Gender-Streit in Deutschland

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Gender-Streit in Deutschland

Von Gisbert Kuhn, 11.07.2021

Ist es eine normale Anpassung an den Wandel der Zeiten? Oder der Versuch einer Minderheit, eine kulturelle Diktatur über die Mehrheit auszuüben? Es tobt ein Krieg um Sternchen und Striche.

Lemminge sind kleine graue Nagetierchen. Sie gehören zur Kategorie der Wühlmäuse und haben die Eigenart, in grossen Gruppen zu wandern. Dabei folgen die jeweils Hinteren den weiter vorne Rennenden offensichtlich blind. Oft genug sogar ins eigene Unglück. Dieses seltsame Massen-Verhalten wird im täglichen Leben gern als Sprachbild benutzt, wenn von Mitläufertum oder Nachahmungs-Formen die Rede sein soll.

Auf den öffentlichen, staatlichen Betrieb gemünzt, hatte der hessische SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff 1932 dazu den Begriff „politischer Herdentrieb“ geprägt. Also die Bereitschaft sogar grösserer gesellschaftlicher Gruppen, sich (vielleicht auch nur vorgeblich) populären oder erfolgreich erscheinenden Handlungsweisen anzuschliessen. Man kennt dieses Phänomen – zum Beispiel die Wechselwirkung von Meinungsumfragen und Zustimmungswerten – nicht zuletzt aus dem Vorfeld von Wahlen.

Identitätspolitik und Gendern

Seit geraumer Zeit schon wird (nicht allein, aber auch) Deutschland allerdings von den Attacken einer Bewegung überzogen, die vor allem zwei Ziele verfolgt: Erstens müssten „endlich“ gesellschaftliche Minderheiten – besonders solche, die sich hinsichtlich ihres Geschlechts nicht sicher seien – als „normal“ anerkannt und dieses (zweitens) durch eine spezielle sprachliche Herausstellung erkennbar gemacht werden. Das eine ist mittlerweile als „Identitätspolitik“ in das Tagesgeschehen eingegangen, das andere als „Gendern“ – mit spezieller Berücksichtigung der in der Buchstaben-Kombination LGBT zusammengefassten Geschlechtsgenossen und -genossinnen. Mithin der Lesbierinnen (L), Schwulen (G), Bi-Sexuellen (B) und Trans-Geschlechtlichen (T), wobei unter „T“ (kurz gefasst) Männer verstanden werden, die sich in Wirklichkeit als Frauen fühlen, und umgekehrt.

Über diese Fragen und Forderungen tobt nun – ebenfalls schon seit geraumer Zeit – keineswegs nur im „Netz“ geradezu ein Glaubenskrieg. Und, wie immer, wenn unterschiedliche Glaubenssätze und Überzeugungen aufeinanderprallen, sind auch diese Auseinandersetzungen mit höchst unappetitlichen verbalen Begleiterscheinungen garniert.

Natürlich geht es dabei auch um die etwa 60 (!), vom Deutschen Schwulenverband aufgelisteten, angeblichen Geschlechtszuweisungen (neben „männlich“ und „weiblich“). Aber wirklich hart treffen die verschiedenen Bekenntnis-Heere vor allem auf einem kulturellen Schlachtfeld zusammen. Nämlich auf dem Gebiet, wo es  um nicht weniger als den Erhalt oder die Verstümmelung des wichtigsten Kulturträgers überhaupt geht: um die zu schreibende und zu sprechende Sprache.

Ärzt:In und Journalisterich

Für den (oder die), der (oder die) die deutsche Sprache in ihrer ganzen Vielfalt, mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer regionalen Buntheit liebt, ist diese Diskussion der reinste Horror. Wobei die ganze Jongliererei mit Sternchen, Über-, Unter-, Schräg- und Mittelstrich, einem einzigen oder vielleicht doch lieber Doppelpunkt und einer daran geknüpften femininen Endung häufig der reinste Unsinn ist, wie zum Beispiel Ärzt:In. Wie wurde denn schon in der Vergangenheit ein weibliches Mitglied der medizinischen Zunft genannt? Na klar doch – Ärztin!

Was also soll der demonstrative Doppelpunkt und das gross geschriebene „I“ dahinter? Aber wenigstens laden manche besonders fantasievollen Begriffsschöpfungen mitunter auch mal zum Schmunzeln ein; wie etwa der Vorschlag einer Teilnehmerin an einer der zahllosen Talkshows zu diesem Thema. Man solle doch, so die Empfehlung der Dame, die maskulinen Berufskollegen (um die Geschlechter-Gerechtigkeit zu fördern) besser „Journalisterich“ nennen.

Was allerdings wirklich sprachlos, ja wütend macht, ist der lauthals propagierte Anspruch einer gesellschaftlichen Minderheit mit einem wahrscheinlich deutlich hinter dem zweiten Kommastrich rangierenden Bevölkerungsanteil, nicht nur die Sprache und das Schriftbild bestimmen und reglementieren zu dürfen, sondern – darüber hinaus – auch noch die Deutungshoheit über das zu erhalten, was „politisch korrekt“ und daher überhaupt noch zu sagen erlaubt ist. Es ist ja keineswegs nur eine Frage von Mehrheit und Minderheit.

