Entführung eines Diktators

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Entführung eines Diktators

Von Heiner Hug, 12.09.2018

Vor 75 Jahren wurde Mussolini von deutschen Fallschirmjägern befreit und nach Deutschland zu Hitler geflogen.

Das Hotel „Campo Imperatore“ ist ein hässlicher Bau. Es liegt auf 2130 Metern über Meer auf dem Gran Sasso, dem höchsten Gebirge Italiens. Die Aussicht ist herrlich. Man glaubt sich im bolivianischen Hochland.

Die nicht ganz sauberen Zimmer sind arg in die Jahre gekommen. Das ebenso angeschmuddelte Restaurant spiegelt viel Schein vor. Essen und Service sind mässig. Man findet hier Touristen, die der faszinierenden Landschaft wegen kommen.

Und man findet einige andere: aus der Zeit gefallene Faschisten, die mit der Demokratie wenig anfangen können. Hier atmen sie die Luft, die hier einst Mussolini atmete. Zwei Wochen lang hatte der gestürzte Ex-Diktator auf dem Grand Sasso unter Hausarrest gestanden. Das Zimmer, in dem er wohnte, kann gemietet werden. Es kostet, je nach Saison und Nachfrage, 50 bis 200 Euro mehr als die übrigen Zimmer.

Am 12. September 1943 waren hier auf dem Gran Sasso zehn Lastensegler mit 90 deutschen Fallschirmjägern gelandet. Zehn Minuten später trat Mussolini aus dem Hotel und wurde mit einem Fieseler Storch ausgeflogen. Via Wien wurde er nach Deutschland gebracht, wo er auf der Wolfsschanze mit Hitler zusammentraf.

Befreiung von Benito Mussolini; Hauptsturmführer Otto Skorzeny (helle Uniform, mit Fernglas), Major Harald-Otto Mors (nur Kopf), Benito Mussolini, Karl Radl (mit Stahlhelm), General Gueli; PK Fs AOK. Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Toni Schneiders, Bild Nr. 101I-567-1503A-03, aufgenommen am 12. September 1943
Befreiung von Benito Mussolini; Hauptsturmführer Otto Skorzeny (helle Uniform, mit Fernglas), Major Harald-Otto Mors (nur Kopf), Benito Mussolini, Karl Radl (mit Stahlhelm), General Gueli; PK Fs AOK. Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Toni Schneiders, Bild Nr. 101I-567-1503A-03, aufgenommen am 12. September 1943

Der Gang zum Flugzeug mit Kofferträger. Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-R99898, aufgenommen am 12. September 1943
Der Gang zum Flugzeug mit Kofferträger. Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-R99898, aufgenommen am 12. September 1943

Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-J22931, aufgenommen am 12. September 1943
Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-J22931, aufgenommen am 12. September 1943

Mussolini im Flugzeug vor dem Abflug, Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-J22932, aufgenommen am 12. September 1943
Mussolini im Flugzeug vor dem Abflug, Bild: Deutsches Bundesarchiv, Fotograf: Bruno Kayser, Bild Nr. 183-J22932, aufgenommen am 12. September 1943

Benito Mussolini im startbereiten Flugzeug Fieseler Fi 156 "Storch" (Kennung SJ+LL); Fs AOK, Bild: Deutsches Bundesarchiv, Foto: Toni Schneiders, Bild Nr. 101I-567-1503C-05, aufgenommen am 12. September 1943
Benito Mussolini im startbereiten Flugzeug Fieseler Fi 156 "Storch" (Kennung SJ+LL); Fs AOK, Bild: Deutsches Bundesarchiv, Foto: Toni Schneiders, Bild Nr. 101I-567-1503C-05, aufgenommen am 12. September 1943

Gut zwei Monate vor seiner Befreiung waren britische und amerikanische Truppen auf Sizilien gelandet. Das war nicht der Anfang vom Ende Mussolinis. Sein Ende hatte schon früher begonnen. Er hatte 20 Kilogramm abgenommen, war innerhalb seiner Partei mehr und mehr umstritten, wurde depressiv und lag wochenlang nur noch im Bett. Die wirtschaftliche und soziale Krise griff um sich. Immer mehr seiner einstigen Weggefährten wandten sich von ihm ab. Sie sahen ein, dass das faschistische Italien nicht mehr zu retten war, und wechselten das Hemd.

