Der Journalist im Möbelhaus

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Der Journalist im Möbelhaus

Von Stephan Wehowsky, 17.03.2015

Ein Journalist macht sich selbst zu Thema. In seinem Leben ist etwas zerbrochen. Wie ist es, mit diesem Bruch zu leben?

Der Bruch, den Robert Kisch beschreibt, liegt in der Tatsache, dass er als ehemals erfolgreicher Journalist in seinem Beruf nicht mehr arbeiten kann. Er ist nicht mehr gefragt. Ein tiefer Sturz, denn er war eine Art Sonntagskind. Immer wieder betont Kirsch, dass er mit Preisen überhäuft wurde und sich nie hätte vorstellen können, jemals ohne Auftrag zu sein.

Krise der Medien

Ursprünglich hatte Robert Kisch als freier Autor gearbeitet, Reportagen für Printmedien und das Fernsehen geliefert, und er war wohl auch ein gerngesehener Gast in Talkshows. Er schwamm obenauf und hatte auch das Gefühl, darauf einen Anspruch zu haben.

Er heiratete, und als ein Kind unterwegs war, nahm er eine feste Stelle an. Denn seine Frau wünschte ein höheres Mass an Sicherheit. Allerdings ging das Magazin, für das er arbeitete, ein. Er trat eine neue Stelle an und erlebte dasselbe. Die Krise der Medien hatte ihn eingeholt.

Das Pseudonym

Sein Marktwert war dahin. Die Zeiten, in denen er problemlos seine Beiträge platzieren konnte, waren vorbei. Plötzlich hatte er finanzielle Probleme und musste sich nach einem neuen Job umsehen. So landete er als Verkäufer in einem Möbelhaus.

Die ganze Angelegenheit ist ihm so unerträglich peinlich, dass er dieses Buch nicht unter seinem wirklichen Namen schreibt. Und er nennt es, eigentümlich altmodisch, "Tatsachenroman". Das Pseudonym ist mit Hintersinn gewählt. Denn der Name Robert Kisch spielt auf den berühmten Journalisten Egon Erwin Kisch an. Der war eine legendäre Gestalt zur Zeit der Weimarer Republik und während des Zweiten Weltkriegs. Als „rasender Reporter“ prägte er Generationen von Journalisten. Allein an der Wahl dieses Pseudonyms erkennt man, wie der Autor sich eingeordnet sehen möchte.

Sozialer Abstieg

Das Leben als Verkäufer in einem Möbelhaus ist zunächst einmal ein katastrophaler sozialer Abstieg. Immer wieder beschreibt Kisch, wie er, der ehemals voller Bewunderung und auch Neid von Freunden, Nachbarn und Bekannten betrachtet wurde, jetzt entweder übersehen oder scheinheilig bedauert wird. Und am meisten schmerzt ihn, dass seine Frau ihn nur noch verachtet.

Wenn er doch nur genügend Geld verdienen würde! Seine Frau würde ihn dann zwar nicht bewundern, aber sie würde ihn abends nicht die unbezahlten Rechnungen unter die Nase halten. So muss er mit einer doppelten Schande leben: eine Arbeit auf der untersten Stufe der Prestigeskala und dazu noch eine miserable Entlohnung.

Positives Denken

Und das Leben im Möbelhaus ist die Hölle. Die Verkäufer haben keine festen Gehälter, sondern arbeiten auf Provisionsbasis. Das setzt sie unter einen ungeheuren Verkaufsdruck. Das ist von der Geschäftsleitung so gewollt, denn die will Umsatz, Umsatz, Umsatz. Allein das ist schon schlimm genug. Was das ganze noch steigert und vollends unerträglich macht, sind die so genannten Motivationsseminare.

In diesen Seminaren geht es darum, positives Denken zu lernen und zu verinnerlichen. Die Trainer, die dafür engagiert werden, bieten esoterische „Weisheiten“ auf unterstem Niveau. Es ist das absolut gedankenlose Gequatsche ungebildeter und kulturloser Menschen. Aber die Geschäftsleitung glaubt daran. Kisch wagt es ab und zu, kritische Fragen zu stellen, aber er lässt das bald bleiben. Denn damit zeigt er ja nur, dass er das positive Denken noch nicht verinnerlicht hat. Mit anderen Worten: Die Gehirnwäsche war bei ihm noch nicht wirksam genug.