Selbstverständlich haben Angehörige von Minoritäten, was auch immer sie von Majoritäten unterscheidet, dieselben Rechte und entsprechend Schutz vor Diskriminierung wie alle anderen. Aber sich als „Opfer der Gesellschaft“ zu gerieren, daraus vielleicht sogar eine „höhere Moral“ zu konstruieren und aus dieser Position dann auch noch eine Art kultureller Revolution auszurufen – das ist schon stark.

Drang nach der Gewinnerseite

Noch einmal – es geht bei diesem Gefecht nicht zuvorderst um Zahlen und Grössenordnungen. Obwohl die Geschichte und Erfahrung schon lehren, dass gut organisierte Minderheiten gegenüber amorphen, unsortierten, nicht selten uninteressierten Mehrheiten meistens obsiegen. Und zwar auch wegen des oben erwähnten „politischen Herdentriebs“. Wer will schliesslich nicht auf der Gewinnerseite stehen, wenn doch ganz offensichtlich von den geistigen Eliten im Land Entwicklungen von möglicherweise geschichtlicher Bedeutung in Gang gesetzt werden?

Geistige Eliten! Ja, das ist das Zauberwort! Der mit angeblicher Entdiskriminierung von Frauen und sexuellen Randgruppen begründete Anschlag auf die deutsche Sprache mit Sternchen, diversen Strichen, mit verwunderlichen Klickgeräuschen bei TV-Moderatoren und Radiosprechern erfolgt ja nicht etwa aus der Tiefe des gesellschaftlichen Raumes. Er geht vielmehr aus von den Universitäten und den dort studierenden Söhnen und Töchtern der in aller Regel selbst schon mit akademischer Bildung gesegneten, gutverdienenden oberen Mittelschicht, deren vielleicht irgendwann einmal vorhandene Wurzeln ins Milieu der Industriearbeiter allerdings längst verdorrt sind.

Lifestyle-Linke nennt Sahra Wagenknecht, die herausstechende Politikerin der „Linken“, diese – gewiss nicht nur in ihren Augen – vom mühsamen Alltagsleben abgehobenen, ebenso selbsternannten wie selbstgefühlten und selbstgefälligen „Opfer“ der Gesellschaft. „Da, wo eine Reinigungskolonne ihre Putzkräfte rekrutiert oder ein Lieferdienst seine Pizza-Austräger, fragt niemand nach Diversity; die dürfte in diesem Bereich ohnehin übererfüllt sein“, urteilt Wagenknecht in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“, in dem sie gnadenlos mit den einstigen Arbeiterparteien, mehr aber noch mit den „Grünen“ abrechnet. Ihr zentraler Vorwurf: Diese alle hätten längst den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

Damit hat sie sich dort freilich keine Freunde gemacht. Genauso wenig, übrigens, wie vor ihr schon der SPD-Mann und einstige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, für den sich die jetzige (Mit-)SPD-Chefin Saskia Eskens sogar fremdschämen zu müssen meinte, als dieser seiner Partei vorhielt, mit ihrem Eintreten fürs Gendern völlig an der Lebenswirklichkeit in Deutschland vorbei Politik zu machen. Für diese, fraglos nahe an der Realität angesiedelte, Beschreibung der Lage musste Thierse ordentlich Prügel einstecken.

Punktabzüge bei Weigerung

Tatsächlich weisen über viele Monate hinaus schon praktisch sämtliche Umfragen aus, dass die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger für die Gender-Spielereien mit der deutschen Sprache überhaupt nichts übrig hat und darüber hinaus die Geschlechtereinteilung in Männer und Frauen augenscheinlich als ausreichend und „normal“ erachtet. Was sie freilich – andererseits – absolut nicht daran hindert, auch jenen Mitmenschen Respekt entgegenzubringen, die anders fühlen und entsprechend leben wollen. Hier kommen nun die anfangs erwähnten Lemminge ins Spiel. Denn: Ungeachtet der beschriebenen deutschen Stimmungslage erfuhren die in ihren Blasen munter und lautstark agierenden Gender-Apostel ordentlich Zulauf.

Die Zahl der Universitäten lässt sich längst nicht mehr an zwei Händen abzählen, die von den Studierenden bei ihren Arbeiten den Sternchen/Striche-Kunstsprachenquark verlangen und im Falle einer Weigerung (Beispiel Uni Kassel) mit Punkteabzug drohen. Warum hat in dem Land, wo sogar gegen krähende Hähne und Kuhglocken geklagt wird, eigentlich nicht schon längst einer (oder eine) den Rechtsweg beschritten? Schliesslich hatte doch der Bundesgerichtshof (BGH) schon 1918 die Verpflichtung zum Gendern für Dienstleister verneint.

