„Er ist zu mieten, aber nicht zu kaufen“

Armin Wertz's picture

„Er ist zu mieten, aber nicht zu kaufen“

Von Armin Wertz, 28.01.2017

Die letzten 28 Jahre führten Manuel Noriega, den ehemals starken Mann Panamas, auf eine Odyssee durch Gefängnisse diverser Länder. Nun wurde bekannt, dass er schwer krank ist.

Erstmals seit jenem 3. Januar 1989, als er sich den amerikanischen Invasionstruppen ergab und verhaftet wurde, darf der einstige Direktor der Nationalgarde und starke Mann Panamas, General Manuel Antonio Noriega Moreno, das Gefängnis verlassen. Doch nicht als freier Mann. Der heute 83-, 82-, 79- oder 77-Jährige – je nachdem welche Quelle zugrunde gelegt wird – soll nach Hause gebracht werden, um sich der Behandlung eines Hirntumors unterziehen zu können, ehe der Tumor in einem Hospital entfernt wird. Das bestätigten sowohl seine Tochter Sandra Noriega als auch sein Anwalt Ezra Ángel Benzión.

Auch ein Mann des freien Handels ...

Einst war er der starke Mann Panamas mit besten Beziehungen nach Washington gewesen. Nach General Omar Torrijos Tod bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz wurde der Chef der Nationalgarde zwar nicht Präsident, aber der de-facto-Führer seines Landes und ein hoch geschätzter Informant der US-Aussenpolitik und -Geheimdienste, die ihn nach Fidel Castros Machtübernahme in Kuba Ende der fünfziger Jahre an der Militärakademie in Lima als Informanten anheuerten. Damals bespitzelte er noch als unbekannter Kadett seine Jahrgangskameraden über mögliche Sympathien für die Linke. Jahrelang stand der Mann mit dem pockennarbigen Gesicht, weshalb ihn seine Gegner gerne abfällig „piña“ (Ananas) nannten, auf der Gehaltsliste der CIA. Dankbar registrierte Washington 1971 seine Bemühungen in Havanna um die Freilassung einiger US-kubanischer Seemänner, die Kubas Regierung verhaftet hatte. 1983 war er wieder in heikler Angelegenheit zu Diensten. Auf Bitten von Vizepräsident George Bush informierte er Kubas Fidel Castro über die bevorstehende US-Invasion auf Grenada. Castro möge seine Leute auf der Karibikinsel anweisen nicht zu schiessen. Da störte auch nicht, dass er bei Wahlen regelmäßig betrog, um den Wahlsieg seines Kandidaten sicherzustellen.

Doch dann wurde der Lakai Washingtons plötzlich aufsässig und machte Geschäfte auf eigene Rechnung. Der in Panama-Stadt im Elendsviertel San Felipe als illegitimes Kind einer Mestizin geborene „Chulo“, Mulatte, handelte mit Informationen, mit Drogen, mit Waffen und vor allem mit jedem. Er half der CIA im Kampf gegen El Salvadors linke Guerilla und verschob gleichzeitig Waffen an die Aufständischen. Während er Erkenntnisse über Kuba und die Sandinisten in Nicaragua an die diversen amerikanischen Geheimdienste weiterleitete, und Waffenlieferungen aus Südafrika via Panama an die Contra zuliess, verkaufte er panamaische Pässe, amerikanische Elektronik und Informationen über US-Politiker, die ihm die CIA zugespielt hatte, an Castro oder die Sandinisten. Er half der CIA gegen ein Jahressalär von 200‘000 Dollar und den antisandinistischen Contras bei ihren Geschäften mit den Drogenkartellen im kolumbianischen Cali und Medellín und verscherbelte Waffen gegen Drogen oder Drogen gegen Waffen. „Er kennt nicht die Spur von Loyalität“, urteilte damals ein US-Beamter, „er ist zu mieten, aber nicht zu kaufen.“

... hat seine Prinzipien

Dass diese Einschätzung nicht ganz stimmte, wurde ihm schliesslich zum Verhängnis. Unverdrossen unterstützte er den in Washington äusserst ungeliebten Contadora-Friedensplan des damaligen Präsidenten von Costa Rica, Óscar Arias, mit dem die Bürgerkriege in Mittelamerika beendet werden sollten. Beharrlich weigerte er sich, den Vertrag über die Rückgabe des Panamakanals, den US-Präsident Jimmy Carter 1977 mit Noriegas Vorgänger Omar Torrijos abgeschlossen hatte, neu zu verhandeln.

Panamakanal, Miraflores-Schleusen (Foto: Wertz)
Panamakanal, Miraflores-Schleusen (Foto: Wertz)

Dann lehnte er es auch noch ab, seine Truppen für eine Invasion Nicaraguas zur Verfügung zu stellen. „Dafür wollte er sich nicht hergeben“, bestätigte sein einstiger Vertrauter, der spätere Kronzeuge der Anklage, José Blandón, vor einem Senatsausschuss. Und schliesslich nahm er diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion auf. Das aber war in Lateinamerika ein Sakrileg, bedeutete es doch nach amerikanischem Verständnis, dass er „dem KGB erlaubte, in Panama zu operieren“.

