Der Hunger als Kriegswaffe

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Der Hunger als Kriegswaffe

Von Arnold Hottinger, 17.10.2018

Was derzeit in Jemen abläuft, erinnert an den Dreissigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 in Europa. Hunger ist nach wie vor die „beste Waffe“. Besseres wurde offenbar nicht gelernt.

Die Kämpfe um die Hafenstadt Hodeida dauern ohne entscheidenden Erfolg gegen die angreifenden Pro-Hadi Kräfte an. Die Huthis halten sich in der Stadt. Trotzdem erreicht die Offensive gegen Hodeida, die von den Arabischen Emiraten angeführt wird, dennoch ihr eigentliches Ziel: die Isolierung und letzten Endes Aushungerung der von den Huthis beherrschten Teilen des Landes. Diese Teile haben die höchste Bevölkerungsdichte. Fast drei Viertel aller Jemeniten leben in ihnen. Weite Gebiete, die auf den Landkarten als unter der Herrschaft des von den Saudis unterstützten und in Riad lebenden Präsidenten Hadi stehend gekennzeichnet werden, sind Wüste.

Der Süden dominiert durch die VAE

Eine Ausnahme bildet der Süden des Landes. Dort regiert in der Theorie eine von Präsident Hadi eingesetzte Regierung. Einige ihrer Minister halten sich gelegentlich in Aden auf, der südlichen Hafenstadt, die Hadi offiziell als provisorische Hauptstadt dient. Doch in Aden und in den angrenzenden Südprovinzen haben die Arabischen Emirate mehr zu sagen als Hadi und seine Minister. Die VAE finanzieren und beherrschen den sogenannten „Security Belt“ (Sicherheitsgürtel), eine Miliz, die für die Sicherheit in Aden und den Südprovinzen zuständig ist.

Ausserdem gibt es im Süden eine starke und breit verankerte Unabhängigkeitsbewegung. Sie geht darauf aus, sich loszusagen sowohl von Hadi, der Sanaa zu erobern sucht, wie auch von den Huthis, die Sanaa beherrschen, um zu einem eigenen südjemenitischen Staat zurückzukehren, wie er vor 1990 bestand. Die VAE unterstützen diese Unabhängigkeitsbewegung unter der Hand. Sie dient den Emiraten dazu, die theoretisch bestehende Herrschaft Hadis in Südjemen schwach zu halten.

Die Währung zerfällt in beiden Landesteilen

Beide Teile des dicht bewohnten Jemens leiden unter Inflation. Sie geht zurück auf den Zusammenbruch des jemenitischen Rials, der Währung, in der jene Jemeniten bezahlt werden, die noch eine Arbeitsstelle besitzen. Der Rial hat seit Beginn der Bombardierungen unter saudischer Führung, Ende März 2015, die Hälfte seines Wertes verloren. Die Löhne, soweit sie überhaupt ausbezahlt werden, haben sich in ihrer Höhe nicht verändert. Die Kursverluste gehen zum Teil darauf zurück, dass beide Regierungen Geld druckten. Zum anderen Teil sind sie eine Reaktion auf die Stilllegung der jemenitischen Wirtschaft durch die Bombardierungen und durch Boykott und Kriegshandlungen zu Land und zur See.

Es gibt keinerlei Rationierung in Jemen. Die Läden sind voller Lebensmittel. Doch die grössten Teile der Bevölkerung haben kein Geld, um sie zu kaufen. Geld haben nur noch die Betreiber der Kriegswirtschaft und die Kämpfer auf beiden Seiten, deren Heere von diesen Kriegsgewinnern versorgt werden.

