Die Angst vor den anderen

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Die Angst vor den anderen

Von Stephan Wehowsky, 10.11.2016

In seinem „Essay über Migration und Panikmache“ dreht sich Zygmunt Bauman im Kreis. Aus seinen Forderungen lassen sich keine Lösungen ableiten.

Die „Angst vor den anderen“, gemeint sind Flüchtlinge und Migranten, ist in den Augen von Zygmunt Bauman ein soziales Konstrukt. Sie ist also nicht naturwüchsig und unüberwindbar. Vielmehr wird diese Angst von interessierten Kreisen geschürt. Wer sind diese Kreise? Alle diejenigen, die daraus Kapital schlagen: Politiker, Militärs, rechte Bewegungen.

Gleiche Würde

Eine Gesellschaft der Angst ruft nach Kontrolle, und wer kontrolliert, hat die Macht. Dieses Argument ist evident, denn der Ausbau der Sicherheits- und Überwachungsapparate wächst exponentiell. Mit der Einschränkung der Freiheitsräume aller Bürger geht eine Abwertung der Fremden einher, denn sie werden nur noch unter dem Aspekt der Bedrohung gesehen.

Der ethische Grundsatz, dass alle Menschen mit der gleichen Würde ausgestattet sind, im Prinzip gleiche Rechte haben und es ihnen ermöglicht werden soll, nach Glück zu streben, wird aufgegeben. Zumindest gilt dieser Grundsatz nicht mehr für die als Bedrohung definierten Migranten, so Zygmunt Bauman.

Abwertung

Damit wird nicht nur die Moral unserer Gesellschaften unterhöhlt, sondern zugleich die Bedrohung durch die Fremden erhöht. Denn in dem Masse, wie sie Missachtung erfahren und entsprechend schikaniert werden, wächst bei ihnen der Hass auf unsere Gesellschaft. Und von der vermeintlichen werden sie zur tatsächlichen Bedrohung.

Jeder Einzelne, aber auch die sich als freiheitlich verstehenden Gesellschaften des Westens bleiben durch die Abwertung „der Fremden“ unterhalb ihrer eigenen Möglichkeiten. Sie geben nicht nur zentrale ethische Massstäbe auf, indem sie deren Geltung für die Migranten leugnen, sondern sie blockieren auch die positive Dynamik, die durch die Zuwanderung gewonnen werden könnte. Diese Argumente in dem Essay von Bauman sind nicht neu.

Kognitive Dissonanz

Zygmunt Bauman ist Soziologe, aber argumentativ bezieht er sich nahezu ausschliesslich auf Texte von Hannah Arendt, in denen sie sich wiederum mit Nietzsche und Kant auseinandersetzt. An neueren Erkenntnissen steuert Bauman lediglich die Theorie der „kognitiven Dissonanz“ von Leon Festinger und anderen bei. Sie stammt aus den 70er Jahren und erklärt, warum wir manche falsche Handlungen begehen, obwohl wir es besser wissen, und wie wir diese „Dissonanz“ ausgleichen.

Mit Hilfe dieser Theorie soll also verdeutlicht werden, warum eine Gesellschaft wider besseren Wissens die Würde der Fremden verletzt und verleugnet und sich trotzdem auf die Menschenrechte viel zugute hält. Dagegen führt Bauman wieder und wieder das Argument zu Felde, dass die Fremden sowohl für den Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt eine unermessliche Bereicherung sein könnten, wenn nur die Scheuklappen der Angst abgelegt würden.

Fragilität der Wohlfahrtsstaaten

Was Bauman dabei völlig ausblendet, ist die Tatsache der Fragilität der modernen Wohlfahrtsstaaten, für die er sich als historisch gebildeter Soziologe eigentlich interessieren müsste. Es hat lange gedauert, bis die Sozialsysteme eingeführt und so justiert werden konnten, dass sie tatsächlich soziale Konflikte entschärften. In der Gegenwart sieht man dies zum Beispiel an den Auseinandersetzungen in den USA um die allgemeine Krankenversicherung, die Barack Obama durchgesetzt hat, und in Europa an den Auseinandersetzungen um ein späteres Eintrittsalter für Rentenzahlungen.

