Dem eigenen Leben auf der Spur

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Dem eigenen Leben auf der Spur

Von Stephan Wehowsky, 20.10.2016

John Le Carré beschreibt sein Leben aus der Sicht eines Spions mit den Mitteln des Literaten. Oder ist es umgekehrt: aus der Sicht eines Literaten mit den Mitteln des Spions?

Die literarische Welt hat gestaunt, als kurz nach Erscheinen der Biographie von John Le Carré aus der Feder von Adam Sisman seine eigenen biographischen Skizzen herauskamen. Denn es ist nicht so, dass John Le Carré über seinen Biographen etwa so erzürnt wäre wie Helmut Kohl über Heribert Schwan. Ganz im Gegenteil: Er hat die Biographie autorisiert. Aber John Le Carré kann manche Story weitaus besser erzählen. Zudem sieht er als ehemaliger Spion viel mehr Winkel und Ecken und Finten.

Sein und Schein

Das geht schon los mit der Geschichte, die dem Buch den Titel gegeben hat: „Der Taubentunnel“. Es handelt sich dabei um eine perfide Erfindung, die John Le Carré als Kind erlebt hat und die zur Belustigung gut betuchter Gentlemen in Monte Carlo gedient hatte. Ein Taubenschlag war über einen Tunnel mit dem Ausgang am Meeresufer verbunden. Wenn die Tauben also ins Freie wollten, mussten sie durch den verbindenden Tunnel fliegen. Dort aber warteten die Gentlemen mit ihren Flinten, um auf sie zu schiessen. Tauben, die das überlebten, flogen irgendwann in ihren Schlag zurück, um jedes Mal wieder den Schüssen dieser Gentlemen ausgesetzt zu sein.

Diese Geschichte gab dem Buch nicht nur den Titel, sondern sie bildet das grundlegende Muster. Im besten Falle sind Menschen bloss skurril, in den allermeisten Fällen aber bergen sie in sich Abgründe und tun Dinge, die eigentlich niemand tun sollte. Keiner ist so, wie er erscheint. Der Spion in John Le Carré muss ständig durch die Oberfläche hindurchblicken. Ein Spion aber ist kein Moralist. Seine Urteile folgen nicht dem simplen Schema von gut und böse.

Die vielen alten Nazis

Die Geschichten aus dem Leben von John Le Carré sind auch deswegen so aufschlussreich, weil hier in verdichteter Form deutlich wird, wie er tickt. An die Stelle moralischer Verurteilung setzt er die genaue Beschreibung. Und anstatt sich zu empören, nutzt er das Mittel des Humors und der Ironie. Diese Mittel wendet er auch auf sich selbst an.

So schildert er, wie er als junger Mensch im britischen Auslandsgeheimdienst gearbeitet hat und in seiner offiziellen Rolle als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Bonn die ersten Nachkriegsjahre erlebte. Und wem begegnete er da? Sehr, sehr vielen alten Nazis. Als Geheimdienstmann interessierte ihn natürlich ganz besonders der deutsche Geheimdienst, der unter tätiger Mithilfe der Amerikaner um den ehemaligen Nazi Reinhard Gehlen gebildet wurde. Besonders widerwärtig erschien ihm der Nachfolger Gehlens, Dr. August Hanning. Eines Tages besuchte er ihn in seiner Villa in Pullach. Sie wurde ursprünglich von Martin Bormann bewohnt, und die Räumlichkeiten waren noch durch und durch von ihm geprägt – einschliesslich der künstlerischen Accessoires. Bormann habe eben einen sehr guten Geschmack gehabt, meinte Dr. August Hanning.

Spiel mit dem Selbst

Um diese Figur hat John Le Carré seinen Roman „Eine kleine Stadt in Deutschland“ gebaut. Überhaupt beschreibt John Le Carré immer wieder, wie aus seinen Begegnungen Stoffe für seine Romane wurden und mit welcher Akribie er jeweils an Handlungsorten recherchierte. So reiste er noch mit 75 Jahren in den Kongo und war dort erheblichen Gefahren ausgesetzt.

John Le Carré sagt von sich selbst, dass er nicht stillsitzen kann. Wenn er schreibt – mit besonderer Vorliebe in seinem Cottage in Cornwall – muss er ständig aufstehen und herumlaufen. Irgendetwas treibt ihn an, ständig in Bewegung zu sein. In seinen Geschichten schildert er diverse Begegnungen: Harold Mcmillan, Jassir Arafat, Italiens Staatspräsident Francesco Maurizio Cossiga, Margaret Thatcher und Andrei Sacharow, um nur einige Namen zu nennen. In diesen Schilderungen tritt sein Sinn für das Skurrile ganz besonders hervor, und er scheint geradezu ein inniges Vergnügen daran zu haben, sich selbst auf die Schippe zu nehmen.