Geldentwertung bringt Teuerung

In beiden Teilen Jemens, Nord und Süd, hat es in den letzten Wochen heftige Demonstrationen gegeben. Die Bevölkerung protestierte gegen den Zerfall der Währung und die damit verbundene Teuerung. Die Proteste wurden niedergeschlagen durch den „Security Belt“ im Süden und durch die Huthi-Bewaffneten im Norden. Präsident Hadi hat ausserdem seinen Ministerpräsidenten entlassen und als Nachfolger Maeen Adel Malek Saeed eingesetzt, den bisherigen Minister für öffentliche Arbeiten. Die Begründung dafür war „Nachlässigkeit bei der Bekämpfung der Wirtschaftskrise“. Der bisherige Ministerpräsident, so hiess es, soll wegen seiner Nachlässigkeit zu Rechenschaft gezogen werden. Dass der neue PM, der sich meistens in Riad aufhält, etwas Besseres erreichen kann, ist allerdings unwahrscheinlich.

Die lebenswichtigen Importe nehmen ab

Zu dieser das ganze Land durch den Währungszerfall betreffenden Teuerung kommen im Norden und Westen, wo die Huthis herrschen und wo drei Viertel der Bevölkerung leben, die Folgen der Kämpfe um Hodeida hinzu. Sie bewirken, dass die Importgüter aus dem bisherigen Haupthafen Jemens nur noch spärlich nach Sanaa und in die von den Huthis gehaltenen Landesteile fliessen. Weizen war einer der wichtigsten Importe, für ein Land, das sich weitgehend von Brot ernährt.

An den beiden Strassen, die Hodeida mit Sanaa verbinden, finden Kämpfe statt, und sie stehen ausserdem unter dem Druck der saudischen Bombenangriffe.

Trinkwasser unerschwinglich

Die Benzinknappheit in Sanaa ist so kritisch geworden, dass der Brennstoff auf dem Bazar in Glasflaschen angeboten wird. Mit der Benzinknappheit hängt der Trinkwassermangel zusammen, weil das Trinkwasser in der Hauptstadt und in anderen Ansiedlungen auf dem Hochplateau aus tief liegenden Wasser tragenden Schichten hochgepumpt werden muss. Das Trinkwasser muss man bezahlen. Ein Grossteil der Jemeniten vermag dies nicht und trinkt daher verschmutztes Wasser, das sie an der Oberfläche vorfinden. Die zu befürchtenden Folgen sind ein Wiederaufleben der Cholera-Epidemie, die im vergangenen Jahr zu über einer Million Erkrankungen und zu mehr als 2’600 Todesfällen geführt hatte.

Zusammenbruch der medizinischen Versorgung

Nur etwa 45 Prozent der einst in Jemen wirkenden Kliniken sind noch in Betrieb. In denen, die noch nicht bombardiert worden sind oder aus Personalmangel schliessen mussten, weil das Personal nicht bezahlt wurde, fehlen die Medikamente und oftmals auch der elektrische Strom. Die Patienten werden aufgefordert, sich die notwendigen Medikamente selbst zu beschaffen. Auch dies ist in vielen Fällen eine Frage des Geldes, – das den meisten Jemeniten fehlt.

Die Klassifizierung der Uno lautet: Von den 29,3 Millionen Jemeniten sind gegen 21 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen, darunter so gut wie alle Kinder. Mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung, 8,4 Millionen, stehen unmittelbar vor der Aushungerung („starvation“).

Hauptleidtragende sind die Kinder

Die meisten Schulen in den dicht bewohnten Teilen Jemens sind wegen der seit Monaten nicht ausbezahlten Gehälter der Lehrer geschlossen. Auch andere Einrichtungen haben ihren Dienst vollständig aufgegeben. Denn die Angst vor Bombardierungen sowie die Einquartierung von Flüchtlingen aus anderen Landesteilen, dazu Kombattanten mit ihren Waffen, lähmen alles. Es geht nur noch um den Versuch, sich den Bombardierungen zu entziehen.Beide Seiten haben in ihrem Bürgerkrieg Kinder als Söldner angeworben und eingesetzt.

