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3. April 2020

Die Liebe zum Ding

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Die Liebe zum Ding

Von Eduard Kaeser, 02.02.2020

Menschen manifestieren eine seltsame Obsession. Sie sammeln Dinge jeglicher Art, nicht nur Bilder, Möbel, Münzen, Briefmarken oder Bierdeckel, sondern Steine, Holzstücke, Federn, rostiges Metall, Papier.

Die gesammelten Objekte können eine Zeichen- und Zeugnisfunktion haben - sie verweisen auf etwas oder erinnern uns an etwas - ; sie können aber auch „als solche“ mitgenommen werden, als Dinge ohne symbolischen Mehrwert, oder wie Paul Valéry das nannte: „am Nullpunkt der Bedeutung“. Oft fällt uns etwa auf Spaziergängen ein unscheinbarer Gegenstand auf, ohne dass wir sagen könnten, was genau dieses Auffallende ausmacht; eine Art von Versprechen liegt im Fundstück. Pablo Neruda schrieb eine wunderschöne „Ode an die Dinge“, die so beginnt: „Ich liebe /alle Dinge, / nicht nur / die höherstehenden, /sondern /auch die unendlich kleinen, /den Fingerhut, / Sporen, /Teller, / Vasen.“

Die „Diesheit“ des Dings

Es geht Neruda nicht primär um die Dinge, sondern um eine Haltung zu ihnen. Nennen wir sie die Ding-Haltung. Sie ist nicht auf Poeten beschränkt. Wir alle pflegen sie, zufällig oder auch bewusster. In der Ding-Haltung erscheint uns ein Objekt in seiner Einzigartigkeit: Ich bin dieses Ding, sagt es uns, ich bin nichts anderes. Für die „Dieshaftigkeit“ des Dings hatte die Scholastik des Mittelalters den eigenen Begriff der Haecceitas geprägt. Die Haecceitas sollte den Menschen gewissermassen lehren, das Gottesgeschenk des unauslotbaren Reichtums dessen zu würdigen, was ist, vom unscheinbarsten Kiesel bis zum erlauchtesten Kunstwerk. Alles ist in seiner diesseitigen Diesheit gleich-würdig. So gesehen kann man Nerudas Gedicht als eine moderne Ode an die Haecceitas lesen.

Die Wortwurzel von „Ding“, thing, gibt uns im Übrigen einen wichtigen anthropologischen Aufschluss. „Ding“ bedeutet nämlich seinem alten Wortsinn nach: Versammlung, Zusammenkunft, Gerichtsversammlung zum Verhandeln über eine Sache (res). Davon abgeleitet das Verb „dingen“. Jemanden dingen heisst, ihn verpflichten, in Anspruch nehmen. Ding ist, was uns ganz in Anspruch nimmt, uns angeht, uns ein Anliegen ist. Deshalb „dingt“ (uns) das Ding.

Der Minimalismus des Entrümpelns

Als Therapie gegen die grassierende Raffwut in unserer Konsumwelt empfiehlt sich neuerdings ein Minimalismus, den man leicht mit der Ding-Haltung verwechseln kann: der Minimalismus des Entrümpelns. Er verkauft sich unter der Devise „Weniger ist mehr“. Flohmarkt mit dem Flair des Spirituellen. Eine entsprechende Ratgeber-Literatur schiesst ins Kraut, die ein häusliches Nirwana verspricht, indem wir uns einfach von den meisten Dingen trennen. Unterziehe jeden Gegenstand einer strengen Prüfung, frag nicht nur, ob du ihn brauchst, sondern, ob er Freude versprüht; mach dir bewusst, dass du mit höchstens hundert Dingen gut leben kannst; organisiere nicht – säubere. So und ähnlich lauten die Ratschläge zur neuen Glückseligkeit. Weg von der Frivolität des Besitzes hin zur Katharsis des Besitzverzichts.

Sagen natürlich die Besitzenden. Und Highstyle darf nicht fehlen. Auf einem Video stakst die Reality-TV-Gazelle Kim Kardashian durch ihre 60-Millionen-Villa, einem unerbittlich monochromatisch weiss gehaltenen Nobelgehege, das sie ihr „minimalistisches Kloster“ nennt. Der zynische Pseudo-Stoizismus ist offenkundig. Auch der Minimalismus des Geistes. Er ist nichts als eine Form versteckten – nunmehr negativen - Luxurierens: Seht, wie wenig man haben kann, wenn man viel hat. Minimalismus nicht als Lösung, sondern als Fortsetzung des Konsumismus.

