Hochzeitsfieber in Alibagh

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Hochzeitsfieber in Alibagh

Von Bernard Imhasly, Bombay - 27.05.2013

In Alibagh hat endlich die Mango-Saison begonnen. Die Ernte ist nicht besonders ergiebig, aber die Qualität der Alfonsos ist hervorragend.

Der Biss in das weiche, feste Fruchtfleisch ist einer der erotischsten Genüsse, den Essen bieten kann. Man schliesst unwillkürlich die Augen, ganz gefangen von den Geschmacksklängen, die im Gaumen explodieren.

Selbst das Feiern dieser wunderbaren Frucht verblasst jedoch vor dem völligen Eintauchen in das soziale Fest der Eheschliessung. Dieser Tage findet praktisch jeden Tag in einem der umliegenden Weiler von Awas eine Eheschliessung statt. Auf den Strassen sieht man Gruppen von Frauen, in glitzernden Saris und weissen Jasminblüten im Haar, auf der Ladefläche von Traktoren und Lastwagen stehen, dichtgedrängt und ohne unsere westliche Scheu, ihre Freude zur Schau zu tragen. Die Bazare sind voll von Käufern, denn Hochzeitsgeschenke – meist sind es Haushaltgeräte und Saris – sind ebenso Teil des Fests wie das Verknoten der Kleider von Braut und Bräutigam und die siebenmalige Umrundung des Feuers.

In einer Dorf-Hochzeit ist grundsätzlich immer jedermann eingeladen. Dies macht den Mai nicht nur zum arbeitsfreien Monat, es ist zudem eine Zeit mit viel Ausgaben und wenig Einnahmen. Denn neben den Geschenken kommt ein Geldumschlag hinzu. Damit jeder so viel spendet, wie seinem Rang (und seiner Beziehung zur Hochzeitsfamilie) zukommt, werden Betrag und Gebername vor aller Augen nachgeführt und an manchen Orten sogar verlesen. Dafür gibt es Tee und kalte Getränke, ein Nachtessen, sowie, in einem schamhaft mit Tüchern abgesonderten Geviert für die Männer, Gebrautes aus dem Hinterhof.

Lustige Verse über eheliche Pflicht und Lust

In diesen Tagen sehen wir unser Haushälter-Ehepaar praktisch nur noch am Morgen. Viraj bringt Amita an eine Puja; an die Mehndi-Zeremonie mit dem kunstvollen Bemalen von Händen und Armen; oder zum ‚Sangeet‘, in dem sich Freundinnen und Schwestern von der Braut verabschieden, mit traurigen Liedern, aber auch anspielungsreichen lustigen Versen über eheliche Pflicht und Lust.

Viraj selber hat eine Marktlücke entdeckt, die er ungeniert ausbeutet, berufliche Pflichten bei uns hin oder her. Die Video-Aufzeichnung von Hochzeiten ist auf dem Land noch kaum bekannt, und so hat er in eine Kamera und ein Scheinwerfergerät investiert, filmt das mehrtägige Fest und lässt aus dem Material eine Reihe von DVDs pressen, die er an Familie und Freunde des Brautpaars verkauft.

Astrologische Kalkulationen

Die schiere Zahl von Hochzeiten mit ihren zahlreichen Serviceleistungen vom brahmanischen Zeremonienmeister bis zum Hersteller von ‚Country Liquor‘, macht aus der Hochzeitssaison einen wichtigen ökonomischen Faktor. Für eine Familie, die ihrer sozialen Pflicht nachkommt und quasi auf jeder Hochzeit tanzen geht, sind die Nettokosten recht hoch. Dennoch sind die Eingeladenen mit einer Hingabe dabei, als gäbe es keinen Tag danach.

Wie oft bei unsinnigen und kostspieligen Bräuchen braucht es wenig, um deren Logik zu entdecken. Warum finden die meisten Hochzeiten ausgerechnet im Mai statt? fragte ich einen Brahmanen-Priester. Erwartungsgemäss erklärte er, die Gestirnskonstellation sei eben besonders verheissungsvoll für Eheschliessungen. Aber eine Kurzumfrage unter Bekannten in der nahen Stadt Bombay ergab, dass dort die günstigen Hochzeitstermine im Winter liegen, ebenfalls aufgrund astrologischer Kalkulationen.

