Der arme Herr Kaeser

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Der arme Herr Kaeser

Von Stephan Wehowsky, 15.01.2020

Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiss, sagte man früher in Bezug auf die Effizienz des ganzen Unternehmens. Aber heute scheitert der Chef an der Reputation.

Siemens ist arg in Bedrängnis geraten. Der Grund liegt in der Lieferung einiger Signalanlagen für eine australische Bahn. Das Projekt ist gemessen am Gesamtumsatz von Siemens eine Petitesse. Der Auftrag hat gerade mal eine Höhe von 19 Millionen Euro. Der Umsatz von Siemens erreichte 2018/2019 insgesamt 87 Milliarden Euro.

Der Zug in den Abgrund

Aber diese Bahn, für die Siemens die Steuerungstechnik liefert, führt in den Augen der Kritiker buchstäblich in den Abgrund. Denn sie ermöglicht den Abbau von Unmengen von Kohle in der berüchtigten Adani-Mine. Ohne diese Bahn könnten die Betreiber dort soviel Kohle baggern, wie sie sie wollen, doch blieben sie auf ihrer Kohle sitzen. Siemens öffnet das entscheidende Tor zum Export, insbesondere zur Verschiffung nach Indien.

Australien brennt. Die jahrelange Trockenheit hängt mit den Emissionen von Treibhausgasen zusammen, also auch mit der Kohleverfeuerung, was selbst in Australien inzwischen weitgehend Konsens ist. Brennende Kohle, brennende Wälder – ein eindrücklicher Zusammenhang. Man kann nicht behaupten, dass Herr Kaeser den nicht sähe.

Konkurrenz der Dringlichkeiten

Aber Herr Kaeser ist nicht in erster Linie Ökologe, sondern Firmenchef. Und aus dieser Perspektive hat er andere Prioritäten. Ihm muss es um den Erhalt seines Unternehmens gehen. Wenn er etwas nicht liefert, was er vertraglich zugesichert hat, riskiert er den Ruf seines Unternehmens. Neue Aufträge sind dann nur noch schwer zu bekommen. Wie will er das seinen Mitarbeitern und Aktionären eines Tages erklären?

Vielleicht sitzt er einer Illusion auf. Vielleicht spielt es in Anbetracht der ökologischen Apokalypse gar keine Rolle mehr, ob er sein Unternehmen mehr oder weniger erfolgreich durch die kommenden Jahre steuert. Aber selbst pessimistische Ökologen schicken noch ihre Kinder auf die Schule. So ganz ohne Zukunft geht es nicht.

Joe Kaeser verheddert sich in der Konkurrenz der Dringlichkeiten: der Rettung des Planeten und der Bewahrung seiner Firma. Dazu kann man anmerken, dass Siemens in den vergangenen 30 Jahren derartig viel Substanz verloren hat wie die Währung eines untergegangenen Staates. Man kann die überlebenden Reste dieses einst grossen Unternehmens nur bewundern. Aber diese Schwächung lenkt nur ab von dem Problem, das sehr viel kraftvoller angegangen werden müsste.

Kategorialer Fehler

Denn die Öko-Bewegung begeht einen fundamentalen Fehler. Sie meint, dass ihre Dringlichkeit der Rettung unseres Planeten alle anderen Regeln ausser Kraft setzt. Dazu gehören leider auch die Regeln des logischen Denkens. So ist es völlig berechtigt, auf die schädlichen Nebenwirkungen der bisherigen Energieerzeugung hinzuweisen – von den unkalkulierbaren Risiken der Kernenergie bis zu den Emissionen fossiler Brennstoffe. Aber das Abschalten allein genügt nicht. Woher soll die neue Energie kommen? Und wer berücksichtigt die Menschen, die ohne die zusätzlich benötigte Energie weiterhin ein prekäres Leben führen müssen?

Diese Fragen sind nicht beantwortet. Man kann auf ihre Beantwortung ebenso warten wie einst die Kommunisten auf den neuen Menschen – mit fatalen Konsequenzen. Wechsel auf die Zukunft lösen kein einziges Problem der Gegenwart, sondern schaffen zahllose neue.

Das Verhängnis

Joe Kaeser ist ganz gewiss kein charismatischer Mensch, er ist kein Robert Habeck der Grossindustrie. Aber in seinen Grenzen hat er recht. Es mag sein, dass Siemens ziemlich schlecht beraten war, in ein Projekt einzusteigen, das die Konkurrenten Alstom und Hitachi Rail vorher abgelehnt haben sollen.

Aber in diesem Fall ist der Zug buchstäblich abgefahren. Joe Kaeser müsste seine Kritiker fragen, ob sie wirklich der Meinung sind, dass geltende Regeln jederzeit gebrochen werden können oder müssen, wenn es in den Augen ihrer Anhänger um die Umwelt geht. Aber leider, und da ist er wirklich ein armer Kerl, geht es diesmal nur um Siemens. Denn er schafft es einfach nicht, darauf hinzuweisen, dass das Verhängnis nicht in der Kohle liegt, sondern in den vielen Menschen, die mit ihren Ansprüchen an ein lebenswertes Leben auf Energie angewiesen sind, wo immer die herkommt.

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Kommentare

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Ich habe gerade erst ein Buch von Maxton Graeme (Mitglied des Club of Rome) gelesen und dort erfahren, wie schädlich der Abbau von Kohle ist.
Es ist ein deprimierendes Buch. Wenn nicht radikal vieles geändert wird, sind wir dem Untergang geweiht. D.h. wenn nicht die reichen Länder den armen unter die Arme greifen, wird es uns schlecht gehen. Und wenn wir nicht die Priorität des Staates wieder zu unser eigen machen. dann ist das schlecht. Aber der Staat muss führen! Nicht, wie das heute ist, den Firmen Steuererleichterungen geben, weil Regierungen Angst haben, die Firmen würden anderswo hingehen.
Ich empfehle jedem und jeder das Buch, es öffnet die Augen.

Es ist sehr einfach mit dem Finger auf andere zu zeigen aber selbst nichts zu tun. Nach der Logik des Autors müssten auch die Elektrizitätswerke auf den Bezug von Strom aus Kohle, Gas und Öl verzichten und weil die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann, den Energiebezug der Wirtschaftssubjekte (Unternehmen und Haushalte) beschränken. Ebenso müssten alle Automobilhersteller keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr anbieten und der Staat müsste diese Fahrzeuge aus dem Verkehr nehmen. Ich könnte diese Logik noch lange fortsetzen, aber dies ist sinnlos. Jeder soll bei sich selbst beginnen: weniger reisen, weniger fliegen, dort bleiben wo man ist, weniger Fleischkonsum, überhaupt weniger konsumieren. Das hätte Auswirkungen auf den Klimawandel. Nur mit dem Finger auf andere zeigen ist ungerecht und selbstgerecht.

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