Der Fluch des bösen Zitats

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Der Fluch des bösen Zitats

Von Ignaz Staub, 02.08.2017

Eine obszöne Tirade aus dem Weissen Haus wirft die Frage auf, wie wörtlich Medien Mächtige zitieren dürfen oder sollen. Antwort aus Sicht öffentlichen Interesses: uneingeschränkt.

Öffentlich gibt sich Amerika gerne prüde bis überprüde. Was hinter verschlossenen Türen passiert, ist eine andere Sache – gemäss dem Slogan, mit dem sich die berühmteste Spielerstadt des Landes seit 2003 ihren Besuchern anpreist: „What happens in Vegas stays in Vegas“ – Was in Las Vegas geschieht, bleibt in Vegas.

Tiraden des gewesenen Kommunikationsdirektors

Nichts Neues also, dass nationale Medien züchtig errötet sind, als vergangene Woche der Inhalt eines Gesprächs zwischen Anthony Scaramucci, dem jüngst nach nur zehn Tagen im Amt gefeuerten Kommunikationsdirektor des Weissen Hauses, und Ryan Lizza, einem Reporter des Magazins „The New Yorker“, bekannt wurde (siehe auch: https://www.journal21.ch/erstes-halbjahr-praesident-trump-auf-schleuderkurs). In einem Telefongespräch zog Donald Trumps Ex-Adlatus mit obszönen Worten über Regierungskollegen her und war sich offenbar des Umstands nicht bewusst, dass er dessen Inhalt als „off the record“, als nicht für öffentlichen Gebrauch bestimmt, hätte deklarieren müssen. So aber sah der Mitarbeiter des Magazins keinen Grund, die Unterhaltung mit dem Mitarbeiter des Weissen Hauses zu zensieren oder zu paraphrasieren.

Den Stabschef Reince Priebus nannte Anthony Scaramucci „einen verdammten paranoiden Schizophrenen“, während er über sich selbst sagte, er versuche nicht wie Berater Steve Bannon, seinen eigenen Schwanz zu lutschen. Er werde, drohte er, „alle Leaker, verfickt nochmal, killen, um die Agenda des Präsidenten erneut in Fahrt zu bringen“.

Im Nachhinein entschuldigte sich der Kommunkationsdirektor, der nun auf Verlangen von John Kelly, dem neuen Stabschef im Weissen Haus, entlassen worden ist. Er bediene sich gelegentlich halt einer „bunten Sprache“, meinte Scaramucci. „The Mooch“, wie New Yorker Freunde den Italo-Amerikaner und früheren Manager eines Hedge-Funds nennen, habe sich anscheinend statt im Weissen Haus in einem Mafia-Film gewähnt, meinten Kommentatoren.

Scaramucci wörtlich zitieren oder nicht?

Interessant nun, wie Amerikas Medien über die Schimpftirade aus dem Weissen Haus berichteten, die der „New Yorker“ auf seiner Website publiziert hat. Die „New York Times“, nach lebhafter interner Diskussion, sowie die „Washington Post“ zitierten Scaramucci wörtlich, wobei die „Post“ darauf verzichtete, den unverblümten Hinweis auf Steve Bannons angebliche Praxis der Selbstbefriedigung zu erwähnen. Die Nachrichtenagentur AP, deren Regeln das Zitieren obszöner, rassistischer oder beleidigender Äusserungen verbieten, umschrieb den Zornesausbruch des Kommunikationsdirektors, wie dies auch die „Los Angeles Times“ tat.

Auch Nachrichtensprecher und Kommentatoren des Fernsehens nahmen fast ohne Ausnahme zu Umschreibungen oder zum Ausblenden anstössiger Wörter Zuflucht und setzten auf ihren Webseiten Sternchen, um bestimmte Aussagen vielsagend zu entschärfen. Rachel Maddow, Moderatorin des liberalen Kabelsenders MSNBC, witzelte bezüglich Steve Bannon, Anthony Scaramucci habe vorgeschlagen, Trumps konservativer Berater solle einen zwar anatomisch schwierigen, aber nicht unmöglichen Akt vollziehen, der vermuten liesse, dass er mehr daran interessiert sei, sich selbst als dem Präsidenten zu dienen.

Verbotenes Fluchen ...

Scaramuccis Tirade erinnert von fern an den „Fall des fluchenden Kanuten“, der sich 1998 im Bundesstaat Michigan zutrug. Nichts Böses ahnend paddelte der damals 28-jährige Timothy Boomer den Rifle River hinunter, als er plötzlich aus dem Boot ins Wasser fiel, was ihm eine Reihe wüstester Flüche entlockte. So weit so gut, wäre nicht hinter der nächsten Biegung des Flusses eine Mutter mit zwei minderjährigen Kindern auch im Kanu unterwegs gewesen. Sie musste gemäss Polizeibericht die 75 Schimpfwörter mitanhören und ihren beiden Sprösslingen die Ohren zuhalten.

Jedenfalls klagte die erzürnte Mutter aufgrund eines 105-jährigen Gesetzes, das in Michigan den Gebrauch „unanständiger, amoralischer, obszöner, vulgärer oder beleidigender Sprache in Gegenwart oder Hörweite von Frauen und Kindern“ untersagt. Ein Gericht verurteilte Timothy Boomer in einem aufsehenerregenden Prozess zu einer Strafe von 75 Dollar und zu vier Tagen Dienst an der Allgemeinheit. Zuvor hatte das Tribunal gar noch eine Gefängnisstrafe für den „cussing canoeist“ erwogen.

... oder doch eher Redefreiheit?

Doch der verurteilte Kanute ging in Revision und bekam drei Jahr später von der Berufungsinstanz Recht – aufgrund des ersten Zusatzes der amerikanischen Verfassung, der die Rede-, Presse-, Religions- und Versammlungsfreiheit garantiert. Auch war es der Erstinstanz nicht gelungen, die angeblich 75 Flüche des Angeklagten zweifelsfrei zu beweisen. Auch weigerte sich Timothy Boomer standhaft, seine Schimpftirade vor Gericht zu wiederholen.

Anthony Scaramucci droht seitens des Gesetzes also keine Gefahr. Auch seitens des Präsidenten schien das nicht der Fall zu sein, eines Politikers, den der 53-jährige „self-made man“ laut eigenem Bekunden liebt wie keinen zweiten, obwohl er ihn im Wahlkampf noch als verwöhntes Herrensöhnchen bezeichnet hatte. Doch mit Donald Trumps Loyalität und der Liebe ist es so eine Sache: Nur zwei Wochen, bevor sie ihm einen zweiten Sohn gebar, hat Scaramuccis Frau Deirdre am 6. Juli in Nassau County (New York) die Scheidung eingereicht.

Dem Vernehmen nach einer der Trennungsgründe: die Obsession ihres Gatten mit Donald Trump und sein unstillbarer Ehrgeiz, sich um jeden Preis einen Job im Weissen Haus zu ergattern. Den er nun nach kurzer Zeit im Amt schon wieder los ist. Respekt verloren, Job verloren, Familie verloren: Es ist ein hoher Preis selbst für „The Mooch“, der ein Vermögen von 85 Millionen Dollar versteuert.

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