Ekstase

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Ekstase

Von Heiner Hug, Rom - 10.07.2021

Es geht am Sonntag im Wembley-Stadion nicht nur um Fussball. Ein Sieg der Italiener im EM-Final würde dem Land einen zusätzlichen wirtschaftlichen Schub verleihen.

Laut dem italienischen statistischen Institut Istat steigt das BIP in diesem Jahr um 4,7 Prozent. Die EU rechnet gar mit 5 Prozent. Auch 2022 soll sich dieser Trend fortsetzen. Ein Sieg im Wembley-Stadion würde diese für Italien hohen Werte noch zusätzlich erhöhen. Das sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Simona Caricasulo. „Ich bin sicher, dass ein Sieg die italienische Wirtschaft weiter beflügeln würde“, sagt sie in Zeitungsinterviews. Sie rechnet mit einer zusätzlichen Steigerung des italienischen BIP um 0,7 Prozent. Das hiesse: Ein Sieg wäre etwa 12 Milliarden Euro wert.

Es gibt Vergleichswerte. 2006 gewann Italien die Weltmeisterschaft. Die Exporte italienischer Produkte stiegen damals um 10 Prozent. Ein Sieg steigere die „brand identity“ des gesamten Landes, erklärt Caricasulo. Konkret: Das „Made in Italy“ ist nach einem Sieg gefragter als bisher. „Die Nachfrage nach italienischen Produkten im Ausland, die bereits sehr hoch ist, erhöht sich dann noch mehr.“

Doch auch im Inland würde die Nachfrage steigen. Italien hat schwere Jahre hinter sich. Silvio Berlusconi hat das Belpaese ins Schlamassel gewirtschaftet, aus dem es seit Jahren nicht herauskommt. Die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht. Wirtschaftlich ist Italien nach zwanzig verloreneren Berlusconi-Jahren das Schlusslicht in Europa. Das drückte auf die Moral der Bewohnerinnen und Bewohner. Lethargie machte sich breit. Die Politiker kümmerten sich vor allem um sich selbst und wenig um das Land. Mit der Regierung von Mario Draghi hat sich das langsam geändert. Dazu bringt der EU-Hilfsfond von über 200 Milliarden Euro neue Hoffnung.

Plötzlich sind alle Italiener

Fussball war in Italien schon immer mehr als nur Sport. Das 160 Jahre alte Land ist noch immer nicht zusammengewachsen. Nicht nur zwischen Nord und Süd klafft ein Graben; zwischen den einzelnen Regionen herrscht oft eine bizarre Animosität.

Doch der Fussball eint das Land. Wenn die italienische Nationalmannschaft spielt, sind plötzlich alle Italiener. Kalabresen und Piemonteser, Apulier und Lombarden, Sizilianer und Toskaner – alle stehen Schulter an Schulter, schreien aus einer Kehle und jubeln oder weinen gemeinsam. Einige Soziologen sagen gar, Italien identifiziere sich einzig über den Fussball. Nicht einmal über die Pizza oder die Pasta – nein, über den Fussball.

Deshalb ist ein Sieg der Azzurri (so wird die Nationalmannschaft genannt) auch Labsal für die italienische Seele. Und eine glückliche Seele ist konsumfreudiger. Das italienische Selbstbewusstsein hängt eng mit den Siegen seiner Nationalmannschaft zusammen.

Kollektive Trance

Nach dem jahrelangen politischen Hickhack ist es Ministerpräsident Mario Draghi gelungen, das Land zumindest teilweise zu einigen. Seine Zustimmungswerte sind hoch. Auch Roberto Mancini, der Trainer der Nationalmannschaft, konnte das Land hinter sich scharen. Endlich: Italien, eine geeinte Nation. Im Fussballstadion sind sie alle gleich: Süd- und Norditaliener, Linke und Rechtspopulisten, Postfaschisten und Liberale. Zumindest eine Zeit lang.

Weite Teile des Landes finden sich in diesen Tagen in einer kollektiven Fussball-Trance. Verdrängt werden die wieder steigenden Corona-Ansteckungszahlen. Die Fussballportale der Azzurri wurden seit dem Sieg im Halbfinal 300 Millionen Mal angeklickt. Selbst die katholischen Messen werden vorverschoben, damit man „la partita“ sehen kann.

Die Gazzetta dello sport, ohnehin die auflagenstärkste italienische Zeitung, verkaufte dieser Tage über zwei Millionen Exemplare. Das Olympia-Stadion in Rom öffnet am Sonntag seine Tore für 16’000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi ordnete jedoch an, dass nur Geimpfte oder Getestete ins Stadion dürfen. Offenbar sind strikte Kontrollen vorgesehen.

„Als Mediziner hoffe ich, dass wir verlieren.“

Ärzte und Wissenschaftler sind alarmiert. Auch Politiker sind, zum Ärger vieler Tifosi, vorsichtig. In Mailand ging das Gerücht um, dass im San Siro-Stadion ein riesiges Public Viewing stattfinden soll. Doch der Mailänder Bürgermeister Beppe Sala wollte nichts davon wissen und verbot den Anlass. Trotzdem finden im ganzen Land Hunderte, wenn nicht Tausende kleinere und grössere öffentliche Live-Übertragungen statt. Doch die meisten Italienerinnen und Italiener werden das Spiel zuhause verfolgen.

