Der Weg des W. E. B. Du Bois

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Der Weg des W. E. B. Du Bois

Von Urs Meier, 05.07.2014

Er war der erste schwarze Soziologe und ein Vordenker der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Am Ende seines langen Lebens stand er im politischen Abseits: William Edward Burghardt Du Bois.

W. E. B. Du Bois, 1918 (Foto: Cornelius Marion Battey/Library of Congress/Wikimedia Commons)

Als er 1868 im Städtchen Great Barrington, Massachusetts, geboren wird, ist es erst drei Jahre her seit dem Ende des Sezessionskriegs. Die Südstaaten sind weit weg. Der aufgeweckte, begabte W. E. B. Du Bois, einziges schwarzes Kind in der Schule, wird von lokalen (weissen) Honoratioren gefördert. Zum Studium schickt man ihn an die Fisk University, ein Institut für Schwarze (die sich damals noch ganz selbstverständlich Neger nennen) in Nashville, Tennessee. Hier erlebt er erstmals Rassismus und Segregation, und es wird für ihn bald klar, dass deren Bekämpfung sein Lebensthema sein wird.

Bildung, Bildung, Bildung

Du Bois hat den unbändigen Willen, sich zu bilden. Harvard ist sein Ziel. Beim zweiten Anlauf schafft er es, von der ruhmreichen Hochschule als Junior aufgenommen werden. Er studiert Geschichte und Philosophie, letztere in praktisch-ethischer Ausrichtung. Auch hier wird er von seinen (weissen) Professoren nachdrücklich gefördert.

Um aber den Gipfel akademischer Bildung zu erreichen, muss man in Deutschland studiert haben. Mit hartnäckiger Zielstrebigkeit schafft es W. E. B. Du Bois, hierfür ein recht grosszügiges Stipendium zu bekommen. In Berlin hört er bei Heinrich von Treitschke und Gustav Schmoller, und in Heidelberg lernt er Max Weber kennen, mit dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden bleibt. Er reist ausgiebig im Europa der Belle Époque. In seiner Autobiographie schildert er die Studienzeit in Berlin als glücklichste Phase seines Lebens.

Auf Umwegen zur Soziologie

Zurück in den USA, macht er 1895 in Harvard als erster Schwarzer seinen Doktor. Das Dissertationsthema: die Geschichte des Sklavenhandels. Anschliessend versucht er einen Lehrauftrag an einer weissen Universität zu bekommen. Doch nirgends stösst der vielleicht am besten ausgebildete Schwarze seiner Tage auf Interesse. So betätigt er sich denn an diversen schwarzen Einrichtungen als Dozent für Latein, Griechisch, Mathematik sowie in der Lehrerausbildung.

Mit 29 Jahren bekommt er an der Atlanta University eine Professur für Wirtschafts- und Geschichtswissenschaft. Für W. E. B. Du Bois ist es die Chance, die Basis eines in den USA völlig neuen Wissenschaftszweigs zu schaffen, nämlich die soziologische Forschung zur schwarzen Bevölkerung. Vorher gab es keine Untersuchungen über deren Lebensumstände.

Wechsel zur Bürgerrechtsbewegung

In diese Terra incognita stösst Du Bois mit Energie und Geschick vor. Gezwungenermassen wird er zum Wissenschaftsmanager und Lobbyisten, und so ist es nur konsequent, dass diese Verlagerung auf die Ebene des Organisierens ihn bald auch zur treibenden Kraft bei der Organisation politischer Bewegungen von Schwarzen macht. An der Atlanta University organisiert er von 1897 bis 1911 jährlich Kongresse über die Lage der schwarzen Bevölkerung. Ausserdem ist er Mitbegründer einer der ersten und einflussreichsten Bürgerrechtsbewegungen, der NAACP (National Association for the Advancement or Colored People). Aus heutiger Sicht kaum verständlich ist der Umstand, dass die führenden Persönlichkeiten dieser Organisation anfangs fast ausschliesslich Weisse waren. W. E. B. Du Bois war anfangs der einzige Schwarze an der Spitze; er hatte die Funktion des Direktors für Publikationen und Forschung inne.

1910 lancierte er die Zeitschrift «The Crisis» als Organ der NAACP und darüber hinaus als führende amerikanische Stimme in Bürgerrechtsfragen. Er gab sie mit grossem Erfolg bis 1934 heraus; das Magazin «The Crisis» und die NAACP existieren bis heute. W. E. B. Du Bois entfaltete als Wissenschafter, Redner, Publizist und Literat eine geradezu unglaubliche Produktivität. Die Liste seiner Publikationen zählt über 1'900 Titel. Von besonderer Wirkung war die 1903 publizierte Aufsatzsammlung «The Souls of Black Folk» (deutsch: «Die Seele der Schwarzen», Orange Press, Freiburg 2004). Das Buch hat für die Politisierung der Schwarzen in den USA eine Schlüsselrolle gespielt und gilt als literarischer Klassiker der Bürgerrechtsbewegung.

