Es geht auch anders

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Es geht auch anders

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 10.05.2021

Die internationale Aufmerksamkeit über die bestürzende Entwicklung der Pandemie in Indien ruft – für ein so grosses und komplexes Land – nach Differenzierung.

Eines muss man dem Sars-Virus in seiner indischen Wahlheimat zugutehalten: Er verhält sich ausgesprochen demokratisch. Ob arm oder reich, jung oder alt, ob Städterin oder Bauer – es befällt sie alle. In Mumbai sind 85 Prozent aller Fälle in der laufenden zweiten Welle in teuren Hochhäusern registriert worden, auf die zehn Millionen Slumbewohner entfielen nur 15 Prozent. 

In Delhi standen sie alle Schlange vor den geschlossenen Spitaltoren, Bettler und Leute, die im Mercedes herbeichauffiert wurden. Wer meint, auf dem Land verliefe alles viel sanfter, weil es abseits der globalen Waren- und Virenströme liegt, stösst zwar auf leere Spitäler, aber nur deshalb, weil keine Geräte und/oder kein Personal zur Stelle sind.

Dennoch ist es gefährlich, dieses verhext vielfältige Land mit seinen zahlreichen Bruchlinien von Sprachen, Religionen, Kasten, Klassen und Klimazonen über einen Kamm zu scheren. Nimmt man seine Grösse hinzu – die Fläche 80 Mal die Schweiz, die Bevölkerung 140 Mal – tut man gut daran, jeder definitiven Aussage über Indien aus dem Weg zu gehen.

In diesem historischen Moment scheint Differenzierung allerdings unnötig. Das ganze Land ist vom Sars-Virus erfasst, mehrere hundert Millionen sind gefährdet. Und doch sind es bisher nur ein Viertel der 650 Bezirke, die im Krisenmodus arbeiten. Dennoch glauben die (auch indischen) Fernsehzuschauer im Widerschein der Leichenfeuer nur eines zu sehen: In Indien ist die Hölle los. 

Mumbai ist nicht Delhi

Doch allein schon die erste grobe Unterscheidung – zwischen Süd- und Nordindien – zeigt Unterschiede. Zwar sind auch Kerala, Tamil Nadu und Karnataka vom Virus eingedeckt. Die Fall- und Hospitalisierungszahlen gruppieren sich in der gleichen Grössenordnung – mit einer Ausnahme: Die Mortalität ist im Süden tiefer, in der Gangesebene steigt sie weiter. Dies könnte ein Hinweis sein, dass das Gesundheitssystem im Süden dem Ansturm auf Betten und Beatmungsgeräte besser standhält als im breiten Gürtel der Fieber-Staaten. (Wobei es im Süden negative Ausnahmen wie Bangalore gibt und im Norden positive wie Regionen in Rajasthan.)  

Ein erstaunliches Beispiel sind die unterschiedlichen Kurven in den sonst so ähnlichen Metropolen Delhi und Mumbai. Auch in Mumbai stiegen die Zahlen im März 2021 dramatisch an, noch bevor die positiven Testfälle in Delhi in die Höhe schossen. Man erinnert sich zudem an die Bilder vom letzten Jahr, als Krebspatienten in ihren Betten ins Freie gerollt wurden und unter Mumbais Hochstrassen herumstanden, weil im Krankenhaus Platz für schwere Covid-Fälle geschaffen werden musste.

Doch als die apokalyptischen Bilder aus Delhi in die globalen Kabelnetze flossen, verschwand Mumbai von der Bildfläche. Allenfalls registrierten die Medien ein Kremationsfeuer hinter einem Spital und notierten die Zahl der Betten in den Eingangshallen. Auch hier gab es viele Klagen, dass Spitäler Patienten abwiesen und mit einer Telefonnummer der Gemeindebehörde abfertigten. Wie sich zeigen sollte, war die Nachricht als solche korrekt, deren negative Interpretation – herzloses, ineffizientes Vorgehen – war aber falsch.

Die intelligente Strategie Iqbal Singh Chahals

Auch ich wurde erst durch Medienberichte darauf aufmerksam, dass Mumbai dank einer intelligenten Strategie bisher gut über die Runden gekommen ist. Es stellt in vielem das schiere Gegenstück zu Delhi dar. Während Test- und Impfzentren auch in Mumbai immer noch Warteschlangen produzieren, gibt es ausgerechnet dort keine, wo es um Leben und Tod geht: vor den Spitälern, Verteilzentren für Sauerstoffbehälter, vor den Quarantäne-Schutzräumen – und den Krematorien.

Müsste man die Antwort auf dieses Rätsel in ein einziges Wort pressen, lautete es wohl: Chahal. So lautet der Familienname des Municipal Commissioner (MC) von Mumbai. Iqbal Singh Chahal hat dort ein Krisenmanagement aufgebaut, das dramatisch bessere Resultate liefert. 

Was in anderen Grossstädten der Welt der Bürgermeister oder die Stadtpräsidentin, das ist in Indien der MC. Aber er ist ein Beamter, der den gewählten Mayor auf die Rolle eines Zeremonienmeisters reduziert. Als Beamter kann er viel unabhängiger (und ja: viel korrupter) handeln. Dies gilt besonders für Mumbai, denn der Bombay Municipal Council (BMC) repräsentiert die reichste Gemeinde des Landes, mit einem Budget, das jenes mehrerer Bundesstaaten übertrifft. (Der alte Ortsname hat hier überlebt, so sehr ist BMC für jeden Mumbaikar zu einem – geliebten oder verhassten – Alltagsbegriff geworden.)  