Die Zeug-Haltung

Die moderne Technik entwöhnt uns der Dinghaltung. Sie versieht uns mit Geräten zu jedem Zweck. Geräte sind „Zeug zu..“: Zeug zum Schreiben, Zeug zum Fahren, Zeug zum Kommunizieren, Zeug zum Unterhalten... Man könnte also von der Zeug-Haltung sprechen.

Die Zeug-Haltung ist nicht nur auf technische Objekte im engeren Sinne anwendbar, sondern potenziell auf alles: Auf Personen, Tiere, Räume, Lebensweisen, soziale Beziehungen. Betrachte ich etwas als Gerät, dann interessiert mich nicht, was es ist, sondern wozu es dienen kann. Der Stein wird zum Zeug, wenn ich mit ihm Nüsse knacken will. Die Landschaft wird zum Zeug, wenn ich sie als Rennpiste für mein Mountainbike benutze. Der Apfelbaum wird zum Zeug, wenn ich mit ihm Obst ernten will. So gesehen, schreibt sich die Geschichte der Technik letztlich als fortschreitende Geschichte der Zeug-Haltung. Dass der Mensch sich selbst immer mehr zum Zeug wird, kann und soll als ironische Pointe dieser internen Fortschrittslogik nicht verschwiegen werden.

Echter Minimalismus

Echter Mimimalismus besteht nicht darin, die „richtigen“ Dinge zu konsumieren und die „falschen“ Dinge wegzuwerfen. Echter Minimalismus sucht eine Ding-Haltung zu kultivieren,  den Gegenständem, mit denen wir uns umgeben und zusammenleben, quasi ihre ontologische Würde zuzugestehen. Und das bedeutet in erster Linie einmal, von einer Zeug-Haltung zu ihnen loszukommen. Natürlich brauche ich die Kaffeemaschine als Zeug, um mir einen Espresso zu brauen. Und natürlich versuchen die Designer, mich auf Teufel komm raus zu bezaubern und zu überzeugen, welch ein auratisches Wunder-Ding da in meiner Küche steht. Das mag ja sogar sein. Ich besitze zum Beispiel eine Kaffeemaschine, die ich als Ding liebe. Aber das ist nicht der Punkt.

Zerstreuen und Sammeln

Die Geräte, die wir verwenden, haben im Wesentlichen einen zerstreuenden Charakter. Man denke nur an die Multifunktionalität der Smartphones. Dabei meint „Zerstreuung“ jetzt nicht einfach den Spiel-, Spass- und Zeitvertreibungscharakter von Videogames und Cyberworlds, sondern die allesdurchdringende Tendenz, unsere täglichen Arbeiten, Aufgaben, Problemlösungen, Bedürfnisbefriedigungen in Prozeduren und Module aufzuteilen, und damit das Leben im technischen Kontext immer mehr in Wartungs-, Bedienungs- und Reparaturfunktionen zu zerlegen. Wir selbst „zerlegen“ uns dadurch immer mehr, verlieren unseren inneren „Fokus“.

„Fokus“ bedeutet dem ursprünglichen Wortsinn nach „Herd“. Der Herd im Haus war früher der „Brennpunkt“ des Lebens. Auf ihn „fokussierte“ sich der Tag. Man trug Holz für den Herd heran, damit man das Essen zubereiten konnte. Er spendete Wärme, er sammelte Arbeit und Musse der Hausgemeinschaft. Er verlieh dem Leben eine Mitte.

S isch mir alles eis Ding

Ich stimme hier selbstverständlich keinen Retrogesang auf das urzeitliche Höhlenfeuer an. Die Analogie erscheint mir aber reizvoll, an der Ding-Haltung ihren sammelnden, „fokussierenden“ Charakter hervorzuheben. Ein Ding, das wir lieben, ist nicht einfach ein „Gegen-Stand“, es steht mir nicht gegenüber. Es ist ein Begleiter: ein „Mit-Stand“. Es sagt mir etwas, es begegnet mir, es gibt meinem Leben einen „Herd“. Es sammelt mich. Und dadurch macht es aufmerksam auf ein Gut, das man nur praktizierend erlangt, nicht konsumierend. Ein Gut wie Glück, Gesundheit, Gleichgewicht. Dieses Gut wird nie substituierbar sein durch eine Ware, weil es im eigentlichsten Sinne des Wortes Lebensherd ist. Man könnte so gesehen dem bekannten Kinderlied „S isch mir alles eis Ding“ einen philosophischen Dreh geben: Schenke allem, dem unscheinbarsten, wertlosesten Objekt, auf das du im Alltag triffst, für einen Moment deine Aufmerksamkeit; übe das als banales Exerzitium der Liebe zum Ding ein. Es könnte in einer Welt des besinnungslosen Konsums eine ungeahnte subversive Wirkung entwickeln.