Wodka und Pferderennen

Sein erster grosser Erfolg von 1963, „Der Spion, der aus der Kälte kam“, spielte inmitten des Kalten Krieges zwischen Ost und West. Ende der 80er Jahre zeichnete sich der Zusammenbruch der Sowjetunion ab, wobei er nur trocken bemerkt: „Alle wussten davon, ausser der CIA.“ Es boten sich Gelegenheiten, noch in der Zeit von Gorbatschow nach Moskau zu reisen. Auch wenn er mehr oder weniger ein offizieller Gast war, so wurde er doch vom Geheimdienst schikaniert. Regelmässig wurden im Hotelzimmer seine Koffer und seine Kleidung durchwühlt. Und natürlich wurde er beschattet.

Die weiteren Entwicklungen hin zu einem Wild-West-Kapitalismus mit desaströsen Folgen schildert er aus nächster Nähe, wobei, auch das gehört zu seinem Sinn für skurrile Umstände, der Wodka eine grosse Rolle spielt: „Von Russland ohne Wodka zu schreiben, ist, wie wenn man ein Pferderennen ohne Pferde beschreiben wollte.“

Seine ironische Distanz bricht manchmal ganz abrupt in einem oder zwei Sätzen zusammen, wenn er besonders abgefeimte Scheusslichkeiten schildert. So besucht er ein ehemaliges militärisches Ausbildungscamp in Panama. Dort hat man Schimpansen, Papageien und andere Tiere auf grausamste Weise in Käfigen verenden lassen, damit die auszubildenden Kämpfer abstumpfen.

Altlasten

Und es gibt ein paar Knochen, an denen er länger nagt als an anderen. Dazu gehört ganz sicher der Fall Kurnaz. Er ist diesem Mann, der völlig sinnlos in Guantanamo gequält wurde, begegnet und vermerkt nicht ohne Unterton, dass es unter anderen der bereits erwähnte Dr. August Hanning war, der entgegen dem Rat seiner Mitarbeiter weiterhin auf der Gefährlichkeit dieses Mannes bestanden hat. Aber, so überlegt John Le Carré, in diesem ganzen Verhängnis gab es seitens der Geheimdienstler Entscheidungen, die auch er in einer ähnlichen Situation nicht anders getroffen hätte.

Auch Kim Philby lässt ihn nicht los. Obwohl er nach Moskau übergelaufen ist, gilt er nach wie vor als eine Art Genie mit unwiderstehlichem Charme. Auch seinen engsten Freund Nicholas Elliot hat er getäuscht, und John Le Carré lässt ihn ausführlich zu Worte kommen. Das ist ein Hader ohne Ende. Geradezu sarkastisch weist John Le Carré darauf hin, wie viele Spione, aber zum Teil auch ganz harmlose Menschen, aufgrund des Verrats Philbys inhaftiert, gefoltert und ermordet worden sind.

Der Hochstapler

Am meisten aber macht ihm sein Vater zu schaffen. Der hat als Hochstapler ganz besonderer Güte seinem Leben eine besondere Hypothek aufgehalst. In seinem Roman „Eine blendender Spion“ hat John Le Carré ihm ein literarisches Denkmal gesetzt, aber für seine neuen Beschreibungen war ein Perspektivenwechsel nötig. Denn in dieser ganzen vertrackten Beziehung voller unglaublicher Verhaltensweisen und Übergriffe seitens des Vaters möchte er aus der Rolle des Anklägers herauskommen. Aber das ändert nichts an den Geschichten, die auch dem Leser die Haare zu Berge stehen lassen.

Sein Vater war ein Gauner durch und durch, aber mit einem geradezu überirdischen Chame. Er hat ihn wohl ebenso geliebt wie seine Mutter, die die meiste Zeit hinter den Kulissen seines Lebens verschwunden war. Deswegen wurde David John Moore Cornwell von klein auf zum Spion und später zum Romancier John Le Carré.

Man muss nicht alles von John Le Carré gelesen haben. Aber dieses Buch darf nicht fehlen.

John Le Carré, Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben. Aus dem Englischen von Peter Torberg, Ullstein, Berlin 2016, 382 Seiten

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