Abtransport mit der Ambulanz

Am 24. Juli 1943 hatte der faschistische „Grossrat“ dem König empfohlen, Mussolinis Macht radikal zu beschneiden. Der Oberbefehl über die Streitkräfte wurde Mussolini entzogen. Kurz darauf setzte ihn der König als Ministerpräsident ab. Sein Nachfolger wurde Pietro Badoglio.

Mit einem Ambulanzfahrzeug wurde der völlig apathische Mussolini in eine Kaserne der Carabinieri gebracht und dort festgehalten. Die Nachricht von seiner Absetzung löste in zahlreichen italienischen Städten Freudenkundgebungen aus. Auf Plätzen und Strassen wurde gefeiert. Da weder die italienische Führung noch die italienische Armee viel taugte, marschierten 45 Tage nach dem Sturz Mussolinis grosse deutsche Truppenverbände in Italien ein.

Zuerst wurde Mussolini auf die Insel Ponza und dann auf einen Militärstützpunkt in La Maddalena auf Sardinien gebracht. Am 28. August 1943 wurde er auf Befehl des faschistischen Rates unter Badoglio ins Hotel Campo Imperatore auf dem Gran Sasso geflogen. Hier sollte er vor einem Zugriff der Deutschen geschützt sein.

Zwar wurde Mussolini von italienischen Soldaten bewacht. Doch als die Deutschen landeten, leisteten die Bewacher keinen Widerstand und wurden entwaffnet.

Die Italiener kämpften nicht mehr

Dass Mussolini auf dem Gran Sasso festgehalten wurde, war laut jüngsten Erkenntnissen italienischer Historiker offenbar nicht top-geheim, wie oft behauptet wurde. Mussolini soll mehrfach Faschisten empfangen haben. Auch deutsche Offiziere konferierten mit ihm. Möglich ist, dass sie mit ihm zusammen das „Unternehmen Eiche“, wie die Befreiungsaktion hiess, vorbesprochen hatten. Selbst mit Kindern soll Mussolini im Hotel gespielt haben, deren Eltern auf dem Gran Sasso Ferien machten.

Wenige Tage bevor Mussolini befreit wurde, hatten die Alliierten mit Italien einen Waffenstillstand geschlossen. Die italienische Armee kämpfte nicht mehr. Der König und der Ministerpräsident Badoglio flohen nach Brindisi.

Doch die Deutschen wollten Italien nicht den Alliierten überlassen. Sie besetzten einen grossen Teil der wichtigen Industriegebiete Norditaliens. Diese wollte Hitler nicht preisgeben. Er setzte deshalb Mussolini am 23. September 1943 als Staatschef der neugegründeten „Italienischen Sozialrepublik“ ein.

„Repubblica Sociale Italiana“

Am 23. September kehrte Mussolini nach Italien zurück. Er war nun Staatschef der „Repubblica Sociale Italiana“. Diese wurde auch „Republik von Salò“ genannt, denn der Regierungssitz befand sich zunächst im Städtchen Salò am Gardasee. Von hier aus wollten die Deutschen ganz Italien zurückerobern.

Die Republik, die zunächst noch weite Teile Nord- und Zentralitaliens umfasste, stand völlig unter der militärischen Herrschaft der Deutschen. Mit dem aus Süden her erfolgten Vormarsch der Alliierten schrumpfte die Repubblica Sociale von Tag zu Tag.

Am 25. April 1945 brach die Republik zusammen. Einen Tag später wurde der fliehende Mussolini – als er in die Schweiz flüchten wollte – am Comersee von kommunistischen Partisanen erschossen. Zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci und engen Mitarbeitern wurde er an einer Tankstelle in Mailand an den Füssen aufgehängt.

Zwar wurde er in Mailand anonym auf Feld 16 im Cimitero milanese di Musocco begraben, doch die Partisanen entdeckten schnell sein Grab. Die Leiche wurde gestohlen und in einem Gummisack in eine Hütte in Madesis am Splügenpass nahe der Schweizer Grenze gebracht. Später erhielten seine Überreste Kirchenasyl und wurden von zwei Franziskanermönchen im Kloster Sant’ Angelo bei Mailand aufbewahrt. Schliesslich wurde die Leiche in Predappio, seinem Geburtsort in der Emilia Romagna, bestattet.

(PS Zurzeit wird das Hotel Campo Imperatore renoviert)

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