Eklatanter Fehlschlag

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Eklatanter Fehlschlag

Von Carl Bossard, 02.04.2019

Basler Romanistik-Professoren schlagen Alarm: Gymnasiasten kommen ohne genügende Grundlagen an die Universität. Doch die Bildungspolitik beschwichtigt.

Man weiss es schon lange; doch niemand will es wahrhaben: Viele Primarschülerinnen und -schüler sind mit zwei Fremdsprachen überfordert. Sie erreichen die Lehrplanziele nicht. Studien belegen es, doch die Behörden lassen sich von kritischen Fakten nicht stören; sie glauben an ihren Entscheid und unterdrücken die Ergebnisse. So schrieb die NZZ vor einiger Zeit:„Bildungspolitiker kämpfen mit allen möglichen Mitteln für das Frühfranzösisch. Wissenschafter, die den Nutzen anzweifeln, werden unter Druck gesetzt und diskreditiert.“ [1] Das erinnert an Christian Morgenstern und Palmströms messerscharfen Schluss, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“.

Sprachwissenschafter sind besorgt

Doch die nackten Fakten wiegen schwer. Darum wandten sich Basler Uni-Professoren an die Erziehungsbehörden. [2] Sie wiesen auf den schlechten Wissens- und Könnensstand von Studienanfängern hin. Ihr Fazit: Ein Französisch-Studium an frankophonen Unis oder an der Uni Basel sei mit diesen Grundlagen schlicht nicht möglich. Und das nach elf Jahren Französischunterricht!

Wie denn auch, wenn in der Volksschule mit den Lehrmitteln von „Mille feuilles“ und„Clin d'œil“kein aufbauender Alltagswortschatz und kein systematischer Aufbau von Strukturen erfolgten? Wenn kaum konjugiert wird. Dieses Fremdsprachenkonzept führe unweigerlich zu einer Französisch-Misere, klagen die Gymnasiallehrer. Wichtiger wäre, so der ehemalige Mittschullehrer und SP-Grossrat Daniel Goepfert, das Gewicht auf „sattelfestes Erlernen der deutschen Sprache zu legen“ und mit Französisch noch zuzuwarten.

Die heutige Primarschule ist multilingual

Wer in der wirtschaftlich globalisierten Welt modernitätsfähig sein will, braucht als zwingende Bedingung eine fremdsprachliche Qualifikation. In der Schweiz gehört dazu die Kenntnis einer zweiten Landessprache. Und da Englisch ohnehin zur Lingua franca geworden ist, müssen die Kinder mindestens doppelsprachig sein. Da sind sich fast alle einig.

Darüber hinaus aber zerbricht der Konsens. Wann soll mit dem Fremdsprachenlernen begonnen werden? Wie viele Sprachen sind schulisch schwächeren Primarschulkindern zumutbar? Und wie steht es um die Kenntnisse in der Hochsprache Deutsch? Für viele ist das ja auch eine Art Fremdsprache. Zudem weiss man, dass fast jeder fünfte Schüler unsere Schulen verlässt, ohne dass er richtig lesen und schreiben kann. Eine offene Wunde unserer Gesellschaft! 

Argumentenwirrwarr im Fremdsprachenstreit

Frühfranzösisch lässt sich nicht isoliert betrachten. Zu viele Positionen stehen sich diametral gegenüber. Zwei Fremdsprachen bereits in der Primarschule, sagen die Kosmopoliten und Modernisierer, jene mit dem idealistisch hohen Bildungsanspruch für alle. Die pädagogische Erfahrung hält dagegen: Mit zwei Fremdsprachen sind viele Kinder – vor allem auch solche mit Migrationshintergrund – überfordert. So argumentieren viele Lehrerinnen und Lehrer; sie verweisen auf die Fächerfülle und die Heterogenität heutiger Klassen, auf das begrenzte Zeitbudget und die fehlenden Übungsphasen. Gleichzeitig beklagen sie den Sprachverlust in der Muttersprache.

