Gesichter ohne Maske

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Gesichter ohne Maske

Von Stephan Wehowsky, 03.11.2016

Romney Müller-Westernhagen verfügt über die Gabe, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen ganz zu sich selbst finden.

Beim Betrachten der Porträts von Romney Müller-Westernhagen entsteht ein intensives Wechselspiel. Die Fotografin fokussiert auf das Gesicht. Kein Raum, kein Hintergrund – nur das Gesicht, vielleicht noch Hände. Als hätte jemand Passfotos beschnitten. Aber diese Gesichter sprechen zum Betrachter; sie berühren ihn unmittelbar.

Iris Berben 2, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen
Iris Berben 2, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen

Zwischen der Fotografin und den Porträtierten müssen Momente grösster Intimität entstanden sein. Eine Intimität ohne Entblössung, aber die Dichte der Beziehung gibt die Frage auf: Über welche Magie verfügt diese Fotografin? Sie hat die Gabe, Menschen aufzuschliessen und sie zumindest für wenige Momente Seiten von sich zeigen zu lassen, die ihnen im alltäglichen Leben vielleicht selbst verborgen sind.

Dank an die Porträtierten

„Beyond faces“ hiess die Ausstellung in der Galerie Camera Work in Berlin 2012, auf der der neue Bildband von Steidl beruht. Das klang sehr ambitioniert. Der vorliegende Bildband heisst „Portraits“. Das klingt mehr wie ein Arbeitstitel, und der höhere Anspruch, der mit der Ausstellung verbunden war, scheint aufgegeben zu sein. Das ist aber nicht der Fall.

Frank-Walter Steinmeier, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen
Frank-Walter Steinmeier, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen

Denn Romney Müller-Westernhagen hat dem Band eine Widmung vorangestellt, in der sie sich bei den Porträtierten bedankt. Sie hätten sie inspiriert und ihr geholfen „zu wachsen“, „while learning in the midst of my art“. Sie habe sehr viel erlebt, „while sensing and understanding each of you a little deeper“.

Meisterin ihres Fachs

Das ist es, was den Betrachter in den Bann schlägt. Er wird Zeuge von Begegnungen, in denen jeweils etwas ganz Besonderes geschehen ist. Aber was? Im Betrachter entsteht eine innere Unruhe, wie sie immer dann ausgelöst wird, wenn Menschen einander so nahekommen, dass sie sich gegenseitig Fragen aufgeben.

Victoria 1, 2011 © 2016 Romney Müller-Westernhagen
Victoria 1, 2011 © 2016 Romney Müller-Westernhagen

Die formale und technische Perfektion der Bilder weist Romney Müller-Westernhagen als Meisterin ihres Faches aus. Aber das festzustellen, genügt nicht ganz. Hinzuzufügen ist, dass diese technische Brillanz vollkommen in den Dienst der Begegnungen gestellt wird. Sie kommt geradezu beiläufig daher. Die meisten Fotos sind schwarzweiss, die wenigen Farbbilder setzen wiederum spezielle Akzente. Zusätzlich kommt die Besonderheit hinzu, dass einige der Porträtierten mit zwei oder mehr Fotos mit ganz unterschiedlichem Ausdruck vertreten sind.

Numbers Gangmember 1, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen
Numbers Gangmember 1, 2012 © 2016 Romney Müller-Westernhagen

Die Fotografien stammen, wie ausdrücklich im Bildband vermerkt wird, aus der Zeit zwischen März 2010 bis September 2014. Die Aufnahmeorte waren Düsseldorf, Berlin, New York, Cape Town, Osttimor und Bali. Unter den Porträtierten sind weniger bekannte Personen und Prominente wie Frank-Walter Steinmeier, Iris Berben, Boris Becker, Wladimir Klitschko und Andrea Sawatzki.

Es gehört zum Understatement dieses Bandes, dass man über die Fotografin selbst so gut wie nichts erfährt. Sie wurde in New York geboren und studierte Design. Als Grafikerin arbeitete sie in Mailand und wurde zudem als eine der ersten afroamerikanischen Models bekannt. An der Seite ihres Mannes, Marius Müller-Westernhagen, reiste sie 25 Jahre um die Welt und fotografierte im Umfeld der Konzerte. Nach und nach konzentrierte sie sich auf die Porträtfotografie.

Romney Müller-Westernhagen, Porträts, Buchgestaltung von Romney Müller-Westernhagen und Sarah Winter/Steidl Design, 144 Seiten, 194 Abbildungen, Steidl, Göttingen 2016

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