„Faschistischer Samstag“

Heiner Hug's picture

„Faschistischer Samstag“

Von Heiner Hug, Rom - 10.10.2021

Rechtsextreme instrumentalisieren die Kampagne der Impfgegner.

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist in Italien der Protest gegen die Corona-Massnahmen minim. 75 Prozent der Bevölkerung sind geimpft. Der allergrösste Teil der Italienerinnen und Italiener befürwortet die behördlichen Schutzmassnahmen. Vor den Restaurants in der Innenstadt von Rom warten die Gäste geduldig, bis ihr Green Pass kontrolliert wird. Man schwatzt miteinander, man ist entspannt.

Doch es gibt auch das Andere. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass die Anti-Impfkampagne von Neofaschisten instrumentalisiert wird, dann hat ihn Rom jetzt geliefert.

Überrumpelte Polizei

Ziel war an diesem Samstag der Gewerkschaftsbund CGIL, der die Impfkampagne befürwortet. Schlägertrupps der Neofaschisten hatten sich auf der Piazza del Popolo versammelt. Angeführt wurden sie von Roberto Fiore und Giuliano Castellino, den Führern der neofaschistischen Organisation „Forza Nuova“. Man sah den Hitlergruss und hörte Parolen wie „Mörder“ oder „Nieder mit Draghi“. Die Polizei schien überrumpelt. Niemand hatte mit zehntausend Demonstranten aus ganz Italien gerechnet.

Piazza del Popolo (Foto: Keystone/LaPresse via AP/Cecilia Fabiano)
Piazza del Popolo (Foto: Keystone/LaPresse via AP/Cecilia Fabiano)

Zertrümmertes Mobiliar

Die Manifestanten zogen an der Villa Borghese vorbei, durchbrachen Absperrungen der Polizei auf dem Largo Brasile und drangen in die Gebäude des Gewerkschaftsbundes ein. Dort richteten sie schwere Verwüstungen an. Fenster wurden abgerissen, Mobiliar zertrümmert. Unter dem Geheul von Alarmsirenen wurde Giuliano Castellino, dessen Strafregister bereits opulent ist, festgenommen. Vor kurzem hatte die Polizei die Wohnung von Castellino durchsucht. Sie fand Schlagstöcke, Rauchbomben und No-Vax-Plakate.

Es war nicht der erste Samstag, an dem die Neofaschisten in Rom demonstrierten, aber so viele Leute wie jetzt sind noch nie gekommen. Die Medien bezeichnen den samstäglichen rechtsextremen Aufmarsch bereits als „den faschistischen Samstag“.

Aufhetzung der Bevölkerung

Ab dem 15. Oktober wird in Italien der Green Pass obligatorisch. Meinungsumfragen zeigen, dass diese Massnahme von der grossen Mehrheit der Bevölkerung gutgeheissen wird. Doch die Ultrarechte nimmt den Green Pass und die sanitären Massnahmen der Regierung zum Vorwand, um Unruhe zu säen und einen Teil der Bevölkerung aufzuhetzen.

Aufgetaucht an diesem Samstag in Rom sind auch alte Neofaschisten, so Giuseppe Meloni, ehemaliger Stadtrat der neofaschistischen MSI, der Nachfolgeorganisation der Mussolini-Partei. Oder auch Andrea Insabato, der zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war. Dabei waren auch Exponenten der rechtsextremen „Südkurve von Verona“.

Etwa dreissig Demonstranten stürmten am Abend die Notfallstation der Poliklinik Umberto I. Bei den Auseinandersetzungen mit dem Wachpersonal wurden vier Personen verletzt. Die Angreifer wollten offenbar einen der verletzten und gewalttägigen Demonstranten befreien, der verhaftet und in die Klinik überführt worden war.

Erinnerungen an den Faschismus

Ministerpräsident Draghi bezeichnet den Angriff auf die Gewerkschaften als „inakzeptabel“. Die Gewerkschaften selbst erinnern an paramilitärische Milizen der italienischen Faschisten. Die mitregierenden Sozialdemokraten erklären: „Die verrückte Machtdemonstration gegen den Staat und die heutigen Institutionen hat nur einen Namen: Faschismus.“ Die Gewerkschaften fordern die Auflösung der rechtsextremen Organisationen Forza Nuova und Casa Pound.

Giorgia Meloni, die Parteichefin der postfaschistischen Partei „Fratelli d’Italia“ bezeichnet die Gewalt zwar als „schwerwiegend und nicht akzeptabel“. Sie gibt aber die Schuld den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen der Polizei und des Innenministeriums. Die Lega von Matteo Salvini fordert den Rücktritt der italienischen Innenministerin Luciana Lamorgese. Seit Monaten schüren die Lega und die Fratelli d’Italia den Streit um die „No-Vax“-Kampagne.

Die ganze Galaxie

Doch es gab an diesem Samstag nicht nur gewaltbereite, rechtsextreme Demonstranten. Auf der anderen Seite der Piazza del Popolo versammelte sich das Biotop der klassischen No-Vax-Impfgegner und Corona-Leugner. Da hatte sich eine ganze Galaxie von Halb- und Ganzverrückten, religiösen Spinnern und Verschwörungsphantasten zusammengefunden.

Man sah den Markuslöwen, keltische Kreuze, das Anarchisten-Symbol, einige Linksextreme, Schwulen- und Lesbenhasser und Alu-Hüte. Selbst der vor über 50 Jahren verstorbene Heilige Padre Pio warb auf Plakaten gegen das Impfen. Einige Frauen hielten ein riesiges Holzkreuz in die Höhe.

Auf einem Plakat hiess es: „Basta dittatura“. Auf einem anderen Transparent stand: „Green Pass = Nazi-Pass“. Da war auch der Anwalt Carlo Taormina, der gegen die „neue Weltordnung“ und die „techno-sanitäre Tyrannei“ kämpft.

Und da war der sattsam bekannte Monsignore Carlo Maria Viganò, ein radikaler Corona-Leugner, der mit Verschwörungsphantasien und wissenschaftlichen Abstrusitäten nur so um sich wirft. Er glaubt an „fremde Mächte“, die die Corona-Angst schürten und so die „Schaffung einer Weltregierung“ anstrebten. Auch der Magistrat Angelo Giorgianni war da. Er hatte ein Manifest für Impfgegner und Corona-Leugner geschrieben. Er sagt, die Särge auf den Lastwagen von Bergamo seien eine Fälschung, um das Volk einzuschüchtern.

Auf der Piazza del Popolo manifestierte auch eine etwa 40-jährige Frau mit ihren zwei kleinen Mädchen. Sie sah etwas verloren aus, als sie gefragt wurde, weshalb sie hier demonstriere. „In der Bibel“, sagte sie, „steht nichts davon, dass wir uns impfen lassen müssen.“

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Wer sich nicht impfen lässt, setzt ausschliesslich sich selber dem erhöhten Risiko eines schweren Verlaufs aus. Wird jetzt teuer und einsam für Impfgegner.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren