Die Banalität des Alltags

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Die Banalität des Alltags

Von Heiner Hug, 14.08.2015

Bilder aus einem verkannten Kontinent: Farbig, überraschend, echt - fernab von Stereotypen und Klischees.

In den westlichen Medien kommt Afrika kaum vor. Es sei denn, ein Massaker oder eine Hungersnot findet statt, ein Flugzeug stürzt ab oder irgendwo wird geputscht.

Oder: Wir verklären den schwarzen Kontinent. Wir jubeln seine Kunst hoch, seine Musik, seine Stoffe, seine Mode.

Doch die Banalität des afrikanischen Alltags wird kaum abgebildet.

Genau das wollte die in Zürich lebende Fotografin Flurina Rothenberger tun. Sie wollte das Unspektakuläre zeigen, das Gewöhnlich, das nicht Aufsehenerregende.

Sie war in Afrika aufgewachsen und schoss dann später Tausende Bilder auf dem Schwarze Kontinent. Einen Teil davon publiziert sie jetzt in dem eben erschienen Bildband „I love to dress like I am coming from somewhere and I have a plae to go“ *). Entstanden sind die Fotos zwischen 2004 und 2014.

Ein Ghanese vor einem Sarggeschäft in Accra.
Ein Ghanese vor einem Sarggeschäft in Accra.

„Wenn ich durch den Sucher der Fotokamera schaue", sagt uns Rothenberger, "findet ein intensiver nonverbaler Dialog mit den Menschen statt, die ich fotografiere“.

Selbstbewusst, stolz, mit einer „unglaublichen Präsenz“ lassen sich die Menschen fotografieren. Einfach, ruhig und selbstsicher treten sie vor die Kamera, zeigen Haltung und wissen, wie sie wirken.

Flurina Rothenberger: "Afrikaner - und ich verallgemeinere bewusst - haben meistens eine sehr klare Vorstellung davon, welche Position sie vor der Kamera beziehen möchten, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Unterschied zwischen "fake" und "echt" wird wenig gemacht."

Etwas zu inszenieren sei genau so real, wie es nicht zu tun. Die Absicht alleine zähle. "Dies macht die Zusammenarbeit für mich als Fotografin um vieles unterhaltsamer und anregender, als wenn ich alleine über die Aussage eines Portraits entscheide."

Eine 17-jährige Studentin in Mauretanien.
Moussou, damals 18-jährige Studentin in Mauretanien und Rothenbergers erstes WG-Gespändli im Senegal.

Flurina Rothenberger: "Zentral in meiner Arbeit ist die tiefe Überzeugung, dass die Art und Weise, in der ein Mensch vor der Kamera wahrgenommen werden möchte, seine Absicht, immer auch ein authentischer Verweis auf die Realität ist, in der er lebt. Deshalb lasse ich willentlich die Absicht des Gegenübers in meine eigene Bildabsicht einfliessen."

„Romeo und Julia“ nennt Flurina Rothenberger dieses Bild vom Strand in Senegal.
L'amour à la Dakaroise am Strand der île de Gorée im Senegal.

Ein Liebespaar in Angola. Der Student im Rollstuhl leidet an Kinderlähmung.
Ein Liebespaar in Angola: Domingo leidet an Kinderlähmung. Er und Znaida haben sich im Studiengang körperliche und psychosoziale Rehabilitation an der Methodisten-Universität in Luanda kennen gelernt.

Zwei Schwestern aus Moçambique, 8 und 13 Jahre alt. Sie leben allein mit ihrer Mutter.
Zwei Schwestern aus Moçambique, Rosa 9 und Elisa 12 Jahre alt. Sie leben allein mit ihrer Mutter in Metoro.


Mali: „La grande dame de Bamako“, eine Sängerin. Mali ist bekannt für seine Musik.
Mali: „La grande dame de Bamako“, Oumou Sangaré, die Malische Sängerin gehört zu Westafrikas ganz grossen und geliebten Diven.

 

Ghana: Fitness ist in Afrika nicht nur populär, es ist auch gratis.
Ghana: Fitness ist in in den meisten Ecken Afrikas populär und findet meist unter freiem Himmel statt.

