Der neue Tempel am Heimplatz

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Der neue Tempel am Heimplatz

Von Fabrizio Brentini, 25.04.2021

Der gewaltige Erweiterungsbau von David Chipperfield wird nun für vier Wochen dem Publikum zugänglich gemacht. Bis 24. Mai 2021 hat man die Gelegenheit, das (fast) leere Innere zu erkunden.

Die Planung für einen zusätzlichen Bau des Kunsthauses Zürich begann kurz nach der Jahrtausendwende. Nachdem der Bauplatz gesichert werden konnte, lud man weltweit Architekturbüros zum Wettbewerb ein. Aus 214 Eingaben aus 22 Ländern wählte ein zwanzigköpfiges Preisgericht zwanzig Teams aus, aus denen am 7. November 2008 das Büro des englischen Architekten David Chipperfield als Sieger hervorging. Erst 2016 konnte der Grundstein gelegt werden. Vollendet wurde der Bau schon im vergangenen Dezember, aber wegen der Coronakrise musste man bis jetzt warten, bis die Tore geöffnet werden konnten.

Scharf gespielter Pass

Es sei geraten, auch wenn hierfür ein Umweg in Kauf genommen werden muss, sich dem Neubau des Kunsthauses vom würdigen ehemaligen Hauptbau der Kantonsschule Rämibühl in Richtung Heimplatz zu nähern. Da, wo früher verstreut Pavillons und Turnhallen dem Betrieb des Gymnasiums dienten, erhebt sich der Erweiterungsbau, der – weil in den Hang vertieft – auf dieser Seite nicht monumental wirkt. Dazwischen wurde ein Garten für künftige Skulpturenausstellungen angelegt. Das Gegenüber dieser beiden Blöcke mit der Grünzone dazwischen lässt an die beiden Schlösser des Belvedere in Wien denken.

Zum gewaltigen Monument wird das Gebäude erst am Heimplatz, und es scheint, als ob Chipperfield der Stadt Zürich einen Ball zugespielt hätte, der für die Akteure künftiger Planungen etwas allzu hart getreten wurde. Ansatzweise definierte nämlich schon der Moserbau mit dem vorgezogenen Bührleflügel einen Platz, der zum Flanieren gedacht ist. Doch die Verkehrsachsen lassen nicht wirklich die Stimmung einer italienischen Piazza aufkommen. Die alles dominierende Fassade der Erweiterung schreit geradezu nach einer Befreiung des gesamten Platzes vom Verkehr. Wie aber dieser umgeleitet werden sollte, ist schlicht nicht vorstellbar. Aber wer weiss, vielleicht findet jemand das Ei des Kolumbus. Zu wünschen wäre dies allemal. 

Anleihen bei antiken Tempeln

Im Grunde ist der Block denkbar einfach gestaltet, ein Körper über quadratischem Grundriss mit einer Seitenlänge von 60 m und einer maximalen Höhe von rund 20 m. Was ihn im Äussern auszeichnet, ist die filigrane Lisenenstruktur, die nur an wenigen Stellen fehlt. Selbst die unregelmässig angeordneten und verschieden dimensionierten Fensteröffnungen werden durch diese vertikalen Stäbe überlagert. Subtil antwortet dieses Muster auf die Betonrippen des Bührletraktes. 

Für die Verkleidung wählte Chipperfield einen Jurakalk, womit eine Verbindung zum Moserbau geschaffen wird, der ebenfalls mit einem Naturstein versehen ist. Chipperfields Affinität zum Klassizismus ist augenfällig und nicht nur in Zürich zu sehen. Die Museumsinsel in Berlin wurde 2018 durch ein neues Eingangsgebäude, die James-Simon-Galerie, ergänzt, deren Schauseite durch enggestellte Pfeiler über einem Sockel auf eine ähnliche Weise aufgelöst ist wie bei den griechischen Tempeln. Noch markanter fällt die Ähnlichkeit mit den antiken Tempeln beim 2006 vollendeten Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar auf. In der Schweiz realisierte Chipperfield auf dem Novartis-Campus 2010 ein Laborgebäude, das mit dem grobmaschigen Fassadengitter an einen klassizistischen Palazzo erinnert.
 
Verschwenderischer Leerraum

Die Verbindung vom Mutterbau zur Erweiterung ist mit einem unterirdischen, nüchternen Gang hergestellt. Steigt man aus dieser Gruft hoch, befindet man sich in der zentralen Halle, die fast einen Viertel der Grundfläche in Anspruch nimmt und bis zur Decke reicht. Es ist ein geradezu verschwenderischer Leerraum, der allen unentgeltlich zugänglich sein soll. 

