Der Blaue Reiter in Basel

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Der Blaue Reiter in Basel

Von Urs Meier, 05.09.2016

Die Maler Kandinsky und Marc gaben 1912 den Almanach „Der Blaue Reiter“ heraus. Er hat die Kunst revolutioniert.

Die Fondation Beyeler ist ein Museum mit klarem Programm. Vorgezeichnet hatte es der 2010 verstorbene Kunsthändler und Sammler Ernst Beyeler mit einer bedeutenden Sammlung europäisch-amerikanischer Werke der vergangenen hundert Jahre sowie einem beziehungsreich kontrastierenden Ensemble von Skulpturen aus Afrika und Ozeanien. Im Sinne seines Stifters widmet sich das Haus in Riehen bei Basel dem Geist der Moderne, wie er sich in der bildenden Kunst zeigt.

Mit einer Kette grosser Ausstellungen ist die Fondation Beyeler daran, diesen Geist zu dokumentieren, zu erforschen und zu vermitteln. Pierre Bonnard (2012), Edgar Degas (2012/13), Ferdinand Hodler (2013), Max Ernst (2013), Gustave Courbet (2014/15) und die Doppelausstellung 0,10/Black Sun (2015/16) sind nur einige der Kettenglieder, an die sich die Ausstellung „Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter“ jetzt folgerichtig anschliesst.

Fanal des Aufbruchs

Den Blauen Reiter kreierten die Freunde Wassily Kandinsky und Franz Marc ursprünglich nicht als eine Vereinigung gleichgesinnter Malerinnen und Maler, sondern als ein programmatisches Buch über Kunst, das erstmals im Mai 1912 erschien. Der poetisch freischwebende Titel war am Kaffeetisch im Hause Marc leichthin ins Gespräch geworfen worden. Später avancierte der Name „Der Blaue Reiter“ zu einem Top-Brand der neueren Kunstgeschichte. Und das nicht ohne Grund.

Kandinsky und Marc hatten mit ihrem aus Bildern und Texten collagierten Manifest in der Tat nichts Geringeres im Sinn als die Revolutionierung der Kunst. Wie sehr dieser Aufbruch die Malerei des noch jungen Jahrhunderts prägen würde, hätten die Urheber vermutlich kaum zu träumen gewagt. Der Kurator Ulf Küster meinte denn auch, die Ausstellung in der Fondation Beyeler erzähle eigentlich nichts anderes als die Geschichte dieses Buches.

Wassily Kandinsky und Franz Marc (Hrsg.): Almanach Der Blaue Reiter, München, 1914, 29,5 x 23 x 2,5 cm, Ahlers Collection, © Thomas Ganzenmüller, Hannover
Wassily Kandinsky und Franz Marc (Hrsg.): Almanach Der Blaue Reiter, München, 1914, 29,5 x 23 x 2,5 cm, Ahlers Collection, © Thomas Ganzenmüller, Hannover

Von einem klaren Programm für eine neue Malerei war „Der Blaue Reiter“ allerdings weit entfernt. Interessant ist das Buch aus heutiger Sicht durch seine kühne Behandlung des Bildmaterials. Kandinsky und Marc „lasen“ Werke und Kunstgegenstände aus vielen Jahrhunderten und Weltregionen völlig unabhängig von deren ursprünglichen Aussagen, Intentionen und Verwendungen. In der Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Artefakte entdeckten sie verwandte visuelle Strukturen, Rituale und Dynamiken. Mit diesem gewissermassen naturwissenschaftlich anmutenden Verfahren gelangten sie zu einer Elementarisierung des Bildlichen. Im Grunde betrieben sie eine Dekonstruktion avant la lettre, ohne schon absehen zu können, wohin solche Sichtweisen ihr eigenes Kunstschaffen führen würden.

Avantgarden des Bildverständnisses

Mit ihrer unkonventionellen Haltung zu überlieferten Bildbeständen standen sie zu ihrer Zeit nicht völlig allein. Etwa ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Blauen Reiters hatte der Hamburger Kunstwissenschafter Aby Warburg begonnen, umfangreiche Materialien für seine neuartige epochen- und kulturübergreifende Ikonografie der Antike zu sammeln und zu katalogisieren. Warburg stellte das gewaltige Projekt unter den Begriff Mnemosyne (griechisch für Erinnerung). Es suchte nach einer universellen Sprache der Bilder und bewegte sich auf ähnlich abstrakten Deutungsschienen wie Kandinskys und Marcs Kunstmanifest.

