Ein königlicher Platz

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Ein königlicher Platz

Von Georg Gerster, 03.07.2015

Copyright: Georg Gester/Keystonne Ein königlicher Platz Dichter priesen die iranische Stadt Isfahan als die halbe Welt. Sie hatte einen Mittelpunkt: den Meidan-i Schah, den „Platz des Königs“. Platz ist nicht Platz. Viele Plätze wirken wie Mottenfrass im städtischen Häuserteppich, peinliche Schadstellen im urbanen Gewebe. Andere, die denkwürdigen, sind städtische Kraftzentren, bei denen sich die Öffnung solidarisiert mit der Architektur, die sie einfasst. Beispiele? Die Place Stanislas in Nancy, die Plaza Mayor von Salamanca, Limas Plaza de Armas, Sienas Piazza del Campo, Markus- und Petersplatz – lauter Plätze von sammelnder, konstellierender Kraft. Von gleichem Rang – Weltrang – ist auch der Meidan-i Schah, der „Platz des Königs“ in der iranischen Stadt Isfahan. Soweit Grösse auf Meter und Quadratmeter abstellt, ist der „Platz des Königs“ erheblich grösser als die vorgenannten, vielleicht der grösste Platz überhaupt: ein Rechteck von 512 Meter Länge und l64 Meter Breite. Der Safawiden-Herrscher Abbas I. beförderte l598 Isfahan, eine Oasenstadt im Vorland der Zagros-Berge, mit einer baulichen Parforceleistung zur Hauptstadt des persischen Grossreichs. Das Bauprogramm, das der Grosskönig bis zu einem Tod 1629 in einem Delirium baumeisterlichen Glücks verwirklichte, konzentrierte sich auf den grandiosen Platz und seinen Rahmen; er allein war ja schon fast „die halbe Welt“ – das Lob, das die Dichter für das neue Isfahan hatten. Ringsum säumen ihn zweigeschossige Arkaden. Deren Flucht unterbrechen an der westlichen Längsseite die Scheich-Lotfallah-Moschee, die Privatmoschee des Herrschers, und gegenüber das „Tor des Ali“ (Ali Qapu), der Torbau zum ehemaligen Palast; an der nördlichen Schmalseite das monumentale Tor zum Basar und gegenüber die „Moschee des Königs“. Die Zugänge zu den Moscheen liegen bündig in dcr Flucht der Arkaden; die Achsen beider Sakralbauten sind aber abgewinkelt, so dass die Gebetshalle nach Mekka weist. Die Kuppeln über den Gebetshallen sind innen und aussen ein vielfarbiger Traum von schimmernder Fayence; die gigantische, 54 Meter hohe Kuppel der Grossen Moschee ist auch bautechnisch ein Bravourstück. Zeitaufwendige Mosaiken waren anfangs der Wandschmuck der Wahl, aber die Baumeister waren in Eile und nahmen schliesslich Zuflucht zu glasierten Kacheln: sie verbauten 1,5 Millionen 23 x 23 Zentimeter grosse bemalte Fliesen. Vermutlich existierte ein Teil des nachmaligen Königsplatzes bereits als Sportplatz am Rande der alten Stadt. Abbas I. baute einen Pavillon aus timuridischer Zeit zum „Tor des Ali“ um. Von einer offenen Veranda schaute er Festen, Märkten, Turnieren, Paraden und Exekutionen zu. Ihm lag am Export isfahanischer Seide, er empfing gerne ausländische Abordnungen – potentielle Geschäftspartner. Über Nacht verschwanden dann die Händlerbuden vom Platz, und der Grosskönig, ein leidenschaftlicher Polospieler, erfreute seine Besucher mit Polo. Aber auch mit Tierkämpfen: Löwen und Stiere wurden aufeinander gehetzt. Die Königsmoschee ist mehr als nur ein in bunter Fayence-Dekoration irisierendes Meisterwerk islamischer Baukunst. Ornamentik und Grundplan verschlüsseln ein Geheimnis der schiitischen Eschatologie: die Wiederkehr des 12. Imams. So fundamentalistisch sich also das Bauwerk gibt, so tolerant konnte der Bauherr sein. Unter den Safawiden hatten christliche Mönchsorden, Augustiner und Karmeliter, in Isfahan ihre Kirchen und Klöster. Der Grosskönig besuchte sie dort und lud die Mönche auch zu sich ein. Demonstrativ trug er bei solchen Gelegenheiten einen Rosenkranz um den Hals. Freilich: die Duldsamkeit hatte Grenzen und konnte in Grausamkeit umschlagen. Ein Zürcher Uhrmacher, der unter Abbas’ Nachfolger am Hof des Grosskönigs lebte, Johann Rudolf Stadler, erschoss 1637 einen Hofbeamten, auf den er im Schlafzimmer seiner armenischen Frau gestossen war. Als Ungläubiger, der einen Rechtgläubigen tötete, hatte er sein Leben verwirkt. Das rettende Angebot, Muslim zu werden, schlug Stadler aus und wurde mit dem Schwert zerstückelt. Der Grosskönig, traurig darüber, dass fortan die Uhren in seinem Palast falsch gehen würden, sorgte für ein opulentes Begräbnis. Die Armenier setzten den Zürcher auf ihrem Friedhof bei und nahmen ihn als Märtyrer unter die Heiligen auf. Die Nominierung des Meidan-i Schah zum Welterbekandidaten war eines der letzten Staatsgeschäfte der Shahregierung; als die Kandidatur 1979 reüssierte, war der Shahanshah bereits im Exil. Der islamische Gottesstaat benannte den Platz zu Ehren von Ayatollah Khomeini in „Platz des Imams“ um. – Jahr des Flugbilds: 1978 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Dichter priesen die iranische Stadt Isfahan als die halbe Welt. Sie hatte einen Mittelpunkt: den Meidan-i Schah, den „Platz des Königs“.

