich verschärfen. Aber es gelang ihm nicht, sich dagegen als Garant von Stabilität und Führungsstärke zu verkaufen.

Modi ist dieser Spagat gelungen. Er tut es so gut, dass in einem Land voller ökonomischen Elends nicht der Slogan „Vikaas“ – wirtschaftliche Entwicklung – matchentscheidend ist, sondern „Vishwas“: Vertrauen. Es ist ein gutes Diwali-Fest für den Premierminister. Ob Lakshmi mitspielt, muss sich noch zeigen. 

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