Der Sucher mit der Kamera

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Der Sucher mit der Kamera

Von Stephan Wehowsky, 14.02.2018

Die Ausstellung des Werks von Balthasar Burkhard in Winterthur ist reichhaltig und beeindruckend. Und sie löst Fragen aus. Gut so.

Superlative. Da wird ein Künstler geehrt, geradezu zelebriert. Und in einigen Räumen hängen derartig grossformatige Bilder, dass die Kuratoren bei der Medienpräsentation auf die technischen Probleme der Installation hinwiesen.

Künstlerische Avantgarde

Die Ausstellung erstreckt sich über die beiden Ausstellungsräume der Fotostiftung und des Fotomuseums in Winterthur. Zwei Kuratoren, Martin Gasser und Thomas Seelig, haben die Werke ausgewählt und zusammengestellt. Winterthur ist nur eine Station. Diese Ausstellung war schon in Essen in den Räumen vom Museum Fokwang zu sehen und wird noch in Lugano im Museo d´arte della Svizzera Italiana gezeigt werden. Der renommierte Verlag Steidl hat dazu einen in jeder Weise sorgfältig edierten und kunstvoll gestalteten Bildband herausgebracht.

Die ersten „Eyecatcher“ sind die grossen bedruckten Fotoleinwände, die beim Betrachter die Illusion auslösen, er könne quasi ins Bild treten. Ein anderes Bild sticht ebenso ins Auge: Der Maler Franz Gertsch hat die Künstler um Balthasar Burkhard und Harald Szeemann nach einem Foto gemalt, das sie 1970 von hinten beim Gang durch eine Strasse von Kranenburg zeigt. Da spürt man die Atmosphäre der ausgehenden 1960er Jahre mit dem ganzen Selbstbewusstsein der künstlerischen Avantgarde.

In den begleitenden Texten wird immer wieder betont, dass Balthasar Burkhard Bestandteil und fotografischer Chronist dieser Avantgarde war. Der hochbegabte Harald Szeemann, jüngster Kurator der Berner Kunsthalle und später jüngster Leiter einer Documenta, der Documenta 5  von 1972, brachte als Erster amerikanische Malerei in die Schweiz und scharte die kreativsten oder zumindest experimentierfreudigsten Künstler um sich. Man wollte ganz neue Wege gehen und dabei das Publikum nach allen Regeln der Kunst – oder Nicht-Kunst –  provozieren.

Balthasar Burkhard, o. T. (Urs Lüthi, Balthasar Burkhard, Jean-Frederic Schnyder), Amsterdam 1969 © Estate Balthasar Burkhard
Balthasar Burkhard, o. T. (Urs Lüthi, Balthasar Burkhard, Jean-Frederic Schnyder), Amsterdam 1969 © Estate Balthasar Burkhard

Balthasar Burkhard (1944–2000) war von diesem Geist ergriffen, aber was heisst das für einen Fotografen? Die Kamera ist ein konventionelles Instrument. Sie bildet ab. Grenzüberschreitungen mit ihr sind schwierig. In der Zusammenarbeit mit Markus Raetz allerdings gelangen Burkhard die ersten Schritte in neue Richtungen. Er fokussierte sich auf banale Alltagsmotive und kopierte sie auf grosse Fotoleinwände. Dadurch entstanden Bildeindrücke, die bis heute nichts von ihrer Eindrücklichkeit verloren haben.

Suche nach dem eigenen Weg

Dieser Schritt wurde aber erst dadurch möglich, dass Burkhard eine ganz konventionelle und handwerklich anspruchsvolle Fotografenlehre absolviert hatte. Denn sein Vater hatte ihn zu Kurt Blum in die Lehre gegeben, damals in der Schweiz ein hoch angesehener Fotograf. Der war allerdings derartig beschäftigt, dass er seinen neuen Lehrling erst einmal zu einem Kollegen schickte, der ihm die Arbeit im Labor beibrachte. Von Blum lernte Burkhard im zweiten Lehrjahr, wie man tadellose grossformatige Vergrösserungen hinbekommt.

