Gesichter, Paare, Zeit

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Gesichter, Paare, Zeit

Von Stephan Wehowsky, 01.03.2016

Die Fotostiftung Schweiz zeigt Porträts der Fotografin Barbara Davaz. Ihr Konzept überzeugt

Der erste Augenschein löst Irritationen aus. Ist das noch anspruchsvolle Fotografie, wenn Menschen immer in demselben Licht, vor dem gleichen neutralen Hintergrund und immer in der gleichen Grundstellung oder Haltung aufgenommen werden? Entsteht dadurch nicht eine unendliche Monotonie?

Lebenswege und Geheimnisse

Schon nach kurzer Zeit beginnt es unter der glatten Oberfläche zu brodeln. Die Menschen, die zumeist in Paaren, aber auch einzeln durch die Kamera auf den Betrachter blicken, berühren ihn unmittelbar. Da gibt es Geschichten, Lebenswege und Geheimnisse, die der Betrachter natürlich nicht kennt, aber von denen er gern etwas erfahren würde. Diese Bilder schaffen Begegnung.

Lili und Franciska, 1997, © Barbara Davaz
Lili und Franciska, 1997, © Barbara Davaz

Hinter der scheinbaren Banalität des fotografischen Settings steckt ein ausgeklügeltes Konzept. Dieses Konzept beginnt für die Fotografin Barbara Davaz damit, dass sie sich für die Menschen, die sie fotografiert, persönlich interessiert. Da muss, wie sie sagt, ein Funke überspringen. Entsprechend sucht sie sich die Menschen danach aus, ob ihr jemand auf der Strasse, in einem Restaurant oder an anderen Orten besonders auffällt. Und aus der ersten Begegnung und der Fotosession entstehen Beziehungen und Empfehlungen, so dass die Arbeit wie von selbst ihren Fortgang nimmt.

Der Lauf des Lebens

Die Bilder in der Fotostiftung Winterthur und im Bildband, „As Time goes by“, der den Anstoss zu dieser Ausstellung gegeben hat, beginnen im Jahr 1984. Damals hat Barbara Davaz Paare vor die Kamera gestellt, die sie im Laufe der folgenden Jahre periodisch wieder und wieder fotografiert hat. Natürlich bleiben Paare nicht einfach Paare. Partner wechseln, Kinder kommen hinzu, die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. All das wird dokumentiert.

Beni und Andi, 1982, © Barbara Davaz
Beni und Andi, 1982, © Barbara Davaz

Barbara Davaz sagt von sich selbst, dass sie sich wie ein Schmetterlingsforscher vorkomme. Der isoliert seine Objekte, um sie ganz neutral in ihrer Eigenart und Schönheit sichtbar zu machen. Entsprechend bezieht sich Barbara Davaz auf den Pflanzenfotografen Karl Blossfeld und das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher, die dadurch bekannt wurden, dass sie Bergwerke und Fabrikanlagen im Ruhrgebiet nach immer denselben Mustern aufgenommen haben.

Aber es gibt noch andere Bezüge. Am wichtigsten dürfte August Sander sein, der in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit seiner Kamera so etwas wie Ethnologie betrieb. Irving Penn und Richard Avedon sind für die gelernte Fotografin ebenfalls grosse Vorbilder. Die gelernte Fotografin verbindet mit ihrem scheinbar schlichten Konzept also höchste Ansprüche.

Beni und Familie, 2014, © Barbara Davaz
Beni und Familie, 2014, © Barbara Davaz

Das zeigt sich auch an der technischen Qualität der Bilder. Von Anfang an hat sie in ihren Fotostudios mit Negativen im Format 6 × 9 gearbeitet. Von jedem Paar hat sie pro Sitzung 14 Bilder gemacht. Von denen wurden Kontaktabzüge angefertigt, die der Auswahl dienten. Erst wenn sie das Gefühl hatte, dass ein Bild „ funktioniert“ beziehungsweise ein Funke überspringt, hat sie sich dafür entschieden.

Wandel der Beziehungen

Auch in Zeiten der digitalen Fotografie ist sie von diesem Verfahren nicht abgewichen. Allerdings wurden von den Negativen für den Bildband und für die Ausstellung hochauflösende Scans angefertigt, die es wiederum erlaubten, leichte Korrekturen vorzunehmen. Zum Beispiel wurden Tiefen etwas aufgehellt. Die Drucke, die in der Ausstellung und im Bildband zu sehen sind, bestechen durch ihre Qualität und wirken ungeheuer lebendig.

Der Bildband, „As Time goes by“, enthält Schwarz-Weiss-Fotos, die in den Jahren 1982, 1988, 1997 und 2014 von zwölf Paaren angefertigt wurden, die verliebt, befreundet oder verwandt waren. Im Laufe der Zeit verschwanden einzelne Partner, neue kamen hinzu, und hier und da wurde eine Familie gebildet.

Genetische Prägungen

In der Ausstellung werden noch andere Projekte von Barbara Davaz gezeigt. So geht es unter dem Dialektausdruck „Gsüün“, was soviel wie „Gesicht“ bedeutet, um Fotos, die im Jahr 2002 im Tösstal von einzelnen Familien angefertigt wurden. Die Frage, die die Fotografen dabei umtrieb, war, inwieweit sich genetische Prägungen in den Gesichtern verschiedener Familienangehöriger zeigen.

Die farbige Serie „Beauty lies within“ von 2007 nimmt einen Slogan der Modekette H&M auf. Dazu hat sie 81 Verkäuferinnen und Verkäufer des Modehauses in ihr Studio eingeladen. Besonders beeindruckend ist zudem die Serie „Doppelgänger“ von 1975, in der Barbara Davaz 25 Zwillingspaare fotografiert hat. 1982 hat sie noch einmal 57 Paare aufgenommen. Sie selber ist der Meinung, dass es keine engere menschliche Beziehung gibt als die zwischen Zwillingen und dass man sich fragen müsse, welche Folgen das manipulative Kopieren menschlichen Erbguts haben wird.

Eine Besonderheit, die den wenigsten Besuchern auf den ersten Blick auffallen wird, liegt daran, dass in der Ausstellung die Bilder etwas tiefer als üblich gehängt wurden. Denn Barbara Davaz legt grossen Wert darauf, dass der Betrachter mit den abgebildeten Personen buchstäblich auf Augenhöhe ist. Dadurch entsteht ein unverwandter Blick in die Augen, den wir, wie Barbara Davaz sagt, nur in den Momenten der Verliebtheit kennen.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 27. Februar bis 16. Mai 2016

Publikation: Barbara Davaz - As Time Goes By. 1982, 1988, 1997, 2014, Edition Patrick Fry, 2015, 168 Seiten, 89 Abbildungen s/w, CHF 78.-

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