Erster Fall in der Schweiz

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Erster Fall in der Schweiz

Von Journal21, aktualisiert - 25.02.2020

Das Virus verbreitet sich. Im Tessin wurde ein erster Fall diagnostiziert, ebenso in Österreich, Deutschland und Kroatien. In Italien zieht der Convid-19-Erreger nach Süden.

Ein 70-jähriger im Tessin lebender Mann ist mit dem Corona-Virus angesteckt worden. Dies gab am Abend das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern bekannt. Der Mann hatte an einer Versammlung in Mailand teilgenommen und sich dort vermutlich infiziert.

Wie Pascal Strupler, der Direktor des BAG mitteilte, zeigte der Patient am 17. Februar erste respiratorische Symptome. Seither ist er zu Hause bei seiner Familie gewesen. Er stand unter ärztlicher Betreuung. Am Montag ist er getestet worden. Die Analyse des Referenzlabors für neu auftretende Viruserkrankungen (NAVI) in Genf hat den Verdacht bestätigt, dass die Person am neuen Corona-Virus erkrankt ist.

Zurzeit ist er in einem Tessiner Spital isoliert. Sein Gesundheitszustand sei stabil, sagte Strupler. 

Medienkonferenz des BAG am Dienstagabend: Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten, Pascal Strupler, Direktor des BAG und Kommunikationschef Gregor Lüthy (Foto: Keystone/Anthony Anex)
Medienkonferenz des BAG am Dienstagabend: Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten, Pascal Strupler, Direktor des BAG und Kommunikationschef Gregor Lüthy (Foto: Keystone/Anthony Anex)

Daniel Koch, Direktor des BAG und Leiter übertragbare Krankheiten, erklärte, auch die Familie des Patienten müsse mindestens 14 Tage in Quarantäne bleiben. Möglich Kontaktpersonen würden eruiert.

Koch sagte, mit der steigenden Zahl bestätigter Fälle auf der ganzen Welt und vor allem in Norditalien bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass auch in der Schweiz weitere Infektionsfälle diagnostiziert werden. Für die Bevölkerung bestehe ein „moderates Risiko“.

Täglich 68'000 Grenzgänger

Laut BAG-Direktor Strupler ändere der Fall nichts an der Einschätzung der Lage. Deshalb würden die Massnahmen auch nicht angepasst. 

Die medizinischen Einrichtungen in der Schweiz seien darauf vorbereitet, Verdachtsfälle frühzeitig erkennen und abklären zu können sowie weitere erkrankte Personen zu versorgen.

Im Moment seien noch etwa 70 Tests hängig. Nur etwa fünf bis sechs Proben stammten aus dem Kanton Tessin.

Täglich pendeln fast 68'000 Grenzgänger aus Norditalien ins Tessin.

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In Tirol sind zwei Personen am Coronavirus erkrankt. Dabei handelt es sich um zwei 24-jährige, aus der Lombardei stammende Italiener, die in Innsbruck leben. Die beiden seien „nicht lebensbedrohlich“ erkrankt, meldet der ORF, sondern leiden bisher nur an Fieber.

In Baden-Württemberg ist ein 25 Jahre alter Mann aus dem Landkreis Göppingen angesteckt. Er hat sich vermutlich während einer Italienreise in Mailand angesteckt. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es eine erste Infektion.

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Elf Tote in Italien

In Italien ist die Zahl der Todesopfer am Dienstag auf elf gestiegen (neun in der Lomarbei, zwei in Venetien). Bei allen Verstorbenen handelt es sich um ältere, kranke und geschwächte Menschen.

Bisher war das Virus in Italien nur im Norden registriert worden. Jetzt wurden erstmals Fälle in der Toscana, in Ligurien und auf Sizilien bekannt. 

In Florenz ist ein 60-jähriger Unternehmer, der sich im Januar in Asien aufgehalten hatte, positiv getestet worden. Der Mann hatte sich am Montagnachmittag mit Symptomen im Spital Santa Maria Nuova gemeldet.

Ein erster Fall wurde im Süden des Landes diagnostiziert. Am Montagabend meldete sich im Spital Cervello in Palermo eine Touristin aus Bergamo, die in Sizilien Ferien machte. Tests ergaben, dass sie das Virus in sich trägt. Sie und ihre Entourage wurden in Quarantäne gesetzt. Der Ehemann der Angesteckten wurde negativ getestet.