Sollte Italien allerdings gewinnen, ist zu befürchten, dass Zehntausende auf die Strassen strömen und jubeln. „Dann ist die Gefahr von Ansteckungen besonders gross“, fürchtet ein Polizeikommandant von Mailand. „Als Italiener hoffe ich, dass Italien gewinnt“, sagt ein Arzt. „Als Mediziner hoffe ich, dass wir verlieren.“

Offiziell versuchen die Medien die Erwartungen zu dämpfen. Man weist darauf hin, dass bei den englischen Buchmachern die Engländer als Sieger gehandelt werden, allerdings sehr knapp. Und natürlich weiss man, dass das Spiel im Wembley-Stadion ein Heimspiel für The Three Lions ist.

Der englische Fussball,  ein „Trauerspiel“

Der Mailänder Corriere della sera schreibt am Freitag in einem Kommentar: „Wir Italiener denken, wir könnten verlieren, die Engländer denken, sie müssen gewinnen. Deshalb machen wir es oft besser als sie. In unserer Einstellung mischen wir Vorsicht, Erfahrung und Beschwörung guter Geister. Das englische Verhalten ist eine Kombination aus Stolz, Rücksichtslosigkeit und Ungeduld.“

Doch süffisant erwähnen die italienischen Medien, dass die Engländer in 55 Jahren weder eine Europa- noch eine Weltmeisterschaft gewonnen haben. „Das sollen die Erfinder des Fussballs sein?“, wird gespottet. Und natürlich wird darauf hingewiesen, dass England nur durch einen sehr umstrittenen Penalty gegen die Dänen überhaupt im Final steht – ein Penalty (da sind sich nicht nur die Italiener und Dänen einig), den es nicht hätte geben dürfen.

Die Italiener hätten die Dänen als Gegner im Final vorgezogen. „Die spielten einen attraktiven Fussball“, heisst es in einem Kommentar auf Facebook. „Doch was die Engländer hinlegen, ist ein Trauerspiel.“

Ein bisschen Rassismus

Dann noch – auf beiden Seiten – ein bisschen Rassismus, aber der gehört ja im Fussball dazu: „Die Italiener haben seit Julius Cäsar nichts mehr erreicht“, heisst es in einem britischen Facebook-Eintrag. Doch auch die Italiener gehen nicht zimperlich mit den Engländern um. „Die können gar nichts, weder kochen, noch Fussball spielen. Ihr Fussball ist so scheusslich und schwer verdaulich wie diese fettigen britischen Breakfasts.“ (Dass auch die Italiener im Halbfinal gegen Spanien nicht nur Bella Figura machten, bleibt natürlich unerwähnt.)

Wie wichtig dieses Spiel für diese Nation ist, zeigt auch, dass der 79-jährige Staatspräsident Sergio Mattarella, einer der vernünftigsten Politiker des Landes, nach London reist. Seite an Seite mit dem britischen Kronprinzen William und Premierminister Johnson wird er den Match verfolgen.

Dass der italienische Staatspräsident bei wichtigen Spielen dabei ist, hat Tradition. 2006, als Italien im WM-Final in Berlin Frankreich mit 5:3 schlug, sass Georgio Napolitano auf der Tribüne. Nach dem Sieg ging er in die Umkleidekabine und gratulierte den Azzurri. Auch Sandro Pertini war dabei, als Italien 1982 im WM-Final in Spanien Deutschland mit 3:1 bezwang.

„Deshalb fürchten sie uns.“

Und was geschieht, wenn die Azzurri verlieren? Dann versinkt das Land in einer kollektiven nationalen Trübsal. Doch so weit wird es nicht kommen. Die Meinungen sind in Italien definitiv gemacht:  „Wir werden die englischen Löwen, diese Grossmäuler, schon zähmen.“

Und nochmals der Corriere della sera: „Was den Engländern auf und neben dem Fussballplatz missfällt, ist unsere Phantasie. Wenn wir diese mit Methode, Präzision und Teamgeist kombinieren können, werden wir richtig stark. In London wissen sie es: Deshalb fürchten sie uns.“

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König Fussball ist bestens geeignet, allen möglichen Interpretationen freien Lauf zu lassen. Ob das italienische BIP, bei einem Sieg Italiens, wirklich um 0,7 Prozent wachsen würde, ist vielleicht Wunschdenken. Dass der Fussball die Psyche von Menschen mit beeinflussen kann, ist wohl unbestritten und so dürfte ein Sieg Italiens den Konsum durchaus befeuern können. Ob ein Sieg Investitionen von Staat und Privatwirtschaft auslösen könnte, ist wohl eher Wunschdenken. Was jedoch interessant ist, dass die Mannschaft um Roberto Mancini einen attraktiven, sprich offensiven, technisch und läuferisch sehr anspruchsvollen Fussball spielt. Das Verteidigen ist nicht mehr das Mass aller Fussballweisheiten, sondern Angriff ist die beste Verteidigung. Hier hat Mancini in den Köpfen der Spieler Wunder bewirkt. Wenn sich nun Politik, Wirtschaft oder die ganze Gesellschaft durch das attraktive Spiel ihrer Squadra Azzura verzaubern liessen, hiesse das Aufbruchstimmung im ganzen Land und ein Aufbrechen von verkrusteten Strukturen in vielen Bereichen. Das wäre dann der schönste Sieg, den sich Italien wünschen könnte.

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