Die Sprache – das bin ich!

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Die Sprache – das bin ich!

Von Carl Bossard, 03.02.2015

Alles redet über Kompetenzen, aber wie steht es mit der Sprache? Bemerkungen zu grundlegenden Tatsachen, Klippen der Gegenwart und kontroversen Bewertungen.

Denken vollzieht sich sprachlich. Jeder Gedanke braucht einen Körper: die Sprache. Der menschliche Körper muss trainiert, ihm muss Sorge getragen werden. Genau gleich geht es der Sprache. Sie muss entwickelt und gefördert werden. Im Elternhaus, in der Schule. Das ist eigentlich grundlegend und darum selbstverständlich, könnte man meinen.

Schönreden hilft nicht – handeln tut not

Doch das Fraglose ist nicht einfach selbstverständlich. „Ich stelle fest, dass die Deutschkompetenzen der Studierenden teilweise katastrophal sind“, konstatiert Matthias Aebischer, Präsident der nationalrätlichen Bildungskommission und Dozent an der Universität Bern. Was Aebischer aus erster Hand erfährt, hat ETHZ-Rektor Lino Guzzella schon vor drei Jahren klar signalisiert: „Die Leute müssen richtig lesen, schreiben und sprechen können. Das gilt auch für Naturwissenschafter und Ingenieure.“ Doch die Kenntnisse seien zum Teil ungenügend, fügte er bei (NZZaS, 29.7.2012).

Nichts von Guzzellas Kritik wissen wollte der Präsident der Konferenz Schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren KSGR, Aldo Dalla Piazza. Solche Klagen seien alt, meinte er und ergänzte: „Ich stelle keinen Kompetenzenschwund bei Maturanden fest.“ Reaktion durch Negation. Fakt ist: Immer mehr Studierenden fällt es immer schwerer, einen Sachverhalt klar und konzis auf den Punkt zu bringen. Das bringt die Evaluation der Maturitätsreform zutage (Evamar II). Doch genau darauf käme es an: aus dem Strom der Informationen einen Gesichtspunkt stringent herauszuschälen und kohärent darzustellen, eine Perspektive eigenständig zu skizzieren und einen Gedanken präzis zu formulieren. Eben: einen verdichteten, kristallinen Text kreieren.

Die fremde Welt der formalen Sprache

Sprachliches Können ist weder geheimnisvoll, noch fällt es vom Himmel. Sprechen und Schreiben sind ein Handwerk, und sie wollen wie jedes Handwerk gelernt sein. Dazu gehören nebst Selbstverständlichkeiten wie Grammatik, Orthografie und Interpunktion auch die Klarheit der Sprache – und die Angemessenheit ihres Gebrauchs. Sie sind intensiv zu üben und zu fördern.

Das geschieht aber in einem kontraproduktiven Umfeld. Gratisblätter wie „20 Minuten“ markieren die Tendenz in der heutigen Lesezeit. Fast-Food-Information, in kleinen Häppchen präsentiert und schnell konsumiert. Dass vieles so leicht zu haben ist, zeitigt Folgen. Wer kurze Wege gewohnt ist, reagiert unwirsch auf längere, oder anders gesagt: Die Welt der nichtalltäglichen Sprache, des Diskurses, ist für die meisten Schüler eine fremde Welt. Jugendliche orientieren sich an ihrer gewohnten Alltagswelt; das ist die Populärkultur mit WhatsApp, Facebook und Instagram.

Formale Sprache und Diskursivität werden daher als ungewohnt erlebt; neue Sprachbarrieren bauen sich auf. Das Lesen und Sinnverstehen nichtalltäglicher Texte wird für manche zur anstrengenden Arbeit und der Appell an differenziertere Versprachlichung zu einer subjektiven Zumutung. Für die Lehrerinnen und Lehrer bedeutet dieses Unbehagen der Schüler einen erheblichen Zuwachs an Arbeit und Engagement.

Jugendliche lassen sich „nicht zutexten“

Der kräftige Wandel der Lebensbedingungen bewirkt eine veränderte Jugendkultur. Soziale Medien, Kauf, Kommerz und Konsum beeinflussen das Aufwachsen. Der Auftrag der Schule trifft auf das postmoderne Lebensgefühl. In der schnelllebigen Jugendkultur steht das „Feeling“ über dem Wort, das „Gefühl“ über der Abstraktion, die „Atmosphäre“ vor der Ratio. An die Stelle des Bildungshungers ist Erlebnisdurst getreten. Das erhöht den Abstand zwischen Schule und Jugend und damit den Anspruch an den Unterricht.

Der Film "Crazy" nach dem Bestseller-Roman von Benjamin Lebert zeigt dazu eine schöne Szene. Die Hauptfigur, der 16-jährige Benny, weilt im Internat und erhält von einem freundlich-bemühten Mathematiklehrer Nachhilfeunterricht. Der Lehrer kann nicht übersehen, dass Benny mental völlig abwesend wirkt; er weilt in seiner „Eigenwelt“. So beginnt er einen lebenspädagogischen Diskurs: Benny müsse lernen, in wenigen Jahren für sein Leben selber verantwortlich zu sein. Der Lehrer redet ihm zu. Als er fertig ist, schaut Benny ihn – ohne grössere mimische Reaktion zu zeigen – an, nicht unfreundlich, nicht bewegt. Nach einer kleinen, wortlosen Pause fragt er: „Kann ich heute eher gehen?“ Mit seinem Lehrer lässt er sich auf keinen Gegen-Diskurs ein. Im Gegenteil: Er umgeht ihn. Im Jugendjargon ausgedrückt: Er lässt sich "nicht zutexten".

Schule als kulturelle Gegenwelt – Lehrer als Brückenbauer

Was viele von der Schule darum zwingend fordern, nämlich Mut zum Antithetischen und Gegenläufigen, nimmt Thomas Ziehe auf. Der Pädagogik-Professor aus Hannover spricht von Überbrückungsarbeit zwischen den Schülerhorizonten und dem Bildungsauftrag der Schule. Darin bestünde eine der wesentlichen Aufgaben heutiger Lehrerinnen und Lehrer. Sich im Unterricht pädagogisch-didaktisch dominant an den subjektiven Eigenwelten der Jugendlichen orientieren, das könne nicht in die Zukunft führen – und darum dürfe die unmittelbare Relevanz des Gelernten im Alltag nicht der alleinige Fokus sein. Im Gegenteil: Schule muss kulturelle Gegenwelten aufzeigen und an anspruchsvollen Inhalten formale Lern- und Denkgewohnheiten schulen. Ziehe spricht von wohldosierten Fremdheiten.

Das gilt auch für die Sprache. Die Schule muss üben und einfordern, was manchen Schülern äusserst schwerfällt: bei einer Textlektüre logische und argumentative Strukturen herausarbeiten, Kernaussagen festhalten und Wichtigkeitshierarchien rekonstruieren. Das sind Schlüsselschwierigkeiten. Gefragt ist darum Überbrückungsarbeit zwischen der Eigenwelt der Schülerinnen und den Ansprüchen einer kommunikativ verdichteten Gesellschaft. Der Sprache kommt ein zentraler Rang zu – in Wort und Schrift. So ist Sprachfähigkeit nicht eine, sondern – neben Mathematik – die Kernkompetenz schlechthin.

Diese Primärkompetenz dürfte noch wichtiger werden; denn die Welt wird zunehmend komplexer. Zunehmende Komplexität aber verlangt erhöhte Präzision und Nuancierung. Wenn Berufsleute nicht mehr Deutsch können, entgleitet ihnen ein Teil der Wirklichkeit. „Wie sollen sie die feinen Differenzen benennen, auf die es in der Welt ankommt wie auf die feinen Gifte in den Heilmitteln, wenn ihnen der Wortschatz fehlt, die Syntax verkümmert und schon ein Konjunktiv sie nervös macht?“, wie der Literat Peter von Matt zu bedenken gab.

Wer in Deutsch gut ist, lernt besser Englisch

Wie wichtig Deutsch ist, zeigt auch eine neue Langzeitstudie der Universität Zürich mit 200 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Die Lese- und Schreibkompetenz in der Erstsprache beeinflusst das Lernen einer Fremdsprache stark. Wer Deutsch gut liest und schreibt, kann diesen Vorteil auf die Fremdsprachen übertragen – unabhängig vom Zeitpunkt des Lernbeginns oder vom biologischen Alter, resümiert die Studie. Salopp formuliert: Schlechtes Deutsch zieht imperfektes Englisch nach sich. Wer in einer englisch dominierten Welt sprachlich mithalten will, muss zuerst in seiner Muttersprache den Meister machen.

Und noch etwas geht aus der Studie hervor: Der frühe Fremdsprachenunterricht zahlt sich weniger aus, als bis anhin angenommen; kurzfristig kann er die Erstsprache auch negativ beeinflussen.

Den Zugang zur Muttersprache öffnen

Ein Ding richtig können, ist mehr als Halbheiten im Hundertfachen. Der Satz geht auf Goethe zurück; er gilt noch heute. Nicht vielerlei treiben, sondern eine Sache intensiv und genau! – Non multa, sed multum!, heisst es bei Plinius. Darum muss sich die Schule beschränken. Sie kann nicht alles und müsste vor allem eines grundlegend: an Texten und Gegenständen Sprache schulen, Gelesenes in Worte und Sätze fügen, Inhalte resümieren und sie in einen Kontext bringen, Wesentliches artikulieren und Querbezüge formulieren.

Hier lässt sich die Kraft zur Präzision, zur Nuance, zum Begriff trainieren; hier lassen sich Gesichtspunkte unterscheiden, verbinden, einordnen. Je üppiger die Datenmeere, desto wichtiger die Gesichtspunkte. Kriterien und Standpunkte sind keinem Netzwerk zu entlocken; sie wollen im Unterricht geschult und logisch verknüpft werden. Das ist der Zugang zur diskursiven Sprache.

Kommentare

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Ich unterstütze diesen Artikel in allen Teilen, mache aber darauf aufmerksam, dass es nicht allen Menschen möglich ist, ohne Hilfe von aussen zu diesen Kompetenzen/Fähigkeiten/Fertigkeiten zu kommen. Ich habe viele Jahre als Legasthenie-Therapeutin gearbeitet und ganz vielen Kindern und Jugendlichen helfen können, unsere schöne deutsche Sprache zu erschliessen.

Sprache kommt ja bekanntlich von "sprechen". Darum ist auch die Frühförderung für Kinder mit einem fremdsprachigen Hintergrund so wichtig. Da kommt dem Kindergarten eine ganz besonders wichtige Rolle als sprachlicher Vermittler zu.

Lesen ist die Kompetenz aller Kompetenzen. Da können auch Eltern oder andere Bezugspersonen einen Beitrag leisten. Kinder, denen Lesen schwerfällt, lieben es dennoch meistens, wenn man ihnen vorliest. Die Lektüre muss verständlicherweise auf die Interessenslage eines Kindes abgestimmt werden. Und meist bringt man dann diese Buben - in kleinerem Masse sind auch Mädchen betroffen - dazu, immer wieder selber kleine Abschnittchen zu lesen, um eine eigentliche Lesekompetenz zu entwickeln. Die Beziehung zur vermittelnden Person ist ein zusätzlicher, äusserst wichtiger Faktor in dieer heiklen Phase.

Auch das beste Korrekturprogramm eines Computerprogramms kann nicht alle Unsicherheiten beenden. Dennoch ist für Menschen mit legasthenen Problemen wichtig, dass sie wissen, wo sie Hilfe finden können. Die Benutzung von Wörterbüchern muss geübt werden. In schwereren Fällen – und bei komplexeren Arbeiten wie Bachelor- oder Master-Arbeiten kann eine lektorische "Nachbearbeitung" ebenfalls angezeigt sein. Da steht vor allem der Inhalt und das Verständnis für die Zusammenhänge im Vordergrund, die Orthografie ist in so einem Fall quasi die „Kosmetik“, die die Arbeit „veredelt“.

Am allerwichtigsten ist in solchen Fällen, dass die betroffene Person um ihren persönlichen Wert weiss, ungeachtet ihrer Lese- und/oder Rechtschreibeschwäche. Dieses Selbstvertrauen zu vermitteln fand ich meine vornehmste Aufgabe. Ich bin überzeugt, dass Sparmassnahmen in diesem Bereich der Förderung kontraproduktiv sind, haben doch Menschen mit schlechtem Selbstvertrauen und sprachlichen Schwierigkeiten nachgewiesenermassen viel schlechtere berufliche Aussichten, kosten den Staat folglich schliesslich ein Mehrfaches als die rechtzeitige Förderung gekostet hätte.

Leider sind wir soweit, dass Hochschulabgänger, frisch in eine Organisation eingestellt, häufig unfähig sind, ein korrektes Protokoll zu schreiben.

Die Diagnose stimmt, die Therapie kommt leider viel zu zurückhaltend-diplomatisch von Herrn Bossard. Das Pädogogenmilieu scheint es nicht anders zu ertragen. Deshalb mal deutsch und deutlich:

- Sprechen heisst Denken (s. Kleist).

- Mundart behindert formales Denken, d.h. Mundart macht dumm. Bitte nicht mit "Emotionaler Intelligenz" oder "Identfikation" kommen. Hier geht es um ein Regressionsphänomen.

- Mundart hat richtiges Deutsch auf breiter Front in der Schweiz verdrängt, in der Kommunikation (auch in betrieblichen Mails), auf den Handys, in den Plattformen, in den Radios. Präzision und Aussagegehalt der Kommunikation unter Jugendlichen sind dramatisch reduziert, ebenso die mündliche Kommunikation mit Ausländern (auch deutschsprachigen).

- Sprache und damit Denken lernen geht nicht über Anpassung nach unten. Sondern nur durch Fordern, Üben und Prüfen. Also alles, was mit den Schulreformen abgeschafft und durch Wohlfühlpädagogik in Arbeitsgruppen, Atelierlernen etc. ersetzt wird. Das einzige was weiterführt: der gute alte Frontalunterrricht durch engagierte, starke Lehrer. Die gibt es nicht mehr.

Tja. Tschüss, Hypotaxe - hereinspaziert, "einfache Sprache".

Sehr guter Artikel, Herr Bossard. Das Kurzfutter-Infotainment zeigt Wirkung: Auch die so genannte Elite spricht und schreibt schlecht Deutsch. Bundesräte machen hier keine Ausnahme. Schneider Ammann ist das beste Beispiel hierfür. Ich habe in meinem Berufsleben oft erlebt, dass Leute, die Fr. 10000.00 oder mehr im Monat verdient haben, kaum einen Satz fehlerfrei schreiben konnten. Was heute mit Leistung gleichgesetzt wird, hat mit der Definition von Leistung von früher nichts mehr zu tun. Interessant ist ein weiterer Punkt: Kommunikation ist in aller Munde und wird als Kernkompetenz bewertet. Nur, was wird unter Kommunikation verstanden? Meiner Meinung nach, hat Kommunikation viel mit Wahrnehmung zu tun. Und wer wahrnimmt kommuniziert dialektisch. Und hier liegt das Dilemma: In den "Sozialen Medien" wird soviel Schrott produziert wie noch nie. Das Geschriebene hat meistens keine soziale und gesellschaftliche Relevanz. Es wird vornehmlich drauflos geschrieben. Dialektisch ist das Ganze nicht. Debatten finden keine mehr statt oder dann auf einem kläglichen Niveau. Auch die Medien spielen mitunter keine tragende Rolle. Vieles was geschrieben wird, ist Dutzendware - halt dem Onlinezeitalter angepasst. Wirklich vertiefte Analysen und Betrachtungen liest man immer weniger. Wichtig ist die Schlagzeile. Und die bürgt meistens nicht für Qualität. Die atemlose Zeit mit News am laufenden Band vernebelt den Blick aufs Wesentliche. Von vielen Medienschaffenden wohl gewollt. Denn das Wesentliche wäre in vielen Belangen unangenehm. Man müsste vieles in Frage stellen, nicht zuletzt seine eigene Denk- und Lebensweise. Und wer will das schon, wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg so virulent ist wie nie zuvor. Trotzdem werden wir nicht umhinkommen, anders zu denken, anders zu sprechen, anders zu schreiben, es sei denn, wir geben alles auf, was den Menschen auch noch auszeichnen könnte.

Eindrücklicher Artikel, Herr Bosshard! Mögen die Lehrpläne entsprechend angepasst oder wenn nötig von Grund auf geändert werden.

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