Der Sonderling

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Der Sonderling

Von Iso Camartin, 17.08.2017

„Peter Grimes“ ist heute Benjamin Brittens am häufigsten produzierte Oper und gewiss diejenige, die uns nach wie vor am direktesten berührt.

Manchmal entstehen stilbildende Werke aus Zufallsimpulsen. Britten weilte mit seinem Freund Peter Pears im Sommer des Jahres 1941 in Kalifornien und las dort im BBC-Magazin „The Listener“ einen von E. M. Forster geschriebenen Artikel über den von ihm bisher nicht gelesenen englischen Dichter George Crabbe (1754–1832). Was Britten berührte, war die Schilderung der Landschaft und der Lebensbedingungen eines Teils von England, den er aus seiner Jugend sehr genau kannte, nämlich die Meeresküste des östlichen Suffolk, zu der er „in der Fremde“ sich geradezu heimatsüchtig hingezogen fühlte.

Er besorgte sich die Schriften Crabbes. Vor allem dessen Verserzählung „The Borough“ (ein Begriff für die Verwaltungseinheit einer Bezirks-Gemeinde im historischen England) liess ihn nicht mehr los. Dort stiess er im Kapitel „The Poor – Die Armen“ auf die Figur des Fischers Peter Grimes, die ihn in den vier folgenden Jahren beschäftigen, ja aufrütteln sollte.

Vom Brutalo zum Aussenseiter

In der Schilderung von Crabbe ist dieser Peter Grimes kein sympathischer Mann, vielmehr ein rücksichtslos brutaler Grobian. Nicht nur am Tod des eigenen Vaters soll er schuldig geworden sein, von der Dorfgemeinschaft wird er auch verdächtigt, drei junge Knaben aus dem Londoner Waisenhaus in den Tod getrieben zu haben. Er hatte diese nacheinander als Lehrlinge zu sich geholt und geradezu als Sklaven für Schwerstarbeit im Fischereibetrieb missbraucht. Denn dieser Rüpel hatte nichts anderes im Kopf, als möglichst rasch reich und unabhängig zu werden, auf wessen Kosten auch immer. Dafür ging er buchstäblich über Leichen. Armut und Habgier machen Menschen zu Bestien.

Als Britten nach seiner Rückkehr in England mit seinem Librettisten Montagu Slater sich der Figur dieses Fischers erneut annahm, veränderte und erweiterte sich dessen Innenleben. Aus Peter Grimes wurde ein Vereinsamter, ein Ausgestossener, ein von der Gemeinschaft Verfolgter und Gejagter. Im Triebbereich des Innern von Grimes traten ganz neue Seiten zutage: die Liebe zur Gemeindelehrerin Ellen Orford, der Traum von Glück einer anderen Art, aber auch die Sehnsucht nach Anerkennung für das, was er war und leistete.

Aus dem Gefühlskrüppel Crabbes erwuchs neben dem Arbeitskerl ein scheuer romantischer Lebenssucher, der an der Gleichgültigkeit und dem hordenhaften Verhalten seiner Umgebung leidet. Die Dorfgesellschaft aber ist dumpf und erbarmungslos und hasst die Aussenseiter. Am Ende wird Grimes dem Wahn eines besseren Lebens verfallen. Dem eigenen Leben wird er ein Ende setzen, indem er sein Fischerboot weit draussen im Meer versenkt und mit untergeht.

Aus Peter Grimes ist jene Figur geworden, an welcher der Homosexuelle Britten paradigmatisch zeigen konnte, wie die Dorfgemeinschaft mit jenen umgeht, die anders als sie sein wollen. Man darf nicht vergessen: Homosexualität war bis 1967 in England strafbar.

Eine Erfolgsgeschichte

Britten arbeitete ab Januar 1944 für ein gutes Jahr an der Partitur. Am 7. Juni 1945 fand die Uraufführung von „Peter Grimes“ im Sadler’s Wells Theatre in London statt. Es war die Geburtsstunde des vermutlich wichtigsten englischen Opernwerkes seit den Zeiten Henry Purcells. „Peter Grimes“ war danach rasch auf vielen europäischen Bühnen zu sehen und zu hören, in Zürich bereits 1946, später auf allen bedeutenden Bühnen der Welt. Zum Erfolg trug auch die phänomenale Leistung des Tenors Peter Pears bei – Brittens Partner –, für dessen Stimmeigenschaften der kreative Musiker jede melodische Phrase und das ganze Ausdruckspotential der Figur geradezu optimal umzusetzen verstand.