In Italien sind offiziell 357 Personen vom Virus befallen.

„Nicht übertreiben“

95 Prozent der Angesteckten könnten geheilt werden, erklärte am Dienstag in Rom Walter Ricciardi, Direktor im italienischen Gesundheitsministerium und Mitglied des Executive Board der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der grosse Alarm müsse „redimensioniert" werden. Man solle die Gefahr nicht unterschätzen, aber auch nicht übertreiben.

Auf 100 Angesteckte würden 80 spontan geheilt. 15 hätten ernsthafte Probleme, die aber im Spital erfolgreich behandelt werden könnten. 5 Prozent würden sterben. Ricciardi wies darauf hin, dass die bisher Verstorbenen bereits vorher ernsthafte gesundheitliche Probleme hatten.

Polemik

Wie in Italien nicht anders zu erwarten, löst die Verbreitung des Virus eine wüste politische Polemik aus. Die oppositionelle Lega wirft der Regierung vor, die Lage nicht im Griff zu haben und chaotisch reagiert zu haben. Ministerpräsident Giuseppe Conte seinerseits macht das Spital von Codogno dafür verantwortlich, falsch reagiert zu haben und Verdachtsfälle nicht gemeldet oder nicht richtig behandelt zu haben. Das Spital weist die Vorwürfe vehement zurück. Conte kritisiert auch, wie die regionalen Behörden mit der Seuche umgehen und will ihnen Kompetenzen entziehen.

In den Sozialen Medien tauchen viele alarmistische Fake News auf, deren Ziel es ist, Panik zu verbreiten. So hiess es, die Schulen in ganz Italien seien geschlossen, was falsch ist. Vor allem Kreise, die der Regierung und den Behörden feindlich gesinnt sind, versuchen mit irreführenden Meldungen die Bevölkerung zu verunsichern.

Am stärksten betroffen ist die Lombardei. Ärzte befürchten, dass die bisher insgesamt gemeldeten 357 Ansteckungen nur die Spitze des Eisberges sein könnten. Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte, die Gefahr neuer Infizierungen werde noch tagelang weiterbestehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt sich „sehr besorgt“.

Die Mailänder Börse verlor am Montag 5,4 Prozent. „Das Virus infiziert die Börse“ schrieb am Dienstag La Repubblica. An einem Tag seien 30 Milliarden Euro verbrannt worden. Am Dienstag schloss die Mailänder Börse nach dem „Schwarzen Montag“ mit einem Minus von 1,44 Prozent.

Italien weist nach China und Südkorea am drittmeisten Corona-Fälle auf. 

(Foto: Keystone/EPA/Michela Nana)
(Foto: Keystone/EPA/Michela Nana)

„Psychose“

Da und dort greift Panik um sich. In Rom und Mailand gibt es Menschen, die zu Fuss zur Arbeit gehen und nicht in Busse oder in die Metro steigen. Die Behörden riefen dazu auf, Menschenansammlungen zu meiden. Schülerinnen und Schüler weigern sich, zur Schule zu gehen. Laut Angaben von Römer Journalisten melden sich viele Menschen krank, um zu Hause bleiben zu können.

Bereits am Sonntag waren einige Supermärkte regelrecht überfallen und fast leergekauft worden. Schutzmasken sind kaum noch erhältlich. Nicht nur in der Lombardei decken sich Menschen mit Hamsterkäufen ein. Die Zeitung La Repubblica spricht von einer „Psychose“.

Ein Supermarkt in Pioltello bei Mailand: Leere Gestelle nach Hamsterkäufen. (Foto: Keystone/EPA/Andrea Canali)
Ein Supermarkt in Pioltello bei Mailand: Leere Gestelle nach Hamsterkäufen. (Foto: Keystone/EPA/Andrea Canali)

Attilio Fontana, der Präsident der Region Lombardei, erklärte, Panikkäufe machten keinen Sinn. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sei gesichert.

70 Prozent weniger Touristen

Da und dort kommt das wirtschaftliche Leben zum Stillstand. Viele Betriebe fahren die Produktion herunter oder stellen sie ganz ein. Der wirtschaftliche Schaden, den das Virus verursacht, wird auf Hunderte Millionen Euro geschätzt. Hoteliers melden Annullierungen von Zimmern. Viele Restaurants sind leer.

Laut der Römer Zeitung Il Messaggero ist die Zahl der Touristen um 70 Prozent zurückgegangen.

