Ein anderer werden

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Ein anderer werden

Von Franz Derendinger, 03.08.2019

Kai Marchal liess sich als Student durch die chinesische Kultur faszinieren und ist heute Professor für Philosophie in Taipeh. In einem neuen Buch dokumentiert er seinen persönlichen Weg.

Kai Marchal, 1974 in Deutschland geboren und aufgewachsen, war als junger Mensch nicht glücklich. Er beschreibt sich selbst als verkopften Nerd, der Mühe hatte, auf Gleichaltrige zuzugehen und sich nicht heimisch fühlte in der Spassgesellschaft. Er litt an Akne und unter Minderwertigkeitsgefühlen. Dann fand er «Minima Moralia» im elterlichen Bücherschrank und war fortan überzeugt, dass es für ihn kein richtiges Leben geben würde in dem falschen, das ihn in der Heimat umgab. Verständlich also der Traum, herauszukommen aus dem «deutschen Krähenwinkel», durch die Wand zu treten, ein ganz anderer zu werden. 

China wurde zum Sehnsuchtsort. Von der Berührung mit dem Fremden versprach Marchal sich Transformation. Die Vertiefung in die rätselhaften, komplexen Schriftzeichen bot ihm etwas wie Halt. Zunächst allerdings führte ihn der Weg bloss ins Institut für chinesische Sprache in Heidelberg, wo ihn das Deutsche weiterhin umfing. Erst im dritten Studienjahr reiste er ein erstes Mal nach China – mit der transsibirischen Eisenbahn, weil er Fliegen für unmoralisch hielt.

Wang Bi – Vermittler der Gegensätze

Bei seinen Studien in Heidelberg stiess Marchal auf einen chinesischen Denker, der für ihn zum persönlichen Leitstern werden sollte: Wang Bi (226–249 n. Chr.) lebte in einer Zeit des Umbruchs. Die Han-Dynastie war eben untergegangen und China in drei Teilreiche zerfallen. Mit dem Sturz des «Himmelssohns» waren aber auch moralische Gewissheiten und alte Hierarchien ins Wanken geraten.

In einer aristokratischen Jeunesse dorée begann es zu gären. Aufmüpfige Ideen kamen auf, die zur erstarrten konfuzianischen Tradition im Widerspruch standen, und sie wurden nicht selten in provokanter Art vorgetragen. Auch Wang Bi bewegte sich im Umfeld dieser Jugendrevolte, die in Marchals Beschreibung mitunter an die antiautoritären Eruptionen von 1968 erinnert. Natürlich gab es in den Teilreichen auch Richtungskämpfe zwischen verschiedenen politischen Cliquen sowie entsprechende Säuberungswellen. Einer von ihnen dürfte Wang Bi mit erst 23 Jahren zum Opfer gefallen sein. 

Trotz seines frühen Todes hat dieser Denker ein beeindruckendes Werk hinterlassen; zwar keine eigenständige Lehre, aber Kommentare zu drei zentralen Texten der chinesischen Tradition: zum «Daodejing», zum «Buch der Wandlung» (I Ging) und zu den «Gesprächen» des Konfuzius. Entscheidend dabei war, dass Wang Bi drei ganz unterschiedliche Denkansätze auf einen gemeinsamen Fokus ausrichtete und damit quasi die Matrix schuf für jene spannungsvolle Identität, die im Weiteren das chinesische Bildungs- und Zivilisationsprojekt tragen sollte. Anders als die zeitgenössischen Protestler lehnte er die Autorität des Konfuzius nicht ab, sondern verflüssigte dessen Anweisungen, indem er sie einer daoistischen Lektüre unterzog.

Den Dingen ihren Lauf lassen

Das «Daodejing», das Laotse (6. Jh. vor Chr.) zugeschrieben wird, war damals das Buch der Stunde. Mit seiner Lehre vom Loslassen traf es den Nerv der Zeit und den Geschmack all jener, die sich gegen verkrustete Verhältnisse stark machten. Schon rein lexikalisch ist der zentrale Begriff nur schwer zu fassen: In der Kernbedeutung heisst «Dao» soviel wie «der Weg», doch unterschiedliche europäische Interpreten haben das Wort auch mit «Sinn», «Prozess» oder «Wirken in den Dingen» übersetzt. Auf jedenfall ist Dao etwas, das allem zugrunde liegt und alle Dinge durchdringt, ohne selber je fassbar zu sein. 

