Der Philosoph als Heilsbringer

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Der Philosoph als Heilsbringer

Von Carl Bossard, 25.08.2019

Der Kultphilosoph Richard David Precht fordert eine Revolution der Bildung mit digitalisiertem und individualisiertem Lernen. Doch seine Ideen sind weder neu noch praktikabel.

Er publiziert in kurzen Zyklen. Mit seinen Erfolgsbüchern erzielt er rege Resonanz. Und wenn er auftritt, sind ihm ein grosses Auditorium und mediale Multiplikation sicher. Gemeint ist der deutsche TV-Philosoph Richard David Precht. Viele liegen ihm zu Füssen. Mitte August 2019 lud ihn die „NZZ am Sonntag“ zu einem grossen Interview [1]. Als Bestsellerautor verkündet er auch hier seine Bildungsrevolution: Es muss alles ganz anders werden. Die Schule grundlegend neu denken, verlangt der Vielgefragte.

Fächer und Klassen abschaffen

Eines ist tröstlich: Immerhin fordert Precht nicht mehr, als wir aus seinen Büchern und Referaten bereits kennen. 2013 erschien seine Schrift „Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“. Die Titelgrafik zeigt ein verängstigtes Mädchen. Immer wieder muss es – offenbar als Strafe – den rüden Satz schreiben: „Ich darf nicht denken.“

Es ist eine radikale Abrechnung mit dem deutschen Schulsystem – oder mit dem katastrophenverliebten Titel der ersten ZDF-Philosophie-Sendung „Precht“ ausgedrückt: „Skandal Schule. Macht Lernen dumm?“ Woher Dummheiten kommen, ist nicht so eindeutig. Entsprechend maliziös fragte darum „Die Zeit“: „Macht Precht dumm?“ 

Im gleichen Jahr, 2013, trat er in der Aula der Universität Zürich auf. Prechts Botschaft: Er möchte spätestens nach dem sechsten Schuljahr Klassen und Fächer abschaffen. Natürlich kennt Prechts Schule weder Zensuren noch Klausuren, weder direkte Instruktion noch Hausaufgaben. Stattdessen sollten Lernhäuser entstehen, in denen jedes Kind nach seinem eigenen Tempo arbeitet – und erst noch ohne Anstrengung, dafür mit Spass.

Englisches College-System

Das Vorbild ortet der Philosoph im englischen College-System. Die Schülerinnen und Schüler sollten möglichst individuell begleitet werden und in jahrgangsübergreifenden Projektgruppen eigenmotiviert arbeiten, beispielsweise an Problemen einer nachhaltigen Ernährung oder an aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

Schulisch hat Precht eigentlich nichts Neues zu sagen. Viele seiner Gedanken kennen wir beispielsweise aus der „child centered education“ der bekannten amerikanischen Reformpädagogin Marietta Johnson (1864–1938) und ihrer „organischen Schule“. Forschungstheoretische und empirische Belege für seine provokativen Aussagen gibt es keine; Studien sucht man vergebens.

Nicht umsonst wirft ihm der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube „intellektuelle Schlampigkeit“ vor [2]. In manchem muss man Precht allerdings auch recht geben: Er kritisiert die Fächerfülle, die überladenen Lehrpläne, den immensen Stoffdruck, die fehlende Übungszeit, die dichte Prüfungskaskade. Das gilt auch für die Schweizer Volksschule. Und der Lehrplan 21 schafft hier keine Abhilfe. Leider. Im Gegenteil. Das erhöht die Last der Hast.

Gutes Kind, böse Gesellschaft

Precht erklärt die deutschen Schulen für irreparabel krank, so dass man „einer normalen Mittelschichtsfamilie“ für ihr Kind die öffentliche Schule nicht mehr empfehlen könne. Mit diesem Zerrbild beleidigt er unzählige Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit Sachverstand und Leidenschaft um die Kinder und den Schulalltag kümmern. Tag für Tag. Sie müssten eigentlich entrüstet aufschreien. 

Der renommierte deutsche Bildungswissenschaftler Andreas Helmke versucht eine Antwort [3]: Die Botschaft von dem guten Kind und der bösen Gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten verkündet neben Richard David Precht beispielsweise auch der Hirnforscher Gerald Hüther. „Man kennt sie seit Jean Jacques Rousseaus ’Émile‘. Für die Pädagogik ist sie weitgehend fruchtlos. Aber das hindert nicht einmal die vielen Lehrer unter den Zuschauern am Applaus.“

Wunsch nach pädagogischen Priestern

Weiter schreibt Helmke: „Die Sehnsucht, endlich von den Mühen des Alltags zwischen erster Stunde und abendlicher Klassenarbeitskorrektur befreit zu werden, scheint gross zu sein. Ebenso die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die Schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen, eine Welt, in der Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coachs und, ja, Freunde.“

Helmke zitiert den Bildungsjournalisten und Filmemacher Reinhard Kahl: „Aus der Alltagsverzweiflung vieler Lehrer erwächst der Wunsch nach Feldgottesdiensten und Priestern.“ Precht und Hüther nähren entsprechende Illusionen. Doch der pädagogische Alltag ist anspruchsvoll und anstrengend; denn die Gesellschaft fordert von der Schule vieles und auch Widersprüchliches. Das ist schlichte Realität.