Platz ist nicht Platz. Viele Plätze wirken wie Mottenfrass im städtischen Häuserteppich, peinliche Schadstellen im urbanen Gewebe. Andere, die denkwürdigen, sind städtische Kraftzentren, bei denen sich die Öffnung solidarisiert mit der Architektur, die sie einfasst. Beispiele? Die Place Stanislas in Nancy, die Plaza Mayor von Salamanca, Limas Plaza de Armas, Sienas Piazza del Campo, Markus- und Petersplatz – lauter Plätze von sammelnder, konstellierender Kraft. Von gleichem Rang – Weltrang – ist auch der  Meidan-i Schah, der „Platz des Königs“ in der iranischen Stadt Isfahan. Soweit Grösse auf Meter und Quadratmeter abstellt, ist der „Platz des Königs“ erheblich grösser als die vorgenannten, vielleicht der grösste Platz überhaupt: ein Rechteck von 512 Meter Länge und l64 Meter Breite.

Der Safawiden-Herrscher Abbas I. beförderte l598 Isfahan, eine Oasenstadt im Vorland der Zagros-Berge, mit einer baulichen Parforceleistung zur Hauptstadt des persischen Grossreichs. Das Bauprogramm, das der Grosskönig bis zu einem Tod 1629 in einem Delirium baumeisterlichen Glücks verwirklichte, konzentrierte sich auf den grandiosen Platz und seinen Rahmen; er allein war ja schon fast „die halbe Welt“ – das Lob, das die Dichter für das neue Isfahan hatten. Ringsum säumen ihn zweigeschossige Arkaden. Deren Flucht unterbrechen an der westlichen Längsseite die Scheich-Lotfallah-Moschee, die Privatmoschee des Herrschers, und gegenüber das „Tor des Ali“ (Ali Qapu), der Torbau zum ehemaligen Palast; an der nördlichen Schmalseite das monumentale Tor zum Basar und gegenüber die „Moschee des Königs“. Die Zugänge zu den Moscheen liegen bündig in dcr Flucht der Arkaden; die Achsen beider Sakralbauten sind aber abgewinkelt, so dass die Gebetshalle nach Mekka weist. Die Kuppeln über den Gebetshallen sind innen und aussen ein vielfarbiger Traum von schimmernder Fayence; die gigantische, 54 Meter hohe Kuppel der Grossen Moschee ist auch bautechnisch ein Bravourstück. Zeitaufwendige Mosaiken waren anfangs der Wandschmuck der Wahl, aber die Baumeister waren in Eile und nahmen schliesslich Zuflucht zu glasierten Kacheln: sie verbauten 1,5 Millionen 23 x 23 Zentimeter grosse bemalte Fliesen.

Vermutlich existierte ein Teil des nachmaligen Königsplatzes bereits als Sportplatz am Rande der alten Stadt. Abbas I. baute einen Pavillon aus timuridischer Zeit zum „Tor des Ali“ um. Von einer offenen Veranda schaute er Festen, Märkten, Turnieren, Paraden und Exekutionen zu. Ihm lag am Export isfahanischer Seide, er empfing gerne ausländische Abordnungen – potentielle Geschäftspartner. Über Nacht verschwanden dann die Händlerbuden vom Platz, und der Grosskönig, ein leidenschaftlicher Polospieler, erfreute seine Besucher mit Polo. Aber auch mit Tierkämpfen: Löwen und Stiere wurden aufeinander gehetzt.

Die Königsmoschee ist mehr als nur ein in bunter Fayence-Dekoration irisierendes Meisterwerk islamischer Baukunst. Ornamentik und Grundplan verschlüsseln ein Geheimnis der schiitischen Eschatologie: die Wiederkehr des 12. Imams. So fundamentalistisch sich also das Bauwerk gibt, so tolerant konnte der Bauherr sein. Unter den Safawiden hatten christliche Mönchsorden, Augustiner und Karmeliter, in Isfahan ihre Kirchen und Klöster. Der Grosskönig besuchte sie dort und lud die Mönche auch zu sich ein. Demonstrativ trug er bei solchen Gelegenheiten einen Rosenkranz um den Hals. Freilich: die Duldsamkeit hatte Grenzen und konnte in Grausamkeit umschlagen. Ein Zürcher Uhrmacher, der unter Abbas’ Nachfolger am Hof des Grosskönigs lebte, Johann Rudolf Stadler, erschoss 1637 einen Hofbeamten, auf den er im Schlafzimmer seiner armenischen Frau gestossen war. Als Ungläubiger, der einen Rechtgläubigen tötete, hatte er sein Leben verwirkt. Das rettende Angebot, Muslim zu werden, schlug Stadler aus und wurde mit dem Schwert zerstückelt. Der Grosskönig, traurig darüber, dass fortan die Uhren in seinem Palast falsch gehen würden, sorgte für ein opulentes Begräbnis. Die Armenier setzten den Zürcher auf ihrem Friedhof bei und nahmen ihn als Märtyrer unter die Heiligen auf.

Die Nominierung des Meidan-i Schah zum Welterbekandidaten war eines der letzten Staatsgeschäfte der Shahregierung; als die Kandidatur 1979 reüssierte, war der Shahanshah bereits im Exil. Der islamische Gottesstaat benannte den Platz zu Ehren von Ayatollah Khomeini in „Platz des Imams“ um. – Jahr des Flugbilds: 1978 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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