Die Magie der Wälder

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Die Magie der Wälder

Von Stephan Wehowsky, 14.06.2017

Ohne Worte. Der Fotograkünstler Mat Hennek und der Verleger Gerhard Steidl vertrauen ganz auf die Sprache der Bilder.

Auf diese Weise ist ein ungewöhnlicher Bildband entstanden. Den 48 Impressionen sind nur knapp jeweils die Ortsangabe und der Monat und das Jahr der jeweiligen Aufnahme beigefügt. Sonst nichts. Sonst nichts? Doch, es gibt eine Widmung: „For Hélène“.

Meditation

Schweigen die Wälder? Und sprechen die Bilder für sich? Alles, was ablenken könnte, ist weggelassen worden. Wie von selbst entsteht Stille, und die Bilder laden zum Verweilen ein. Man weiss nicht, ob es die Strukturen sind, die einen in den Bann schlagen, oder doch die ungeheure Formenvielfalt, die in diesen Mustern steckt.

Jeder Baum, jedes Blatt wirkt für sich, aber alles fügt sich zu einem übergeordneten Ganzen. Der Blick des Betrachters und die mentale Aufmerksamkeit pendeln zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen hin und her und finden Halt in der Stimmigkeit der Bildkompositionen – eingetaucht in jeweils spezielles Licht. Diesen Bildband wird man nicht einfach durchblättern und in ein Regal stellen. Man wird einzelne Bilder wie zur Meditation wieder und wieder auf sich wirken lassen.

D_Kanzem_2009© Mat Hennek, Steidl 2017
D_Kanzem_2009© Mat Hennek, Steidl 2017

Der Fotograf und der Verleger haben grosses Vertrauen in die Betrachter. Der Steidl Verlag kommt den Lesern nicht gefällig entgegen, sondern will allein durch Qualität überzeugen. Eindrucksvoll belegen diesen Sinn und Geist die Verlagsvorschauen, die sich mehr und mehr zu bibliophilen Kostbarkeiten entwickeln.

In der Vorschau „Spring/Summer 2017“ findet man in der Ankündigung von „Woodlands“ die Angaben, die im eigentlichen Bildband planvoll weggelassen worden sind. Mat Hennek ist Deutscher, Jahrgang 1969, und hat sich mit seinen Fotografien seit langem einen Namen gemacht. Seine Bilder erschienen in diversen namhaften Magazinen und Illustrierten.

Und wer ist Hélène? Hèlène Grimaud, die berühme Pianistin, die Wölfe liebt und pflegt und mit der er in New York lebt.

Tiefer als Daten

Nun müssen wir aber zusätzlich einen Blick in die Wikipedia werfen. Dort erfahren wir, dass Mat Hennek, bevor er sich für die rein künstlerische Fotografie entschied, Werbefotos für Spitzenmarken wie Montblanc und auch Musiklabels wie die Deutsche Grammophon Gesellschaft anfertigte. In der Folge hat er sich einen Namen als Porträtfotograf gemacht. Und wen hat er porträtiert? Mit Vorliebe Solisten in der klassischen Musik, Dirigenten und Opernsänger.

Und wir erfahren, dass seine Bilder „Woodlands“ schon in verschiedenen Ausstellungen zu sehen waren. Hélène Grimaud hat einige dieser Ausstellungen musikalisch begleitet.

Nun wissen wir das und sind zufrieden. Aber auch ohne dieses Wissen könnten wir uns der Stille der 48 Fotos von den Wäldern aussetzen. Denn es gibt ein Verstehen, das tiefer reicht als alle Daten. 

Mat Hennek, Woodlands, 96 Seiten, 48 Abbildungen, Steidl, Göttingen 2017, 65 Euro

Kommentare

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Vielen Dank für die Besprechung des Buches, Herr Wehowsky. Es tut gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die dem Archaischen eines Baumes eine Sinnlichkeit geben, die dringlicher denn je ist. Zu den Wurzeln zurück, wäre eine Sinngebung, die der Entmenschlichung in Bezug auf die Einbettung des Menschen in Umwelt und Natur Einhalt gebieten würde. Ich werde mir das Buch leisten.

Concert in the Forest! ………. Herr Hofstetter

Geh hin und hör dir das an, schaue die Vielfalt, jene rätselhafte Geborgenheit die Wälder ausstrahlen. Kostenloser Eintritt garantiert, Welt unzähliger Fabelwesen. Formen von Büschen mutieren unbewusst, gepaart mit einer guten Portion Einbildung zu versteckten Räubern, vor allem in der Dämmerung. Er holt manches sanft aus dir raus, möglicherweise tief aus den Genen, jene verschütteten Erinnerungen an damalige Zeiten. Fernab, wo er noch unser aller Zuhause war. Heute Heimat der Füchse, der Wölfe, der Bären und was sonst noch so kreucht und fleucht. Auch der Geruch von Harz, Moos unter den Füssen, gehen wie auf grünem Teppich mit leisem knistern bei jedem Schritt und Tritt. Abgeworfenes Laub vergangenen Herbstes, macht es. Allesumgebende Feuchte lässt ihn immer frisch und lebendig daher kommen, abgerundet durch diese unglaubliche Stille, jene zwischen dem melodiösen Gezwitscher von „le petit Oiseau de toutes le Couleur,“ den krächzenden Schreien der Krähen und langen Intervallen von Uhu-Rufen. Eine mystische Welt, herrlich und Teil unserer tiefsten Erinnerungen. …cathari

Sinnlich beschrieben Claudia Cathari. Der Wald schenkt einem ein Leben, das wieder ins Lot kommt, wenn es vorher aus den Fugen geraten ist. Als Knabe war eine alte Eiche mein Zufluchtsort gewesen. Ich umarmte sie jedes Mal, auch wenn meine Hände nur dazu gereichten, die eine Hälfte des Stammes zu umfassen. Die Eiche schenkte mir das, was Erwachsene mir nicht geben konnten: Ein Urvertrauen in ein Leben, das sich nicht so leicht erschüttern liess. Heute lebt die Eiche nicht mehr, aber in mir lebt sie weiter.

Die Krone der Schöpfung! Herr Hofstetter
Über die Krone, die Äste, eingefangen von Nadeln oder Blättern fliesst jene Energie aus Raum und Zeit in die Stämme. Die einen nennen es esoterischen Unfug, die anderen haben`s ausprobiert, sehr oft mit Erfolg. Man muss offen sein, sich hingeben, Vertrauen haben in die kosmischen Gesetze. Manch einem, einer, hat es das Leben gerettet. Mich freut es für Sie, erwiderte Liebe! Ich tue es auch, manchmal, bitte nicht weitersagen. Herzlichst …cathari

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