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Fotografie

Der nahe Sehnsuchtsort

22. März 2021
Stephan Wehowsky
© Silvia Schellenberg-Thaut, Sebastian Thaut, Steidl
© Silvia Schellenberg-Thaut, Sebastian Thaut, Steidl
Vielleicht wirkt ein Haus dann magisch, wenn es geradezu mit seiner Umgebung verschmilzt. Es ist durchlässig und schenkt zugleich Geborgenheit.

Der bei Steidl erschienene Band ist klein, aber mit seinen bestechend einfachen und eindringlichen Bildern nicht unscheinbar. Er handelt von einem Waldhaus in Brandenburg, aber es geht auch um die Frage, wie und wo wir uns innerlich finden.

In den Begleittexten schildert das Architektenpaar Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut, das ein eigenes Architekturbüro hat und bei Wettbewerben als Preisrichter gefragt ist, wie gerade dieses persönliche Projekt ihr professionelles Können mit inneren Wahrnehmungen und Wünschen in Verbindung gebracht hat. In ihren Begleittexten geben sie über ihre Gedankengänge Auskunft. Aber es fehlt auch nicht der Sinn für das Episodenhafte und Anekdotische des Lebens, wie er in der Schilderung des Geschichte des Ferienhauses durchscheint.

Die Fahrten mit dem Grossvater

Die ursprüngliche Ferien- und Wochenendkate, im Text meistens „Waldhaus“ genannt, gehörte den Grosseltern von Sebastian Taut. Der Grossvater bekleidete in der ehemaligen DDR in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, eine leitende Position in der Industrie. Die war mit Privilegien verbunden. Dazu gehörte, dass er einen Wartburg besass, mit dem sie in das Wochenendhaus bei Köris in Brandenburg, südlich von Berlin, fuhren. Diese Fahrten waren damals ein rechtes Abenteuer, ganz besonders für das Kind. Sebastian Thaut schildert, wie ständig an diesem Haus gehämmert und ausgebessert wurde und wie wichtig es jedes Mal war, dass der voluminöse Fernseher, den man mitgenommen hatte, angeschlossen und empfangsbereit gemacht wurde.

Dieses Waldhaus wurde an ihn vererbt. Aber es war in die Jahre gekommen und liess sich nicht mehr sanieren. Also wurde es abgerissen. Auf exakt derselben Grundfläche wurde das neue Haus geplant. Die Naturverbundenheit des Vorgängers sollte erhalten werden und sich mit modernen Vorstellungen verbinden. Das war für die beiden Architekten ein ebenso rationales wie emotionales Projekt. Schön ist die Schilderung von Silvia Schellenberg-Thaut, wie lange sie sich innerlich mit der Gestaltung der neuen Veranda auseinandergesetzt hat. Schliesslich gelang es ihr, Innen und Aussen so miteinander zu verschmelzen, wie sie es sich gewünscht hat und wie sie es nun seit zehn Jahren wieder und wieder geniessen kann.

Das Waldhaus ist trotz moderner Architektur einfach geblieben. Geheizt wird es mit einem einzigen Holzofen. Zwar gibt es, im Gegensatz zum Vorgänger, im Haus sanitäre Einrichtungen. Und die Schlafzimmer für Kind und Eltern sind abgetrennt. Aber es ist im guten Sinne des Wortes mehr eine „Behausung“ als ein Haus mit den üblichen Möbeln und Einrichtungen.

Viel wird darüber nachgedacht und geschrieben, dass unsere Gesellschaft wieder zu grösserer Einfachheit zurückfinden solle. Darunter kann man sich in der Regel wenig vorstellen, und attraktiv ist es schon gar nicht. Das Haus von Schellenberg-Thaut und die Bilder zeigen, wie Geborgenheit entsteht, wenn das Innen mit dem Aussen harmoniert.

Silvia Schellenberg-Thaut, Sebastian Thaut: Drinnen und Draussen, 88 Seiten, Steidl 2020, ca. 20 Euro

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