Grosse Teile der Kleinkinder und Kinder sind unterernährt mit bleibenden Folgen für ihr Wachstum und ihre physische Entwicklung, falls sie überleben.

Katastrophe „völlig durch Menschenhand“

„Wir sind im Begriff, den Kampf gegen Hungersnot zu verlieren“, erklärte schon im September der Untersekretär für humanitäre Angelegenheiten der Uno, Mark Lowcock. „Wir sehen schon heute Regionen von Aushungerung, wo die Menschen Blätter essen, weil sie keine andere Nahrung finden.“ Der Vorsitzende des norwegischen Hilfswerks für Flüchtlinge (Norwegian Refugee Council), das in Jemen sehr aktiv ist, Jan Egeland, hob hervor, dass die jemenitische Hungerkatastrophe die erste von allen sei, die nicht auf Naturkatastrophen zurückgehe, sondern „völlig durch Menschenhand“ herbeigeführt werde. „So, wie der Krieg geführt wird“, sagte er, „hat er das Ziel, die Zivilbevölkerung systematisch abzuwürgen, indem er immer weniger Nahrung für sie zugänglich und erschwinglich macht. Alle Konfliktparteien haben Blut an den Händen, und sie drohen zur Zeit eine Hungersnot auszulösen, die Millionen treffen wird.“

Aushungern von Millionen

Natürlich hat es auch in der Vergangenheit Belagerungen von Städten und Festungen gegeben, bei denen der Versuch, die Verteidiger auszuhungern, eine entscheidende Rolle gespielt hat. Doch um ein ganzes Land von 29,3 Millionen flächendeckend in Hungersnot zu stürzen, braucht es die Zustände und Lebensbedingungen der modernen Zeit. Dazu gehören: Abhängigkeit einer ganzen Nation von Lebensmittel- und Brennstoff-Importen einerseits und auf der Gegenseite moderne Waffen, die es vermögen, die landwirtschaftliche Produktion und das Transportwesen einer ganzen Nation dermassen zu schädigen, dass die Überlebenschancen der Mehrheit der Bevölkerung schrittweise auf den Nullpunkt reduzeirt werden.

Die Kämpfer – am wenigsten bedroht

Die kommende Hungersnot betrifft in erster Linie die Kleinkinder und ihre Mütter. Die Kämpfer auf beiden Seiten wird sie als Letzte erreichen. Sie verfügen über die Gewaltmittel, die es ihnen erlauben, die knappen Gelder und Lebensmittelbestände an sich zu reissen, und sie rechtfertigen dies mit der Behauptung, dass sie und die Ihrigen den Krieg gewinnen müssten, koste es, was es wolle.

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Dass solche grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21. Jahrhundert noch immer möglich sind und international nichts dagegen unternommen wird und auch diese Kriegshandlungen wie alle seit Beendigung des kalten Krieges und seit 9/11, von Beginn weg und entgegen besserem Wissen und Gewissen nicht verhindert werden, zeigt, dass die Menschheit, respektive die verantwortlichen Mächtigen; Bankers, Militärs, Strategen, Politiker und Industrielle und all ihre Vereine, Organisationen und Think Tanks, seit den Nürnberger Prozessen nichts dazu lernen wollen. Sie müssen nun endlich gestoppt und zur Rechenschaft gezogen werden! Sofort! Es kann ja heutzutage niemand mehr behaupten, man wisse nicht, wer genau hinter alle dem stecke und man könne die nicht erreichen! Es muss endlich Gerechtigkeit geschaffen werden, und die internationale Justiz und Strafverfolgungsbehörden sollen ihre verdammte Arbeit aufnehmen!

Die Saudis können in Jemen mit Seeblokade und mit Bomben unbehelligt die ganze Bevökerung auslöschen. Die westlichen Demokraten und Experten für Menschenrechte schweigen dazu, Einhalung der Menschenrechte und Pressefreiheit in Russland und in der Türkei sind ihnen offensichtlich viel wichtiger.

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