Neruda zum Schluss

Geben wir zum Schluss noch einmal Neruda das Wort. Das Gedicht schliesst so:

„O unumkehrbarer / Strom / der Dinge, / keiner kann sagen, / ich hätte nur / die Fische /geliebt oder die / Gewächse des Urwalds und der Wiesen, / ich hätte / nur geliebt, /was hüpft, klettert, überlebt und seufzt. / Falsch: /Mir sagten viele Dinge / vieles. / Nicht nur sie rührten mich /oder meine Hand rührte sie an, / sondern so dicht / liefen sie / neben meinem Dasein her, / dass sie mit mir da waren / und so sehr da für mich waren, / dass sie ein halbes Leben mit mir lebten / und dereinst auch / einen halben Tod mit mir sterben.“

Kommentare

Angeregt durch diesen Text ist mir einiges klarer geworden. Ich sehe nun ein, dass meine Beziehung zu den Sachen zwiespältig und gestört wird, sobald multifunktionales Zeug ins Spiel kommt. Als nahe liegendes Beispiel kann ich meinen Laptop nehmen. Einerseits ist dieser Apparat sehr abstrakt für mich, weil ich seine Funktionsweise nicht verstehe, und weil ich ihn für ganz Unterschiedliches (Filme schauen, lesen, schreiben) verwende. Wegen dieser Abstraktheit bleibt mir der Laptop als Ding fremd. Andererseits erlebe ich eine gewisse Abhängigkeit: Wenn bei meinem Laptop ein Defekt auftritt, gerate ich in eine Nervenkrise. Viel weniger zwiespältig und gestört ist mein Verhältnis zu monofunktionalem Zeugs. Mein Schreibtisch zum Beispiel erfüllt auf erlebbare und anschauliche Weise seine einzige Aufgabe: Er dient mir als stabile Unterlage. Er ist mir deshalb als Ding präsent. So kann sich eine dauerhafte Mensch-Ding-Beziehung entwickeln. Ich habe die Empfindung, dass mein Schreibtisch und ich zusammen alt geworden sind. Das wäre vielleicht auch im Sinne Nerudas.
T. Pickel (monofunktional)

Ich habe zwei Hunde und relativ viele Schafe. Im Vergleich mit den Tieren finde ich es immer wieder erstaunlich was für eine aufwendige Infrastruktur wir Menschen zum überleben benötigen

Steine und all die Dinge rundherum.
Manche reden mit uns, nun gibt es sicher Leute die denken ich sei verrückt geworden, eine Esoterikerin vielleicht? Unglaublich, aber es gibt Dinge die reden wirklich. Beispielsweise wenn Holz schreit im Feuer, Licht, Wärme und Knistern entsteht, Metamorphose pur ein neuer Zustand ganz sicher. Auch wir verbrannten oft geschlagenes Holz am offenen Herd in unserer Küche, sie wissen schon. Für Fondue oder Eintopf, immer eine Art Magie, das Schauen in die Flammen. Es ist jener sich aufdrängender Blick ins Feuer und kommt sicherlich vom brennenden Holz. Man sitzt still da, grübelt vor sich hin, mir ging es jedenfalls so und es erinnerte mich an ein Buch das lange schon in der Stube stand und das ich vor kurzem glücklicherweise gelesen hatte. „Inseln Im Strom“ von Ernest Hemingway. Es sind die ersten neun Seiten die so faszinierend sind.“ Das Holz war gebleicht von der Sonne und von Wind und Sand glatt geschliffen und mitunter gefiel ihm ein Stück so sehr, dass er es nicht gerne verbrannte. Aber nach jedem Sturm lag neues Treibholz am Strand, und er merkte, dass es ihm Spass machte auch die Stücke zu verbrennen, die er mochte. Manchmal machte er die Öl-Lampe aus, legte sich auf den Teppich und sah dem Feuer zu. Salz und Sand die mit dem Treibholz verbrannten machten den Flammen bunte Ränder. Es ging ihm immer so, wenn er Holz brennen sah, aber brennendes Schwemmholz tat ihm etwas an, was er nicht sagen konnte. Er dachte, dass es vielleicht falsch sei, das Holz zu verbrennen das er so sehr mochte; trotzdem bereute er es nicht. (US-Amerikaner Ernest Hemingway) …cathari

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