Gelogen und vertuscht

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Gelogen und vertuscht

Von Heiner Hug, 27.06.2020

Vor 40 Jahren wurde über Süditalien ein Flugzeug mit 81 Menschen an Bord abgeschossen. Wer schoss? Die Franzosen? Die Amerikaner? Die Libyer?

Spricht man heute mit Italienern und nennt den Ausdruck „Ustica“, so gehen sofort die Emotionen hoch. Alle haben etwas zu sagen. Alle haben ihre Interpretationen. Verschwörungstheorien grassieren. Auch heute, vierzig Jahre danach.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Behörden, die Geheimdienste und die Regierungen in Italien, Frankreich, den USA und Libyen taten alles, um den Abschuss der DC-9 der italienischen Gesellschaft Itavia zu verschleiern. Höchste Regierungsstellen haben gelogen, eine Mauer des Schweigens wurde errichtet, Untersuchungen wurden erstickt. Nicht nur die Öffentlichkeit, auch Experten wurden mit gestreuten Falschmeldungen in die Irre geführt.

Zwanzig mysteriöse Todesfälle

Die Maschine hatte sich auf dem Weg von Bologna nach Palermo befunden. Noch heute, vierzig Jahre nachher, ist nicht erwiesen, wer die DC-9 am 27. Juni 1980 bei Sonnenuntergang abgeschossen hatte. Sicher ist nur, zu jener Zeit wurden über dem Mittelmeer amerikanische, französische, libysche, belgische und britische Kampfflugzeuge gesichtet.

Der Abschuss über der nördlich von Sizilien gelegenen Insel Ustica entwickelte sich zu einem einzigartigen Thriller: Dokumente wurden vernichtet, Tonbänder verschwanden, Radaraufzeichnungen wurden gelöscht, mindestens 20 Personen starben im Nachhinein: sie erhängten sich, wurden erschossen oder kamen bei seltsamen Autounfällen ums Leben.

Attentat auf Ghadafi?

Wer hatte ein Motiv, ein Passagierflugzeug mit Erwachsenen, elf Kindern und zwei Neugeborenen abzuschiessen? Als sicher gilt heute, dass das Flugzeug irrtümlich von einer Luft-Luft-Rakete getroffen wurde. Doch wer schoss sie ab? Und: Wen hätte die Rakete treffen sollen?

Schon früh sprach man von einem Attentatsversuch auf den libyschen Machthaber Muammar al-Ghadafi. Er soll sich an jenem Tag auf einem Flug von Tripolis zu einem Staatsbesuch in Polen befunden haben. Restlos bewiesen ist das nicht.

„Schurke Nummer eins“

Die Beziehungen zwischen Ghadafi und dem Westen waren zu Beginn der Achtzigerjahre auf einem Tiefpunkt. Für die Amerikaner war der libysche Oberst der „Schurke Nummer eins“. Vor allem auch die Franzosen wollten ihn loswerden. Der libysche Machthaber wurde beschuldigt, Terroristengruppen mit Geld und Waffen zu unterstützen. Ghadafi wollte auch den südlichen Nachbarstaat Tschad in Libyen einverleiben und half deshalb dabei, den tschadischen Präsidenten Hissène Habré zu stürzen. Dieser war von Frankreich unterstützt worden. Immer wieder kam es zu Kampfhandlungen mit französischen Truppen.

Im Februar 1980 setzte ein aufgebrachter libyscher Mob die französische Botschaft in Tripolis in Brand. Auch das französische Kulturzentrum in Bengasi wurde angegriffen. Der damalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing spricht in seinem Buch „Le Pouvoir et la Vie“ offen davon, dass er Ghadafi liquidieren möchte, vor allem auch wegen seiner anti-französischen Komplotte in Afrika. Wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ am Donnerstag in einem umfangreichen Dossier zum Ustica-Drama enthüllt, hat sich auch der mächtige französische Geheimdienstchef, Graf Alexandre de Marenches, für eine Entfernung Ghadafis ausgesprochen.

Enge italienisch-libysche Beziehungen

Hätte also Ghadafi auf seinem Weg nach Polen von einem französischen Kampfflugzeug abgeschossen werden sollen? Und haben die Franzosen über Ustica irrtümlicherweise die DC-9 getroffen? Zwei französische Jagdflugzeuge flogen nachweislich in jener Zeit von ihrem Luftwaffenstützpunkt in Korsika Richtung Süden. Die italienischen Offiziere der Radarstation in der Toskana (bei Grosseto), die die Bewegung aufzeichneten, starben kurz darauf: der eine, 38-jährig, an einem Herzinfarkt, der andere erhängte sich an einem Baum.