In der Ausstellung kann man die ersten Aufnahmen Balthasar Burkhards ebenso sehen wie seine Arbeiten als Lehrling von Blum. Dazu kommen erste Arbeiten, die er für das Warenhaus Loeb in Bern angefertigt hatte. Aber Burkhard wollte eigene Wege gehen. So versuchte er, Landschaften ganz anders als bisher üblich zu fotografieren, indem er blosse Konturen oder auch den Himmel mit seinen Wolken fotografierte. Der Chefredakteur der Zeitschrift „Camera“, Allan Porter, wurde auf ihn aufmerksam, und in der Ausgabe vom Mai 1971 zierte ein Foto von Burkhard die Titelseite. Allerdings ist das ursprüngliche Bild schwarzweiss. Für die Titelseite wurde es koloriert.

Skurrile Idee

Burkhard war in extremer Weise ein Suchender, und er hatte das Glück, in dieser Zeit auf eine höchst potente Truppe von Gleichgesinnten zu stossen. Mit ihnen konnte er sich über Wasser halten. Aber als die Documenta 5 im Jahr 1972 zu Ende war, fiel er in eine Krise. Was tun? Er ging nach Amerika, nach Chicago und nahm einen Lehrauftrag an der Universität von Illinois an. Und verfiel auf eine skurrile Idee: Da er ein bisschen wie ein Filmstar aussah, fühlte er sich zum Filmschauspieler berufen. Er kreierte dafür eine Bewerbungsbox mit Fotos und sprach sogar bei Alfred Hitchcock vor. Am Ende reichte es aber nur für eine Mitwirkung bei einem Schweizer Film.

Sein weiterer Weg führte zurück zur Fotografie, und er machte sich zum Beispiel einen Namen als Architekturfotograf. Zudem gelang es ihm, mit einzelnen Ausstellungen für Aufmerksamkeit zu sorgen, indem er zum Beispiel Beine überdimensional vergrösserte und damit seriell Museumswände behängte.

Vergleiche

Nach welchen Kriterien aber lässt sich das Werk Balthasar Burkhards bewerten? Man kann sich damit begnügen, in ihm einen Avantgardisten zu sehen, dessen Suchbewegungen bis heute Respekt abnötigen. Es empfiehlt sich aber, einen Schritt darüber hinauszugehen. Schliesslich ist er nicht der einzige Fotograf auf dieser Welt, und da müssen Vergleiche erlaubt sein.

Es wird betont, dass Burkhard von Jakob Tuggener beeinflusst worden sei, und auf einem Foto ist Tuggener zu sehen: „Berner Kunstszene bei einer Filmmatinée bei Jakob Tuggener, Februar 1972“. Laut Katalog ist dieses Foto „mit Burkhards Kamera“ aufgenommen worden, was immer das heissen mag. Aber hat Tuggener Burkhard wirklich beeinflusst? Vor kurzem wurden Tuggeners Werke in der Fotostiftung Winterthur gezeigt. Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zwischen den beiden grösser als die Gemeinsamkeiten.

Ähnliches wird man über Robert Frank sagen können, den Burkhard wohl noch in der Schweiz kennengelernt hat. Auch die amerikanische Fotoszene scheint ihn nicht berührt zu haben. Jedenfalls spürt man keine Einflüsse. Vielmehr knüpfte Burkhard während der Jahre, die er zwischen 1975 und 1978 in Chicago verbrachte, wieder an eine Serie mit Fotoleinwänden an, die er 1969/1970 in Amsterdam geschaffen hat. Die stellte er in der „Zolla/Liebermann Gallery“ in Chicago aus und bekam dafür Lob von der „Chicago Tribune“.