Auch sprachlich lässt es sich nur umkreisen. Man könnte durchaus versucht sein, es mit der Negativität zu assoziieren, die der Existenzialismus, aber auch die Kritische Theorie als Gegenwurf zur Macht des Faktischen portiert haben. Marchal allerdings versagt sich solche vorschnellen Gleichsetzungen und betont, dass die chinesische Tradition etwas wie die europäische Metaphysik gar nicht kennt. Deren Tendenz zur Verdinglichung haben im übrigen auch Denker wie Heidegger oder Adorno der Kritik unterzogen.

Das Dao ist also kein Gegenstand, der sich kognitiv greifen lässt; es zu denken heisst, etwas zu tun, nämlich sich zu versenken in das Hier und Jetzt, den Lauf zu akzeptieren, den die Dinge quasi von selbst nehmen. Es bedeutet vor allem, den egozentrischen Willen fahren zu lassen, der sich oft genug querstellt zu den Kräften, die in einer spezifischen Situation wirken.

Wie das zu verstehen ist, illustriert eine Parabel aus dem «Zhuangzi» (Das Buch vom südlichen Blütenland), das im vierten vorchristlichen Jahrhundert entstand und ebenfalls der daoistischen Tradition zugerechnet wird: Da erklärt ein Koch seinem Herrn, warum er seit Jahren schon dasselbe Messer benutzt und warum er es kaum je zu schleifen braucht. Wenn er nämlich ein Rind zerlegt, folgt er den Faserungen des Fleisches und nutzt die Hohlräume in den Gelenken. Er kennt seinen Gegenstand und lässt sich auf ihn ein; deshalb bietet der ihm auch nur minimalen Widerstand. Eine daoistische Weisheit lautet: Wer gut zu gehen weiss, hinterlässt keine Spuren. Der Koch weiss, wie das Tier zusammengesetzt ist; er respektiert seine gegebene Struktur und nutzt so auch das Messer nicht ab.

Verkörperung des Weges

Zur Negativität des Daoismus scheint Konfuzius zunächst einmal einen scharfen Gegensatz zu bilden. Sein Name steht für eine gesellschaftliche Moral, für einen Wertekanon, der den Respekt vor den Eltern umfasst ebenso wie Bescheidenheit und Ordnungsliebe. Das sind Tugenden, die bis heute die chinesische Kultur prägen und die letztlich – aus der Sicht des individualistischen Westens – deren befremdlichen Charakter ausmachen. Marchal betont denn auch, wie eng und banal die Ratschläge des Konfuzius mitunter wirken können, oft auch unangenehm autoritär. 

Doch die Pointe von Wang Bis Kommentar besteht eben darin, dass er die «Gespräche» nicht als abstrakten Tugendkatalog mit Allgemeinheitsanspruch liest, sondern als eine Sammlung exemplarischer Handlungsanweisungen, die sich stets auf eine spezifische Situation beziehen. In dieser Interpretation hat Konfuzius keine steinernen Gesetzestafeln hinterlassen, keine rigiden Vorschriften; er gab seinen Schülern vielmehr ein Beispiel durch den eigenen Lebensvollzug. Dabei sollten sie seine Exempel keinesfalls sklavisch imitieren, im Gegenteil: Wer den Sinn wirklich verstanden hat, wird fähig sein, die modellhaften Vorgaben des Meisters kreativ auf andersartige Situationen zu übertragen. 

Wang Bis Lesart wird von der Form der «Gespräche» gestützt. Konfuzius entwickelt nämlich keine Morallehre, die sich von Prinzipien herleitet; er gibt konkrete Handlungsmodelle für den Alltag vor. Dabei richtet er sich nicht an die Menschheit, noch nicht einmal an die Gesamtheit seiner Schüler, sondern stets an einen bestimmten Einzelnen – und das in einer ausgesprochen schlichten Sprache. Es geht ihm darum, die Aufmerksamkeit ganz auf die Gegenwart zu richten, auf das, was unmittelbar vor Augen liegt. 

Genau hier stellt Wang Bi denn auch die Parallele zum Daoismus her: Die Fixierung auf das eigene Ich, auf dessen Wünsche und Wollen – das ist es, was uns vom Weg abbringt und in Gegensatz treten lässt zu dem, was um uns vorgeht. Weisheit besteht für Konfuzius nicht in einem Kriterienkatalog für Richtig und Falsch, vielmehr in der Fähigkeit, im Lebensstrom aufzugehen. Das heisst dann aber auch, bestehende Hierarchien oder Konventionen zu respektieren. Konfuzius nimmt die eigene Person in seinen modellhaften Handlungen stets zurück und tut, was die Situation erfordert. So lehrt er nicht den Weg – er verkörpert ihn.

Die Konstellation der Gegensätze

In seinen Kommentaren hat Wang Bi versucht, einen tiefen Gegensatz zu überbrücken, indem er die negative, auflösende Kraft des Daoismus vermittelte mit der Orientierung, welche die konfuzianische Tradition bot. Genau diese Leistung dürfte es sein, die Kai Marchal an dem Denker aus dem alten China fasziniert. Wang Bi hat sich in einer Zeit des Umbruchs der Herausforderung gestellt, offen zu sein für das Neue – und darüber doch nicht den Halt zu verlieren. Das ist den westlichen Gesellschaften im späten 20. Jahrhundert nicht wirklich gut gelungen, und unter dem postmodernen Trudeln, das in den Neunzigern als schick galt, hat Marchal als junger Mann offensichtlich gelitten. Er wirft in seinem Buch auch einige Schlaglichter auf die eigene Familie, die durchaus auf ein biographisch begründetes Interesse am chinesischen Philosophen aus dem 3. Jahrhundert schliessen lassen.

Da sind zum einen die Eltern, die nicht gut wegkommen. Allzu viel erfährt man nicht, nur dass beide bei Adorno Soziologie studiert haben, dass sie miteinander nicht glücklich wurden und sich frustriert in individuelle Schlupfwinkel zurückzogen. Es macht den Anschein, als hätten sie sich zu tief vom Adornoschen Kulturpessimismus imprägnieren lassen, möglicherweise auch mit den antiautoritären Hoffnungen der Zeit, wodurch sie schliesslich mit dem realen Leben nur schlecht zurechtkamen. 

Besser stehen zum anderen die beiden Grossväter da. Sie hatten zwar nicht das Glück der späten Geburt, waren aber fest in bürgerlich-konservativen Vorstellungswelten verwurzelt und verkörperten insofern all jenes, gegen das die Generation der Eltern ankämpfte. Aber Marchal zeichnet sie gerade nicht als Chauvinisten. Der Grossvater väterlicherseits verweigerte sogar den Hitlergruss. Man spürt die Sympathie des Enkels für diese patriarchalen Figuren, denen Disziplin und feste Überzeugungen erlaubten, mit sich im Reinen zu sein, und die so ihrem Umfeld einen Rückhalt geben konnten, den Marchal in seinem Elternhaus vermisst hat. 

Kai Marchal hat sich in der Jugend schwergetan mit dem Bruch zwischen der Vor- und der Nachkriegsgeneration, der sich auch in der eigenen Familie auftat. Ihn belastete die Unversöhnlichkeit, mit welcher sich autoritär-kollektivistische auf der einen und hoch individualisierte Lebenskonzepte auf der anderen Seite in Europa gegenüberstanden. Nicht zuletzt das mag ihn fortgetrieben haben. Und in Wang Bi entdeckte er einen, der sich in einer vergleichbaren Konfrontation zwischen Tradition und Aufbruch vorfand, dabei aber gegen die Unversöhnlichkeit anging, indem er einen spannungsvollen Spagat riskierte, der sich für die Zukunft als fruchtbar erweisen sollte.

Matrix einer spannungsvollen Identität

In Marchals Lesart hat Wang Bi die Gegenpole nicht etwa zu einer Synthese vereint, sondern sie in der Weise eines Sternbildes konstelliert. Damit bleiben die Differenz und der Abstand zwischen ihnen erhalten. Eine solche Anlage hebt also den Gegensatz nicht auf. Sie hält vielmehr eine irreduzible Spannung aufrecht. Gerade das prädestiniert sie als Matrix für eine Identität, welche die Polyphonie einer hoch dynamischen Weltgesellschaft orchestrieren könnte. Es wäre eine Identität, die gleich weit vom Futurismus der Liberalen mit ihrer Faszination für die schöpferische Zerstörung entfernt ist wie von den bornierten Heilsversprechen der Populisten. 

Dass Marchal diese Matrix in impressionistisch-biographischer Form präsentiert, ergibt Sinn. Denn eine griffigere, stringentere Fassung würde sie letztlich schon wieder auf die eurozentrische Perspektive verengen. Marchal sieht Wang Bis Kommentare als ein Haus mit so vielen Zimmern, dass sich kein abschliessender Plan zeichnen lässt. Was formulierbar bleibt, ist die beschränkt-individualistische Sicht der Einzelnen, die sich durch dieses Haus bewegen; was dabei Not tut, ist die Toleranz gegenüber den andern, denen man darin begegnet. So ist Marchals Buch einfach das Zeugnis eines Menschen, der einen weiten Weg gegangen ist und der – in einem sehr fernen Zimmer – im Zeugnis eines andern ein mögliches Spiegelbild erkannt hat.

Kai Marchal: Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist. Auf den Spuren des chinesischen Denkens, MSB Matthes & Seitz, Berlin 2019

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