Ohne zweite Landessprache bereits in der Primarschule gehe es nicht, sagen die offizielle Schulpolitik und der Lehrplan 21. Denn ohne Frühfranzösisch bröckle der eidgenössische Konsens und zerbreche die mehrsprachige Schweiz: Frühfranzösisch als kulturpolitisch-nationale Kohäsionsfrage. Doch nicht alle Kantone zogen mit.

Zweite Landessprache möglichst früh

Fremdsprachenunterricht in der Volksschule war lange Zeit eine Domäne der Sekundarstufe I (7. bis 9. Schuljahr). Die Primarschule beschränkte sich auf die Kernfächer Deutsch und Mathematik, Heimatkunde mit Geschichte und Geographie sowie die musisch-kreativen Fächer; dazu kamen Sport und Religionsunterricht.

Schweizer Schulkinder müssen möglichst früh eine andere Landessprache lernen. Diese Idee verfolgte die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK mit ihrem Projekt „Reform und Vorverschiebung des Fremdsprachenunterrichts“. In den 1990er-Jahren wurde der Französischunterricht auf der Primarstufe in fast allen Kantonen Realität. Die Sprache sollte zum Kitt werden für den Zusammenhalt der föderalen Schweiz. 

Ernst Buschors Fait accompli

Im Jahr 2000 überraschte der Zürcher Bildungsdirektor und Reformturbo Ernst Buschor mit seinem Brachial-Entscheid: English first. Frühenglisch vor Frühfranzösisch hiess seine Devise. Das „moderne Esperanto“ war gefragt, und es lerne sich erst noch leicht, so seine Argumentation. Die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Wirtschaft hatten Vorrang; sprachpolitische Befindlichkeiten rückten in den Hintergrund.

Mehrere Kantone folgten Zürich; sie führten Englisch als erste Fremdsprache ein. Heute beginnen 14 Kantone mit Frühenglisch, die übrigen mit einer zweiten Landessprache. In 20 von 26 Kantonen wird die erste Fremdsprache spätestens ab dem dritten, die zweite ab dem fünften Schuljahr unterrichtet. Im Modell 3/5 liegt seit 2004 die Sprachstrategie der EDK begründet. Innerrhoden, Uri und der Aargau [3] aber unterrichten in der Primarschule kein Französisch. 

Allons-y oder let’s go?

Wie hältst du’s mit den Landessprachen? Fast eine Gretchenfrage. Sie erhitzt die Gemüter. Doch die Alternative Französisch oder Englisch ist so verquer wie die Frage, ob die Schule Lesen oder Rechnen lehren müsse. Beides ist wichtig – sowohl Englisch wie eine zweite Landessprache. Und was wichtig ist, muss richtig getan werden, also auch altersadäquat.

Hier beginnt der Streit. Über den richtigen Zeitpunkt und die Intensität scheiden sich die Geister – und über die Frage, ob eine zweite Fremdsprache für alle Kinder obligatorisch sein müsse. Lange Zeit galt der Grundsatz als unbestritten: je früher, desto besser. Davon war man an den Schweizer Primarschulen überzeugt. Das ist nicht prinzipiell falsch. Fraglos lernen Kinder vieles leichter und schneller als Adoleszente und Erwachsene. Das zeigt sich bei Jugendlichen, die zweisprachig aufwachsen. Sprach-Switchen scheint für sie kein Problem zu sein. Sie tauchen ja in die Sprache ein. Immersion heisst das magische Wort. Das „Bain de français“ ist Alltag. 