Warburg, der kein konsolidiertes Werk hinterlassen hat, wurde im Nachhinein zum geheimnisumwitterten Avantgardisten, in dem manche moderne geisteswissenschaftliche Strömungen einen Vorläufer zu sehen meinen. So finden Warburgs Denkansätze in Bild- und Medientheorien des iconic turn heute lebhaftes Interesse. Zu direktem Kontakt zwischen dem Hamburger Gelehrten und den in München angesiedelten Künstlern des Blauen Reiters scheint es nie gekommen zu sein. Immerhin aber besass Warburg ein Bild von Marc.

Der Blaue Reiter als Künstlergruppe

Der Blaue Reiter blieb nicht nur Manifest, sondern gab zwei Münchener Ausstellungen und der Künstlergruppe um Kandinsky und Marc den Namen. Bedeutende Malerinnen und Maler gehörten ihr an, so neben den beiden Initianten die mit Kandinsky in wilder Ehe zusammenlebende Gabriele Münter sowie das ebenfalls unverheiratete Paar Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky. Wenig später schloss sich August Macke der losen Gruppierung an. Er kam bereits 1914 als Soldat um; 1916 fiel auch Marc im grossen Krieg.

Gabriele Münter: Mitglieder des Blauen Reiters in München (von links: Maria und Franz Marc, Bernhard Koehler, Heinrich Campendonk, Thomas von Hartmann, vorn sitzend Wassily Kandinsky), 1911/12, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, © 2016, ProLitteris, Zürich
Gabriele Münter: Mitglieder des Blauen Reiters in München (von links: Maria und Franz Marc, Bernhard Koehler, Heinrich Campendonk, Thomas von Hartmann, vorn sitzend Wassily Kandinsky), 1911/12, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, © 2016, ProLitteris, Zürich

Die Werke dieser Malergruppe werden dem Expressionismus zugerechnet. Merkmale dieses Stils finden sich bei allen Vertreterinnen und Vertretern des Blauen Reiters: starke reine flächige Farben, Überschreitungen des Figürlichen zur Abstraktion hin, freie Organisation des Bildraums, nicht-naturalistische Farbgebung und eine von heftiger Bewegung geprägte Malweise. Was die Gruppe aus dem verzweigten Strom des Expressionismus heraushebt, ist der bei ihren Mitgliedern unterschiedlich ausgeprägte, aber sie doch verbindende Zug in Richtung Abstraktion.

Gabriele Münter schrieb 1908 in ihr Tagebuch, als sie gemeinsam mit Kandinsky, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky sich zum Malen im Freien im oberbayerischen Murnau aufhielt: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen grossen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhalts, zum Abstrahieren – zum Geben eines Extraktes.“

Esoterische Umwege zur Abstraktion

Kandinsky war nicht nur der Berühmteste und kunsthistorisch Bedeutendste der Gruppe, sondern auch derjenige mit dem deutlichsten theoretischen Interesse. In seinen Schriften zeigt sich der Einfluss der Theosophie, einer esoterischen Lehre, in der mystische und pantheistische Elemente quer durch die Religions- und Geistesgeschichte vermengt sind. Entsprechend abgehoben liest sich heute manches, was er zur Kunst geschrieben hat.

Um die Jahrhundertwende waren nicht wenige Künstler solchen Ideen zugänglich. Synkretistische und parareligiöse Strömungen wie Theosophie oder Anthroposophie befriedigten die Sehnsucht nach „Geistigem“ in einer Welt von Technik, Industrie und wuchernden Metropolen. Obschon im Kern antirational und vielfach mit autoritären Binnenstrukturen operierend, erschienen solche Weltanschauungen manchen suchenden Zeitgenossen als „modern“; dies wohl vor allem, weil diese esoterischen Lehren sich in elitärer Weise sowohl von der herkömmlichen Religion als auch vom materialistischen Zeitgeist abgrenzten.

Nicht wegen, sondern trotz seiner Nähe zu solch synthetischer Spiritualität wurde Kandinsky zum wichtigsten Begründer der abstrakten Malerei. Seine theosophischen Interessen lagen zwar auf der Linie einer generellen Suche nach freiem, die Gattungen und Konventionen überwindenden Ausdruck. Mit dem epochalen Durchbruch zur Abstraktion hatten sie jedoch kaum zu tun.