Wie sollen diese Sozialsysteme, bei denen es auf jede Zahl hinter dem Komma ankommt, plötzlich ganz neue und unvorhergesehene Ansprüche abgelten, ohne dass es zu erbitterten Verteilungskämpfen mit den älteren Anspruchsberechtigten kommt?

Verleugnete Probleme

Und die mitteleuropäischen Gesellschaften haben jahrhundertelang an den Schulsystemen gearbeitet. Denn adäquate kulturelle und fachliche Bildung wurde als Bedingung für erfolgreiche Wege im Arbeitsleben angesehen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wie sollen Migranten in grosser Zahl ohne diese feinen Systeme von Anforderungen, Bewertungen, Belohnungen, aber auch Zurückweisungen in das Arbeitsleben integriert werden?

Zygmunt Bauman hat recht, wenn er wieder und wieder darauf hinweist, dass Ressentiments und Angst den Blick auf die Chancen gelungener Integration verstellen. Aber es ist fahrlässig, so zu tun, als seien Offenheit und guter Wille schon die Schlüssel zur Lösung der Probleme. Alte Kolonialmächte wie Frankreich, England, aber auch die Niederlande haben jahrzehntelange Erfahrung mit der Einwanderung in ihre Länder. Diese Einwanderung hat zu gesellschaftlichen Spaltungen und Verwerfungen geführt. Aber weil es zum guten Ton gehörte, die Probleme mit Migranten nicht zu sehr zu thematisieren, kochte vieles unter der Oberfläche.

Kategorienfehler

Und Frankreich bietet zahlreiche Beispiele für starkes Engagement, namentlich für junge Migranten in den Banlieues. Scharen von Sozialarbeitern wurden von wohlmeinenden Soziologen instruiert, Schulen wieder und wieder reformiert, Stadtbibliotheken, Sportplätze und Schwimmbäder gebaut und bereitgestellt. Das alles hat nicht genützt, wie jüngst Gila Lustiger, die in ihrer Geisteshaltung einem Zygmunt Bauman nahe stehen dürfte, feststellte.

Zudem unterläuft Zygmunt Bauman ein Kategorienfehler, der einem Soziologen nicht passieren dürfte. Denn es macht einen grossen Unterschied, ob die Zahl von Fremden überschaubar und begrenzt bleibt wie im Fokus der Argumentation von Hannah Arendt, oder ob sie nahezu grenzenlos anwachsen kann. Auch wohlmeinende Experten wie der gebürtige Äthiopier Asfa Wossen-Asserate warnen davor, dass aufgrund des enormen Bevölkerungswachstums in Afrika die Migrantenströme im Zusammenhang mit den desaströsen politischen Verhältnissen ins Unermessliche wachsen könnten.

Gefahr der Arroganz

Es ist daher nicht aus der Luft gegriffen, wenn sich ein Gespür für die prekäre Situation Europas in Anbetracht der Migration ausbreitet. Auf den unterschiedlichen politischen Ebenen Europas ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, überzeugende und praktikable Konzepte vorzustellen. Noch nicht einmal die innereuropäischen Probleme wie die Wirtschafts- und Finanzkrise sind gelöst. Und nun kommen in hellen Scharen die Fremden, die sich in ihrer Not auf der Suche nach Schlafplätzen unter freiem Himmel auch in Grossstädten ausbreiten.

Es ist verständlich, dass die Bilder des Elends Angst auslösen. Diese Angst lässt sich nicht wegargumentieren. Im Gegenteil: Wer in einem besserwisserischen Ton meint, die Angst als eine Art Einbildung in Folge von „Panikmache“ diagnostizieren zu sollen, verstärkt mit dieser arroganten Haltung Ressentiments. Und als Soziologe hätte Zygmunt Bauman die Frage stellen müssen, woran die bisherigen Versuche, soziologisch wohlinformiert Integrationsprogramme zu realisieren, gescheitert sind.

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Aus dem Englischen von Michael Bischof, 126 Seiten, edition suhrkamp, Berlin 2016

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