Der kompositorische Einfallsreichtum und die handwerkliche Meisterschaft erreichten mit diesem Werk bei Britten eine einsame Höhe. Es sind sowohl die Chor-, die Ensemble- und die Solopartien von einem Raffinement und einem Zauber, einem Witz und einem Gestaltungsreichtum, wie sie in der Musik der 40-er Jahre nur selten zu erleben sind. Nicht zuletzt wird dies auch in den sechs orchestralen Interludien hörbar, welche jeweils die Übergänge zwischen Akten und Szenen bilden. Sie lassen stimmungsmässig geheimnisvoll sympathetische Empfindungen der äusseren und inneren Art – Wellengang und Nebel ebenso wie hoffnungsvolle Erwartung und beklemmende Angst – aus dem Orchestergraben aufsteigen.

Britten hat vier dieser gleichzeitig naturmalerische wie seelische Zustände nachempfindenden Stücke bereits vor der Uraufführung der Oper zu einer später oft gespielten Orchestersuite mit dem Titel „Four Sea Interludes“ zusammengefasst. Wer also die musikalische Essenz von „Peter Grimes“ in rein orchestraler Fassung nacherleben wird, kann dies anhand der von ihm verwendeten Orchesterstücke („Dämmerung, Sonntagmorgen, Mondlicht, Sturm“) durch den Komponisten autorisiert tun.

Die Wahnwelt des Verlorenen

Die hier gewählte Arie befindet sich in der zweiten Szene des dritten Aktes, damit unmittelbar vor dem Schluss der Oper. Britten hat sich für die Gestaltung des Zustands des von den Dorfbewohnern bedrohten Grimes etwas einzigartig Radikales einfallen lassen. Als Begleitung des Wahn-Monologes von Grimes wählte er nur die Chorstimmen der Meute, die – einmal fern, dann bedrohlich näher rückend – eine Hetzjagd auf ihn veranstaltet, sowie aus dem Orchestergraben oder hinter der Bühne ein Nebelhorn. Dies ergibt eine musikalisch absolut gespenstische Stimmung, in welcher die Frage, was Wahn und was Realität ist, nicht mehr eindeutig zu klären ist.

Während die Stimmen des Chores nur die Worte „Peter“ oder „Grimes“ rufen, sinnt der ausser sich geratene Fischer darüber nach, was für ihn noch eine Heimat sein könnte. Ist vielleicht nur die Tiefe des Meeres seine Heimat? Er erinnert sich an die drei Knaben, die in seiner Nähe ums Leben kamen. Man kann den Himmel nicht umdrehen und das Leben nicht neu beginnen. Er glaubt, dass auch die Liebe für ihn nicht mehr der rettende Hafen ist. Er hört den Tod, der ihm zuruft: „Komm nach Hause! Komm nach Hause.“

Als ihn die ihn liebende Ellen findet, singt Grimes eine umwerfend schöne Passage, die Britten über den Traum einer Menschenseele geschrieben hat, irgendwann im Leben doch noch jenen Hafen zu finden, in welchem man zur Ruhe mit sich selbst und zum Frieden mit der Welt kommen könnte: „What harbour shelters peace, away from tidal waves?“ – „Welcher Hafen bietet Frieden und Schutz vor stürmischen Flutwellen?“ Für Peter Grimes wird dieser Hafen nur die dunkle Tiefe des Meeres sein.

Natürlich war Peter Pears der Massstab für alle nachrückenden Tenöre in dieser Rolle. Er hatte aber wahrhaftig würdige Nachfolger, die uns in dieser Rolle auch stark beeindrucken. Der Amerikaner John Vickers gehörte zu ihnen, aber in jüngerer Zeit auch Neil Shicoff, Anthony Rolfe Johnson oder Christopher Ventris. Wir hören hier die Szene in der Aufführung, welche die BBC im Jahr 1969 als Verfilmung der Oper realisiert hat mit Peter Pears in der Titelrolle und mit dem Komponisten am Dirigentenpult des London Symphony Orchestras.

 https://www.youtube.com/watch?v=rCVNAYikjbE

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