Verspätete Züge

Der Zugverkehr zwischen Piacenza und Lodi wurde eingestellt. In der Station des Städtchens Casalpusterlenga, das sich in der „Zona rossa“ befindet, werden Sanitätskontrollen durchgeführt. Nach der Zugentgleisung bei Lodi am 6. Februar auf der Linie Mailand-Bologna wurden die Alta-Velocità-Schnellzüge über Casalpusterlengo umgeleitet. Wegen der Kontrollen erleiden nun dieses Züge Verspätungen bis zu über vier Stunden oder fallen ganz aus.

Milano Centrale: Warten bis zu viereinhalb Stunden
Milano Centrale: Warten bis zu viereinhalb Stunden

Geschlossene Kirchen, geschlossene Universitäten und Schulen

Der Karneval von Venedig ist abgesagt worden. Die Fenice-Oper ist geschlossen.

Venedig: Kein Karneval (Foto: Keystone/EPA)
Venedig: Kein Karneval (Foto: Keystone/EPA)

Messen werden in der ganzen Lombarbei keine gelesen. Der Dom von Mailand ist geschlossen, ebenso die Scala. Alle sportlichen Veranstaltungen waren am Sonntag in der Lombardei und im Veneto verboten worden. Die Fussball-Spiele der Serie A (Inter-Sampdoria, Atalanta-Sassuolo, Verona-Cagliari) fanden nicht statt. Pubs und Diskotheken bleiben in der Lombardei geschlossen. Die Bars schliessen um 18.00 Uhr. Kein Aperitivo, keine Happy hour. Auch Kinos sind geschlossen. Zwei geplante Demonstrationen der „Sardinen“ Anfang März in Grosseto und Florenz wurden abgesagt.

Die Universitäten in der Lombardei, im Piemont und im Veneto stellen diese Woche ihren Betrieb ein, ebenso die Universität Ferrara in der Emilia-Romagna. Auch Schulen sind geschlossen – allein in der Lombardei 5'500. Alle Schulreisen sind abgesagt. Die Gerichtsbehörden in Mailand haben den Betrieb eingestellt.

Die in Mailand geplanten Herbst-Winter-2020/2021-Modeschauen von Laura Biagiotti und Giorgio Armani waren annulliert worden.

Eine Apothekerin bedient eine Kundin in Codogno in der Lombardei. (Foto: Keystone/EPA/Ansa/Matteo Corner)
Eine Apothekerin bedient eine Kundin in Codogno in der Lombardei. (Foto: Keystone/EPA/Ansa/Matteo Corner)

Elf Gemeinden in der Region Casalpusterlengo, Codogno, Lodi, Piacenza und Cremona wurden unter Quarantäne gestellt. Die Polizei hat Strassensperren errichtet. 50'000 Bürgerinnen und Bürgern ist es verboten, ihre Gemeinde zu verlassen. Besucher dürfen das Gebiet nicht betreten. In Casalpusterlengo bei Codogno wurden die Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Vito Bardi, der Präsident der süditalienischen Region Basilicata, will alle Personen, die aus den verseuchten Gebieten Norditaliens kommen, unter Quarantäne stellen. Attilio Fontana, der Präsident der Region Lombardei, kritisierte dieses Vorgehen.

Die Suche nach dem „Patienten 0“ geht noch immer weiter. Wer hat als Erster das Virus ins Land gebracht und eine Kettenreaktion ausgelöst? Ein angeblicher „Patient 0“ ist inzwischen negativ getestet worden. Inzwischen ist ein 60-jähriger Bauer ermittelt worden, der das Virus von Codogna nach Vò übertragen haben könnte. In Vò bei Padua besuchte er eine Bar, in der er möglicherweise andere Menschen ansteckte.

Kriminelle

In mehreren Gemeinden versuchten Personen, die sich als Sanitätspersonal ausgaben, in Wohnungen einzudringen. Sie behaupteten, medizinische Tests an den Hausbewohnern vornehmen zu wollen. Sie entpuppten sich als gemeine Diebe. Die Polizei warnt davor, Unbekannte ins Haus einzulassen.

(J21)

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Mehr Sorgen als Italien macht derzeit der Iran. Entweder ist das Virus dort mutiert und deutlich tödlicher geworden oder man hat dort viel mehr infizierte Menschen als offiziell angegeben wird. Klar ist jedenfalls, dass die Zahlen nicht mit dem übereinstimmen, was man woanders beobachten kann.

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