Huai He - Alles im Fluss

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Huai He - Alles im Fluss

Von Stephan Wehowsky, 09.11.2012

Über das Leben in China abseits der Metropolen wissen wir wenig. Der Schweizer Fotograf Andreas Seibert hat das Gebiet des Huai Flusses bereist und erzählt eine traurige Geschichte.

Diese Geschichte handelt von den unvermeidlichen Folgen einer geradezu wilden Industrialisierung. Wild ist diese Industrialisierung, weil sie in einem Stadium steckt, in dem eine Begrenzung der katastrophalen Umweltschäden entweder noch gar nicht möglich ist oder erst ganz am Anfang steht.

Das war in Europa nicht besser. Landschaften wurden ruiniert, und in den Flüssen starben die Fische. Dazu kamen die sozialen Verwerfungen. Im 19. Jahrhundert wurden zumindest in den englischen Bergwerken Kinder zur Arbeit unter Tage herangezogen. Eine der eindringlichsten Reportagen aus jener Zeit stammt von George Orwell und schildert das Elend der Bergleute im nordenglischen Industriegebiet: „The Road to Wigan Pier“.

Durch Blaualgen verschmutztes Wasser des Chao Sees. Provinz Anhui, 2011 © Andreas Seibert
Durch Blaualgen verschmutztes Wasser des Chao Sees. Provinz Anhui, 2011 © Andreas Seibert

Es ist diese Reportage, an die die Bilder und lakonischen Kommentare von Andreas Seibert erinnern. Seine Bilder spannen einen Bogen von der Quelle des Flusses Huai mit allen Herrlichkeiten der schönen Natur bis zum „Normalzustand“ der Verseuchung und Vergiftung, an dem Mensch und Tier unsäglich leiden.

In den Bildern kommt etwas zum Ausdruck, das wohl nur ein sensibler Fotograf so unmittelbar erzählen kann: die condition humaine in einem Land, das in der Vergangenheit nicht mehr leben kann, aber von der lebenswerten Zukunft noch weit entfernt ist. Man sieht die Menschen in ihrer Trostlosigkeit, aber alle erzählen sie in ganz unterschiedlicher Weise mit ganz unterschiedlichen Zeichen, dass sie sehr wohl um das Lebenswerte wissen, das sie einmal erlebt haben oder irgendwie und irgendwo einmal zu finden hoffen.

Strassenszene in einem Dorf ausserhalb von Luohe. Provinz Henan, November 2011, © Andreas Seibert
Strassenszene in einem Dorf ausserhalb von Luohe. Provinz Henan, November 2011, © Andreas Seibert

Es ist eine Art Trauerarbeit, die Andreas Seibert mit seinen Kameras verrichtet. Die Bilder haben etwas Bedächtiges und tatsächlich sind sie mit einer Kleinbild- und einer Mittelformatkamera auf Film aufgenommen worden. Die weitere Verarbeitung erfolgte natürlich digital, aber im Moment der Aufnahme hat sich der Fotograf ganz bewusst auf die mit dem analogen Medium verbundenen Grenzen beschränkt.

Andreas Seibert, Jahrgang 1970, lebt seit 1997 in Tokio. Im Jahr 2008 veröffentlichte er einen stark beachteten Band über Chinas Wanderarbeiter: „From Somewere to Nowhere – China´s Internal Migrants“. Für seinen neuen Band bereiste er nicht nur den mehr als 1000 Kilometer langen Huai Fluss von der Quelle bis zur Mündung, sondern auch das Gebiet seiner zahlreichen Nebenflüsse. Hier leben mehrere Millionen Menschen.

In seiner Einführung zur Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz fragte der Kurator Peter Pfrunder, ob man sich am Farbenspiel eines Flusses freuen dürfe, „wenn man die Ursachen dafür kennt?“ Tatsächlich fotografiert Andreas Seibert die Umweltschäden so, wie man sonst Naturschönheiten fotografiert. Aber auch die Kormoranfischer erscheinen auf dem Bild von Seibert im ersten Augenblick wie eine Idylle, bis sich die Erkenntnis ihrer hoffnungslosen Situation wie ein Albdruck auf den Betrachter legt.

Kormoranfischer auf dem Fluss Quan. Fuyang, Provinz Anhui, 2011, © Andreas Seibert
Kormoranfischer auf dem Fluss Quan. Fuyang, Provinz Anhui, 2011, © Andreas Seibert

Die Frage von Pfrunder trifft nicht nur den ästhetischen Punkt. Sie zielt auch auf die existenzielle Ebene der Arbeit von Seibert: Wie ist Freude inmitten der Krankheiten, ausgelöst durch die Vergiftung des Flusses, und inmitten des Mangels möglich? Der Betrachter erlebt den Mangel durch die Darstellung des Hässlichen, des Zerstörten unmittelbar. Die Frage wird er kaum beantworten können.

Aber Seibert zeigt einen Kontrast, der einen erschaudern lässt. Dieser Kontrast entsteht, weil China tatsächlich auf dem grossen Sprung nach vorn ist. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur sucht weltweit seinesgleichen. Auch davon handeln die Bilder Seiberts. Er selber ist mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Shanghei nach Hefei gereist. Dabei entstand das Bild einer Chinesin, die ganz offensichtlich einen sozialen Aufstieg geschafft hat.

Im Hochgeschwindigkeitszug zwischen Shanghai und Hefei. Provinz Anhui © Andreas Seibert
Im Hochgeschwindigkeitszug zwischen Shanghai und Hefei. Provinz Anhui © Andreas Seibert

Was diese Chinesin denkt und fühlt, können wir nur erahnen. Eines aber dürfte ziemlich sicher sein. Für die neuen Bilder von Andreas Seibert, wie sie von der Fotostiftung Schweiz in Winterthur gezeigt werden, würde sie sich kaum interessieren.


Andreas Seibert, Huei He - Alles im Fluss, bis 17. Februar 2013, Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45, 8400 Winterthur

Andreas Seibert, The Colors of Growth. China´s Huai River, Lars Müller Publishers GmbH, Zürich 2013

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