Der Unterricht ist darum voller Dilemmata, voller Spannungen. Wir können sie nicht einfach ausblenden. Die Widersprüche lassen sich auch nicht auflösen. Lehrerinnen und Lehrer müssen sie aushalten, reflexiv handhaben und daraus die pädagogische Spannkraft fürs Mögliche und Alltägliche gewinnen. Hier muss man sie stärken: Es ist die pädagogische Kernaufgabe, Schülerinnen und Schüler gesellschaftsfähig zu machen.

Schule nicht neu erfinden

Man würde gerne wissen, wo denn die politischen Mehrheiten für eine Precht’sche „Bildungsrevolution“ zu finden sind und welche Vorteile dieser radikale Umbruch mit sich brächte. Precht bleibt die Antwort schuldig. Gesellschaftspolitisch wäre das ein weiterer Schritt zur Entsolidarisierung. Prechts pädagogische Zauberformel heisst Individualisierung. Die Digitalisierung verstärkt sie. Auf der Gegenseite schwindet die Sozialität. Das wissen wir aus der Forschung. 

Die Schule wird die neuen Technologien für sich nutzen. Sie muss deswegen nicht neu gedacht und neu erfunden werden; das glauben nur modische Philosophen, die von ihrer missionarischen Botschaft leben.

[1]Richard David Precht: „Algebra braucht kaum jemand im Leben. Das ist verschwendete Zeit“. In: NZZaS, 18.08.2019, S. 18f.

[2]Jürgen Kaube: Oh ihr Rennpferde, fresst einfach mehr Phrasenhafer!. In: FAZ, 29.04.2013, S. 28.

[3]Andreas Helmke: Von der Hattie-Studie zu Handlungsstrategien für den Unterrichtsalltag. Vortrag. Msc. unpubl., 2014.

Kommentare

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„Es ist die pädagogische Kernaufgabe, Schülerinnen und Schüler gesellschaftsfähig zu machen“.
Diese unbestrittene Kernaufgabe kann das Schulsystem zunehmend weniger umsetzen. Beispiel: Illettrismus: 15-20% der Schulabgänger/innen können nur ungenügend Lesen und Schreiben nach 11 Jahren Volksschule. Eine Grundvoraussetzung für die Wahrnehmung politischer Rechte und Pflichten in der direkten Demokratie. Seit vielen Jahren fehlen die notwendigen personellen und finanziellen Mittel, überfällige Korrekturen in die Wege zu leiten. Da helfen auch zahlreiche kostspielige vom Bund initiierte Kampagnen nicht weiter. Die Mehrheit der Betroffenen verweigert jegliche Bereitschaft, die sprachlichen Schwierigkeiten als Erwachsene anzugehen. Zu tief sitzen erfahrene Beschämungen und psychische Verletzungen. Berichte Betroffener können unter www.boggsen.ch angehört werden.

Sehr geehrter Herr Bosshart

Vielen Dank für Ihre Kolumne. Ich teile Ihre Skepsis gegenüber "Heilsbringern", deren Beiträge zwar oft öffentlichkeitswirksam sind, aber nicht hilfreich für die konkrete Weiterentwicklung der Schule und des Unterrichts.

Erlauben Sie mir jedoch eine formale Berichtigung: Die Zitate, die Sie dem "renommierten deutschen Bildungswissenschaftler Andreas Helmke" zuschreiben, stammen nicht von ihm. Vielmehr zitiert Helmke in dem von Ihnen als Quelle angegeben Vortrag aus einem Artikel von Martin Spiewak ("Die Stunde der Propheten", Die Zeit N°36, 29.08.2013, www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren).

Auf diesen Artikel, der eine ähnliche Stossrichtung verfolgt wie Ihr Beitrag, hat übrigens Maike Plath, Autorin, Theaterpädagogin und Lehrerin seinerzeit eine ebenso engagierte Replik verfasst(www.maikeplath.de/blog/replik-auf-die-stunde-der-propheten).

Freundliche Grüsse
Xavier Monn
Amt für Volksschule Thurgau, Fachbereich Schulentwicklung

Sehr geehrter Herr Bossard, vielen Dank wieder einmal für Ihre luziden Zwischenrufe und Einordnungen! In der heutigen schweizerischen Schule passiert de facto schon enorm viel in der 'richtigen Richtung', getragen von engagierten Lehrkräften - die auch ohne die so gut klingenden, nebulösen und abgehobenen (Schein-)Konzepte täglich Aussergewöhnliches leisten (oft auch ohne genügende Unterstützung durch ihre Dienstherren).

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