Dass man hierbei an die Tate Modern in London denkt, ist nicht zufällig, sondern beabsichtigt. Im Erdgeschoss sind ein grosser Festsaal, Verwaltungszimmer, Nasszellen, ein Shop und eine Bar untergebracht. Über die, fast die gesamte Breite der Halle einnehmende, Treppe erreicht man die auf zwei Geschossen angelegten Ausstellungssäle, die dafür sorgen, dass das Kunsthaus Zürich nun mit einer Ausstellungsfläche von 11’500 Quadratmetern zum grössten Kunstmuseum der Schweiz wird. Insgesamt ist es ein ausgesprochen diszipliniertes Gebilde mit unspektakulären Werkstoffen wie Beton, Holz, Messing und Marmor. Hier wird nicht am Museum der Zukunft herumexperimentiert, sondern am Bewährten festgehalten. 
 
Der Bau im Buch

Bauten von der Bedeutung der Chipperfield-Erweiterung werden üblicherweise in Architektur-Publikationen sorgfältig dokumentiert. Man hätte zur Eröffnung eine gediegene, grossformatige Monografie erwartet. Doch stattdessen begnügt sich die Zürcher Kunstgesellschaft mit einer schmalen Schrift, für die verschiedene Beteiligte – Kuratoren, Politikerinnen, Angestellte, Vertreter der Wirtschaft, Bauarbeiter und Handwerkerinnen – kurze Statements verfasst haben. Man wollte offensichtlich nicht protzen, sondern die Arbeit mit einem bescheidenen Dokument festhalten. Doch gestalterisch hat man hier das eigentlich zu erwartende Niveau klar verfehlt.
 
Die zweite Schrift liegt schon seit einiger Zeit vor. Benedikt Loderer, der frühere Chefredaktor von «Hochparterre», rollt auf lediglich 80 Seiten die Geschichte des Kunsthauses auf, insbesondere die Entwicklung von der Eröffnung des 1910 entworfenen Urbaus von Karl Moser bis zum Chipperfield-Monument 110 Jahre später. Da ist kein Satz zu viel und keiner zu wenig. Ein Meisterwerk, das bestehen bleibt, sollte man später doch noch auf die Idee kommen, etwas Umfassenderes zur jüngsten Erweiterung herauszugeben. 
 
Grenzen des Wachstums

Das Kunsthaus Zürich wurde seit 1910 kontinuierlich ausgebaut. Karl Moser selber war 1925 für die erste Erweiterung zuständig. 1959 setzten die Gebrüder Pfister mit dem kargen, stützenlosen Bührletrakt einen Kontrapunkt zum Altbau. Erwin Müller fügte 1976 im rückwärtigen Bereich einen von aussen kaum auffallenden Anbau hinzu. Und nun die vierte Ergänzung! 

Ist damit das Ende der Fahnenstange erreicht? Kaum. Denn Kunst wird weiterhin produziert, vermutlich in einem ungleich grösseren Ausmass als bis anhin, und solange die Konzepte heutiger Kunstgesellschaften nicht geändert werden, wird auch in Zukunft gesammelt und gekauft, nicht zu sprechen von den Schenkungen, die zusätzlich zu verdauen sind. 

Man muss keine Prophetin sein um vorauszusagen, dass spätestens in einigen Jahrzehnten der nächste Platzmangel auftreten und zu weiteren Ausbauwünschen führen wird. Wo liegen «Die Grenzen des Wachstums» – der Club of Rome hat sie 1972 für die Weltwirtschaft ausgerufen – für die Kunstmuseen? Die Verantwortlichen der öffentlichen Kunsthäuser werden nicht darum herumkommen, diese Frage auch für ihr eigenes Tätigkeitsfeld zu beantworten. Alles andere wird schlicht nicht mehr finanzierbar sein.
 
Erwähnte Literatur: 
Benedikt Loderer: Die Baugeschichte des Kunsthaus Zürich 1910–2020, Zürich: Scheidegger&Spiess, 2020, CHF 19.00
Das neue Kunsthaus Zürich. Museum für Kunst und Publikum, Zürich: Scheidegger&Spiess, 2020, CHF 15.00
 
Fotos: Fabrizio Brentini

 

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