Gnadenlose Verzierungen

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Gnadenlose Verzierungen

Von Urs Meier, 13.07.2017

Graffitis sind fast immer illegal. Sie beschädigen fremdes Eigentum. Schlimmer noch: Sie sind hässlich.

Sie sind überall: an Mauern, Häusern, Zügen. Fast alle davon sind heimliche Sprayereien, entstanden als Markierungen städtisch-vorstädtischer Jugendszenen und Einzelkämpfer. Längst sind Graffitis sozial- und kulturwissenschaftlich erforscht, kunsttheoretisch verortet und in hochfliegenden Diskursen diverser Disziplinen als Signaturen lebendiger Urbanität nobilitiert. Etliche anonyme Stars der Szene geniessen in Sozialen Medien einen Heldenstatus. Fotos und Videos ihrer Hervorbringungen gehen viral. Die gesprühten Schriften und Bilder, die mit dicken Filzern hingeworfenen Tags haben einen subkulturellen Chic, der in entsprechenden Marktsegmenten rege genutzt wird. Wer sich angesichts der sozialen, intellektuellen und kommerziellen Normalisierung des Phänomens über Graffitis noch aufregt, liegt völlig neben dem Zeitgeist.

Zwei Einwände bleiben in dieser behaupteten Normalität stets ausgeblendet. Der erste ist banal: Graffitis sind praktisch ausnahmslos gesetzeswidrige Sachbeschädigungen. Die Kosten zu ihrer Behebung gehen in die Millionen. Nicht selten kapitulieren die Geschädigten vor dem Aufwand, oder sie treten nach diversen vergeblichen Reinigungsaktionen die Flucht nach vorn an und geben ein flächendeckendes professionelles Graffiti in Auftrag – in der Hoffnung, dieses werde dann von der Spray-Guerilla respektiert.

Betrifft der erste Einwand „nur“ die geschädigten Eigentümer, so geht der zweite alle an: Graffitis sind praktisch ausnahmslos hässlich. Hatten ihre Urahnen – Harald Naegelis Ende der 70er Jahre in Zürich gesprayte Strichzeichnungen – noch ironische und poetische Qualitäten, so sind selbst die handwerklich gekonnt ausgeführten Sprays (über die Masse der dilettantischen Schmierereien braucht man nicht zu diskutieren) nichts weiter als aufdringliche, grelle Mitteilungen des Inhalts: Ich war da, und man hat mich nicht erwischt. Graffitis kennen nur den Modus der vollen Lautstärke. Sie sind quasi mit dem Knüppel gemalt. Ihre Formen sind aggressiv und leer. Was sie ausdrücken, schwankt zwischen dem Kindischen und Pubertären.

Über Graffitis hinwegsehen kann man nicht. Alles, was ein Bild ist, fordert und findet Aufmerksamkeit. Darin liegt auch die Gratifikation, um die es den Sprayern geht. Sie erhalten diese zwar anonym, aber fast gratis. Deshalb werden wir die Seuche der Graffitis so bald nicht loswerden. Hoffen kann man allein auf die Vergänglichkeit aller Moden. 

Kommentare

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Gut zusammengefasst . Noch ein Einwand : Graffiti-Sprayer sehen sich als Individualisten, doch Harald Naegeli gibt es nur einen . Nichts Uniformeres und mehr Angepasstes in der Kunstszene als die längst langweilige Graffiti-Öde .

Die Städte bauen (zum Teil) hässliche Neubauten, verschandeln Altbauten mit abstrakten Anbauten, die einzeln stehend vieleicht in Ordnung wären, aber mit dem Altbau zusammen das ganze Bild stört, anstatt die zahlreichen 50er 60er Jahre Zweckbauten zu ersetzen. Fragt hier einer den Geldgeber (Steuerzahler)? Da empfinde ich doch Graffities verglichen damit, doch als kleineres Problem. Gerade Brückenpfeiler, Züge, usw finde ich tatsächlich mit Graffities sogar schöner. Aber die Ordnungswut der deutschsprachigen Völker ist unbegrenzt. Ihnen schaudert es warscheinlich wohl, wenn ein Rasen nicht gemäht wird und sich dort allerlei Unkraut (wunderschöne Wildblumen etc.) dort breitmachen.

Dieser Kommentar ist völlig daneben. Herr Meier, setzen sie sich zuerst mal richtig mit der Graffitikultur auseinander, bevor sie hier so einen Schwachsinn verzapfen. Und wer hat sie eigentlich zum Massstab ernannt, um zu bestimmen was schön und hässlich ist?

Herr Marco Meier, man kann zu den Graffitis ganz verschiedene Meinungen haben - aber Sie werden wohl kaum der Ansicht sein, ein grosser Teil dieser "Kunst" sei wirklich Kunst. Ausserdem ist es wirklich mehr als nur höchst unanständig, wenn ich zur Ausübung meiner Kunst, sei sie nun wirklich Kunst oder nicht, ohne Einwilligung fremdes Eigentum benütze und dabei unter Umständen hohe materielle Schäden verursache; einverstanden? Und woher wissen Sie, wie sich der Autor mit dem Thema auseinandergesetzt hat? Vorschlag: Lesen Sie doch den Beitrag noch einmal ganz ruhig und unaufgeregt durch und überlegen Sie sich dabei, wie Sie selbst reagieren würden, wenn Sie irgendwann an Ihrer - vielleicht frisch restaurierten - Hauswand ein Graffiti erblicken würden, das Ihnen so gar nicht gefällt...

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