Ernüchternde Resultate

Wie ganz anders verhält sich die Situation im Klassenverband mit bloss zwei, vielleicht drei Einzellektionen pro Woche. Eine repräsentative Studie von 2016 in der Zentralschweiz schockierte. Nur jeder dreissigste Achtklässler spricht lehrplangerecht Französisch, nicht einmal jeder zehnte erreicht die Ziele im Hörverstehen. Etwas besser, aber immer noch unbefriedigend, sehen die Resultate beim Lesen und Schreiben aus. Untersucht wurden 3’700 Schüler der 6. und 8. Klasse. [4]

Nicht zufriedenstellend, wenn auch leicht günstiger, sehen die Ergebnisse im Kanton Zug aus. Hier haben die Schüler bis zum achten Unterrichtsjahr insgesamt zwei Wochenlektionen mehr Französisch als in Nachbarkantonen. Und doch erreicht eine deutliche Mehrheit der Zuger Schülerinnen und Schüler die Lehrplanziele nicht.

Von den Appenzellern lernen

Vielleicht machen es die Appenzell-Innerrhödler vor: Sie verlegten den Französischunterricht auf die Sekundarstufe – und unterrichten hier mit hoher Kadenz: fünf Lektionen im ersten Jahr und je vier in der zweiten und dritten Klasse. „Das Modell hat sich bewährt“, sagt der kantonale Bildungsdirektor und fügt bei: „Unsere Jugendlichen erreichen zweifellos die Sprachkompetenzen, wie sie das Sprachengesetz für das Ende der obligatorischen Schulzeit verlangt.“ Entscheidend ist das gemeinsame Ziel, nicht der einheitliche Weg. Mit diesem Modell bleibt in der Primarschule zudem mehr Zeit fürs Kernfach Muttersprache. Denn wer sich eine fremde Sprache wirklich aneignen und nicht nur ein wenig parlieren will, der sollte sie von ihrer Struktur her verstehen. Eine präzise Kenntnis der Muttersprache ist darum unabdingbar.

Anders gesagt: Wer gut Deutsch kann, wird leichter mehrsprachig. Vielleicht etwas gar einfach. Doch im Einfachen liegt ein Stücklein Wahrheit. Viele erfahrene Lehrpersonen wissen darum. Allerdings hörte die Bildungspolitik nicht auf sie. Vielleicht nimmt sie dafür die Basler Hochschullehrer ernst.

[1] Anja Burri: Streit um Frühfranzösisch: Behörden unterdrücken kritische Forschung. In: NZZaS, 18.09.2016, p. 1, 20f.

[2] Franziska Laur: Universitäts-Professoren sind tief besorgt. In: Basler Zeitung, 26.03.2019, S. 17.

[3] Der Kanton Aargau führt mit dem Schuljahr 2020/21 den Französischunterricht ab der 5. Klasse ein.

[4] Erich Aschwanden: Französisch-Lernziele bei weitem verfehlt. In: NZZ, 19.03.2016, S. 19.

Kommentare

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Richtig, die eigene Sprache beherrrschen ist wichtiger als in zig Sprachen dilettieren. So bemerkte in der Schweiz arbeitender Deutscher: Die Schweizer beherrschen mehr Sprachen als die USAmerikaner, die Spanier, die Briten, die Griechen, die Polen, die Chinesen, die Japaner usw. ...deutsch aber am schlechtesten.

Wie recht Sie haben, Herr Bossard. Daher haben sich ja im Kanton Zug und auch in anderen Kantonen im Jahr 2006 aktive Politiker und Politikerinnen zusammen mit Lehrpersonen gegen das Modell 3 / 5 gewehrt und AI als Beispiel genommen. Wir haben wirklich dagegen gekämpft, mit den Argumenten, die Sie aufführen. Die Abstimmungen wurden leider verloren, aber anscheinend bewährt sich das Modell der Innerödler. Schade, dass davor die Augen zugemacht werden.

InnerHödler, liebe Frau Lustenberger, mit h, Innerhödler.

Wenn schon korrigieren, dann richtig: Innerrhoden.
Kommt von innere Rhoden, hat nix mit Hoden zu tun:-)

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