Fotogenes Kamel

Danach hat Burkhard das Schweizer Publikum in mehreren Ausstellungen mit seinen grossformatigen „fotografischen Tableaus“ beeindruckt. Darin stellte er den „Körper als skulpturales Phänomen“ dar. Ein menschlicher Arm erreichte darauf fast vier Meter, und seine Fotoinstallation „Das Knie“ füllte einen ganzen Museumsraum. Aber sind diese Darstellungen, abgesehen von ihrer Grösse, wirklich so beeindruckend? War Irving Penn mit seinen überdimensionalen Zigarettenkippen von 1975 im MoMA nicht weitaus kreativer?

Balthasar Burkhard, Kamel, 1997 © Estate Balthasar Burkhard
Balthasar Burkhard, Kamel, 1997 © Estate Balthasar Burkhard

Es gibt nicht viele Fotos in der Ausstellung von Balthasar Burkhard, die auf Anhieb überzeugen. Zu den überzeugenden gehört ein Kamel aus der Serie seiner Tierfotografien. Die Porträts wiederum wirken eher durchschnittlich und sind zudem sehr dunkel gehalten. Thomas Seelig sieht darin einen künstlerischen Akzent. Im Katalog bei Steidl wiederum sind diese Porträts viel heller wiedergeben.

Irgendwie fantastisch

Balthasar Burkhard genoss als Architekturfotograf hohes Ansehen. Ihre Anfänge nahm diese Fotografie schon in den 1960er Jahren, als Burkhard im Umfeld der Berner Künstlerszene mit Architekten des „Büros Atelier 5“ in Verbindung kam. Später arbeitete er auch für Herzog & de Meuron. Perspektivisch und formal sind diese Fotos beeindruckend, und an ihnen wird eine Eigenart von Balthasar Burkhart ganz besonders deutlich: Die Technik spielt für ihn eine untergeordnete Rolle.

Selbst die Architekturfotos wurden mit Kleinbildkameras aufgenommen, und die verwendeten Filme von Ilford und Kodak waren Durchschnittsware. Diese Linie hielt er bei seinen Luftbildern bei. Zudem sind die Landschaften, Städte und Wolken wieder sehr dunkel abgebildet. Das gilt auch für seine Pflanzenstudien.

Das irritiert und beeindruckt zugleich: Da wirkt ein Fotograf mit grössten Ambitionen als Künstler. Zugleich oder vielleicht gerade deswegen schert er sich nicht um die Technik. Ausnahme, und die wieder entscheidend: Wenn es um die Grösse der Präsentation geht oder um die Wahl von Material wie die Fotoleinwände seiner frühen Jahre scheut er keinen Aufwand und kein Risiko. Das ist irgendwie fantastisch.

Mehr Malerei als Fotografie

Welcher Eindruck bleibt nach dem Gang durch diese Ausstellung? Es wäre falsch, das Werk Burkhards auf die Schlüsseljahre, die von der Berner Kunstszene, Harald Szeemann und die Documenta 5 geprägt waren, zu reduzieren. Aber diese Jahre geben einen Hinweis zur Beurteilung. Die Kuratoren bezeichnen Burkhard als „Chronisten“ der Berner Bohème und als Dokumentaristen der Kunstszene. Auffällig oft sieht man ihn auf den Gruppenfotos. Überhaupt setzte sich die damalige Avantgarde gern selbst in Szene. Das war ein Teil der Happenings und überhaupt ihres Konzepts.

Auch die anderen Bilder Burkhards haben etwas Selbstreferentielles. Vergleicht man sein Werk mit dem von Jakob Tuggener und Robert Frank, fällt der entscheidende Unterschied ins Auge: Die „Ballnächte“ und „Die Amerikaner“ haben ihren Wert nicht nur als Werke dieser Fotografen, sondern als Aussagen über die jeweilige „condition humaine“. Sie sind Zeitzeugnisse, die sich von den Fotografen ablösen lassen. Die Bilder Burkhards ähneln aufgrund ihres starken Verweises auf den Autor mehr der Malerei.

Balthasar Burkhard, Fotomuseum Winterthur und Fotostiftung Schweiz, 10.02.–21.05.18

Gleichnamiger Katalog im Steidl Verlag, Göttingen 2017.

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