Neue Formel mit 24 Ward War Rooms

Chahal wurde am 1. Mai 2020 als Commissioner berufen, mitten im harten Lockdown, der nicht verhindern konnte, dass die erste Welle die Stadt überschwemmte. Der zentrale Control Room hielt dem Ansturm von Krankenmeldungen und Spital-Notrufen nicht stand und brach jeden Tag innert Minuten zusammen. 

In dieser Ausweglosigkeit tat Chahal etwas Unerhörtes: Er schloss die Notrufzentrale und versprach Abhilfe. Zwei Wochen später hatte er eine neue Formel, die Ward War Rooms, aufgebaut. Die Stadt ist in 24 Wards aufgeteilt, die den städtischen Wahlbezirken entsprechen. 

Jeder Anruf der Notrufnummer wird nun in die lokale Befehlszentrale geleitet. Und auch hier kommt ein neues Konzept zur Anwendung. Jedem Ward War Room sind zehn Ärzte, zehn Personen zur Entgegennahme von Anrufen, zehn Pfleger und zusätzliches Dienstpersonal zugeteilt. Jeder Ward verfügt ausserdem über zehn zu Ambulanzen umgebaute Toyota Innova-Fahrzeuge mit Fahrern und Erste-Hilfe-Pflegern. 

Woher diese Leute nehmen? Für 24 Anrufzentralen im 24-Stundenbetrieb braucht es allein 900 Ärzte. Bereits letztes Jahr setzte Chahal eine Idee um, die von der Modi-Regierung vor genau einer Woche offiziell übernommen wurde. Er appellierte an die mehreren Tausend Internisten und Pflege-Anwärter in Maharashtra, die damals ohnehin im Lockdown waren. Er versprach ihnen das Doppelte des Praktikumslohns sowie Hotelzimmer mit Vollpension. 1100 angehende Ärzte und 1500 Pflegerinnen meldeten sich. Für die 800 Ambulanzfahrer erhielt er von Uber dessen Software-Plattform zur freien Benützung.

Verhinderung von Panik

Mit dieser Infrastruktur löste sich für Chahal der drohende Albtraum in Luft auf – derselbe, der nun, ein Jahr später, in Delhi Realität geworden ist. Mit seiner klugen Idee konnte er verhindern, dass verängstigte Familien versuchen müssen, eine Arzteinweisung zu ergattern, eine Ambulanz zu buchen, das nächstbeste Spital anzupeilen – und dort hysterische Panik aulösen. Er konnte mit allen 35 öffentlichen und 132 privaten Spitälern vertraglich vereinbaren, dass sie das Management der Betten den Ward War Rooms überlassen, und zwar für einen Bruchteil ihrer normalen Tarife. 

Ebenso wichtig war der nächste Schritt: Chahal verpflichtete 55 Laboratorien, welche die grosse Mehrheit städtischer Tests auswerten, die Resultate nicht den Betroffenen, sondern sofort den Bezirkszentralen durchzugeben. Statt einen Run auf die Spitäler auszulösen, erhalten die positiv Getesteten nun (je nach Infektionsgrad gestaffelt) einen Anruf der Zentrale, verbunden mit der Mitteilung, ein Ambulanzwagen werde sie innert einer Stunde abholen und einliefern. 

Optimale Nutzung von Ressourcen

Mit diesem Vorgehen können nach Bereinigung der asymptomatischen Fälle (typischerweise sind dies rund 86 Prozent, die in Quarantäne geschickt werden) den am schwersten Betroffenen die richtigen Bettkategorien zugeteilt werden. Eine Patientin mit milden Symptomen besetzt damit nicht ein teures Intensivpflege-Bett.

Indem das Management der Covid-Betten in jedem Bezirkskrankenhaus ebenfalls in der Hand des Ward-Teams liegt, kann dieses die Kranken auf die Vertragsspitäler verteilen. Jedes Team hat damit die Übersicht und weiss, wo wie viele Betten frei sind (auch in Bezug auf die Sauerstoff-Vorräte für die Versorgung der Spitalpatienten). 

Vor allem aber enthebt Chahals System die Krankenhäuser der Pflicht, panische Anrufe von Betroffenen entgegenzunehmen. Sie können nun – daher der viel gehörte Vorwurf in den Medien – guten Gewissens auf das BMC verweisen. Auch die Zuweisung asymptomatischer Patienten in eigens eingerichtete Schutzräume in Hotels und Mannschaftsräumen von Unternehmen wird von den BMC-Ärzten durchgeführt. Während in Delhi das Chaos herrscht, konnte Commissioner Chahal dem Fernsehjournalisten Shekhar Gupta vergangene Woche zusichern: „Ich habe heute 3300 leere Betten zur Verfügung, 1700 davon sind funktionsfähige Sauerstoffbetten.“ 

Silent Heroes in der Krise

Das Vorgehen bei der Erfassung und Verarbeitung positiver Testpersonen stellt auch sicher, dass jede Person die gleichen Chancen hat, behandelt zu werden. Natürlich gibt es immer noch Schwachstellen und es kommt zu Fehlverhalten. Wer’s vermag, kann sich weiterhin an Labors wenden, die Privatspitälern ausserhalb des BMC-Arrangements zuarbeiten und ihren Klienten rasche und professionelle Hilfe garantieren. Und die Superreichen mieten sich einen Jet und fliegen ins Ausland (entsprechende Leasings haben um 900 Prozent zugenommen). 

Dennoch haben Iqbal Singh Chahal und zweifellos viele andere Silent Heroes in diesem weiten Land dafür gesorgt, dass Indiens vielleicht schönstes Definitionsmerkmal weiterhin Gültigkeit hat – trotz der verbrannten Erde, die Covid weitherum zurücklässt. Es lautet: Bei jeder Tatsachenbehauptung über Indien ist auch das Gegenteil wahr.

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