Und wie die Lemminge rennen auch immer mehr Kommunen dem (zwar optisch komisch anzusehenden, phonetisch stotternd klingenden, aber offensichtlich als) cool, fortschrittlich und modern proklamierten Gendermainstream hinterher. Bremen, Hamburg, Hannover, Greifswald, Rostock, Köln und zuletzt auch Bonn – sie alle haben, ihre Mitarbeiter mehr oder minder verpflichtend, „Leitfäden“ für offizielle Schreiben und den Binnengebrauch erlassen.

Man wolle damit sicherstellen, begründet Bonns grüne Oberbürgermeisterin Katja Dörner die richtungsweisende Entscheidung, dass sich alle Mitbürger (und natürlich auch Mitbürgerinnen) „angesprochen und mitgenommen“ fühlen können. Gleichgültig welcher politischen Meinung, Hautfarbe, Religion, sexueller Ausrichtung. Im Übrigen sei es ja auch „nur“ ein „Leitfaden“. Kein städtischer Beamter, Angestellter oder Arbeiter sei gezwungen, ihn zu befolgen. In diesem letzten Satz steckt freilich sogar ein Stück Perfidie. Schliesslich weiss jeder, der sich auch nur ein wenig auskennt im öffentlichen „Beförderungswesen“, welche Chancen aufs Fortkommen sich jemand ausrechnen kann, der sich einem „Ratschlag“ von oben widersetzt.

Es regt sich Widerstand

Noch ist, freilich, nicht alles Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Will sagen, es regt sich Widerstand im Land. Vornehmlich natürlich in den „Netzen“. Er wird aber auch aus überraschend sprudelnden Quellen gespeist, die eine sehr viel nachhaltigere Wirkung erzielen. Wer hätte, zum Beispiel, geglaubt, dass ausgerechnet die publizistische Speerspitze der politischen Linken, die Tageszeitung (TAZ), mit einem ausserordentlich kritischen Artikel das sprachwirksame „lifestyle“-Milieu aufmischen würde. „Gendern als Ausschlusskriterium“ greift das Blatt die mit dem Kulturkampf verbundene Absicht an, die Gesellschaft in „gut“ (nämlich wir) und „böse“ (all die anderen) zu spalten.

Die TAZ kommt zu dem Schluss, dass die „Symbolkämpfe“ in der Sackgasse gelandet seien. Wörtlich: „Die Idee, mit dem Gendersternchen eine diskriminierungsfreie Gesellschaft zu erzwingen, ist gescheitert. Die Gendersprache schliesst zu viele aus.“ Zudem hätten die Gegner „einfach keine Lust, sich ihre natürlich gewachsene Sprache ‚zergendern‘ zu lassen“.

Dieser in ihrer Prägnanz einfachen und nicht zu überbietenden Erkenntnis ist nichts hinzuzufügen. Es gibt noch Hoffnung für die Sprache Goethes und Schillers. Die Lemminge können getrost umkehren.

Kommentare

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Es gibt nicht nur Lemminge; es gibt auch Büffel, vielleicht auch Büffel*innen oder Stiere - nein: StierInnen gibt es nicht. Sie rennen jedem als rot wahr genommenen Feindbild mit gesenkten Hörnern blindwütig hinterher ohne Flexibilität und Umsicht. Es sind Patriarchen und in der modernen Form Populisten. Sie beschwören längst vergangen geglaubte Sprachmuster: "Kriege toben", "Diktaturen" werden errichtet, "Apostel agieren" ... und all dies in einem Land, das tatsächlich die Grundrechte garantiert. Der "gutverdienenden oberen Mittelschicht" werden die "Industriearbeiter" und die "normal" denkende Mehrheit gegenüber gestellt.
Ja, sind denn alle diejenigen, die sich für's Gendern stark machen einfach Hornochsen (um bei den Tieren zu bleiben)? Sind die Frauen nach wie vor eine "Minderheit"? Wo bleibt die fundierte Analyse der gesellschaftlichen Problematik und der lebendigen Sprache? Die "Sprache Goethes und Schillers" in alle Ewigkeit als Basis für das "normale" Empfinden? Ironie der Synchronizität, dass gerade heute auf der Seite des Journal21 der Spruch steht: "Goethe hätte nicht die geringste Chance gehabt, der grösste deutsche Autor zu werden, wenn er gelesen worden wäre.
Peter Bichsel, Schweizer Schriftsteller"
Mich enttäuscht der Artikel, weil er die ganzen Schwierigkeiten, die sich aus der aktuellen Genderdiskussion ergeben, einfach in Bausch und Bogen wegwischt.

„Die Genderfrage schliesst zu viele aus.“ Ausserdem ist sie weder les- noch aussprechbar. Gegner und Gegnerinnen „haben keine Lust, sich ihre natürlich gewachsene Sprache ‚zergendern‘ zu lassen.“

Dumm nur, dass der germanische Drang zu Tschendern in der Schweiz nachgeahmt wird, wie der deutsche Drang, die Energieversorgung zu wenden. In fast allen schweizerischen Hochschulen hat es nun hochbezahlte Tschenderlehrpersoninnen. Als nichtgebärende Person muss ich mit meinen Steuern diese Bildungsinvestition bezahlen.

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