Eric Hobsbawm - Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert (2002)

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Eric Hobsbawm - Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert (2002)

Von Urs Bitterli, 30.05.2015

Es kommt selten vor, dass Historiker über die Zeit, in der sie gelebt haben, nicht nur eine wissenschaftliche Darstellung, sondern auch Memoiren schreiben.

Eric Hobsbawm hat dies mit den Büchern „Interesting Times“ und „Age of Extremes“ getan.

Er war eine merkwürdige und ist eine denkwürdige Persönlichkeit. Geboren im Jahre 1917 und gestorben im Jahre 2012, überspannte sein langes Leben fast das ganze 20. Jahrhundert. Er erblickte das Licht der Welt, als die Bolschewisten das Winterpalais in Sankt Petersburg stürmten und die Revolution ausriefen, und er verstarb zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde er Kommunist, 1936 trat er in die englische KP ein, und er bekannte sich zum Kommunismus, bis er starb. Als Historiker warf er einen sehr kritischen Blick auf die menschliche Geschichte, aber weder Stalins Pakt mit Hitler, noch die russischen Invasionen in Ungarn (1956) und in der Tschechoslowakei (1968) vermochten ihn vom Kommunismus abzubringen.

Eric Hobsbawm, darüber sind sich seine Fachkollegen nicht ganz neidlos einig, war einer der wichtigsten Historiker seiner Zeit. Er durchwanderte die Landschaften der Geschichte wie ein sensibler Rutengänger, der überall ergiebige Themen aufgriff und der Fragen zu stellen wusste, welche sich als stimulierend und fruchtbar erwiesen. Sein Wissen war weit und vielfältig und erstreckte sich von Anarchisten und Sozialrebellen des 19. Jahrhunderts bis zur Geschichte des Jazz im 20. Jahrhundert. Zudem besass er die sprachliche Begabung und den langen Atem, den es zur umfassenden Darstellung braucht. Sein Hauptwerk ist die dreibändige Geschichte Westeuropas im 19. Jahrhundert, das der Autor durch die Eckdaten von 1789 und 1914 begrenzt sieht. In der englischen industriellen Revolution und der französischen politischen Revolution, den „Zwillingsrevolutionen“, erkennt Hobsbawm die Haupttriebkräfte des Modernisierungsprozesses, dessen politische, soziale und wirtschaftliche Auswirkungen er darstellt. Dieser Trilogie liess er 1994 sein international wohl bekanntestes Werk „Age of Extremes“ über „das kurze 20. Jahrhundert“ folgen, das den Zeitraum vom Ersten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion erfasst und den Blick auf weltgeschichtliche Zusammenhänge ausweitet. Doch damit nicht genug. Wenige Jahre später erschienen Eric Hobsbawms Memoiren unter dem Titel „Interesting Times“, auf Deutsch mit Blick auf den Verkaufserfolg durch „Gefährliche Zeiten“ übersetzt. Dass ein Historiker zum selben Zeitabschnitt eine wissenschaftliche Darstellung und seine Memoiren verfasst, dürfte in der langen Geschichte der Historiografie Seltenheitswert beanspruchen.