Keine Hitzeferien auf dem Land

Nicht nur die Götter, auch die Gestirne sind flexibel. Im Fall Bombays ist der Mai ungünstig, denn die Hitze und die Schulferien erlauben vielen Familien die Flucht aus der Stadt. Eine Hochzeitsfeier könnte rasch auf den harten Familienkern schmelzen, keine gute Aussicht für eine Gesellschaft, in der Hochzeiten eine Gelegenheit sind, soziale Netze zu knüpfen oder diese zu festigen.

Auf dem Land dagegen gibt es keine Hitzeferien. Jede Hochzeitsfeier kann daher mit einem ‚full house‘ rechnen. Zudem ist es die Zeit, in der ökonomisch nichts passiert, ausser Mangos pflücken und essen. Für Gemüseanbau ist es zu spät, die ausgetrockneten Stoppelfelder brennt man nieder, und Menschen und Pflanzen warten auf die ersten Monsunregen, bevor dann im Juni Reisschösslinge gesetzt werden. Es ist die Zeit des ‚Timepass‘. Warum also das ‚Zeitverdrücken‘ nicht nutzen, um diese Zeit zur gesegneten zu erklären und so die Hochzeiten des Jahres über die Runden zu bringen?

Die Frau gehört der Familie des Ehemanns

Das heisst aber nicht, dass eine Hochzeitsfeier lediglich ein ‚Timepass‘ ist. Das erfuhren wir diese Woche, als unser Gärtner Sagar seiner geliebten Pinky das Ja-Wort geben wollte.

Sagar stammt aus einer armen Familie, die ins Dorf gezogen war, als seine Schwester einen Mann in unserem Nachbardorf Sasawne heiratete. Sie waren mittellos, und so kamen Sagar und seine Eltern beim Schwiegersohn unter. Das ist im patriarchalischen Indien verpönt, denn mit der Heirat gehört die Frau der Familie des Ehemanns, auch als ökonomischer ‚Asset‘. Wenn nun noch ihre Familie zum Schwiegersohn zieht, ist das ein untrügliches Zeichen, dass er schlecht geheiratet hat.

Dann lernte Sagar ein Mädchen vom nächsten Dorf kennen, und plötzlich drohte eine weitere Person den Haushalt von Sagars Schwager zu belasten. Dieser drohte, die ganze Familie samt Eltern aus dem Haus zu werfen, falls Sagar Pinky heiraten würde. Worauf Sagar zurückdrohte, dann werde er sich eben umbringen. Worauf die Eltern in Panik gerieten und das Haus ihres Schwiegersohns verliessen - und auf der Strasse standen.

Sagar und Pinky – mit erhobenem Haupt

Wir rieten den beiden Verliebten, Geduld zu üben. Warum nicht zuerst eine kleine Wohnung suchen, und dann heiraten? Auch die Eltern könnten dann zu ihnen ziehen. Nach einem Jahr war es soweit. Sagar und Pinky fanden eine winzige Wohnung, der Hochzeitstermin wurde angesetzt. Der Schwiegersohn sah sich übertölpelt. Er übte Druck auf den Dorf-Pujari aus, die beiden nicht zu trauen; auch die Gemeinschaftshalle war plötzlich schon anderweitig gebucht.

Die beiden liessen sich nicht abschrecken. Sie gingen zu einem Pujari in einem Dorf dreissig Kilometer hinter Alibagh. Er ist dafür bekannt, junge Leute zu trauen, die gegen den Willen der Eltern heiraten, meist weil sie unterschiedlichen Kasten angehören. Er sagte zu.

Am Samstag fand die Hochzeit statt. Die grosse Frage war: Würden nur ein paar Unerschrockene – darunter wir – zum Fest erscheinen, nachdem der Schwager praktisch den Hochzeitsboykott ausgerufen hatte? Es kamen über hundert Leute, von weither und obwohl sie wussten, dass es nichts zu essen und trinken gab.

Es zeigte mir, wie wichtig Hochzeiten für das Leben eines Dorfs sein können. Sagar und Pinky werden fortan mit erhobenem Haupt durch Sasawne gehen können. Und die Eltern? Sie werden noch eine Weile bei der Tochter wohnen, damit der Schwiegersohn sein Gesicht wahren kann. Dann werden sie zu den Neuvermählten ziehen.

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