Historische Umbrüche in Nahost

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Historische Umbrüche in Nahost

Von Heiko Flottau, 02.07.2017

Der im Juni verstorbene US-Historiker David Fromkin hat mit seinem Buch „Ein Friede, jeglichen Frieden zu beenden“ ein Schlüsselwerk über den Nahen Osten vorgelegt.

„Der Mittlere Osten von heute ist das, was die europäischen Mächte England und Frankreich nach dem ersten Weltkrieg daraus gemacht haben.“ Dies ist die Grunderkenntnis des kürzlich verstorbenen amerikanischen Historikers David Fromkin, die er im Jahre 1989 in seinem bahnbrechenden Buch „A Peace to End all Peace“ dargelegt hat.

Pflichtlektüre für ein Verständnis der Region

Das Werk ist noch heute, fast drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, Pflichtlektüre eines jeden, der sich ernsthaft mit der durch Kriege, Stammesfehden und Militärputsche geplagten Region beschäftigt. Fromkin vermittelt die Einsicht, dass die Religion, speziell der Islam, die nicht auszulöschende allumfassende Basis des familiären, gesellschaftlichen und politischen Lebens in der Region ist und auch bleiben wird. Jeglicher Versuch, diese soziologische DNA zu ändern, ist zum Scheitern verurteilt.

Fromkin schreibt: „Die europäischen Mächte der Epoche glaubten, dass sie das muslimische Asien in den fundamentalen Grundlagen seiner politischen Existenz ändern könnten. (...) Die Basis des politischen Lebens im Mittleren Osten – Religion – wurde von den Russen dadurch in Frage gestellt, dass sie den Kommunismus propagierten, und von den Briten, die Nationalismus bzw. dynastische Treue vorschlugen.“ Doch, schreibt Fromkin weiter, Khomeinis Iran und die gesamte schiitische Welt sowie die Muslimbruderschaft in Ägypten hätten sich mit dem Versuch, der islamischen Welt diese europäischen „Werte“ aufzuoktroyieren, nicht abgefunden.

Faktor Religion

Aus diesem grundlegenden Gegensatz – Religion oder Laizismus, nahöstlicher oder westlicher Lebensstil – resultieren, so muss man David Fromkin auch heute noch interpretieren, viele, aber durchaus nicht alle der nahöstlichen Konflikte. Der innerislamische Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten etwa ist zwar weitgehend hausgemacht, wiewohl auch hier die Kolonialmächte ihre teuflische Hand im Spiel hatten. So etwa lancierte die französische Kolonialmacht in ihrem Mandatsgebiet Syrien viele Mitglieder der alawitsch-schiitischen Minderheit in hohe Positionen beim Militär, um so durch eine Spaltung von der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft eine einheitliche syrische Front gegen das Kolonialregime zu verhindern.

Die damals geschaffenen Probleme dauern bis heute fort. Die sunnitische Muslimbruderschaft Syriens hat sich stets gegen das alawitische Minderheitenregime der Familie Assad gewehrt. 1982 etwa kam es in der Stadt Hama zum sunnitischen Aufstand, der vom Assad-Clan brutal niedergeschlagen wurde. Und derzeit bekämpfen sunnitische Terrorgruppen das alawitisch geprägte Minderheitenregime von Baschar al-Assad.

Faktor Nationalstaat

Die Grundlage für diese koloniale Fremdbestimmung einer ganz anders gearteten gesellschaftlichen Ordnung bildete das berüchtigte Abkommen zwischen dem britischen Diplomaten Mark Sykes und seinem französischen Kollegen Francois Georges-Picot. Die beiden beschlossen 1916 in einem damals geheim gehaltenen Abkommen die Aufteilung der Region nach kolonialen Kriterien. Voraussetzung für diese Politik war der erwartete und dann 1918 tatsächliche erfolgte Zusammenbruch des Osmanischen Reiches zufolge seiner Niederlage im ersten Weltkrieg. (Das Geheimabkommen wurde von Lenin nach dessen Machtübernahme in Russland der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht).

Die Diplomaten Sykes und Picot handelten nach einem bekannten Muster westlicher Kolonialpolitik. David Fromkin beschreibt dieses Muster so: „Überall sonst in der Welt – überall ausserhalb Asiens – mündete die europäische Besatzung in der Zerstörung einheimischer politischer Strukturen und deren Ersetzung durch neue Strukturen europäischen Zuschnittes. Die beiden Amerikas, Australien, Neuseeland und Afrika waren nicht mehr nach Stämmen geteilt, sie wurden eingeteilt, wie auch Europa, in Länder. Die Regierungsverwaltung fast des ganzen Planeten wurde nach europäischem Muster organisiert, nach europäischen Vorschriften und in Übereinstimmung mit europäischen Konzepten.“

Politischer Islam

Kein Wunder, dass sich Organisationen wie die Muslimbruderschaft gründeten (entstanden 1928 im ägyptischen Ismaelia am Suezkanal, dem Symbol britischer Kolonialherrschaft), welche dem zivilisatorischen Diktat des Westens ein autochthones Modell entgegensetzten. Die Besinnung auf den Islam war die Antwort auf den europäischen Kolonialismus – ebenso wie später, 1967, nach der verheerenden Niederlage der arabischen Welt im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel eine erneute Rückbesinnung auf die eigenen islamischen Wurzeln die Folge war.