Vor allem am Strand trainieren viele, wie hier in Togo. Der junge Mann stellte sich für ein Foto zur Verfügung, plötzlich gesellten sich zwei Wächter einer nahen Villa zu ihm und wollten auch aufs Bild.
Vor allem am Strand trainieren viele, wie hier in Togo. Der junge Mann stellte sich für ein Foto zur Verfügung, plötzlich gesellten sich zwei Wächter einer nahen Villa zu ihm und wollten auch aufs Bild.

Angola: Sie haben sich eben kennengelernt. Schüchtern legt er die Hand auf ihre Schulter.
Angola: Die frisch Verliebten wünschten sich ein Bild vor einem Haus, von dem sie selber träumen.

Für ihren neuen Bildband hat die Fotografin 1‘500 Bilder ausgewählt und dem Grafikbüro Hammer vorgelegt, mit dem sie eng zusammenarbeitet. Sie wollte die definitive Auswahl nicht selbst treffen. „Ich wollte, dass man einen frischen Blick auf meine Arbeit wirft“. Das Buch enthält 254 faszinierende Alltagsbilder, die die Vielfalt, die Schnittstellen, die Gegensätze und die Widersprüche des riesigen Kontinents zeigen. Und das Banale, das Alltägliche.

Elfenbeinküste: Die Jungen fahren an den Strand und lieben sich.
Elfenbeinküste, Grand Bassam: Die Jungen fahren an den Strand und lieben sich.

Angola: Ein Portier eines überteuerten Hotels in Luena, in dem nichts funktioniert: weder Strom noch Wasser.
Angola: Ein Portier eines überteuerten Hotels in Luena, in dem nichts funktioniert: weder Strom noch Wasser.

Man spart für Weihnachten und für das Neue Jahr und investiert in neue Kleider. Zum Jahresende sind die Schneiderateliers ausgebucht. An Neujahr zeigt man die neuen Kleider am Strand.
Man spart für Weihnachten und für das Neue Jahr und investiert in neue Kleider. Zum Jahresende sind die Schneiderateliers ausgebucht. An Neujahr zeigt man die neuen Kleider am Strand.

Togo: Breakdancers und Hiphoppers in Lomé. Die Figur heisst „La bicyclette“.
Togo: Breakdancers und Hiphoppers in Lomé. Die Figur heisst „La bicyclette“.

So unterschiedlich die Länder und die Kulturen sind: Die Bilder aus den verschiedenen Regionen zeigen, dass viele Gemeinsamkeiten bestehen. „Vieles fliesst zusammen“, sagt Rothenberger. Auf jeder Doppelseite des Buches sind zwei Fotos abgebildet, die die Kontraste deutlich machen – und doch zueinander passen.

Flurina Rothenberger ist in der Elfenbeinküste aufgewachsen und mit 14 Jahren in die Schweiz zurückgekehrt. In Zürich und Lausanne liess sie sich zur Fotografin ausbilden. Ihre erste bezahlte Fotoreportage war im Jahr 2003 ein Bericht über Aids-Waisen in Moçambique. Immer wieder zog es sie auf den schwarzen Kontinent. Doch nicht nur: Sie fotografierte auch in Lateinamerika, in Afghanistan und Pakistan – doch vor allem in Afrika.

Ihr Ziel ist es, den Alltag nüchtern abzubilden, fernab von Stereotypen und Klischees. Sie will einen schwer durchschaubaren Kontinent, von dem die Meisten eine falsche Vorstellung haben, durchschaubarer machen.

Elfenbeinküste: Das Hochzeitsfoto von Micheline, Flurina Rothenbergs älteste Freundin. „Wir sind zusammen aufgewachsen“. Micheline hat einen Polizisten geheiratet, hat zwei Knaben und ist jetzt protestantische Pfarrerin.

Im Journal21.ch publizierte Flurina Rothenberger zusammen mit Judith Wyder die Reportage "Dakar - Land unter in den Banlieus".

*) Flurina Rothenberger
„I love to dress like I am coming from somewhere and I have a plae to go“
Edition Patrick Frey, Nr. 173
Design, Editing und Illustrationen: HAMMER
254 Abbildungen
ISBN 978-3-905929-73-7

CHF 48.--

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