Und warum gelang es nicht, Ghadafi abzuschiessen? Die Italiener, die einstigen Kolonialherren in Libyen, hatten enge Beziehungen zu Ghadafi. Vor allem die italienische Wirtschaft profitierte von Libyen. Italien bezog 40 Prozent seiner Energie aus dem Wüstenstaat. Tausende Italiener arbeiteten in Libyen. Ghadafi besass 13 Prozent der Aktien von Fiat und viele Grundstücke. Auch nach dem Abschuss wurden enge Verbindungen gepflegt. 2009 besuchte Oberst Ghadafi Rom und wurde von Berlusconi mit Pomp empfangen. Im Garten der Römer Villa Doria Pamphili hatte der Oberst, medienwirksam, ein Zelt aufgeschlagen, wo er während seines Italienbesuchs schlief.

Warnte Italien Ghadafi?

Wurde Ghadafi auf seinem Weg nach Polen von den Italienern gewarnt? Der damalige italienische Staatspräsident Cossiga erklärte 2007 im Radio, die Franzosen hätten gewusst, dass Ghadafi vorbeifliegen würde. Er sei dem Attentat entgangen, weil der Chef des italienischen Geheimdienstes, General Santovito, Ghadafi gewarnt habe. Cossiga betonte: Die Franzosen hätten „von einem Jagdflugzeug des Flugzeugträgers Clemenceau eine Rakete abgeschossen“. Und irrtümlich die DC-9 mit Ghadafis Flugzeug verwechselt. Dieses hatte vorher kehrt gemacht. Die Franzosen verweigerten dem Kommandanten der Clemenceau, Stellung nehmen zu können.

Nicht alle glauben dem ehemaligen italienischen Staatspräsidenten. La Repubblica zitiert den Experten Guillaume Origoni, der sagt, „Frankreich hat wie viele andere Staaten schreckliche Dinge getan“, aber in diesem Fall stützten sich die Beschuldigungen einzig auf Cossigas Aussagen. Seltsam ist, dass Cossiga seine Enthüllung erst 27 Jahre nach dem Drama machte.

Weshalb logen die Franzosen und die Amerikaner?

All das klingt abenteuerlich, doch weshalb logen die Franzosen zunächst und erklärten, keine ihrer Kampfflugzeuge seien von der französischen Luftwaffenbasis Solenzara auf Korsika im Einsatz gewesen, obschon ihr Einsatz später nachgewiesen werden konnte? Und weshalb logen die Amerikaner, die ebenfalls behaupteten, keine Einsätze zu jener Zeit geflogen zu haben, und nachweislich Flugzeuge in der Luft hatten?

Sicher ist, dass in dem Moment, als die Itavia-Maschine verschwand, ein amerikanisches Militärmanöver stattfand. Das berichtete Marschall Guglielmo Diamanti, der im Kontrollzentrum Ciampino Dienst hatte. „Die Manöver dauerten bis zu dem Moment, als die DC-9 verschwand.“

Zwei verschwundene Raketen

Es gibt andere Thesen, auch solche, die auf eine Täterschaft der USA hinweisen. Brian Sandlin, ein Mitarbeiter auf dem amerikanischen Flugzeugträger „Saratoga“, wartete 2017 mit einer überraschenden Aussage auf. Zwei amerikanische Flugzeuge, die auf der Saratoga stationiert waren, seien an diesem Abend ohne ihre Raketen zurückgekehrt. Der Kommandant der Saratoga, James Flatley, habe über Lautsprecher die Besatzung informiert, dass zwei libysche MIGs aggressiv auf die amerikanischen Flugzeuge zugekommen seien und abgeschossen wurden. Später dementierte Sandlin seine Aussage. War eines der abgeschossenen Flugzeuge die DC-9?

Immer wieder waren libysche MIGs in den italienischen Luftraum eingedrungen, und zwar mit stillschweigender Billigung der Italiener. Die libyschen Maschinen wurden in Jugoslawien gewartet und flogen dann über den italienischen Stiefel zurück nach Libyen. Das italienische Stillschweigen empörte die Nato und vor allem die Franzosen. Sie stellten in Aussicht, die libyschen Kampfflugzeuge über dem tyrrhenischen Meer abzuschiessen. Hatte ein französisches Jagdflugzeug aus Versehen die Itavia-Maschine getroffen?