Verlust der Selbstachung

Es sind luzide Beobachtungen, die Kisch in Bezug auf diese Motivationsseminare und den Psychoterror der Geschäftsleitung zusammenträgt. Das ganze funktioniert so, dass sich die Verkäufer untereinander mehr und mehr hassen. Systematisch ist ihnen die Selbstachtung ausgetrieben worden, und es geht nur noch darum, zu verkaufen. Unterwürfigkeit und Dauerlächeln sind die Mittel dazu. Und keiner gönnt dem anderen noch die Butter auf dem Brot.

Alles dreht sich um die Kunden, aber die sind eine Hölle für sich. Sie sehen in den Verkäufern nur Lakaien, die Ihnen in jeder Weise zu Diensten zu sein haben. Und in den so genannten Verkaufsgesprächen geht es nicht darum, einigermassen seriös über Beschaffenheit und Qualität der angebotenen Möbel zu sprechen, sondern nur um den Preis. Die grösste Katastrophe für einen Kunden besteht darin, etwas zu kaufen, was er woanders hätte billiger bekommen können. Immer wieder stürmen Kunden die Verkaufsräume und beklagen lauthals, dass das, was sie gestern gekauft haben, woanders billiger angeboten worden ist: Betrug!

Temperatursturz

Immer wieder versucht Kisch, diesem Elend zu entrinnen, indem er bei verschiedenen Medien journalistische Beiträge anbietet oder sich bewirbt. Bei einem Magazin läuft ein solches Gespräch sehr gut. Man ist bester Laune, hat ganz offensichtlich die gleiche Wellenlänge, und um alles gut abzuschliessen, geht man noch essen. Beiläufig fragt der Chefredakteur, was Kisch denn gerade so mache. Kisch erzählt natürlich nicht, dass er derzeit Verkäufer in einem Möbelhaus ist, sondern sagt, dass er frei arbeite. Schlagartig ändert sich die Stimmung. Ein Temperatursturz. Eisig verabschiedet man sich: Wir lassen von uns hören ...

Wenn es ihm noch einmal gelingt, einen Beitrag unterzubringen, wird der bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben. Und immer schwerer ist es, jemanden telefonisch zu erreichen. Mails werden sowieso nicht mehr beantwortet.

Das grosse Lamento

Am Ende stehen die Trennung von seiner Frau und eine erbärmliche Unterkunft. Und es kommt noch etwas dazu, das Kisch weder beschreibt, noch bemerkt. Aus seinem geschliffenen Stil, seinen luziden Beobachtungen am Anfang des Buches wird gegen Ende ein grosses Lamento. Die letzten Seiten seines Buches liest man nur noch quer, denn man hat nun ausführlich genug gehört, wie blöd die Kunden, wie falsch die Kollegen und wie engstirnig die Geschäftsleitung ist.

Am Ende wünscht man sich diesen Herrn Kirsch nicht als Sitznachbarn auf einem Langstreckenflug. Und das ist neben dem, was er beschreibt, das eigentlich Erschütternde: die Zerstörung eines Menschen durch den Sturz in ein falsches Umfeld.

Robert Kisch, Möbelhaus. Ein Tatsachenroman, Droemer Taschenbuch, München 2015, 316 Seiten

Kommentare

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Wohl genau der richtige Zeitpunkt dieses Buch zu besprechen. „Unser aller Abhängigkeiten!“ Krankenkassen, Mietzinsen, Gebühren aller Art treiben viele in die Nähe der totalen Unterwerfung. Das geht wohl Journalisten und Redaktoren nicht anders. „His Masters Voice“ ist wieder Trumpf. Schade aber man kann es auch verstehen, Überlebenskampf halt, Ausartung nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste..cathari

Es ist erschütternd, so herunterzukommen, wie der Herr Kisch. Seltsam ist nur, dass gerade Journalisten in der Mehrzahl sich wenig darum kümmern, wie die Arbeitsbedingungen mitsamt den Psychospielchen in vielen Betrieben sind. Viele Journalisten sind gegenüber ihren Chefredaktoren und Verlagen unterwürfig bis zur Selbstaufgabe geworden. Es wäre an der Zeit, die Arbeitswelt etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und anstatt Hofjournalismus zu betreiben, Fragen zu stellen. Es ist unsäglich wie fast alle Schreiberlinge vor diesem perversen Kapitalismus kuschen, in der Hoffnung, nicht selber zu den Verlierern zu gehören. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist allgegenwärtig und macht die Menschen krank. Davon spricht niemand. Insofern ist das Schicksal von Herrn Kisch gesellschaftsrelevant und dies in einem beängstigendem Ausmass.

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