Latenter Antisemitismus

Eric Hobsbawms Vater war ein englischer Kolonialbeamter, und seine Mutter stammte aus einer Wiener Fabrikantenfamilie. Der Name ist merkwürdig: Er leitet sich von den jüdischen Grosseltern her, die „Obstbaum“ hiessen und im 19. Jahrhundert von Warschau nach England auswanderten. Eric Hobsbawm verbrachte seine Kindheit und frühe Jugend im verarmten Wien der Nachkriegszeit, das sich langsam von der Inflation von 1922 erholte, bevor es mit voller Wucht von der Weltwirtschaftskrise heimgesucht wurde. Die Familie lebte in bescheidenen und unsicheren Verhältnissen und hatte Mühe, nach aussen den Anschein eines bürgerlichen Lebensstils zu wahren. Der Vater ging wenig einträglichen Geschäften nach; die Mutter verbesserte das Einkommen mit der Abfassung von literarischen Arbeiten und Übersetzungen. Wien zählte damals 200 000 Juden, fast zehn Prozent der Einwohner, und die Intelligenz und Strebsamkeit dieser Bevölkerungsgruppe, die über dreissig Prozent der Akademiker stellte, gab dem latenten Antisemitismus zusätzliche Nahrung. Der junge Hobsbawm hatte, wie er in seinen Memoiren „Gefährliche Zeiten“ bemerkt, freilich unter dem Antisemitismus nicht zu leiden, da er als Engländer wahrgenommen wurde. Dennoch war er sich immer bewusst, Jude zu sein. „Obwohl in keiner Weise gläubig“, schreibt er, „wussten wir, dass wir Juden waren und gar nichts anderes sein konnten.“ Nach dem frühen Tod seiner Eltern zog Eric 1931 zu einem Onkel, der ins Filmgeschäft eingestiegen war, nach Berlin, wo er zwei Jahre lang blieb. Er trat ins Prinz Heinrichs-Gymnasium ein, eine Schule mit politisch konservativ gesinnten Lehrern, die nach und nach durch Nationalsozialisten abgelöst wurden. Er bewunderte nicht mehr, wie einst Stefan Zweig, die Gedichte von Hofmannsthal, sondern las jene von Bert Brecht und entdeckte in der Schulbibliothek das „Kommunistische Manifest“. Die dreissiger Jahre boten wenig Anlass zur Zuversicht: „Wir fuhren“, schreibt Hobsbawm, „auf der ‚Titanic‘, und jeder wusste, dass sie den Eisberg rammen würde. Das einzig Ungewisse war, was passieren würde, wenn es soweit war.“

In solcher Lage setzte der junge Mann seine Hoffnung auf einen revolutionären Umschwung. Er trat dem linksradikalen „Sozialistischen Schülerbund“ bei, nahm an Demonstrationen teil, sang die „Internationale“, verfasste und verteilte Flugblätter. Der Widerstand der Linken gegen Hitler versagte, wie man weiss, kläglich. Statt gemeinsam zu handeln, wandte sich die KPD, Direktiven aus Moskau folgend, gegen die Sozialdemokraten, die als „Sozialfaschisten“ verunglimpft wurden. Den Irrwitz dieses Irrtums konnte der Jungkommunist Hobsbawm gewiss nicht erkennen; der Memoirenschreiber und berühmte Historiker aber schreibt sechzig Jahre später: „Es gilt heute allgemein als ausgemacht, dass die Politik, die von der KPD verfolgt wurde, von einer selbstmörderischen Dummheit war.“

"Die röteste und radikalste Generation"

Nach der Machtübernahme durch Hitler reisten die beiden Hobsbawms nach England. Der hoch begabte Eric erhielt ein Stipendium für das King’s College in Cambridge und begann sofort, sich politisch zu betätigen. „Meine Generation“, schreibt er in seinen Memoiren, „war die röteste und radikalste Generation in der Geschichte der Universität, und ich befand mich mittendrin.“ Kommunismus war für ihn, wie er feststellt, eine Leidenschaft, und er sah sich als revolutionären Kämpfer in der „Avantgarde der Arbeiterschaft“. Das gab seinem Leben Sinn, behinderte aber seine akademische Laufbahn, und erst mit dem Erscheinen seiner Trilogie erwarb er sich eine Anerkennung, der sich auch die politischen Gegner nicht verschliessen konnten. Von 1971 bis 1982 war er Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität London, weilte als Gastprofessor in den USA und glänzte, wachen Geistes und vieler Sprachen mächtig, an internationalen Historiker-Kongressen und an öffentlichen Debatten zu aktuellen Fragen.

Den Krieg durchlebte Hobsbawm in Uniform, aber in zivilen Funktionen. Eine Beschäftigung im Nachrichtendienst kam trotz seiner Deutschkenntnis nicht in Frage, weil seine politische Haltung aktenkundig war. Zwar wurde die Sowjetunion als Englands Verbündeter geschätzt, doch diese Wertschätzung übertrug man nicht auf die Kommunisten im eigenen Land. Dass nach Kriegsende das Zweckbündnis der Alliierten auseinanderbrach und der heisse Krieg in den Kalten Krieg überging, enttäuschte Hobsbawm tief. In Grossbritannien wie in anderen westeuropäischen Ländern waren Kommunisten nun zunehmender Diskriminierung ausgesetzt. „Was die Rhetorik der liberalen Kalten Krieger so unerträglich machte“, schreibt Hobsbawm in seinen Memoiren, „war ihre Überzeugung, dass Kommunisten nichts anderes seien als Agenten des sowjetischen Feindes, weshalb kein Kommunist ein angesehenes Mitglied der intellektuellen Gemeinde sein könnte.“ Ein Agent der Sowjetunion war Hobsbawm nie; aber auch in der Zeit des Kalten Krieges und trotz eines ernüchternden Besuchs in Moskau hielt er am Glauben an die langfristige Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus fest. Auch als die Sowjetunion 1956 den Ungarnaufstand niederschlug und viele westeuropäische Kommunisten aus der Partei austraten, blieb Hobsbawm Parteimitglied. In seinen Memoiren erklärt er diese parteipolitische Loyalität damit, dass er als Kommunist noch zu jener alten Generation von Genossen gehört habe, „die eine fast unzerreissbare Nabelschnur mit der Hoffnung auf die Weltrevolution verband“.