Herzinfarkt im Cockpit?

Eine weitere Theorie besagt, dass die Nato einen dissidenten libyschen Kampfpiloten, der Ghadafi hasste, angeheuert hatte mit dem Ziel, den libyschen Herrscher abzuschiessen. Nachdem Ghadafi davon erfahren habe, beauftragte er die libysche Luftwaffe, das Flugzeug des dissidenten Piloten abzuschiessen. Dabei sei nicht nur der fahnenflüchtige Pilot, sondern auch die DC-9 aus Versehen abgeschossen worden.

Und da gibt es noch diese MIG, die wahrscheinlich am 27. Juni ins kalabresische Sila-Gebirge abstürzte. Ist der syrische Pilot, der im Dienst Ghadafi flog, wirklich an einem Herzinfarkt gestorben? Der medizinische Bericht ist inzwischen verschwunden. Wies das Flugzeug tatsächlich Einschüsse auf? Ja, sagte die italienische Luftwaffe, aber die Maschine sei nach ihrem Absturz beschossen worden, um die Widerstandsfähigkeit des Blechs zu testen. Eine andere Theorie besagt, dass der Pilot wegen einer defekten Sauerstoffmaske ohnmächtig wurde.

Eine Bombe?

Eine weitere Theorie besagt, dass das Flugzeug gar nicht abgeschossen wurde, sondern dass sich an Bord ein Bombe befunden habe. Dies ist unwahrscheinlich, denn die Maschine startete in Bologna mit einer Verspätung von 113 Minuten. Die an einen Zeitzünder angeschlossene Bombe wäre also früher detoniert als über Ustica. Im später gehobenen Wrack wurden keine Spuren von Pulver, die auf eine Detonation hindeuten könnten, gefunden.

Und natürlich wird auch spekuliert, ob die Israeli oder die Palästinenser hinter dem Attentat stünden. Beide hatten zu jener Zeit getrübte Beziehungen zu Italien. Israel warf den Italienern vor, Saddam Hussein Technologie für ein Atomkraftwerk zu liefern. Ein Jahr zuvor hatten die Italiener ein Abkommen gebrochen, das palästinensischen Kämpfern Bewegungsfreiheit in Italien garantierte.

Sagen, was sie nie gesagt haben

Die Spekulationen haben kein Ende. Die „höchste Wahrscheinlichkeit“ sei, zitiert La Repubblica mehrere Experten, dass die DC-9 von einer französischen oder einer amerikanischen Rakete abgeschossen worden sei. Ziel war ein libysches Kampfflugzeug, das im Radarschatten der Itavia-Maschine flog. Irrtümlicherweise wurde dann, so die Annahme, die DC-9 getroffen.

Verdächtig ist auch, dass das Wrack, das in 3700 Metern Tiefe lag, gar nicht geborgen werden sollte – mit dem Vorwand, es fehle an Geld. Viele Jahre später wurden dann die 2500 Fragmente Stück um Stück gehoben. Heute befindet sich das Wrack in einem Museum am Stadtrand von Bologna. 81 Glühbirnen beleuchten es: für jeden Toten eine.

Daria Bonfietti, deren Bruder in der Unglücksmaschine sass, ist noch heute aufgebracht. Gegenüber der Repubblica erklärt sie, niemand habe jemals den Mut gehabt zu sagen, was wirklich geschehen sei. „Im Gegenteil: jahrelang haben sie mit einer staatlichen Lüge versucht, alles zu vertuschen.“ Das sei für eine Demokratie nicht akzeptabel und dramatisch für uns, die um Angehörige trauern. „Italien kann und muss von den USA und Frankreich mit Nachdruck verlangen, dass sie uns sagen, was sie uns nie gesagt haben.“

Quellen u. a.
La Repubblica: Ustica, il labirinto della verità, 25. Juni 2020
Andrea Purgatori:  Ein mysteriöser Flugzeugabsturz, Le Monde diplomatique, September 2014
Sandro Bruni, Gabriela Moroni: Ustica – la tragedia e l’imbroglio, Memoria & Pellegrini, Cosenza 2003.

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