Historisch! Epochal!

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Historisch! Epochal!

Von Urs Meier, 03.07.2021

Keine Sparte des Journalismus schwingt sich so oft in die Sphären des Geschichtlichen auf wie der Sport.

Keine Frage, der Achtelfinal an der EM 2020 der Nati gegen die Fussball-Grossmacht Frankreich war ein begeisternder Match und ein Sportereignis der Extraklasse. Aber war er, wie man lesen konnte, «ein epochaler Moment für die Schweiz», ein «historisches Ereignis»? 

Die Sportredaktionen der Schweizer Medien konnten gar nicht genug bekommen von solchen Prädikaten. Sie stimmten gewissermassen textlich ein ins fast schon südamerikanische Geschrei des Kommentators im Schweizer Fernsehen. Ist ja schön, wenn die Freude mal richtig über die Stränge schlägt und die Emotion nicht mehr zu bremsen ist. Aber warum immer gleich der Griff nach der Geschichte? 

Sport und Weltgeschehen spielen nur ganz selten auf der gleichen Etage. Eine solche Ausnahme war vielleicht das 4:2 der Schweiz gegen Grossdeutschland an der Fussball-WM 1938 in Paris, zwei Monate nach Hitlers Einmarsch in Österreich. Das beherzte Spiel der Eidgenossen war ein nachwirkendes Symbol der Unerschrockenheit am Vorabend des dräuenden Zweiten Weltkriegs. 

«Historisch» in diesem Sinn waren auch die zwei Eishockey-Siege der Tschechoslowaken gegen das favorisierte sowjetische Team im März 1969 an der WM in Schweden. Binnen einer Woche hiess es gegen den Serien-Weltmeister einmal 2:0 und einmal 4:3 für die ČSSR. Die Tschechoslowakei war seit dem 21. August 1968 von Truppen des Warschauer Pakts besetzt, nach dem hoffnungsvollen Prager Frühling herrschte Eiszeit. Die Siege im Sport wurden zum nationalen Symbol des Widerstands. Überall im besetzten Prag waren die emblematischen Resultate 2:0 und 4:3 riesig auf die Mauern gepinselt.

Selbst wenn die Schweiz bis zum Final in der EM 2020 geblieben wäre und gar den Titel geholt hätte, wäre das nicht «historisch» gewesen im Sinn eines die Welt bewegenden Ereignisses. Es wäre einfach toll gewesen für die Schweiz, so wie es für jedes Land grossartig ist, wenn seine Mannschaft sich an die Spitze eines solchen Turniers kämpft. Ein paar internationale Meisterschaften später ist es noch eine erfreuliche Erinnerung, mehr nicht. Historische Ereignisse oder gar epochale Umbrüche hingegen bleiben über Generationen hinweg wichtig. Sie sind fast gar nie sportlicher Art. 

Bedenkt man es recht, ist dies das Schöne am Sport. Er bewegt die Gemüter, aber nicht den Lauf der Welt. Es wäre ganz gut, sich dieses Unterschieds auch in der Sprache bewusst zu sein.

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Eine treffender Kommentar von Herrn Meier. Sportjournalisten, aber nicht nur, sind eine wankelmütige Spezies. Im Misserfolg heizen sie einen nationalen Griesgram an und im Erfolg schreiben sie übers Ziel hinaus, indem sie von Historie schwärmen. Ein Weiterkommen der Schweizer Fussball-Nati gegen Weltmeister Frankreich ist ein grosser Erfolg, aber, wie Herr Meier richtig feststellt, keineswegs historisch oder epochal. Sprache ist manchmal verräterisch; insbesondere dann, wenn der Sport ein Ventil für persönliche oder gar nationale Befindlichkeiten ist. Der Sport wird gerne auch von Politikern für ihre eigenen Zwecke genutzt oder auch missbraucht. Brot und Spiele halt, die nationale Dissonanzen oder Probleme übertünchen sollen. Ebenso ist der Sport ein Ventil für schlummernde Emotionen geworden. Der Alltag ist für viele Menschen, ganz besonders während der Pandemie, zur emotionslosen Lebensbewältigung geworden. Auch die Dauerbeschäftigung mit dem Smartphone löst keine Freudensprünge mehr aus. Somit hat der Sport, und im besonderen Masse der Fussball, eine Funktion der Enthemmung und des unmittelbaren Glücks, also ein fast unerlässliches Ventil für der Tristesse des Alltagstrotts zu entgehen. Dies mag erklären, weshalb auch Sportjournalisten dazu neigen, einer übersteigerten Betrachtungsweise über ein Fussballspiel freien Lauf zu lassen. Ein Sporterfolg wird nie historisch sein, weil kurzzeitige Glücksgefühle die gesellschaftlichen Lebensbedingungen nicht verändern können.

immerhin, das Wort Nati, ausgesprochen Nazi, wird ei uns nicht mehr negativ konnotiert.
Die Deutschen aber haben noch immer keine Nationalmannschaft Deren politisch korrekte Mannerinnenschaft wurde von einer richtigen und stolzen Nationalmannschaft gebodigt.

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