1928 und 1967 waren die Geburtsstunden des politischen Islam, eines Islam alter, konservativer Prägung, und auch die Geburtsstunden islamistischer Gewalt. Schlaue europäische Politiker und Talkshowgäste fordern oft eine „islamische Reformation“ oder auch einen „Euroislam“. Eine schöne politische Forderung, aber in die Luft gestellt ohne jede Kenntnis der regionalen und kolonialen Gegebenheiten. Denn der europäische Kolonialismus hat dazu beigetragen, dass eine solche durchaus vorhandene Reformdiskussion in der islamischen Welt nie zum Durchbruch gekommen ist.

Westliche Doppelzüngigkeit

Allerdings ist die Reformresistenz auch in der muslimischen Welt tief verwurzelt. Der durch seine Ölvorkommen und nicht etwa durch seine kulturellen Leistungen mächtigste arabische Staat, Saudi-Arabien, unterstützt mit immensen finanziellen Mitteln weltweit alle konservativen islamischen Bewegungen. Gerade ist das Land der Zigtausend Prinzen dabei, im Jemen nicht nur eine schiitische Aufstandsbewegung zu bekämpfen, sondern auch die Grundlage der Lebensexistenz – landwirtschaftliche Einrichtungen etwa, Hospitäler – systematisch zu zerstören. Eine archaische Kriegführung, unterstützt von den USA und europäischen Waffenlieferungen, geduldet von der europäischen Welt, welche, wie David Fromkin in seinem Buch darlegt, dem Nahen Osten Demokratie und Menschenrechte bringen wollte.

Damit untrennbar verbunden ist das tiefe Ressentiment der arabisch-muslimischen Welt gegen die Doppelzüngigkeit europäischer Politik. In einem Beitrag für die New York Times schrieb David Fromkin im Jahre 2005, der Westen verfolge im Nahen Osten in erster Linie seine nationalen (Wirtschafts-)Interessen – sprich: die Sicherung der Ölzufuhr – und fördere nur zögerlich den Aufbau von Demokratie und Wohlergehen der von ihm regierten Völker.

„Eine Lektion ist klar“, schrieb David Fromkin, „die Aussichten in der muslimischen Welt wären heller, wenn sowohl das Zerstören (alter Ordnungen) und der Aufbau von etwas Neuem von den Muslimen selbst gemacht würde und nicht von uns. Die Berliner rissen ihre Mauer ab, aber wir stürzten Iraks Diktator, nicht aber die Irakis selbst.“ (Die Äusserung wurde sechs Jahre vor den arabischen Revolutionen von 2011 gemacht.)

Langsame historische Prozesse

Letztlich aber fordert David Fromkin Geduld. In einer längeren Passage am Schluss seines Werkes setzt sich der Autor mit der europäischen Geschichte auseinander. Es habe den Kontinent eineinhalb Jahrtausende gekostet, die Folgen des Zusammenbruches des Römischen Reiches, die, wie er es nennt, „poströmische Krise“ zu überwinden. Weitere 500 Jahre habe es gedauert, bis man sich entschieden habe, welche „Nationen“ auch berechtigt seien, eigene Staaten zu werden.

Auch habe es Jahrhunderte gedauert zu entscheiden, ob Katholiken oder Protestanten die Oberhand gewinnen würden, ob Papst oder Kaiser regierten, ob ein dynastisches Imperium, der Nationalstaat oder der Stadtstaat überleben werde und ob, zum Beispiel, ein Bürger von Dijon zur burgundischen oder zur französischen Nation gehöre. „Erst am Ende des 19. Jahrhunderts“, so David Fromkin weiter, „entwickelte sich mit der Gründung Italiens und Deutschlands eine allgemein akzeptierte Landkarte Westeuropas – 1500 Jahre nachdem die alte römische Landkarte begann, obsolet zu werden.“

Die gegenwärtige nahöstliche Krise, folgert David Fromkin, werde vielleicht nicht von so langer Dauer sein. Aber sie habe dieselben Ingredienzien wie die poströmische. Die Frage sei – im Mittleren Osten wie einst in der poströmischen Welt –, wie „verschiedene Völker so organisiert werden können“, dass sie in die Lage kämen, sich nach dem Zusammenbruch einer althergebrachten politischen Ordnung, „neue politische Identitäten zu schaffen“.

Worte, fast drei Jahrzehnte alt. Die Probleme, die sie umreissen, sind einer Lösung in dieser Zeit kaum näher gekommen.

David Fromkin: A Peace to End all Peace. Creating the Modern Middle East 1914–1922, erstmals veröffentlicht 1989

Kommentare

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Die Weltgeschichtlichen Betrachtungen erschienen 1905 aus Jacob Burckhardts Nachlass. Mit dem Propheten hatte er es gewiss nicht, dass er aber den „Wachabiten“ eine Fussnote widmete, ist bemerkenswert, um nicht zu sagen hellsichtig.

Als Sykes und Picot sich wie Leichenfledderer über das zerfallende Osmanische Reich hermachten, spielte Öl zwar schon eine strategische Rolle (die Dreadnoughts hatten Öl-gefeuerte Dampf-Turbinen), Öl war in der Gegend aber noch nicht entdeckt.

Anders war das, als sich FDR am 20. Februar 1945 mit Abdul Aziz traf (USS Quincy, Grosser Bittersee). Seither garantieren die USA die Ausbreitung des Wahhabismus im Austausch gegen Öl.

Und wir finanzieren die Ausbreitung des Wahhabismus (Al-Qaida, Daesh ,…) über den Ölpreis mit.

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