Washington verhängte Wirtschaftssanktionen, fror die Bankeinlagen der Regierung Panamas in den USA ein, sperrte die Benutzungsgebühren für eine Transpanama-Pipeline, kündigte das US-Handelsabkommen, das Panama-Exporte begünstigte, zahlte die Gebühren für die Benutzung des Panamakanals auf ein Sperrkonto bei der Federal Reserve Bank in New York ein und erhöhte seine Militärpräsenz am Kanal. Gleichzeitig demonstrierte Panamas Ober- und Mittelschicht, angeführt von der Handelskammer, wochenlang in Anzug und Krawatte und mit klappernden Kochtöpfen gegen den einkommensbewussten General.

US-Invasion

Am 20. Dezember 1989 leiteten die US-Streitkräfte mit 27‘000 Mann die bis zu diesem Zeitpunkt grösste Luftlandeoperation der USA seit dem 2. Weltkrieg ein und bombardierten Noriegas Hauptquartier im Zentrum El Chorrillos, eines Slumviertels in Panama-Stadt. Der hatte inzwischen Zuflucht in der Nuntiatur des Heiligen Stuhls gesucht. „Die Nordamerikaner waren im Begriff, die Botschaft zu überfallen“, beschrieb der päpstliche Abgesandte in Panama die Situation an Heiligabend. Davon sahen die US-Truppen schliesslich ab. Statt dessen umzingelten sie die diplomatische Vertretung des Vatikans, feuerten in die Luft und auf Strassenlaternen und installierten starke Lautsprecher vor dem Anwesen, aus denen sie tagelang die Botschaftsbewohner mit infernalisch dröhnender, übersteuerter Pop- und Heavy Metal Musik beschallten: „You're no good“ oder „Nowhere to hide“.  Und wo sie schon einmal dabei waren, diplomatische Vertretungen zu belästigen, machten sie gleich weiter. Am 29. Dezember erreichte ein Anruf aus der Residenz des nicaraguanischen Botschafters seine Botschaft. „Wir sind umzingelt. Sie haben in die Luft geschossen und gesagt, wenn wir nicht innerhalb einer Minute herauskämen, würden sie das Feuer eröffnen.“ Daraufhin wies ein 60 Mann starkes Kommando alle Anwesenden aus dem Gebäude und durchsuchte das Anwesen. Andere Einheiten nahmen zeitweilig Havannas Botschafter und seinen Zweiten Sekretär fest.

Nach elf Tagen in der Vatikanvertretung gab Noriega am 3. Januar 1990 auf und stellte sich den US-Behörden. Von „Holzhammermethoden“ schrieb die New York Times später. Um einen Mann zu fangen, hatten die US-Streitkräfte ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt, mindestens 5‘000 Menschen waren dabei umgekommen und zigtausende obdachlos geworden. Es war ein fragwürdiger Erfolg, den die USA in Panama feierten.

Während Noriega alle Verbindungen zum Kokain-Kartell in Medellín mit Wissen der CIA schon 1985 abgebrochen hatte, „blüht der Drogenhandel heute mehr denn je“, berichtete die New York Times neun Monate nach der Invasion. Der von den USA eingesetzte Präsident Guillermo Endara war von 1970 bis zu seiner Berufung an die Spitze des Staats (Januar 1990) Vorstandsmitglied der Interbanco gewesen, bei der mindestens zwölf Millionen Dollar des Medellín-Kartells deponiert waren. Aufgeschreckt durch Enthüllungen der DEA verkaufte der Präsident der Bank, der Kolumbianer Rondederos Durán, eiligst seine Anteile an dem Geldinstitut an fünf Gesellschaften sowie zwei Privatpersonen. Einer der privaten Käufer war Endara. Und die Anwaltskanzlei „Endara, Delgado & Solis“ handelte eifrig mit panamesischen Visa und Aufenthaltsgenehmigungen und versorgte rund 10‘000 illegal eingereiste Chinesen, Pakistani und Kubaner mit dem Endziel USA gegen jeweils fünf- bis zehntausend Dollar mit ständigen oder vorübergehenden Aufenthaltsgenehmigungen. Und der neue Vizepräsident Guillermo Ford, einer der Wortführer der Noriega-Gegner, erwarb sich im Volksmund den Spitznamen „Waschmaschinen-Ford“, weil er über die Dadeland County Bank in Miami in Geldwäsche aus Kokaingewinnen verstrickt sein sollte.

Seit 28 Jahre Gefängnis

Noriega wurden zwölf Delikte zur Last gelegt, darunter Verschwörung, Verbreitung und Einfuhr von Drogen, Annahme von Bestechungsgeldern kolumbianischer Drogenkartelle, Geldwäsche und Wahlfälschungen. Am 10. Juli 1992 wurde er von einem Gericht in Miami zu 40 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er in einem Bundesgefängnis in Mimai absass. Später wurde das Strafmass wegen guter Führung auf 17 Jahre reduziert. Nach seiner Auslieferung an Frankreich und Verbüssung einer Haftstrafe in einem Pariser Gefängnis wurde er am 11. Dezember 2011 an Panama überstellt, wo er wegen Korruption, Veruntreuung und wegen der Ermordung des Oppositionellen Hugo Spadafora, der 1985 enthauptet im Nachbarland Costa Rica aufgefunden worden war, in absentia verurteilt worden war. Seither ist er im Gefängnis „El Renacer“ (die Wiedergeburt) direkt am Panamakanal inhaftiert.

Kommentare

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren