Die Weizsäckers und ihre Deutschen

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Die Weizsäckers und ihre Deutschen

Von Stephan Wehowsky, 10.02.2015

Das ist eine Geschichte, die über Richard, der der Präsident der Deutschen wurde, hinausreicht. Zu dieser Geschichte gehören auch Carl Friedrich, der Bruder, und Ernst, der Vater.

Um sich ihr zu nähern, kann man die berühmte Rede vom 8. Mai 1985 als Anknüpfungspunkt wählen. Da hat Richard von Weizsäcker einige Sätze gesagt, die nicht einmal neu und originell waren. Aber sie trafen. Er sprach davon, dass die Kapitulation auch ein Akt der Befreiung war. Ein tiefes Tal war durchschritten. Aber der 8. Mai 1945 war auch ein Neuanfang. Ein Neuanfang allerdings, in dem die Schuld stets gegenwärtig ist.

Verteidigung des Vaters

Was Richard von Weizsäcker so glaubwürdig machte, war diese Verbindung von Schuld und Neuanfang. Jeder wusste, dass er während des Zweiten Weltkriegs jahrelang an der Ostfront gekämpft hatte. Und jeder wusste und viele verübelten es ihm, dass er - noch als Jurastudent - vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal seinen Vater, Ernst von Weizsäcker, verteidigt hatte. Dieser Vater hatte sich als Diplomat im Dienste Hitlers und Ribbentrops tief in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt und gleichwohl geltend gemacht, „Schlimmeres“ habe verhüten zu wollen.

Es war ein Dritter im Bunde, und ohne ihn wird man die Faszination Richards nicht verstehen: sein Bruder Carl Friedrich von Weizsäcker. Carl Friedrich war ein Genie. Er war Mathematiker, Physiker und Philosoph. Ursprünglich interessierten ihn die Sterne und ihre Physik, aber er begegnete schon als ganz junger Mensch Werner Heisenberg, Niels Bohr und Otto Hahn. Das Thema der Atome rückte in seinen Blick.

Neues Denken der Physik

In den ersten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhundert vibrierte die Physik. Einstein entwickelte seine Relativitätstheorie und sprengte damit das herkömmliche Denken. Und nun wurden die kleinsten Teilchen und ihre Beziehungen zum Thema der Forschung.

Fieberhaft versuchten die Physiker, mathematische Modelle für die Beobachtungen zu finden, die sie mit herkömmlichen Gleichungen nicht deuten konnten. Es war Max Planck, der dafür das Denkgebäude der Quantenphysik entwarf. Bis heute ist lesenswert, wie Werner Heisenberg in seinen Buch, „Der Teil und das Ganze“, die damaligen Diskussionen und Denkbewegungen nachzeichnet.

Und Carl Friedrich war mittendrin. Als Hitlers Horden auf den Strassen marschierten, war er gerade mit seiner Doktorarbeit so beschäftigt, dass er ihnen gar keine Beachtung schenkte. Hitler verachtete er sowieso. Aber dann hatte dieser Hitler Erfolg, was ihn beeindruckte. Und einigen Physikern wurde klar, dass aus der Kernphysik Kernenergie bis hin zu einer Bombe entstehen konnte. Auch Weizsäcker wusste das und hatte die Idee, dass er, wenn er nur einmal über das nötige Wissen zur Herstellung einer Bombe verfüge, Hitler lenken könne. Es ging um Wissen und Macht.

Die Aura

In den vergangenen Jahrzehnten ist viel darüber geschrieben worden. Weizsäcker selbst hat in einem Spiegel-Interview gesagt: „Ich gebe zu, ich war verrückt.“ Heute wissen wir, dass er, als er nach dem Krieg zusammen mit Kollegen in Farm Hall in England interniert war, fleissig an der Legende strickte, man habe die Bombe weder bauen können noch wollen. Sicher aber ist: Der Name Weizsäcker hat in Amerika die Anstrengungen zum Bau der Bombe wesentlich motiviert. Schliesslich wollte man den Deutschen zuvorkommen.

Das alles aber beschädigte seine Aura nach dem Kriege nicht. Seine Vorlesungen über die Geschichte der Natur in Göttingen, später seine Seminare über Kant in Hamburg waren legendär. Selbst während der 1968er Studentenunruhen, so wird kolportiert, sei er so ziemlich der einzige Professor gewesen, der unbehelligt seine Lehrveranstaltungen abhalten konnte.

Der Kreis um Dönhoff

Es hat einige Zeit gedauert, bis der acht Jahre ältere Carl Friedrich seinen jüngeren Bruder Richard ernst nahm. Aber es geschah, und das hatte auch den Hintergrund, dass beide sehr eng mit einem Kreis verwoben waren, der in Deutschland das geistige Klima der Nachkriegszeit nachhaltig prägen sollte: Marion Gräfin Dönhoff, Georg Picht, Hellmut Becker, Hartmut von Hentig, um nur einige zu nennen.

Man erininnere sich: Marion Dönhoff, Herausgeberin der Zeit, Georg Picht, einflussreicher Philosoph und Erfinder der „Bildungskatastrophe“, Hellmut Becker, tiefbraune Vergangenheit, aber Mitbegründer des Max-Planck Instituts für Bildungsforschung, und Hartmut von Hentig, „der“ Reformpädagoge im Nachkriegsdeutschland. Und beide Weizsäckers, wie auch Hellmut Becker waren stark beeinflusst durch den Dichter Stefan George und seinen „George-Kreis“.

Geniekult und Teufelspakt

Zugespitzt lassen sich diese Zusammenhänge mit zwei Worten belegen: Geniekult und Teufelspakt. Beides ist den Deutschen grundvertraut. Die deutsche Kultur hat – zumindest aus deutscher Sicht – wie keine zweite Kultur Genies in der Musik, der Dichtung, der Philosophie und der Wissenschaft hervorgebracht. Und das Genie Goethe hat das Genie Faust geschaffen, und dieses Genie ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, um zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und Thomas Mann hat dieses Motiv gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in seinem „Doktor Faustus“ wieder aufgenommen, auf die Musik gewendet, aber lange Passagen über die modernen Naturwissenschaften eingefügt.

Nun aber kam etwas ganz Neues hinzu: Das Genie Carl Friedrich von Weizsäcker hatte aus seinen Irrtümern die Schlussfolgerungen gezogen und wurde zum Wortführer des Widerstands gegen die in den 1950er Jahren zur Diskussion stehende atomare Bewaffnung der Bundesrepublik Deutschland. Er war der Initiator der Erklärung der „Göttinger Achtzehn“ von 1957. Bis zum Ende seines Lebens setzte er sich wieder und wieder für Friedensinitiativen ein.

Partei, keine "Heimat"

Auf seine Weise schlug Richard eine ähnliche Richtung ein. Ursprünglich war er in der Wirtschaft tätig, zumal Adenauer, der sich 1957 fürchterlich über Carl Friedrichs Aktivitäten geärgert hatte, ihm gönnerhaft riet, anstatt in die Politik zu gehen, solle er sich doch erst einmal um seinen Beruf und um seine Familie kümmern. Aber Richard wurde auch stark durch progressive kirchliche Kreise beeinflusst und übernahm 1964 das Amt des Kirchentagspräsidenten. Und der Kirchentag zielte auf die Anerkennung der Ostgrenzen und auf Aussöhnung.

In der Folge schloss sich Richard der CDU an, aber diese Partei war nicht seine „Heimat“. Wie hätte für die Weizsäckers eine Partei auch je „Heimat“ sein können? Ihre Ideale zielten darüber hinaus, aber sie fügten sich nolens volens den Gegebenheiten. Und da ist es nun einmal so, dass es keine Politik ohne Parteien gibt. Aber man versteht, dass die CDU mit Richard immer fremdelte und Kohl ihn, nachdem er ihn ursprünglich gefördert hatte, nicht ausstehen konnte.

Einheit

Um so bemerkenswerter ist, dass beide Weizsäcker-Brüder als Bundespräsidenten im Gespräch waren und einer es schliesslich wurde. 1973 wollte die SPD Carl Friedrich gegen den CDU-Kandidaten Karl Carstens aufstellen, aber nach einigem Überlegen winkte er ab. Manche sagen, er habe vorher mit seinem Bruder Richard gesprochen. Der wurde dann nach heftigen Auseinandersetzungen mit Kohl 1984 gewählt und blieb bis 1994 im Amt.

Dass beide Brüder wie für das Präsidentenamt geboren schienen, hing nicht nur damit zusammen, dass sie beide eine präsidiale Ausstrahlung hatten. Vielmehr verkörperten beide das, was das Präsidentenamt ausmacht: Einheit. Der Präsident steht über den Parteien, er sucht über alle Gegensätze hinweg das Gemeinsame. Das ist etwas, was die Deutschen sehr mögen, und es ist kein Zufall, dass eines der schönsten und erfolgreichsten Bücher von Carl Friedrich den Titel trug: „Die Einheit der Natur“.

Überhaupt die Einheit. Was an Carl Friedrich bis zuletzt faszinierte, war sein Versuch, Religion und Wissenschaft zusammenzudenken. Er war kein Esoteriker, gar nicht. Aber er scheute sich nicht, in seinem Buch, „Der Garten des Menschlichen“, von einem Erleuchtungserlebnis zu berichten. Er traf sich wieder und wieder mit dem Dalai Lama, nahm an Kongressen zu Themen der Spiritualität teil, war regelmässiger Gast auf Kirchentagen und in Akademien und versuchte noch Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahren, die Weltkirchen zu einer grossen Friedensinitiative zu bewegen. Und wenn er in München an der Universität einen Gastvortrag hielt, reichte das Audimax nicht aus, und man brauchte eine Videoübertragung.

Wer darf richten?

Richard war anders. Er wirkte distanzierter, und die Last, die er trug, unterschied sich von der Carl Friedrichs. Richard trug die Last des Vaters. Denn der hatte dem leibhaftigen Teufel gedient und dabei die Hoffnung gehegt, ihn austricksen zu können. Daraus wurde nichts. Das Einzige, was ihm gelang, und das war nicht wenig, war die Hilfe im Einzelfall. Zahlreiche Menschen verdanken ihm sein Leben, und das gab auch den Ausschlag dafür, dass er in Nürnberg vergleichsweise milde verurteilt wurde.

Aber wie ist sein Verhalten zu beurteilen und wer ist befugt, darüber zu richten? Ernst von Weizsäcker erkannte das Nürnberger Gericht nicht an. Sohn Richard stimmte ihm zu, denn wie sollten Amerikaner über etwas urteilen, das doch nur aus den deutschen Gegebenheiten heraus zu verstehen war? Es ist dieser Vorbehalt, den Richard unausgesprochen mit vielen Deutschen teilte. Gunter Hofmann hat diese Problematik in seinem Weizsäcker-Buch höchst sensibel dargelegt.

Das Geschenk und die Verbundenheit

Aber wie trägt man Schuld ab? Sie lässt sich nicht einfach abschütteln, abwerfen. Man kann einen Neuanfang wagen, aber die Schuld bleibt ein Begleiter in Gestalt einer Mahnung. Vergiss nicht, was geschehen ist! Aber es gibt auch die Freiheit zum Neuanfang. Die ist, wenn man so will, ein Geschenk.

Unschwer erkennt man an diesem Gedankengang das evangelische Muster von Schuld und Gnade. Und Richard von Weizsäcker hat beides zum Ausdruck gebracht: den frischen Mut zum Aufbruch und das Wissen um den dunklen Punkt, von dem er ausging.

Die Verstrickung mit dunklen Mächten, Schuld und Sühne sind Themen, die die Weizsäckers nicht nur verkörperten, sondern auch bewältigten.  Das entspricht der deutschen Mentalität und formte sie auch. Deswegen stellt die innige Verbundenheit ihnen und den Deutschen ein gutes Zeugnis aus.

Kommentare

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Dem Verfasser des informativen Artikels ist zu danken. Das filigrane Einweben der semantischen Dimension Schuld zeugt von beeindruckender Differenziertheit im Umgang gleichermassen mit der Geschichte in globo wie der Biographie derer von Weizsäcker. Der Schuldthematik sei im Folgenden eine kleine Note hinzugefügt. Kein Urteil ist zu fällen, aber kritisch zu reflektieren ist unabdingbar.
Nunmehr, wer ist der Schreibende, selbst in den späten 60er-Jahren geboren, Männer des auch düsteren 20. Jahrhunderts, die unbestritten Gewichtiges geleistet haben, zu verurteilen? Ja, er hat nicht die Gnade, vielmehr das Glück der spät(er)en Geburt.
Nichtsdestoweniger: Wenn die beiden »Reformpädagogen« Hartmut von Hentig und Hellmut Becker erwähnt werden, möge an die Odenwaldschule und die damit verbundenen detektierten Ungeheuerlichkeiten erinnert sein.
Es ist niemandem darum zu tun, Autoritäten mit Dreck zu bewerfen, trotzdem: Hellmut Becker hat nicht nur eine "tiefbraune Vergangenheit". Verhalten in dieser Zeit ist wahrlich nicht vorschnell zu verurteilen, richtig. Aber wie steht es um seine »Nibelungentreue« Gerold Becker, dem langjährigen Leiter obenerwähnter Bildungsinstitution, gegenüber? Hellmut Becker hat mehrfach schwere Schuld auf sich geladen, nicht allein mit Blick auf sein Schweigen zu seinen persönlichen Verstrickungen in der Nazi-Zeit (das lyrische Pamphlet »Was gesagt werden muss« des ehemaligen Waffen-SS-Kämpen und Moralapostels Günter Grass diene als weiteres Exemplum). Dass sein Freund von Hentig in besagtem Casus (i. e. in der Affäre um unzählige Missbrauchsvorfälle an der Odenwaldschule) ebenfalls, vornehm ausgedrückt, keine glückliche Figur abgegeben hat, bleibe hier eine Randnotiz. Beide sind bzw. waren nicht pädophil, aber sie haben Gerold Becker, einen skrupellosen pädophilen Täter, geschützt resp. seine Person verteidigt. Und beide waren sie Freunde R. v. W.s. Zu Hellmut Becker schreibt R. v. W. 1999 (!) in seinen Erinnerungen (vollständiger Titel: Vier Zeiten. Erinnerungen (1. Aufl.); Zitat: S. 300): "Sein Werk galt der unentbehrlichen kulturellen Substanz und der prägenden politischen Kraft von Kultur [!]. […] Seine Freundschaft bewahrte Hellmut Becker mir gegenüber vor allem durch die ebenso intelligente wie freimütige Offenherzigkeit seiner Kritik in menschlichen Fragen [!] nicht weniger als in politischen." Nicht der Hauch von Tadel umweht Hellmut Becker in R. v. W.s Erinnerungen.
Ich verehre vieles von dem, was R. v. W., diese bedeutende, Respekt heischende Persönlichkeit gesagt, geschrieben, getan hat. Einiges verstehe ich nicht, wenig verabscheue ich. Es steht mir nicht zu, über ihn den Stab zu brechen. R. v. W. repräsentiert für mich einen Typus des Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts, von dem ich lernen kann und will. Ein Idol ist er mir jedoch nicht, vielmehr eine moralische Instanz, deren Schattenseiten zu übersehen ich mitnichten geneigt bin.

äusserst spannend. einiges war mir völlig neu

Der Artikel ist interessant und informiert, offensichtlich auch durch persönliche Begegnung. Danke! Darf man das auch noch auf die nächste Generation ausdehnen? Carl Friedrich hatte die beiden Söhne Ernst Ulrich und Carl Christian. C.C.v.W. hat uns als Professor in Bern im Rahmen eines Doktorandenseminars mal zu sich nach Hause eingeladen; wenn ich mich richtig erinnere, war das im Haus seines Grossvaters in Bern. (Es war ein unvergesslicher Abend.)
Ein bisschen Schatten auf Richard v.W. gibt es dennoch: ein ganz Grosser des 20. Jhs., dessen Namen ich nicht nennen möchte, hat sich in einem persönlichen Gespräch darüber beklagt, dass dieser als Bundespräsident den publikumswirksamen Auftritt mit ihm in der Öffentlichkeit suche.

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