Angesichts der Laufbahn und der Verdienste W. E. B. Du Bois’ muss man sich die Frage stellen, weshalb er als historische Figur nicht präsenter ist. In der Liga der prominentesten Namen der Bürgerrechtsbewegung taucht er nicht auf. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass W. E. B. Du Bois persönlich nur selten grosse öffentliche Auftritte hatte. Er war in erster Linie Wissenschafter und Publizist, an zweiter Stelle stand das Management von Forschungsprojekten und Organisationen – keine sehr publikumswirksamen Aufgaben.

Politische Radikalisierung

Zweifellos wirkte sich auch noch ein anderes Element nachteilig auf seine Popularität in den USA aus, nämlich seine politische Radikalisierung. Einen exemplarischen Konflikt focht er bereits nach der Jahrhundertwende mit Booker T. Washington aus, der den Schwarzen Fügsamkeit und berufliches Erfolgsstreben empfahl und mit diesem «unpolitischen» Konzept die Segregation à la longue aufzuweichen hoffte. Du Bois hielt nichts von dieser Idee, obschon er die praktische Berufsbildung für Schwarze befürwortete, die Washington in der Schule von Tuskegee in Alabama mit Unterstützung weisser Philanthropen auf die Beine gestellt hatte. Was Du Bois ablehnte, war der anpasserische, devote Kurs, für den Tuskegee damals stand. Er plädierte vielmehr energisch für die Bildung einer akademischen schwarzen Elite und die Einforderung voller Bürgerrechte.

Die 1909 gegründete NAACP vertrat diese Haltung. Doch W. E. B. Du Bois geriet immer wieder in Konflikt mit der Organisation, die doch eigentlich die seinige war. Er konnte offenbar recht eitel, rechthaberisch und starrsinnig sein. Allmählich geriet er in der NAACP in eine isolierte Position. 1948 trennte er sich von dieser inzwischen gross und einflussreich gewordenen Organisation wegen parteipolitischer Differenzen.

Friedensaktivist und Kommunist

Das war auch die Zeit, in der W. E. B. Du Bois zusammen mit vielen Prominenten aus zahlreichen Ländern gegen das rigorose Blockdenken im Kalten Krieg und insbesondere gegen die Atombewaffnung Stellung nahm. Er nahm an einer Reihe von Friedenskonferenzen teil, die – wohl entgegen ihrer ursprünglichen Motivation – zunehmend kommunistisch vereinnahmt wurden.

Gleichzeitig vollzog W. E. B. Du Bois auch persönlich eine ideologische Annäherung an den sowjetischen Kommunismus. Inspiriert von marxistisch-leninistischen Theorien sah er im Kolonialismus und Imperialismus den Kern des Rassismus-Problems. W. E. B. Du Bois wandte sich immer mehr den afrikanischen Wurzeln der amerikanischen Schwarzen zu. Im Zuge der Dekolonisierung Afrikas in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bemühte er sich als Mitorganisator von Kongressen um die Förderung der panafrikanischen Bewegung.

Isolation

Von der Sowjetunion, die er mehrfach bereiste, hegte er ein Bild, das vollständig mit deren Selbstdarstellung als massgebender Friedensmacht und sozial fortschrittlichstem Land übereinstimmte. Es ist schwer begreiflich, wie ein in empirischer Sozialwissenschaft geschulter und politisch erfahrener Mensch wie W. E. B. Du Bois gerade der Sowjetunion und dem Diktator Stalin gegenüber eine derart unkritische Haltung einnehmen konnte. Selbstverständlich bekam er in der Heimat zur Zeit der antikommunistischen Hysterie des McCarthyismus grosse Schwierigkeiten, was ihn offenbar in seiner fundamentalen Opposition gegen Politik und Gesellschaft der USA bestärkte.

Kurz vor seinem Tod 1963 legte W. E. B. Du Bois die amerikanische Staatsbürgerschaft ab und nahm diejenige von Ghana an, da er mit dessen Präsident Kwame Nkrumah befreundet war. Er starb am 27. August, am Vorabend des Marsches auf Washington, bei dem Martin Luther King die «I have a dream»-Rede hielt.

 

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W. E. B. Du Bois gehört zwar zur (sorry für den Begriff) soziologische Pflichtlektüre. Aber HERZLICHEN DANK Herr Meier, dass er es dank Ihnen auch einmal in den Schweizer Journalismus schafft !

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