Kandinskys Durchbruch

Befreundet mit Arnold Schönberg, erkannte Kandinsky in dessen Musik den mit seinen eigenen Intentionen verwandten Ansatz einer ganz anderen Kunst. Die Neue Wiener Schule, zu der neben Schönberg auch Anton Webern und Alban Berg zählen, hatte sich von der Dur-Moll-Harmonik verabschiedet und atonale Kompositionsverfahren entwickelt. Ähnlich Kandinskys neues Verständnis von Kunst. Er verfolgte die Idee, die Grundelemente der Malerei – Linie, Fläche, Farbe – abzulösen von ihren der Naturimitation dienenden Funktionen und sie „rein“ zur Geltung zu bringen.

Als erstes in dieser Weise gemaltes Bild zeigt die Fondation Beyeler Kandinskys „Improvisation 7“ von 1910. Das farblich und gestisch eruptive Gemälde ist beredtes Zeugnis einer ungeheuren Befreiung. Auf der querformatigen Leinwand (131 x 97 cm) dominiert der Schwung von links unten nach rechts oben in einer Sinfonie der aus Rot, Gelb und Blau gebildeten und fast durchwegs in spektraler Reinheit gehaltenen Farbtöne. Wilder Pinselstrich spiegelt die Erregung des Künstlers, der hier zu den konstitutiven Elementen der Malerei durchbrach.

Er nannte seine Bilder nun „Improvisation“ oder „Komposition“ und unterschied sie mit Nummern, ähnlich den Opus-Ziffern in der Musik. Kandinsky war ein Synästhetiker; für ihn waren visuelle und musikalische Eindrücke miteinander verbunden (Synästhesie bezeichnet das integrierte Wahrnehmen jeweils unterschiedlicher Gruppen von Sinnes- und Gefühlseindrücken). Diese besondere persönliche Konstitution prädestinierte ihn zum Pionier der Abstraktion, ist aber weder Bedingung zur Schaffung noch zum Begreifen abstrakter Werke.

Wassily Kandinsky: Komposition VII, 1913, Öl auf Leinwand, 200 x 300 cm, Staatliche Tretjakow-Galerie Moskau, © Galerie nationale Tretiakov
Wassily Kandinsky: Komposition VII, 1913, Öl auf Leinwand, 200 x 300 cm, Staatliche Tretjakow-Galerie Moskau, © Galerie nationale Tretiakov

Die Bilder der Gruppe Blauer Reiter sind in der Mehrzahl nicht rein abstrakt. Ausser Kandinsky sind eigentlich alle – Marc, Jawlensky, Werefkin, Münter, Macke – bei der figurativen Malerei geblieben. Ihre Werke zeigen aber Übergänge zur Abstraktion, namentlich durch verselbständigte Farben und Formen sowie freie Bildkomposition. Auch beim Vorreiter Kandinsky sind die Übergänge bei den Werken zwischen 1908 und 1914 schön zu sehen. Die figurativen Anlehnungen an Landschaften, Gärten, Häuser treten zurück und verschwinden um 1910 schliesslich ganz.

Begegnung mit den Originalen

Die Ausstellung läuft unter dem Titel „Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter“, stellt also die beiden bekanntesten Namen voran. Die Fondation Beyeler, ohnehin das nach Besucherzahlen erfolgreichste Kunstmuseum der Schweiz, wird damit vielleicht die eigenen Besucherrekorde nochmals übertreffen. Wird hier Marketing mit grossen Namen um des minimalen Risikos und maximalen Profits willen betrieben?

Hämische Reaktionen dieser Art sind in der Kunstszene vorhersehbar. Doch sie sind nicht berechtigt. Es gehört zu den Aufgaben gerade der grossen Museen, die Begegnung mit Spitzenwerken der Kunst jeder Generation immer wieder zu ermöglichen. Obschon heute die ganze Kunstgeschichte reproduziert und in nie dagewesener Breite und Zugänglichkeit erschlossen ist, kann nichts die Begegnung mit den Originalen ersetzen.

Die ausgezeichnete Website des Museums und der sorgfältig gedruckte Katalog der Ausstellung liefern den Beweis: Hat man vor den Kandinskys, Marcs und Mackes gestanden und sich in die Bilder vertieft, so erscheinen die digitalen oder gedruckten Wiedergaben im Vergleich dazu als toter Abklatsch. Die Farben stimmen zwar fast, sind aber eben stets um entscheidende Nuancen verfälscht. Von den Formaten geben die Reproduktionen ohnehin keinen Eindruck. Den Farbauftrag, die Struktur der Farbflächen kann man im zweidimensionalen Abbild höchstens erahnen. Vor allem aber: Die reale Begegnung, das Vis-à-vis des Werks mit seiner Aura der Anwesenheit kann man nur vor dem Original erleben.

Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter, Fondation Beyeler, Riehen/ Basel, 4. September 2016 bis 22. Januar 2017

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