Scheitern des "sowjetischen Experiments"

In den sechziger Jahren kam der Erfolg. Hobsbawms Trilogie zur europäischen Geschichten wurde zum Standardwerk. Hobsbawm lehrte als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten, reiste an Kongresse in aller Welt und wurde bald auch mit Ehrungen geradezu überschüttet. Zur Zeit der Pariser Mai-Revolution von 1968 befand er sich in der französischen Metropole, und es ist amüsant, in seinen Memoiren nachzulesen, mit welcher fassungslosen Irritation der Historiker, der ein wichtiges Buch über „Sozialrebellen“ geschrieben hatte, den aufständischen Studenten gegenüberstand. „Wir benutzten wohl dasselbe Vokabular“, schreibt er, „aber wir sprachen anscheinend nicht dieselbe Sprache.“ Dass wenig später die Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling niederwalzten, wird in den Memoiren Hobsbawms nur kurz erwähnt; längst hatte die Sowjetunion für ihn ihre Funktion als Vorbild eingebüsst.

Das Scheitern des „sowjetischen Experiments“ und der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 überraschte Hobsbawm nicht. Spätestens in den achtziger Jahren, schreibt er in den Erinnerungen, hätten die letzten Kommunisten begriffen, dass der sowjetische Sozialismus keine Chance mehr habe. Eine Zeitlang habe dieser noch eine Rolle bei der Dekolonisierung gespielt – dieses Engagement sei „das letzte Relikt vom Geist der Weltrevolution“ gewesen. Auch habe der Sowjetkommunismus noch eine gewisse positive Funktion insofern gehabt, als er ein Gegengewicht zur USA dargestellt habe. Die kommunistische Bedrohung habe dem Kapitalismus eine gewisse Zurückhaltung auferlegt; während mit deren Wegfall dem Neoliberalismus keine Schranken mehr gesetzt seien.

"Von selbst wir die Welt nicht besser"

Am Schluss seiner Memoiren kommt Hobsbawm darauf zu sprechen, warum er Kommunist geblieben sei, und der Leser begreift, dass eine Abkehr von dieser politischen Haltung für den Historiker eine Verleugnung seines ureigensten Wesens bedeutet hätte. Bei aller polyglotten Weltgewandtheit sei er, schreibt Hobsbawm, immer ein Mensch gewesen der „leicht schräg zum Universum“ gestanden habe. Überall auf der Welt habe er sich als jemand empfunden, „der nicht ganz dorthin gehört, wo er sich befindet“, und selbst unter Kommunisten sei er sich als „Anomalie“ vorgekommen. Dies habe sein Leben als Bürger schwierig, aber seinen Beruf als Historiker fruchtbar gemacht. Hobsbawms Memoiren „Gefährliche Zeiten“, eine ungemein bereichernde Lektüre auch für Nichtkommunisten, schliessen mit den Worten: „Soziale Ungerechtigkeit muss immer noch angeprangert und bekämpft werden. Von selbst wird die Welt nicht besser.“

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Souveraene Würdigung einer widerspruchsvollen Historikerpersoenlichkeit.

A propos Hobsbawm: Mit allergrösstem Lesevergnügen bin ich mit einem andern Buch vom "Meister des Überblick" eingestiegen. Es heisst "Ungewöhnliche Menschen" Über Widerstand, Rebellion und Jazz, Carl Hanser Verlag, ISBN 3-446-19761-3 (First published in Great Britain in 1998 by Weidenfeld & Nicolson)

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